Über 20 Millionen Euro, elf Nationen und 51 Unternehmen – das ist das Aufgebot hinter MARTE, dem Projekt für einen gemeinsamen europäischen Kampfpanzer der nächsten Generation. Unter deutscher Führung soll bis Anfang der 2030er Jahre ein souveränes Gesamtsystem entstehen, das aktuellen wie künftigen Bedrohungen gewachsen ist. Das Vorhaben steht jedoch unter doppeltem Druck: Aus demselben EU-Fördertopf wird zugleich ein konkurrierendes, französisch dominiertes Projekt finanziert, und über allem schwebt die ungeklärte Zukunft des deutsch-französischen Großvorhabens MGCS. Der folgende Beitrag ordnet ein, was hinter MARTE steckt, welche technischen Anforderungen der künftige Kampfpanzer erfüllen soll und wie belastbar das Projekt angesichts gleich mehrerer fehlender Schlüsselnationen tatsächlich ist.
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Das MARTE-Projekt
MARTE steht für „Main Armoured Tank of Europe“, den europäischen Kampfpanzer der nächsten Generation – im militärischen Fachjargon Main Battle Tank, kurz MBT. Zur Einordnung ist wichtig: Es handelt sich noch nicht um ein fertiges Fahrzeug, sondern um die Studien- und Designphase für ein solches System. Das Konsortium formuliert den Anspruch, Europas künftigen Kampfpanzer als Gesamtsystem zu entwickeln, das das Schlachtfeld der Zukunft dominiert und dabei innovative und disruptive Technologien integriert. Verstanden wird das Vorhaben als Eckpfeiler europäischer strategischer Autonomie – also der Fähigkeit, einen modernen Panzer ohne außereuropäische Technologie zu entwickeln und zu bauen. Methodisch sollen ausdrücklich die Erkenntnisse aus aktuellen Konflikten einfließen, allen voran aus dem Krieg in der Ukraine. Über die reine Technik hinaus will das Konsortium zudem neue Standards dafür setzen, wie multinationale Fähigkeitsentwicklung in Europa organisiert wird.
Koordiniert wird MARTE von der MARTE ARGE GbR, einem Gemeinschaftsunternehmen der beiden deutschen Rüstungsunternehmen KNDS Deutschland und Rheinmetall Landsysteme, unterstützt von der Beratungsgesellschaft Erdyn. Den Kern bildet ein Core Team aus fünf Partnern: die beiden deutschen Unternehmen sowie Leonardo aus Italien, Indra Sistemas aus Spanien und SAAB aus Schweden. Insgesamt sind 51 Unternehmen und Organisationen aus elf europäischen Ländern beteiligt – darunter bekannte Namen wie BAE Systems Bofors, Elettronica, FN Herstal, Hensoldt, Iveco, John Cockerill Defence, Patria, Renk und Sener.
Inhaltlich teilt sich die Arbeit in fünf technische Pakete, die Feuerkraft, Schutz, Situationsbewusstsein, Mobilität sowie Führung und Kommandostruktur abdecken. Die Rollen sind klar verteilt: SAAB verantwortete das Einsatzkonzept und die Anforderungsbasis, Indra eine umfassende Marktstudie zur Verfügbarkeit und Reife relevanter Technologien, während KNDS, Rheinmetall und Leonardo die Design- und Architekturphase führen.
Politisch getragen wird das Vorhaben von elf Staaten unter Leitung des deutschen Verteidigungsministeriums. Neben Deutschland beteiligen sich Belgien, Spanien, Estland, Finnland, Griechenland, Italien, die Niederlande, Norwegen, Rumänien und Schweden, jeweils über ihre Verteidigungsministerien. Diese gelten zugleich ausdrücklich als potenzielle künftige Kunden – ein Punkt, dessen Tragfähigkeit im Fazit noch zu hinterfragen sein wird, denn wer auf dieser Liste fehlt, ist mindestens so aufschlussreich wie wer darauf steht.
Die laufende Studien- und Designphase kostet rund 20,2 Millionen Euro und wird mit knapp 20 Millionen Euro nahezu vollständig vom Europäischen Verteidigungsfonds finanziert – dem European Defence Fund, kurz EDF, einem EU-Topf für gemeinsame Wehrforschung. Das Grant Agreement mit der Europäischen Kommission ist unterzeichnet. Gemessen am Anspruch, einen kompletten Kampfpanzer zu konzipieren, ist dies eine schmale Decke – ein Eindruck, der sich beim Blick auf das Konkurrenzprojekt noch verstärkt. Für den nächsten Schritt, die Entwicklung eines Demonstrators, sind rund 125 Millionen Euro veranschlagt.
