Es gibt einige Neuigkeiten zur Zukunft des Deutschen Heeres. Dieses hat jüngst den sogenannten Campaign Plan Heer 2035+ vorgestellt, in dem es beschreibt, wie bis 2029 die Einsatzbereitschaft erhöht und bis 2035 schlagkräftige Landstreitkräfte aufgebaut werden sollen. Darüber hinaus wurde die sogenannte Zielvorstellung Heer 2035 öffentlich, die darlegt, welche Struktur die Heeresführung für militärisch notwendig hält. Der folgende Beitrag wirft einen detaillierten Blick auf den Campaign Plan Heer 2035+ sowie auf die Zielvorstellung Heer 2035.
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Kriegsbild
Das Kriegsbild, von dem das Deutsche Heer ausgeht, ist geprägt von einem Gefechtsfeld, das nahezu vollständig transparent geworden ist. Sensoren und Aufklärungsmittel erfassen Bewegungen lückenlos, Informationen werden in Echtzeit verarbeitet, und der Waffeneinsatz folgt der Aufklärung unmittelbar. Die Zeit zwischen Erkennen und Bekämpfen ist auf ein Minimum geschrumpft. Gleichzeitig gewinnt Masse wieder an Bedeutung – nicht durch schwere Einzelplattformen, sondern durch eine Vielzahl kostengünstiger, vernetzter und häufig unbemannter Systeme, die gemeinsam im Verbund wirken. Sichtbarkeit bedeutet auf diesem Gefechtsfeld Verwundbarkeit.
Das zentrale Strukturmerkmal dieses Operationsraums ist das System der Schutzschirme. Beide Konfliktparteien spannen jeweils einen eigenen Schutzschirm auf – ein vernetzter Verbund aus Sensoren, KI-gestützter Datenfusion, Führungssystemen sowie kinetischen und nicht-kinetischen Wirkmitteln, der ein nahezu lückenloses Echtzeitlagebild erzeugt. Dort, wo sich diese Schutzschirme überlagern, entsteht ein kritischer Raum, in dem jede Bewegung sofort sichtbar und angreifbar wird. Dieser Bereich erstreckt sich heute auf etwa 30 Kilometer. Schutz lässt sich unter diesen Bedingungen nicht mehr punktuell organisieren, sondern muss als vernetztes System über alle Ebenen hinweg gedacht werden – von Flug- und Drohnenabwehr über den elektromagnetischen Kampf bis hin zu Tarnung und Täuschung.
Die eigene Operationsführung vollzieht sich daher nur in aufeinanderfolgenden Phasen: Zunächst muss der eigene Schutzschirm aufgebaut und dauerhaft erhalten werden – ohne ihn ist jede Bewegung mit hohem Verlustrisiko verbunden. Dann gilt es, den gegnerischen Schutzschirm zu stören, niederzuhalten und schließlich zu durchdringen. Erst wenn dies gelingt, entsteht Raum für bewegliche Operationsführung. Der neue Grundsatz lautet: Manoeuvre follows Fire. In dieser Phase der beweglichen Operationsführung entscheidet die Kombination aus Mobilität, Abstandsfähigkeit, temporärer Massierung von Kräften und präziser Wirkung über den Erfolg. Der erste Feindkontakt erfolgt dabei in aller Regel unbemannt – unbemannte Systeme sind deshalb kein Zusatz, sondern integraler Bestandteil aller Truppengattungen auf allen taktischen Ebenen.
Campaign Plan Heer 2035+
Der Campaign Plan Heer 2035+ ist der operative Handlungsrahmen des Deutschen Heeres. Er ist eingebettet in die Gesamtkonzeption der Bundeswehr und beschreibt konkret, welche Meilensteine das Heer auf dem Weg zur Kriegstüchtigkeit erreichen muss – orientiert an der aktuellen Bedrohungslage und dem zuvor beschriebenen Kriegsbild. Das Prinzip dahinter ist denkbar einfach: Das Heer denkt vom Feind her.
Der Plan definiert vier Operationslinien. Die erste ist Einsatzbereitschaft – heute und in Zukunft. Sie steht und fällt mit hochmotivierten und qualifizierten Soldatinnen und Soldaten, ausreichend leistungsfähigem Material inklusive Ersatzsystemen sowie einer Logistik, die langfristige Durchhaltefähigkeit sicherstellt.
