Zwanzig Jahre – so lange wird es am Ende gedauert haben, von der ersten Forderung nach Mehrzweck-Kampfbooten für die deutsche Marineinfanterie bis zur Auslieferung der ersten Boote. Am 12. Oktober 2026 beauftragte das Beschaffungsamt der Bundeswehr den finnischen Hersteller Marine Alutech mit der Herstellung und Lieferung von 15 Booten des Typs Watercat M18 AMC im Gesamtwert von rund 175 Millionen Euro. Das Seebataillon schließt damit eine seit Jahren anerkannte Fähigkeitslücke und erhält zugleich ein zentrales Werkzeug für seine Neuausrichtung auf den sogenannten maritimen Jagdkampf. Weshalb dieses vergleichsweise kleine Vorhaben dennoch zwei Jahrzehnte in Anspruch genommen hat, wird im Fazit erörtert. Der vorliegende Beitrag beleuchtet das Beschaffungsvorhaben sowie die technischen Daten der neuen Kampfboote.
Das Projekt „Mehrzweck-Kampfboote“
Die Ursprünge des Vorhabens reichen bis in das Jahr 2009 zurück. Damals begründeten die Marineschutzkräfte, eine Vorgängerorganisation des heutigen Seebataillons, erstmals den Bedarf an amphibischen Booten. Seinerzeit ging es allerdings vor allem um eine defensive Aufgabe, nämlich den Schutz von Häfen von See aus. Das Seebataillon ist die Marineinfanterie der Bundeswehr. Das BAAINBw beschreibt es als land- und seebewegliche Infanterie, die in Küstengewässern und im küstennahen Raum an Land operiert. Für diese Truppe ist die eigene taktische Mobilität auf dem Wasser von zentraler Bedeutung, und genau hier klafft bislang eine Lücke: Die Ausschreibung nennt als Ziel der Beschaffung ausdrücklich die Schließung einer anerkannten Fähigkeitslücke. Benötigt werden die Boote laut Beschaffungsamt für fünf Einsatzarten: amphibische Operationen, militärische Evakuierungen, Eskorten, Patrouillen und den Hafenschutz, im Fachjargon Harbour Protection. Das Verteidigungsministerium bringt den Zweck auf die Formel, die Boote befähigten das Seebataillon zur taktischen Beweglichkeit auf dem Wasser im küstennahen Raum. Eine integrierte Bugrampe soll dabei schnelles Anlanden und das direkte Be- und Entladen an flachen Ufern ermöglichen. Auf dieses Merkmal wird im Abschnitt zur Technik noch näher eingegangen. Entsprechend sperrig lautet auch der offizielle Projektname: „Taktische Beweglichkeit Maritime Einsatzkräfte auf dem Wasser, Teil Seebataillon“.
Hinter der Beschaffung steht jedoch weit mehr, nämlich die grundlegende Neuausrichtung der deutschen Marineinfanterie. Das Strategiepapier „Kurs Marine 2025“ beschreibt den Wechsel von einem reaktiv orientierten Ansatz mit Schutz- und Sicherungsaufgaben im Inland hin zu offensiven Einsatzverfahren im Ostseeraum: dem maritimen Jagdkampf. Jagdkampf bezeichnet die Kampfweise kleiner, hochbeweglicher Trupps, die verdeckt operieren, Hinterhalte legen und beispielsweise gegnerische Nachschub- und Verbindungslinien stören. Begründet wird der Kurswechsel mit der geographischen Nähe zu Russland und der Gefahr durch gegnerische Spezialkräfte und amphibische Kräfte. Ein Marinesprecher erläuterte gegenüber hartpunkt, die Manöverelemente würden kleiner, flexibler und hochmobil; die Mobilität auf dem Wasser stehe für die maritime Prägung des Jagdkampfes. Daraus schließt hartpunkt, dass Jagdkommandos mit den Booten künftig in küstennahe Räume einsickern könnten, um dort Nachschubwege zu stören oder hochwertige Ziele anzugreifen. Die Marineinfanterie benötige deshalb, so der „Kurs Marine“, schnellstmöglich taktische Seeverbringungsmittel, insbesondere Kampfboote, für Operationen von See an Küsten, auf Inseln und in Häfen. Darüber hinaus sollen diese Boote bewaffnet sein, und die Truppe soll in die digitalen Gefechtsnetze der Marine sowie in den Verbund mit unbemannten Systemen eingebunden werden. Im Zielbestand der Marine ab 2035 stehen deshalb mehr als 40 Mehrzweck-Kampfboote mit der Hauptaufgabe Marineinfanterie-Einsatz und maritimer Jagdkampf. Ein Teil davon soll langfristig sogar unbemannt eingesetzt werden. Auf diese Stückzahl geht das Fazit noch näher ein.
