Am Rande des NATO-Gipfels in Ankara haben Deutschland und die USA eine strategische Vereinbarung über den Erwerb amerikanischer Tomahawk-Marschflugkörper getroffen. Die Systeme sollen in Deutschland stationiert werden – parallel treibt Berlin die Entwicklung europäischer Alternativen voran.
Die Bundesregierung hat sich mit der US-Regierung auf den Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern verständigt. Die Vereinbarung kam am Rande des NATO-Gipfels zustande, der am 7. und 8. Juli 2026 in der türkischen Hauptstadt Ankara stattfand. Ziel der Beschaffung ist es, die konventionelle Schlagkräftigkeit der Bundeswehr zu erhöhen und die Fähigkeitslücke im Bereich „Ground Based Deep Precision Strike“ zu schließen. Die Systeme sollen in Deutschland stationiert werden und damit auch die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit in Europa insgesamt stärken.
Umfang der Beschaffung
Geplant ist der Erwerb von bis zu 400 Tomahawk-Marschflugkörpern der Version Block Vb im Wert von rund 1,15 Milliarden Euro. Die Flugkörper sollen sowohl von Land als auch von See eingesetzt werden. Für den bodengebundenen Einsatz sind drei Raketensysteme des Typs Typhon vorgesehen, für die etwa 220 Millionen Euro veranschlagt sind. Der Preis lässt darauf schließen, dass es sich um drei vollständige Typhon-Batterien handelt – jeweils bestehend aus vier Startrampen, einem Operationszentrum und Unterstützungsfahrzeugen.
Bei der Deutschen Marine sollen die Marschflugkörper voraussichtlich von den Fregatten der Klassen F123 und F124 verschossen werden. Diese Schiffe verfügen über senkrechte Startanlagen des Typs Mk 41 mit 16 beziehungsweise 32 Zellen, die für die Tomahawks genutzt werden könnten.

Technische Merkmale und offene Fragen
Der Tomahawk Block Vb erreicht eine Reichweite von mehr als 1.600 Kilometern und ist mit dem Gefechtskopfsystem JMEWS (Joint Multiple Effects Warhead System) ausgestattet. Dieses kombiniert eine Hohlladung mit einem nachfolgenden Penetrator und kann dadurch auch stark befestigte und gehärtete Ziele zerstören.
Die Wahl dieser Variante gilt als ungewöhnlich: Mit dem Marschflugkörper Taurus KEPD 350 und dessen geplantem Nachfolger Taurus Neo verfügt die Bundeswehr bereits über Systeme zur Bekämpfung verbunkerter Ziele, die mit dem darauf spezialisierten MEPHISTO-Gefechtskopf ausgerüstet sind. Zudem ist die Block-Vb-Version technisch komplexer und vermutlich teurer als die Standardvariante Block V, für die sich zuletzt Exportkunden wie Australien und Japan entschieden haben.
Hintergrund: Fähigkeitslücke bei weitreichenden Präzisionswaffen
Die Bundeswehr verfügt derzeit über keine Fähigkeit, Ziele in Entfernungen jenseits von 1.000 Kilometern präzise zu bekämpfen – im Fachjargon Deep Precision Strike genannt. Der Taurus deckt mit einer Reichweite von über 500 Kilometern nur das untere bis mittlere Segment dieser Kategorie ab. Nach Darstellung der Bundeswehr ermöglichen weitreichende Systeme, den Ausgangspunkt gegnerischer Angriffe – etwa Abschussrampen oder Militärflugplätze – auszuschalten, statt allein auf die begrenzten Kapazitäten der eigenen Flugabwehr zu setzen.
Die Lücke war zuletzt größer geworden: Eine 2024 unter der Biden-Administration vereinbarte Stationierung US-eigener Tomahawk-Systeme in Deutschland hatte Washington unter Präsident Trump wieder abgesagt. Verteidigungsminister Boris Pistorius hatte bereits im Juli 2025 eine offizielle Kaufanfrage für Tomahawks und Typhon-Startgeräte in Washington gestellt; eine Antwort stand lange aus.
Parallelvorhaben: Europäische Systeme
Neben der kurzfristigen Lösung über US-Systeme arbeitet Deutschland an der Entwicklung eigener europäischer Waffensysteme, die ebenfalls in Europa stationiert werden sollen. Damit sollen Abhängigkeiten reduziert, die europäische Verteidigungsindustrie gestärkt und die sicherheitspolitische Autonomie ausgebaut werden. Ein zentrales Vorhaben ist der European Long-Range Strike Approach (ELSA), in dessen Rahmen Deutschland gemeinsam mit Frankreich, Italien, Polen, Schweden und Großbritannien Marschflugkörper mit Reichweiten von 1.000 bis 2.000 Kilometern entwickelt. Als konkretester Kandidat gilt die Land Cruise Missile des europäischen Herstellers MBDA, mit einer Verfügbarkeit ist jedoch frühestens gegen Ende des Jahrzehnts zu rechnen.
Die Kombination beider Ansätze folgt einer klaren Linie, die auch den NATO-Gipfel in Ankara prägte: Europa soll eigenständiger werden, ohne die transatlantische Zusammenarbeit aufzugeben. Bundeskanzler Friedrich Merz formulierte das Ziel einer „europäischeren NATO“, die zugleich transatlantisch verankert bleibt.
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