Die zweite Operationslinie ist Innovation – aus Überzeugung und von unten. Technologische Überlegenheit allein reicht nicht. Entscheidend ist, wer sich schneller anpassen kann. Innovation soll dabei nicht nur aus Stäben und Planungsbüros kommen, sondern direkt aus der Truppe – dort, wo Soldatinnen und Soldaten täglich taktische Probleme lösen. Truppe, Planer, Beschaffer und Industrie sollen daher von Beginn an zusammenwirken, Verfahren verkürzt und Test sowie Beschaffung eng verzahnt werden. Rückschläge werden dabei bewusst in Kauf genommen.
Die dritte Operationslinie ist Aufwuchs – Wachstum strukturiert gestalten. Das Heer muss wachsen, um den aktuellen Bedrohungen gerecht zu werden. Dabei folgt der Aufwuchs einer klaren Reihenfolge: zunächst Konsolidierung bestehender Strukturen, Abbau von Überplanungen und gleichzeitiger Aufbau erster neuer Fähigkeiten wie Heeresflugabwehr, Loitering Munition und das Zentrum Digitalisierung Land. Dazu kommen die Einführung des neuen Wehrdienstes, die Stärkung des Heimatschutzes sowie der Ausbau von Kampf- und Führungsunterstützung.
Die vierte Operationslinie ist Führungskultur – stark durch gemeinsame Werte. Taktische Brillanz und die Beherrschung von Waffensystemen reichen nicht aus. Was das Heer trägt, ist Kameradschaft, gegenseitiges Vertrauen und eine gemeinsame innere Haltung. Führung bedeutet dabei Nähe, Präsenz und Konsequenz – auf allen Ebenen.
Darüber hinaus definiert der Campaign Plan Heer 2035+ konkrete Meilensteine, die bis 2029, 2032 und 2035 erreicht werden sollen. Bis 2029 soll ein fokussierter Aufwuchs zur Stärkung der Abschreckungsfähigkeit erfolgen. Dazu sollen bis Ende 2026 neue Operative Leitlinien für die Landstreitkräfte erlassen und die Heeresflugabwehrtruppe mit einer Anfangsbefähigung wiederaufgestellt werden. 2027 folgt eine erste Drohnenabwehr-Befähigung noch vor der Einführung des Skyranger-Systems – durch ein schnell verfügbares, skalierbares C-UAS-System. Gleichzeitig soll Loitering Munition fehlende Fähigkeiten in der Artillerie kompensieren, sollen Heimatschutzbrigaden aufgestellt werden und die Panzerbrigade 45 in Litauen die volle Einsatzbereitschaft erreichen. Regelmäßige Heeresübungen unter dem Namen „Land Shield“ sollen die Pläne im In- und Ausland trainierbar machen. Bis Ende 2028 soll die Digitalisierung landbasierter Operationen auf allen Ebenen abgeschlossen sein – vom mobilen Endgerät bis zum Gefechtsstand vollständig vernetzt. Ende 2029 werden die ersten neuen Standardkasernen übernommen. Das Ziel für 2029 ist klar: Großverbände, die zum Gefecht der verbundenen Waffen befähigt sind, ein verkürzter Sensor-to-Shooter-Cycle durch Digitalisierung und eine Heeresstruktur, die neue Fähigkeiten, zusätzliches Personal und Infrastrukturerweiterungen einbinden kann.
Der zweite Zeithorizont bis 2032 steht für den „Ausbau der Verteidigungsfähigkeit“. Bis Ende 2031 soll die Fähigkeit zum Kampf in der Tiefe auf Divisions- und Korpsebene weiter ausgebaut, die Digitalisierung der Gefechtsführung abgeschlossen und die Durchhaltefähigkeit durch mehr Reserve- und Heimatschutzkräfte erhöht werden. Ende 2032 soll die Ausbildungskapazität für den neuen Wehrdienst verdreifacht sein. Die Zielvorstellung für 2032: Neue Technologien stärken die Einsatzbereitschaft, der Aufbau von Fähigkeiten zur präzisen Wirkung auf große Distanzen schreitet voran, und der Personalkörper wird jünger, weniger kopflastig und in der Fläche präsenter.
