Die US-Marine hat erstmals Details zu einem bislang weitgehend geheim gehaltenen Waffenprogramm veröffentlicht. Der von Raytheon entwickelte AIM-424 LRAAM soll Reichweiten von mehr als 460 Kilometern erreichen und befindet sich bereits in der Flugerprobung.
Enthüllung auf dem Tailhook-Symposium
Das US Navy Department hat am 22. August 2026 ein Datenblatt zum Air Intercept Missile AIM-424 Long Range Air-to-Air Missile (LRAAM) veröffentlicht. Bekannt gegeben wurde die Waffe, die den Beinamen „Malice“ trägt, auf dem Tailhook-Symposium im US-Bundesstaat Nevada. Der Flugkörper wird von Raytheon für die US Navy entwickelt und befand sich zum Zeitpunkt der Offenlegung bereits in der Flugerprobung.
Nach Darstellung der Marine soll das System die Flottenverteidigung stärken und die Überlegenheit im Luftraum gegenüber modernen Bedrohungen sichern. Reichweite, Wirkung und Einsatzflexibilität für Verbände der Navy und des Marine Corps sollen dadurch erhöht werden. Die Waffe sei für Plattformen der vierten, fünften und sechsten Generation ausgelegt.

Technische Eckdaten
Das Datenblatt nennt vergleichsweise ausführliche Angaben für ein Programm, über das zuvor kaum Informationen öffentlich waren. Der Flugkörper misst 4,11 Meter in der Länge bei einem Durchmesser von 34 Zentimetern und einer Spannweite von 67 Zentimetern. Das Startgewicht liegt bei rund 680 Kilogramm. Angetrieben wird die Waffe von einem Feststoffraketenmotor, als Gefechtskopf ist ein Splittergefechtskopf angegeben. Die offiziell genannte Reichweite beträgt „mehr als 250 nautische Meilen“, also über 463 Kilometer.Berichte vom Tailhook-Symposium beschreiben den AIM-424 als zweistufigen Flugkörper, während die offiziellen Angaben der Marine lediglich einen Feststoffantrieb ausweisen.
Eine zweistufige Auslegung gilt als Ansatz, um bei sehr großen Einsatzentfernungen mehr Restenergie für das Endanflugmanöver zu erhalten.
Vorgesehene Trägerplattformen
Als Trägerflugzeuge sind die F/A-18E/F Super Hornet, die F-35C Lightning II sowie das künftige Trägerkampfflugzeug F/A-XX vorgesehen. Von der Navy veröffentlichte Aufnahmen zeigen vier Erprobungsflugkörper an einer F/A-18E der Test- und Erprobungsstaffel VX-23 sowie einen AIM-424 im internen Waffenschacht einer F-35C neben einer AIM-120 AMRAAM.
Die interne Mitführung markiert einen wesentlichen Unterschied zu einem bereits eingeführten System. Die AIM-174B „Gunslinger“, eine luftgestützte Ableitung der Standard Missile 6, kann bislang nur von der Super Hornet und ausschließlich an Außenlastträgern eingesetzt werden. Sie wiegt rund 860 Kilogramm bei einer Länge von 4,7 Metern und wurde im Juli 2024 erstmals öffentlich sichtbar.
Einordnung
Der AIM-424 ist Teil einer Reihe amerikanischer Entwicklungsvorhaben für Luft-Luft-Flugkörper großer Reichweite. Das Programm AIM-260 JATM läuft seit 2017 und war eine Reaktion auf chinesische Systeme, insbesondere die PL-15. Australien ist der erste ausländische Beschaffer, Lieferungen werden für 2033 erwartet. Die chinesische PL-17 steht nach offenen Quellen seit Oktober 2022 im Dienst der Luftstreitkräfte der Volksbefreiungsarmee.Fachleute ordnen diese Programme in das Bemühen ein, den amerikanischen Vorteil beim ersten Schuss in Gefechten außerhalb der Sichtweite zurückzugewinnen, der durch chinesische Entwicklungen infrage gestellt worden ist.
Raytheon-Präsident Phil Jasper äußerte sich dahingehend, dass die Reichweite des AIM-424 die bekannter Bedrohungssysteme übertreffe.
Operativ zielt das System nach Einschätzung von Experten nicht allein auf gegnerische Jagdflugzeuge. Relevante Ziele sind auch Aufklärungs- und Führungsflugzeuge, Tankflugzeuge sowie Bomber, die weitreichende Seezielflugkörper tragen. Ein Abfangen solcher Träger vor Erreichen ihrer Abschusspositionen würde den Verteidigungsradius einer Trägerkampfgruppe vergrößern.