Der Weg zum Vertrag erwies sich allerdings als langwierig. Nach der ersten Forderung von 2009 begann erst im Juli 2017 die Analysephase, und es dauerte bis Januar 2021, ehe das bedarfsbegründende Dokument gebilligt wurde, also jenes Papier, mit dem die Bundeswehr einen Bedarf offiziell feststellt. Im September 2022 wurde anschließend die Möglichkeit geschaffen, das Projekt aus dem Sondervermögen Bundeswehr zu finanzieren. Der damalige Plan sah laut marineforum zehn Boote für 40 Millionen Euro vor, mit einem Zulauf von 2025 bis Ende 2027; das Parlament sollte sich 2023 mit dem Vorhaben befassen. Dieser Plan ist längst Makulatur.
Konkret wurde das Vorhaben am 16. Juni 2023: Das BAAINBw veröffentlichte auf der EU-Vergabeplattform TED einen Teilnahmewettbewerb für eine Rahmenvereinbarung über bis zu 15 Mehrzweck-Kampfboote. Aufgrund der Dringlichkeit wurden ausdrücklich Off-the-shelf-Boote gefordert, also marktverfügbare Muster, die bereits bei einer anderen Marine eingeführt sind, idealerweise bei einem NATO-Staat. Die Fachpresse erwartete von Beginn an einen Zweikampf zwischen der Watercat M18 AMC des finnischen Herstellers Marine Alutech und dem Combat Boat 90 des schwedischen Rüstungskonzerns Saab.
Doch auch danach geriet der Zeitplan ins Rutschen. Nach den Planungen des Verteidigungsministeriums vom Januar 2024 sollten im Februar 2024 unverbindliche erste Angebote angefordert werden. Die sogenannte 25-Millionen-Euro-Vorlage war für das zweite Quartal 2024 vorgesehen, der Vertragsschluss noch für dasselbe Jahr. Beschaffungen ab dieser Größenordnung müssen dem Haushaltsausschuss des Bundestages einzeln vorgelegt werden. Geplant waren damals vier fest beauftragte Boote sowie elf weitere als Option. Mitte März 2024 berichtete hartpunkt jedoch, die Industrie habe noch immer keine Aufforderung zur Angebotsabgabe erhalten; veröffentlicht wurde diese schließlich am 27. März 2024. Das Vertragsziel 2024 wurde klar verfehlt. Anfang Februar 2025 hieß es, die Verhandlungen sollten Mitte Februar beginnen und ein Vertrag sei im Sommer oder Herbst 2025 möglich. Auch dieser Zeitplan ließ sich jedoch nicht halten.