Der abschließende Zeithorizont trägt den Namen „Heer 2035+“. Bis Ende 2034 soll die Reichweite eigener Wirkmittel auf bis zu 2.000 Kilometer gesteigert werden – durch das Ground-based Deep Precision Strike System (GDPS) – und die Zielstruktur „Heer 2035+“ eingenommen sein. Das Zielbild für 2035+: resiliente, digitalisierte und abstandsfähige Kräfte, die Siegfähigkeit und Überlegenheit ermöglichen. Innovation bedeutet dann die synchronisierte Koordinierung aller Dimensionen – mit dem Ziel, durch überlegene Vernetzung schneller zu entscheiden und wirksamer zu handeln als der Gegner: Informations-, Entscheidungs- und Wirkungsdominanz.
Erhöhung der Einsatzbereitschaft bis 2029
Das Heer muss rasch in die Lage versetzt werden, im veränderten Operationsraum erfolgreich zu kämpfen. Aus der Analyse von Bedrohungslage und Kriegsbild ergeben sich dafür fünf priorisierte Handlungsfelder: Schutz gegen Bedrohungen aus der Luft, indirekte Wirkung, elektromagnetischer Kampf aller Truppen, die tiefe Integration unbemannter Systeme sowie digitale Führungsfähigkeit und Künstliche Intelligenz. In all diesen Bereichen muss der Fähigkeitsaufbau bis 2029 deutlich beschleunigt werden – beim Material, aber ebenso bei Strukturen und Personal. Da Zielsysteme häufig nicht kurzfristig verfügbar sind, setzt das Heer gezielt auf Zwischenlösungen: marktverfügbare Systeme, die schnell beschafft, eingeführt und in ausreichender Stückzahl produziert werden können. Sie erfüllen nicht alle Anforderungen der späteren Zielsysteme, schließen aber Fähigkeitslücken spürbar – und nach Zulauf der Zielsysteme sollen sie diese komplementär verstärken.
Der Schutz der Truppe vor Bedrohungen aus dem bodennahen Luftraum muss raumdeckend und beweglich gegeben sein. Entscheidend ist ein breiter, abgestufter Ansatz aus Hochwertsystemen und effizienter Masse – wer sich allein auf wenige hochwertige Plattformen verlässt, macht sich angreifbar. Die Flugabwehr wird als Gesamtsystem verstanden, bestehend aus IRIS-T SLM und SLS, Radar, Feuerleitung, Gefechtsstand und SKYRANGER. Da weitere SKYRANGER-Systeme für die unmittelbare Truppenbegleitung erst später zulaufen, gilt es, diese Lücke schnell zu schließen – etwa durch Abfangdrohnen und marktverfügbare mobile Drohnenabwehrsysteme sowie die Nachrüstung vorhandener 30-mm-Türme und Waffenstationen. Auch nach Einführung der Zielsysteme sollen die Zwischenlösungen ein wichtiger komplementärer Baustein sein.
Abstandsfähiges und präzises Feuer ist die Voraussetzung für jede Operationsführung – Manoeuvre follows Fire. Indirektes Feuer muss daher auf allen taktischen Ebenen lückenlos verfügbar sein: beginnend im Bataillon mit tief integrierten organischen Wirkmitteln, über Brigade, Division und Korps bis hin zu Ground Based Deep Precision Strike Fähigkeiten oberhalb der Ebene Korps. Der Mix umfasst Rohr- und Raketenartillerie, Loitering Munition und Drohnen. Da die Zielsysteme MARS 3 und RCH 155 erst ab 2028 substantiell zulaufen, müssen die Bestandssysteme PzH 2000 und MARS II einsatzbereit gehalten werden.