Offiziell gestartet ist MARTE am 1. Dezember 2024. Das selbst als ehrgeizig bezeichnete Ziel lautet, innerhalb von nur 24 Monaten die Preliminary Design Review zu erreichen, also die formale Prüfung des grundlegenden Systementwurfs. Den Halbzeit-Meilenstein hat das Projekt bestanden: Einsatzkonzept, vollständiger Anforderungskatalog und Marktstudie wurden Ende 2025 an die EU-Kommission übergeben und auf einer Vollversammlung im spanischen San Sebastián bestätigt. Seit diesem Jahr laufen die Design- und Architekturarbeiten unter Führung von KNDS, Rheinmetall und Leonardo. Noch bis Ende dieses Jahres ist die Ausschreibung für den Demonstrator geplant; ausgewählt wird nur ein einziger Vorschlag, der auf Systemebene einen technischen Reifegrad von mindestens 6 erreichen soll. Diese als Technical Readiness Level bezeichnete Skala misst die Reife einer Technologie, wobei Stufe 6 einer Erprobung in einsatznaher Umgebung entspricht. Spätestens 2029 soll die Serienreifmachung beginnen, damit die ersten Fahrzeuge Anfang der 2030er Jahre zulaufen. In Deutschland läuft das Vorhaben unter dem Namen „Kampfpanzer neue Generation“; auf der Eurosatory 2026 in Paris zeigte die PSM, ein Gemeinschaftsunternehmen von KNDS und Rheinmetall, mit der Studie „MBT Vision 2032″ bereits ein erstes Konzept eines Panzers mit deutscher DNA, der europäisch gebaut werden und ab 2032 verfügbar sein soll.
Bemerkenswert ist das geplante Produktionsmodell. Die Komponenten – vom Triebwerk über Wanne und Turm bis zu Waffe, Elektronik und Optronik – sollen nicht an einem Standort, sondern auf mindestens zwei über Europa verteilten Fertigungslinien entstehen, und die Fahrzeuge sollen weitgehend gleiche Baugruppen erhalten. Dahinter steht ein doppeltes Ziel: Abhängigkeiten von einzelnen Produktionsnadelöhren abzubauen und die Instandsetzung zu erleichtern. Im Bedarfsfall könnte so ein Mechaniker ein Bauteil aus dem Panzer der einen Nation ausbauen und in den einer anderen verbauen. Nationale Unterschiede blieben auf unkritische Baugruppen wie Funktechnik oder Waffenstationen beschränkt. Damit zielt MARTE auf das klassische Dilemma multinationaler Rüstungsprojekte, bei denen nationale Industrieinteressen bislang oft nicht das beste, sondern das politisch ausgehandelte Produkt hervorbrachten. Ob dies gelingt, ist offen: Beobachter erwarten industrielle Widerstände, und bis 2032 wird in den beteiligten Staaten mehrfach gewählt, was die Zusammensetzung des Konsortiums verschieben könnte. Als entscheidender Erfolgsfaktor gilt die Stückzahl – erst eine Bestellung von mehreren hundert identischen Panzern würde zwei unabhängige Fertigungslinien wirtschaftlich rechtfertigen.
Erschwert wird die Lage durch ein zweites Vorhaben. Parallel finanziert der EDF das stärker auf die französische Industrie ausgerichtete Projekt FMBTech – koordiniert von Thales Six GTS France, mit 26 Teilnehmern wie Arquus, MBDA France, Nexter und Safran und einem Budget von rund 19,9 Millionen Euro über 36 Monate. Hintergrund ist ein offener deutsch-französischer Konflikt: Beim ursprünglichen EDF-Call zu Kampfpanzertechnologien, aus dem beide Projekte hervorgingen, mussten sich die französischen Unternehmen auf Anordnung der Beschaffungsbehörde DGA zurückziehen, weil die von Deutschland beanspruchte Führung nicht akzeptiert wurde. In der Folge entstand ein eigenes französisches Konsortium. Worin sich beide Projekte inhaltlich unterscheiden, ist selbst Fachleuten ein Rätsel, und ob eine Abstimmung mit dem MGCS besteht, darf bezweifelt werden – womit das Risiko ineffizienter Doppelentwicklungen steigt. Die Doppelfinanzierung dürfte zudem weniger der Effizienz als der komplexen europäischen Entscheidungsfindung geschuldet sein: Sie stellt sicher, dass Frankreich nicht an anderer Stelle blockiert. Ein Brüsseler Insider schätzt, dass dadurch faktisch rund die Hälfte der Mittel verloren geht.
