Die Niederlande wollen ihre Verteidigungsausgaben bis 2035 auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts anheben. Gespräche des Verteidigungsministeriums mit der heimischen Versicherungswirtschaft über eine Beteiligung an der Finanzierung stocken jedoch seit Monaten, weil beide Seiten die Verantwortung für die Prüfung von Rüstungsunternehmen unterschiedlich verorten.
Gespräche seit 2024 ohne Ergebnis
Das niederländische Verteidigungsministerium hatte 2024 Kontakt zu den großen inländischen Versicherern aufgenommen, um einen Rahmen für mögliche Investitionen in die Rüstungsindustrie auszuloten. Nach Angaben des Branchenverbands Verbond van Verzekeraars fand die letzte inhaltliche Runde im September statt; weitere Termine sind nicht angesetzt.
Strittig ist die Frage der Sorgfaltsprüfung. Der Verband verweist darauf, dass der Rüstungssektor für Investoren nur eingeschränkt transparent sei und dem eigenen Haus die Expertise fehle, Unternehmen eigenständig zu bewerten. Der Staat verfüge über die notwendigen Informationen und den Kontext. Das Verteidigungsministerium hält dagegen, die Prüfung von Investitionen bleibe Sache der Investoren. Es räumt allerdings ein, dass Angaben zu Zulieferern wegen Geheimhaltungsauflagen schwer zugänglich sind, und hat eine Website mit öffentlich verfügbaren Lieferanteninformationen eingerichtet. Aus Sicht der Versicherer deckt dieses Angebot den Bedarf nicht.

Hintergrund der Zurückhaltung sind unternehmenseigene ESG-Regeln. Um investieren zu können, benötigen die Gesellschaften Angaben zu Produktportfolios und Abnehmerländern, da Beteiligungen an Herstellern bestimmter Waffenkategorien oder an Lieferanten für Hochrisikostaaten ausgeschlossen sind. ASR Nederland etwa erlaubt sich nach eigenen Vorgaben nur Investitionen in Unternehmen mit Sitz in den Niederlanden, die keine als Hochrisiko eingestuften Staaten beliefern.
Erste Engagements, aber begrenztes Volumen
Die niederländischen Versicherer verwalteten Ende März nach Daten der Zentralbank De Nederlandsche Bank rund 455 Milliarden Euro, einschließlich konzerneigener Pensionsfonds. Erste Engagements gibt es bereits: ASR Nederland tätigte im vergangenen Jahr eine erste, nicht näher bezeichnete Rüstungsinvestition und erklärt sich bereit, bis zu 100 Millionen Euro je Transaktion einzusetzen. Achmea erhöhte sein Engagement 2025 von 20 auf 150 Millionen Euro und rechnet mit weiterem Wachstum. NN Group hat seine Anlagepolitik angepasst und bezieht militärnahe IT, Infrastruktur, Ausrüstung und Luftfahrt ein. Ein Verbandsvertreter fasst die Entwicklung so zusammen, dass Verteidigung als Anlagethema nicht mehr negativ besetzt sei, größere Schritte aber zusätzliche staatliche Informationen voraussetzten.
Präferenz für Anleihen
Ein zweites Hindernis liegt in der Struktur der Portfolios. Versicherer halten überwiegend festverzinsliche Papiere, nicht Direktbeteiligungen. NN Group, ASR Nederland und Achmea kamen Ende Juni zusammen auf knapp 146 Milliarden Euro in Anleihen und ähnlichen Instrumenten, der größte Teil davon Staatsanleihen. Der Verband hält daher ein staatlich begebenes Verteidigungspapier für den passenderen Zugang, auch weil damit die Prüfpflicht auf den Emittenten überginge.
Als Vorbild dient Frankreich. Die staatliche Förderbank Bpifrance legte im Oktober 2025 einen auf Privatanleger zugeschnittenen Fonds mit einer Zielgröße von 450 Millionen Euro auf und emittierte im November 2025 eine erste European Defence Bond über eine Milliarde Euro mit Laufzeit bis 2030. Die Nachfrage überstieg das Volumen deutlich, das Orderbuch lag bei über 3,8 Milliarden Euro. Zwei Drittel der Zuteilungen gingen an Investoren außerhalb Frankreichs.
Kleiner Markt, wenige Investitionsziele
Selbst bei einer Einigung bleibt das Angebot begrenzt. Die niederländische Rüstungsindustrie ist auf Marineschiffbau, Radar, leichte Landfahrzeuge, unbemannte Systeme, Führungssysteme sowie Komponenten und Satellitentechnik spezialisiert. Zu den größeren Herstellern zählen Damen Naval, Thales Nederland, GKN Fokker, Airbus Netherlands und die VDL Group. Der Umsatz der Branche lag 2025 nach Ministeriumsangaben bei 10,2 Milliarden Euro und damit deutlich unter dem Niveau Frankreichs, Deutschlands, Italiens oder Großbritanniens. Der Chef des Industrieverbands NIDV, Hans Huigen, verweist darauf, dass institutionelle Anleger die einzelnen Losgrößen häufig als zu klein einstuften. Ein Kreditfonds von 300 bis 500 Millionen Euro könnte aus seiner Sicht eine Finanzierungslücke bei Scale-ups schließen, wobei offen sei, ob genügend geeignete Unternehmen existierten.
Der Bedarf ist erheblich. PwC Nederland veranschlagte 2025 Beschaffungsausgaben von rund 62 Milliarden Euro bis 2030, davon etwa 41 Milliarden Euro für niederländische Hersteller als Auftragnehmer oder Zulieferer. Die rund 400 heimischen Komponenten- und Subsystemhersteller müssten ihre Produktion dafür bis 2030 um das Drei- bis Vierfache steigern.
Einordnung
Die Zielmarke von 3,5 Prozent geht auf den NATO-Gipfel im Juni 2025 in Den Haag zurück, bei dem sich die Mitgliedstaaten auf insgesamt fünf Prozent des BIP bis 2035 verständigten, davon 1,5 Prozent für sicherheitsrelevante Infrastruktur. Die Niederlande wandten 2025 rund 2,2 Prozent auf. Das Verteidigungsministerium beziffert den zusätzlichen jährlichen Bedarf auf 16 bis 19 Milliarden Euro; die Zentralbank nennt für 2035 einen Zuwachs von 19 Milliarden Euro. Etwa die Hälfte künftiger Beschaffungen soll im Inland oder bei europäischen Anbietern vergeben werden.