Die bestehende Lücke im Bereich indirektes Feuer ist kurzfristig jedoch nur mit Loitering Munition Systemen (LMS) zu schließen. Das Ziel: zunächst eine erste LMS-Batterie für die Brigade 45 einsatzbereit machen, eine zweite Batterie für die Panzerbrigade 21 als fortlaufende Versuchseinheit aufstellen und anschließend jedes Artilleriebataillon auf Brigade- und Divisionsebene schrittweise ausstatten. Auf Korpsebene wird parallel ein LMS-System mit großer Reichweite angestrebt. Auf der unteren taktischen Ebene – dem Kampftruppenbataillon – wird das System URANOS KI ab nächstem Jahr zunächst in der Brigade 45 eingeführt und dann schrittweise in alle Brigaden ausgerollt. Es liefert Sensorik zur unbemannten Aufklärung mit optischen, seismischen und akustischen Detektionsfähigkeiten. Ab Ende 2027 wird diese Befähigung um Loitering Munition kurzer Reichweite erweitert. Das Vorgehen rund um LMS – also Kauf oder Leihe zur Testung, Entwicklungsvertrag mit Abbruchmeilensteinen, paralleler Aufbau von Truppenstrukturen – gilt dabei als Muster für künftige Vorhaben. Denn Innovationszyklen, wie sie die Ukraine mit wenigen Wochen vorlebt, machen deutlich: Auf Perfektion kann nicht mehr gewartet werden.
Schnelle Entscheidungen und überlegene Wirkungsfähigkeit setzen vor allem eines voraus: Informationsüberlegenheit. Das bedeutet, die eigene Führungsfähigkeit zu schützen und dem Gegner gleichzeitig im elektromagnetischen Spektrum zu schaden. Russland zeigt in der Ukraine eindrucksvoll, wie leistungsstarke Systeme gegnerische Führungsstrukturen durchgängig stören oder gar manipulieren können. Dem muss das Heer auf allen taktischen Ebenen begegnen – durch abgestufte und tief integrierte Fähigkeiten zum elektronischen Kampf, die in der Breite verfügbar sind und Plattformen wirksam schützen.
Der Erstkontakt mit dem Feind muss künftig in der Regel unbemannt erfolgen – auf Abstand, um die eigene Truppe nicht frühzeitig im Niemandsland zu binden und abzunutzen. Dafür braucht es unbemannte Systeme in der Luft und am Boden, in großer Zahl und eng verzahnt mit bemannten Plattformen: ein moderner gepanzerter Kern 2.0. Unbemannte Bodensysteme (UGV) haben in den ukrainischen Streitkräften bereits einen festen Platz. Im Deutschen Heer laufen bereits Projekte für mittlere UGV zur Infanterie- und Pionierunterstützung sowie für große UGV im logistischen Bereich. Für das sich abzeichnende Kriegsbild kommt es nun darauf an, UGV auch für Kampf- und Kampfunterstützungstruppen ernsthaft und innovativ zu denken. Die Experimentalserie des Heeres kann dabei ein erster Meilenstein sein, um technische Umsetzbarkeit und Einsatzgrundsätze Hand in Hand zu entwickeln.
All dies nützt wenig, wenn die erzeugten Datenmassen nicht übertragen, zu einem kohärenten Lagebild verdichtet und in Entscheidungs- sowie Wirkungsüberlegenheit umgesetzt werden können. DLBO – die Digitalisierung Landbasierter Operationen – ist dafür das unverzichtbare Rückgrat: vom mobilen Endgerät bis zum vernetzten Gefechtsstand. Der aktuelle Entwicklungsstand ist noch nicht zufriedenstellend und beeinflusst die Einsatzbereitschaft spürbar – dennoch bleibt DLBO als Übertragungsmedium für digitalisierte Landstreitkräfte unverzichtbar. Es kann jedoch nur der erste Schritt sein: Gefechtsstandhüllen, verlegefähige Rechenzentren und LEO/MEO-Satellitenkommunikation müssen folgen.
Parallel arbeitet das Heer an Software Defined Defence für die Landstreitkräfte – dies umfasst unter anderem einen digitalisierten Führungsverbund unter Nutzung von KI zur Verarbeitung von Massendaten, echtzeitnaher Auswertung und Entscheidungsvorbereitung. Auf Korps- und Divisionsebene fließen bereits Erfahrungen aus Übungen mit NATO-Varianten von MAVEN ein. Auf unteren taktischen Ebenen werden URANOS KI und das Unmanned Management System der Bundeswehr eingeführt, ergänzt um erweiterte Funktionalitäten im Battle Management System. Das übergeordnete Ziel: alle Lösungen so schnell und weitgehend wie möglich zu verknüpfen und die Landstreitkräfte Multi-Domain-Operationsfähig zu machen.