Technische Spezifikationen
Konkrete, final festgelegte Hardware-Daten des MARTE-Panzers – etwa Kaliber, Schutzniveau, Motorleistung oder Gewicht – sind öffentlich nicht belegt, da sich das Projekt noch in der Studienphase befindet. Belastbar sind allein die Anforderungs-Eckwerte aus den EDF-Calls. Sie bilden das Lastenheft, beschreiben also, was der Panzer können muss, nicht wie das fertige Fahrzeug aussieht. Frühe Vorgaben aus dem Call von 2023 nannten ein Gewicht von bis zu 70 Tonnen, höchstens drei Besatzungsmitglieder und mindestens 80 Kilometer pro Stunde auf der Straße; diese Werte wurden inzwischen angepasst. Als Grundprinzip gilt ein ausgewogenes Verhältnis von Mobilität, Feuerkraft und Schutz, mit ausdrücklichem Schwerpunkt auf der Feuerkraft.
Das Gefechtsgewicht – also die Gesamtmasse des voll ausgerüsteten, einsatzbereiten Fahrzeugs einschließlich Besatzung, Munition und Kraftstoff – darf 60 Tonnen nicht überschreiten, bei 15 Prozent Reserve für spätere Zuwächse. Das Fahrzeug darf höchstens 2,5 Meter hoch, ohne Kanone 8 Meter lang und 3,8 Meter breit sein, bei mindestens einem halben Meter Bodenfreiheit. Gefordert sind mindestens 60 Kilometer pro Stunde auf der Straße und 40 im Gelände, eine durchschnittliche Reichweite von 600 Kilometern, im Gefecht von 350, sowie die Fähigkeit, aus dem Stand in unter 35 Sekunden 400 Meter zurückzulegen. Hinzu kommen anspruchsvolle Anforderungen an die Geländegängigkeit: das Durchqueren von Gewässern bis 1,2 Meter ohne Vorbereitung und bis über 5 Meter mit Schnorchel, dazu die Überwindung drei Meter breiter Gräben und gut einen Meter hoher Hindernisse.
Die Hauptwaffe soll über einen Autolader verfügen – eine automatische Ladevorrichtung, die den menschlichen Ladeschützen ersetzt –, wobei das Kaliber bewusst offen bleibt; der Munitionsvorrat soll für 20 Gefechte reichen. Die Bordkanone soll über eine verbesserte Durchschlagskraft verfügen, um selbst die bestgeschützten Bereiche modernster gegnerischer Panzer auf große Entfernung zu durchschlagen, und das mit hoher Ersttrefferwahrscheinlichkeit auch gegen bewegliche Ziele. Das Kanonenrohr soll darüber hinaus länger halten als heutige Systeme und Reserven für stärkere, programmierbare Munition bieten. Die Sekundärbewaffnung soll in der Lage sein, mittlere und leicht gepanzerte Ziele zu bekämpfen – es dürfte sich dabei also wahrscheinlich um eine Maschinenkanone handeln.
Beim Schutz deckt das Lastenheft praktisch das gesamte Bedrohungsspektrum ab: chemische Waffen, improvisierte Sprengsätze, Panzerfäuste, Hohlladungsmunition, Panzerabwehrlenkflugkörper der dritten Generation, die von oben angreifen, wo die Panzerung am dünnsten ist, kinetische Wuchtgeschosse ab 125 Millimeter sowie elektronische Kriegsführung, gerichtete Energiewaffen und Cyberangriffe. Und ganz im Zeichen des Krieges in der Ukraine: Loitering Munition und FPV-Drohnen. Vorgesehen sind dafür ein aktives Schutzsystem, im Englischen Active Protection System oder APS, das anfliegende Geschosse noch vor dem Einschlag abfängt, modular nachrüstbare passive und reaktive Panzerung, ein Schnellnebelsystem zum Verschleiern der eigenen Position sowie die Fähigkeit, begrenzte Drohnenschwärme abzuwehren und CBRN-Bedrohungen direkt an der Fahrzeugaußenseite zu erkennen.
Schließlich ist ein hoher Digitalisierungsgrad gefordert: die automatische Erkennung, Identifizierung und Verfolgung mehrerer Ziele zugleich samt Verteilung über das interne Fahrzeugnetz, die Anbindung externer Sensordaten mit weniger als 100 Millisekunden Verzögerung, die Interoperabilität mit unbemannten Systemen für Manned-Unmanned-Teaming sowie eine geringe elektromagnetische Signatur. Das Fahrzeug soll gängigen NATO-Normen wie dem STANAG 4754 für die elektronische Fahrzeugarchitektur entsprechen. Selbst Nachhaltigkeit steht im Lastenheft: Der Panzer soll den Verbrauch fossiler Brennstoffe senken und im Frieden Emissionsnormen einhalten, diese im Kriegsfall aber umgehen können – und den Transportanforderungen und Beschränkungen von Straßen, Eisenbahnen, Tunneln und Brücken entsprechen.