Die Entscheidung fiel schließlich im Herbst 2026. Anfang September wurde bekannt, dass der Zuschlag für bis zu 15 Boote an Marine Alutech gehen sollte; das Combat Boat 90 von Saab war damit ausgeschieden. Am 23. September 2026 billigten der Verteidigungsausschuss und der Haushaltsausschuss des Bundestages die Beschaffung: eine Rahmenvereinbarung über 15 Mehrzweck-Kampfboote des Typs Watercat M18 AMC, davon zehn fest beauftragt und fünf über eine sofortige Option, im Gesamtwert von rund 175 Millionen Euro. Am 12. Oktober 2026 erteilte das BAAINBw schließlich den Auftrag zur Herstellung und Lieferung der 15 Boote samt Ausbildung, Dokumentation und Zubehör. Die Auslieferung soll zwischen 2029 und 2031 erfolgen. Finanziert wird das Vorhaben nicht wie ursprünglich geplant aus dem Sondervermögen, sondern aus dem Einzelplan 14, dem regulären Verteidigungshaushalt.
Technische Daten – Watercat M18 AMC
Das Kürzel AMC steht für „Armoured Modular Craft“, also ein gepanzertes, modular aufgebautes Boot. Die Watercat M18 AMC stammt vom finnischen Hersteller Marine Alutech aus Teijo und ist keineswegs ein Neuling: Die finnische Marine betreibt seit 2014 zwölf Boote dieses Typs, die dort als Jehu-Klasse bezeichnet werden und bei der Nyland-Brigade mit ihrem Küstenjägerbataillon Vaasa im Einsatz sind. Litauen bestellte im April 2025 zwei Boote für 22 Millionen Euro. Aus der M18 ist überdies das CFMAC abgeleitet, das Common Future Multipurpose Attack Craft, ein gemeinsames Kampfboot-Programm Finnlands, Litauens und Lettlands.
Das Boot ist 19,90 Meter lang, 4,30 Meter breit und verdrängt voll beladen 32 Tonnen, bei einem Tiefgang von lediglich 1,10 Metern. Der Rumpf besteht aus Aluminium und bietet ballistischen Schutz; die genaue Schutzklasse ist nicht bekannt. Charakteristisch ist die integrierte Bugrampe: Über sie kann das Boot an flachen Ufern anlanden und direkt be- und entladen werden. Es handelt sich exakt um jenes Merkmal, welches das BAAINBw in seiner Zweckbeschreibung ausdrücklich hervorhebt.
Den Antrieb übernehmen zwei Scania-Dieselmotoren mit jeweils 897 PS, zusammen also knapp 1.800 PS. Die Kraft wird nicht über klassische Propeller auf das Wasser übertragen, sondern über Waterjets von Rolls-Royce. Bei diesen Wasserstrahlantrieben saugt eine Pumpe Wasser an und stößt es mit hohem Druck wieder aus. Diese Bauart kommt ohne freiliegende Schraube aus und eignet sich dadurch besonders für flache Gewässer. Die Fahrleistungen sind beachtlich: Die M18 erreicht über 35 Knoten, also rund 65 Kilometer pro Stunde, bei einer Reichweite von rund 200 Seemeilen beziehungsweise 370 Kilometern. Hinzu kommt eine bemerkenswerte Manövrierfähigkeit: Das Boot dreht nahezu auf der Stelle um 90 Grad und kann über Umkehrschub sehr schnell abbremsen; der Wasserstrahl wird dabei nach vorne umgelenkt. Ausgelegt ist die M18 für Schären, also die felsigen Inselgürtel der Küsten Finnlands und Skandinaviens, ebenso wie für Flachwasser, Küstengewässer und die offene See.
Die Besatzung des Kampfboots besteht aus sechs Soldaten; hinzu kommen bis zu 26 voll ausgerüstete Marineinfanteristen. Insgesamt können somit 32 Soldaten an Bord gehen. Das vorgesehene Einsatzspektrum ist entsprechend breit und reicht vom Truppen- und Verwundetentransport über Evakuierungen, Landungsoperationen, Patrouillen und Eskorten bis hin zur Gefechtsunterstützung, zu Führungsaufgaben und zum Minenlegen. Die Bezeichnung Mehrzweck-Kampfboot ist also durchaus wörtlich zu nehmen.