Zielvorstellung Heer 2035
Vorab ein wichtiger Hinweis: Bei dem im Folgenden Vorgestellten handelt es sich nicht um eine beschlossene, offizielle künftige Heeresstruktur, sondern um die Zielvorstellung der Heeresführung – also um das, was die Verantwortlichen für notwendig halten, um die Kriegstüchtigkeit des Heeres herzustellen. Es handelt sich somit um ein Idealszenario, das den aktuell politisch gesetzten Rahmen deutlich übersteigt. Dieses Kapitel basiert in weiten Teilen auf den Recherchen von Björn Müller für das Magazin .loyal.
An der Spitze des Feldheeres steht das Kommando Heer als Land Component Command. Diesem soll eine sogenannte Multi-Domain-Taskforce mit strategischen Lenkwaffen mit einer Reichweite von über 2.500 Kilometern direkt unterstellt werden – eine völlig neue Fähigkeit für die Truppe. Zum Vergleich: Bisher ist Deutschlands einzige strategische Waffe der Marschflugkörper Taurus der Luftwaffe mit rund 500 Kilometern Reichweite. Das Heer plant nun, bis Ende 2034 eine solche Task Force aufzustellen – voraussichtlich mit dem mobilen Raketensystem Typhon und Tomahawk-Marschflugkörpern ausgestattet. Allerdings steht die Genehmigung der US-Regierung für den Export dieses Waffensystems an Deutschland noch aus.
Auf Korpsebene soll eine Korps-Truppen-Division aufgestellt werden, deren Kräfte auf bis zu drei NATO-Korps verteilt werden sollen. Die Korps-Truppen-Division soll unter anderem über zwei Panzeraufklärungsbrigaden, eine Heeresfliegerbrigade, eine Artilleriebrigade, eine Pionierbrigade sowie eine Flugabwehrbrigade verfügen. Deren genaue Zusammensetzung ist aktuell noch nicht bekannt.
Das Feldheer soll künftig drei neu gruppierte Divisionen umfassen: eine reine Panzerdivision mit drei Panzerbrigaden, eine Panzergrenadierdivision mit drei Panzergrenadierbrigaden sowie eine Division, die mittlere und leichte Kräfte bündelt – bestehend aus zwei mittleren Brigaden, einer Luftlandebrigade und einer Gebirgsjägerbrigade. Alle drei Divisionen werden darüber hinaus über einen Aufklärungs- und Wirkverbund in Brigadestärke mit Lenkwaffen mit einer Reichweite von über 100 Kilometern verfügen. Als Divisionstruppen sind jeweils ein Fernmeldebataillon mit Ballonelement und Cyber Defence, ein Artilleriebataillon und ein Flugabwehrregiment sowie Pionier- und Logistikkräfte vorgesehen. Zum Schutz vor gegnerischer Aufklärung sollen den Divisionen zudem Täuschelemente und Attrappen beigestellt werden.
Damit kommen wir zur Brigadeebene. Jede Brigade – einschließlich der Heimatschutzbrigaden, zu denen die Ausführungen gleich noch kommen – soll über ein eigenes Drohnen-Aufklärungsbataillon verfügen, und kein Großverband soll mehr ohne Robotik und unbemannte Systeme auf Bataillonsebene auskommen. Insgesamt sieht die Zielvorstellung 16 Brigaden vor: sechs schwere Brigaden, zwei mittlere, zwei leichte, drei Recce-Strike-Brigaden – also die genannten Aufklärungs- und Wirkverbünde in Brigadestärke –, zwei Panzeraufklärungsbrigaden sowie eine SOF-Brigade, in der KSK und Fallschirmjäger mit erweiterter Grundbefähigung zusammengefasst werden sollen. Besonders bemerkenswert sind die geplanten Panzeraufklärungsbrigaden auf Korpsebene: Neben klassischen Aufklärungsaufgaben sollen sie auch die Flankensicherung übernehmen und als Korpsreserve eingesetzt werden können. Dabei könnten diese Brigaden sogar wieder Kampfpanzer vom Typ Leopard 2 erhalten – eine Fähigkeit, die die Aufklärungstruppe Anfang der 2000er Jahre aufgeben musste.