Fazit
Einzuordnen ist MARTE schließlich im Verhältnis zum deutsch-französischen Main Ground Combat System, kurz MGCS, das langfristig die Kampfpanzer Leopard 2 und Leclerc durch einen Verbund unterschiedlicher Kampffahrzeuge ersetzen soll. Um dieses Vorhaben steht es jedoch schlecht: Präsident Macron hatte seine Zukunft an Fortschritte beim Luftkampfsystem FCAS gekoppelt, das inzwischen gescheitert ist. Darüber hinaus hakt es bei MGCS wohl bei der Auswahl des Kalibers der künftigen Bordkanone. Die französische Seite will die 140-mm-ASCALON-Kanone von KNDS France, Deutschland die 130-mm-Kanone von Rheinmetall. Anders als beim Flugzeugbau droht Deutschland beim Panzerbau allerdings kein Anschlussverlust – hier steht die deutsche Industrie weiter an der Weltspitze. Scheitert MGCS, könnte Deutschland auf die laufende Produktionslinie des stetig modernisierten Leopard 2 samt vorhandener Industriekompetenz – von Rheinmetall bei der Waffe bis Hensoldt bei der Sensorik – zurückgreifen und über MARTE früh die Anforderungen jener Partner abstimmen, die den Leopard ohnehin nutzen. Das würde den Boden für einen Exporterfolg mit der Bundeswehr als Ankerkunden bereiten. Wird MGCS entgegen aller Erwartungen doch fortgeführt, dürfte MARTE den eigentlichen Kampfpanzer dafür beisteuern.
Trotz aller Vorteile und Stärken des Vorhabens sollen die Schwächen und Herausforderungen nicht unerwähnt bleiben. Auffällig ist vor allem, welche Staaten nicht beteiligt sind: Polen, Großbritannien und Frankreich. Polen, Betreiber einer der größten Panzerflotten Europas, modernisiert gerade mit US-amerikanischen Abrams und südkoreanischen K2; Frankreich verfolgt mit FMBTech ein eigenes Projekt. Auch unter den elf Teilnehmern ist der Bedarf höchst ungleich verteilt. Italien geht mit einem eigenen, von Leonardo und Rheinmetall entwickelten Modell voran. Rumänien will noch in diesem Jahr bis zu 216 Panzer beschaffen – im Wettbewerb stehen der Leopard 2 A8 und der K2 – und hat bereits 54 Abrams als Übergangslösung gekauft. Die Niederlande, Norwegen, Spanien und Schweden beschaffen ohnehin neue Leopard 2 A8 oder modernisieren ihre Bestandsflotte auf diesen Rüststand, mit Auslieferung bis Anfang der 2030er Jahre. Belgien und Estland besitzen derzeit gar keine Kampfpanzer – Estland hat sogar gerade die Beschaffung weiterer Schützenpanzer zugunsten von Drohnenabwehr gestoppt. Einen klaren Bedarf an einem neuen Modell haben am ehesten Deutschland, Finnland und Griechenland, die jeweils einige hundert Leopard 2 betreiben und modernisieren müssen.
Damit ergibt sich ein gemischtes Bild. Strategisch und industriepolitisch ist MARTE der richtige Schritt: Europa muss die Fähigkeit erhalten, einen Spitzenpanzer aus eigener Kraft zu bauen, und Deutschland hat dafür die besten Voraussetzungen. Klug ist auch das Konzept zweier verteilter Fertigungslinien, das Resilienz über reine Effizienz stellt – eine zentrale Lehre der vergangenen Krisenjahre, in denen sich gezeigt hat, dass eine krisenfeste Rüstungsbasis ebenso zählt wie niedrige Kosten. Dass der EDF zugleich zwei konkurrierende Konsortien aus demselben Topf finanziert, ist dagegen ein ernüchterndes Lehrstück europäischer Realpolitik, in dem der politische Kompromiss über die Effizienz siegt. Und die schiere Zahl der Beteiligten – 51 Unternehmen und elf Staaten – macht eine Einigung enorm schwierig; viele Köche verderben bekanntlich den Brei. Der entscheidende Test bleibt die Bestellmenge: Ordern die beteiligten Staaten tatsächlich mehrere hundert identische Panzer, kann MARTE zum Fundament eines echten europäischen Kampfpanzers und zum würdigen Leopard-2-Nachfolger werden. Bleibt es bei divergierenden Interessen, drohen am Ende zwei teure Studien ohne greifbares Ergebnis. Es bleibt zu hoffen, dass sich die beteiligten Nationen diesmal nicht selbst im Weg stehen – die sicherheitspolitische Lage jedenfalls duldet keinen Aufschub.