Zuletzt die Bewaffnung: Die finnischen Boote sind mit der fernbedienbaren Waffenstation Saab Trackfire ausgestattet, die aus dem Inneren des Bootes bedient wird. Sie ist wahlweise mit einem 12,7-Millimeter-Maschinengewehr vom Typ NSV oder einer 40-Millimeter-Granatmaschinenwaffe bestückt und wird um ein PKM-Maschinengewehr ergänzt. Ein Videotracker verfolgt aufgeschaltete Ziele automatisch; bedienen lässt sich die Anlage von zwei Plätzen aus. Litauen geht im Rahmen des CFMAC-Programms noch einen Schritt weiter: Dort sind neben schweren Maschinengewehren auch Lenkflugkörper vom Typ SPIKE NLOS vorgesehen. NLOS steht für Non-Line-Of-Sight. Der Flugkörper kann also Ziele außerhalb der eigenen Sichtlinie bekämpfen, und zwar auf bis zu 32 Kilometer Entfernung. Die deutschen Boote sind bewaffnungsfähig; die konkrete Ausführung ist bislang jedoch nicht bekannt.
Fazit
Die abschließende Bilanz beantwortet zugleich die eingangs aufgeworfene Frage. Von der ersten Bedarfsbekundung im Jahr 2009 bis zur voraussichtlichen Auslieferung der ersten Boote im Jahr 2029 werden ganze zwanzig Jahre vergangen sein. Für ein vergleichsweise einfaches Vorhaben ist das schlicht viel zu lang. Hauptgrund waren über viele Jahre die fehlenden Haushaltsmittel. Spätestens seit September 2022, als die Finanzierung über das Sondervermögen ermöglicht wurde, konnte das Vorhaben daran im Grunde jedoch nicht mehr scheitern. Dennoch vergingen allein von der Ausschreibung im Juni 2023 bis zum Vertrag im Oktober 2026 noch einmal mehr als drei Jahre: Die Angebotsaufforderung kam verspätet, das Vertragsziel 2024 wurde verfehlt, und auch der für Sommer oder Herbst 2025 angepeilte Abschluss scheiterte. Die Gründe für diese Verzögerungen sind öffentlich nicht bekannt. Für ein ausdrücklich als dringlich eingestuftes Vorhaben ist das alles andere als ideal.
Die Wahl selbst überzeugt dagegen. Mit der Watercat M18 AMC erhält das Seebataillon ein bewährtes Boot, das seit über einem Jahrzehnt bei der finnischen Marine im Dienst steht und auch von Litauen beschafft wird. Der Einsatzraum beider NATO-Partner ist exakt jener Ostseeraum, auf den auch die deutsche Marineinfanterie ausgerichtet wird. Gerade daraus folgt aber auch eine klare Erwartung: Die Bundeswehr sollte der Versuchung widerstehen, das Boot mit teuren und zeitaufwendigen Änderungswünschen zu überziehen. Was für die Streitkräfte Finnlands und Litauens gut genug ist, sollte auch für die Bundeswehr gut genug sein.
Hinzu kommt die Frage der Stückzahl. Den 15 bestellten Booten steht ein Bedarf von mehr als 40 Einheiten gegenüber. Der Bedarf der Marine ist mit dieser Beschaffung also nicht einmal ansatzweise gedeckt. Aus meiner Sicht führt deshalb kein Weg daran vorbei, so schnell wie möglich nachzubestellen und die Flotte auf den Zielbestand aufwachsen zu lassen, zumal ein Teil der Boote langfristig sogar unbemannt fahren soll.
Unter dem Strich ist die Bestellung eine gute Nachricht: Das Seebataillon erhält endlich das Gerät, das es für seinen neuen Auftrag im Ostseeraum benötigt, und eine fast zwei Jahrzehnte alte Fähigkeitslücke wird geschlossen. Es bleibt zu hoffen, dass der Zulauf ohne weitere Verzögerungen gelingt und dass auf die ersten 15 Boote möglichst zügig weitere folgen.