Damit kommen wir zu den Heimatschutzkräften. Hier sieht die Zielvorstellung Heer 2035 die Aufstellung einer weiteren Heimatschutzdivision vor. Beide Heimatschutzdivisionen sollen gemäß der Zielvorstellung über jeweils vier Heimatschutzregimenter verfügen. Dem entgegen steht die im Campaign Plan Heer 2035+ angekündigte Aufstellung von Heimatschutzbrigaden. Hier scheint also noch einiges an Bewegung möglich zu sein.
Ein Vergleich der Zielvorstellung mit der aktuellen Heeresstruktur zeigt schnell, wie stark das Heer in den nächsten Jahren aufwachsen soll beziehungsweise muss. Anhand der Anzahl der Bataillone lässt sich dies gut veranschaulichen. Von aktuell rund 65 Bataillonen soll das Heer bis 2035 auf rund 150 Bataillone beziehungsweise Bataillons-Äquivalente aufwachsen. Anders ausgedrückt: Es soll sich mehr als verdoppeln.
Dieser strukturelle Aufwuchs erfordert natürlich auch wesentlich mehr Personal und Material. Um diese Zielvorstellung zu realisieren, hält das Heer 151.000 aktive Soldaten und 101.000 Reservisten sowie 145.000 Heimatschutzkräfte für erforderlich – insgesamt also rund 397.000 Soldatinnen und Soldaten. Ein Vergleich dieser Zahlen mit der politischen Zielvorgabe von 460.000 Soldatinnen und Soldaten, bestehend aus 260.000 Aktiven und 200.000 Reservisten, zeigt schnell, dass hier eine Diskrepanz besteht. Dazu jedoch gleich mehr.
Beim Material sind die Dimensionen ähnlich beeindruckend. Insgesamt 3.000 Gefechtsfahrzeuge – darunter Leopard 2, Marder, Puma, Schakal und der neue Schwere Waffenträger. Die Artillerietruppe soll auf bis zu 1.350 Systeme anwachsen, bestehend aus PzH 2000, RCH 155 und MARS 3. Im Bereich Flugabwehr plant das Heer mit 532 Anti-Drohnen-Systemen wie dem Skyranger sowie 158 Flugabwehrraketenpanzern IRIS-T SLS. Und für die Logistik wird ein Zielbestand von 60.000 Lkw angestrebt.
Fazit
Zieht man eine Bilanz aus dem bisher Besprochenen, ergibt sich ein gemischtes Bild. Das Kriegsbild, von dem das Deutsche Heer ausgeht, ist überzeugend. Die Schlussfolgerungen – weg von der reinen Duellfähigkeit, hin zur Abstandsfähigkeit, Vernetzung und unbemannten Systemen – sind militärisch folgerichtig. Das Problem liegt woanders: In der Beschaffung spiegelt sich dieser Paradigmenwechsel bisher kaum wider. Man denkt richtig, kauft aber noch zu oft nach altem Muster.
Der Campaign Plan Heer 2035+ skizziert zwar eine Richtung, die angesichts des Kriegsbildes grundsätzlich stimmt – bleibt aber auffällig unkonkret. Was genau verbirgt sich hinter den genannten Strukturen „Heer im Aufwuchs“ und „Heer 2035+“? Wie viele Korpstruppen, Divisionen mit ihren Divisionstruppen und Brigaden sind konkret vorgesehen? Diese Fragen lässt der Campaign Plan weitgehend offen.
Die fünf priorisierten Handlungsfelder zur Erhöhung der Einsatzbereitschaft bis 2029 sind ebenfalls inhaltlich richtig, und die skizzierten Zwischenlösungen sind zwingend erforderlich. Allerdings kommen sie viel zu spät. Vier Jahre nach Beginn der russischen Vollinvasion in der Ukraine und nach dem Ausrufen der Zeitenwende beginnt man erst jetzt, ernsthaft nach Zwischenlösungen zu suchen – obwohl bereits 2022 absehbar war, dass die Zielsysteme nicht rechtzeitig zur Verfügung stehen würden. Die Zwischenlösungen sind richtig und wichtig, aber es ist mehr als fraglich, ob es gelingt, sie bis 2029 tatsächlich einsatzbereit zu haben.
