Die estnische Regierung will im Rahmen der Haushaltsverhandlungen im September grundsätzlich festlegen, in welchem Umfang und bei welchem Hersteller sie bodengebundene Luftverteidigung großer Reichweite beschafft. Offen ist weiterhin, ob das Vorhaben unter oder über einer Milliarde Euro liegen wird.
Marktanalyse abgeschlossen, Kabinettsvorlage in Arbeit
Verteidigungsminister Hanno Pevkur erklärte gegenüber dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk ERR, das staatliche Zentrum für Verteidigungsinvestitionen (RKIK) habe eine umfangreiche Marktuntersuchung fertiggestellt. Derzeit würden mit den Anbietern letzte Detailfragen geklärt, parallel entstehe eine Kabinettsvorlage. Ziel sei eine grundsätzliche Entscheidung binnen ein bis zwei Monaten, anschließend könne das RKIK in Vertragsverhandlungen eintreten.
Nach Angaben des Ministers liegen Angebote von vier bis fünf Unternehmen vor. Im Gespräch sind unter anderem das US-System Patriot, das israelische David’s Sling sowie das französisch-italienische SAMP/T. Die Vorschläge seien nicht unmittelbar miteinander vergleichbar: Einige Anbieter offerierten Systeme, die sich noch in der Entwicklung befinden und kurz vor der Serienreife stehen. Auch die Lieferzeiten unterscheiden sich erheblich. Während einzelne Hersteller eine Auslieferung binnen zwei bis drei Jahren in Aussicht stellen, nennen andere acht bis neun Jahre. Aus der Marktanalyse soll nun eine eigene Bewertung abgeleitet werden, die als Grundlage für konkrete Preis- und Vertragsverhandlungen dient.

Schutz strategischer Ziele
Die weitreichenden Systeme sollen die Mittelstreckenkomponente ergänzen, über die Estland seit diesem Jahr verfügt. Vorgesehen ist der Schutz strategischer Objekte wie Flughäfen, Häfen und Führungseinrichtungen der Streitkräfte, deren Ausfall die Verteidigungsfähigkeit des Landes und seiner Verbündeten erheblich beeinträchtigen würde. Anders als IRIS-T SLM sollen die neuen Systeme auch ballistische Flugkörper bekämpfen können.
Die erste Feuereinheit IRIS-T SLM übergab Diehl Defence am 22. Juni 2026 auf dem Luftwaffenstützpunkt Ämari. Estland hatte das System im September 2023 zeitgleich mit Lettland bestellt, der Beschaffungsumfang lag bei rund 360 Millionen Euro; das Vorhaben ist in die 2022 von Deutschland initiierte European Sky Shield Initiative eingebunden. Zwei weitere Starteinheiten werden 2027 erwartet.
Haushaltsrahmen und Prioritätenverschiebung
Estlands Verteidigungsausgaben steigen 2026 auf 5,4 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit von 1,7 auf 2,4 Milliarden Euro. Auf Beschaffungen entfallen dabei 1,27 Milliarden Euro einschließlich Mehrwertsteuer, also mehr als die Hälfte des Verteidigungshaushalts. Für die Jahre 2027 bis 2029 ist ein Niveau von mindestens fünf Prozent des BIP vorgesehen.
Innerhalb dieses Rahmens hat Tallinn bereits umgeschichtet. Im April 2026 setzte die Regierung ein Beschaffungsprogramm für neue Schützenpanzer im Volumen von rund 500 Millionen Euro aus und lenkte die Mittel in Drohnenabwehr, Luftverteidigung und Lageaufklärung um; die vorhandenen CV90 sollen mindestens zehn Jahre länger genutzt werden.
Lieferketten unter Druck
Pevkur verwies darauf, dass die Angebotslage der Hersteller auch durch den Krieg zwischen den USA und Iran beeinflusst werde. Besonders schwierig sei die Lage bei amerikanischen Produkten, da diese zugleich in der Ukraine im Einsatz stünden und vor allem die Munitionsversorgung problematisch sei. Zu klären sei nun, ob die unterbreiteten Angebote tatsächlich umsetzbar seien.
Diese Einschätzung deckt sich mit der Entwicklung auf dem internationalen Markt. Nach einer Analyse des Center for Strategic and International Studies verbrauchten die USA im Konflikt mit Iran etwa zwei Drittel ihres Vorkriegsbestands an Patriot-Lenkflugkörpern. Das US-Verteidigungsministerium schloss daraufhin mit Lockheed Martin einen Rahmenvertrag über bis zu 58,6 Milliarden Dollar, der die Jahresproduktion von rund 600 auf 2.000 Abfangflugkörper anheben soll. Lieferungen an die Ukraine wurden bereits verschoben, Auslieferungen an die Schweiz auf 2032 verlegt, um Kräfte am Golf zu priorisieren. Für europäische Kunden bedeutet dies längere Wartezeiten und eine schlechtere Verhandlungsposition gegenüber US-Anbietern.