Besonders bemerkenswert ist der Umgang mit der Zielvorstellung Heer 2035. Wie eingangs betont, handelt es sich nicht um eine offiziell gebilligte Planung, sondern um das, was die Heeresführung für militärisch notwendig hält. Berichten zufolge wollte das Heer sogar verhindern, dass diese Planungen an die Öffentlichkeit gelangen. Dies wirft eine berechtigte Frage auf: Wenn man intern der Überzeugung ist, dass die politischen Zielvorgaben – insbesondere das Personalziel von 460.000 Soldatinnen und Soldaten für die gesamte Bundeswehr – nicht ausreichen, warum geht man dann nicht mit einer gut begründeten Planung an die Öffentlichkeit, um so den politischen Druck zu erhöhen? Schweigen ändert nichts an der Lage.
Und die Lage ist ernüchternd: Dass die Zielvorstellung in dieser Form Realität wird, ist zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich. Allein der Personalbedarf sprengt den Rahmen des geplanten Aufwuchses der Bundeswehr erheblich. Will man die angestrebten 397.000 aktiven und nicht-aktiven Soldatinnen und Soldaten für das Heer tatsächlich erreichen, ist von einer Gesamtstärke von 300.000 bis 350.000 Aktiven plus hunderttausenden Reservisten auszugehen. Ohne eine wie auch immer geartete Wehrpflicht ist dies schlicht nicht realisierbar. Hält die Politik am bestehenden Personalziel fest, wird das Heer nicht die Struktur einnehmen können, die seine Führung für militärisch notwendig hält.
Daneben gibt es einige weitere Punkte, die kritisch zu beleuchten sind. Die Fähigkeit zu Ground Based Deep Precision Strike soll nun erst Ende 2034 zur Verfügung stehen – statt wie ursprünglich geplant bereits 2029. Dies dürfte damit zusammenhängen, dass die USA bisher keine Exportgenehmigung für das Typhon-Raketensystem erteilt haben. Berlin sucht nun offenbar nach nationalen und europäischen Alternativen – was die Zeitplanung weiter unter Druck setzt.
Auf Korpsebene dürfte der Umfang der geplanten Korps-Truppen-Division kaum ausreichen, um drei NATO-Korps vollständig auszustatten – realistisch betrachtet eher ein bis maximal eineinhalb Korps. Wenn aber schon Deutschland als größte Volkswirtschaft in Europa nicht mehr leisten kann, wer soll dann die Korpstruppen für die laut NATO-Fähigkeitszielen benötigten bis zu 15 Korps stellen?
Auf Divisionsebene plant das Heer weiterhin mit nur drei Feldheerdivisionen. Zum Vergleich: Polen plant mit sechs. Der Anspruch, die stärksten konventionellen Streitkräfte in Europa aufzubauen, und das tatsächliche Planungsniveau klaffen hier sichtbar auseinander. Zudem bleibt bislang unklar, was den Unterschied zwischen einer Panzer- und einer Panzergrenadierdivision ausmacht – bisher werden beide Begriffe weitgehend synonym verwendet.
Auf Brigadeebene wächst die Zahl der klassischen Kampfbrigaden gerade einmal um eine – von neun auf zehn. Die Gesamtzahl von 16 Brigaden kommt nur durch die drei Aufklärungs- und Wirkverbünde in Brigadestärke, die zwei Panzeraufklärungsbrigaden und die SOF-Brigade zustande. Auffällig ist dabei, dass statt drei mittleren Brigaden nun nur noch zwei geplant sind, dafür aber sechs schwere statt vier. Vor diesem Hintergrund erscheint die gleichzeitig geplante massive Beschaffung von Radfahrzeugen – darunter bis zu 4.000 Patria 6×6, 1.000 Piranha V und 3.000 GTK Boxer – wenig stimmig. Radfahrzeuge bieten zwar Eigenverlegbarkeit und sind günstiger in Beschaffung und Unterhalt, können Kettenfahrzeugen im Gelände aber nicht in allen Situationen folgen. Hier sollte zum bewährten Grundsatz zurückgekehrt werden: Rad unterstützt Rad, Kette unterstützt Kette.
