Die Ukraine Defence Contact Group hat am 8. September 2026 in einer Videokonferenz über zusätzliche Unterstützungsleistungen beraten. Im Mittelpunkt stand die Stärkung der ukrainischen Luftverteidigung vor der kalten Jahreszeit.
Zehntes Treffen unter deutsch-britischer Leitung
Es war das 36. Treffen des Formats insgesamt und das zehnte, seit Deutschland und Großbritannien im April 2025 die Leitung des Gremiums übernommen haben. Die Kontaktgruppe war erstmals am 26. April 2022 unter US-amerikanischer Führung auf der Air Base Ramstein zusammengetreten und gilt seither als zentrales Koordinierungsformat der westlichen Unterstützer für die militärische Hilfe an Kyjiw.
Erstmals nahmen der neue britische Verteidigungsminister Wes Streeting und sein ukrainischer Amtskollege Jewhenij Chmara teil. Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und Streeting bekräftigten in ihren Eingangsstatements die fortgesetzte Unterstützung durch die Gruppe. Chmara dankte den Mitgliedsstaaten und wies darauf hin, dass Russland den Krieg zu einer Auseinandersetzung um Ressourcen machen wolle; die Ukraine werde sich dieser Logik nicht unterordnen. NATO-Generalsekretär Mark Rutte forderte die Nationen auf, ihre Anstrengungen zu erhöhen, und verwies auf die Folgen von Lieferverzögerungen.
Patriot-Lenkflugkörper, Sidewinder und City Dome
Verteidigungsminister Pistorius kündigte an, dass Deutschland PAC-2-Lenkflugkörper für das Flugabwehrsystem Patriot sowie weitere Luft-Luft-Flugkörper vom Typ AIM-9L Sidewinder aus Bundeswehrbeständen abgeben werde. Die Abgabe der Patriot-Munition war bereits beim NATO-Gipfel in Ankara angekündigt worden. Hinzu kommt die deutsche Beteiligung am sogenannten City Dome Project, mit dem ein mehrschichtiger Schutzschirm über ukrainischen Ballungsräumen und kritischer Infrastruktur aufgebaut werden soll. Die Unterstützung des Vorhabens hatte Pistorius bereits bei der UDCG-Sitzung am 12. Februar 2026 zugesagt; für das laufende Jahr sind dafür 11,5 Millionen Euro vorgesehen. Das Konzept setzt auf vergleichsweise kostengünstige technische Lösungen, um teure westliche Abfangsysteme zu entlasten.
Gemeinsam mit Großbritannien finanziert Deutschland zudem die Beschaffung von mehreren zehntausend Schuss weitreichender Artilleriemunition. Deutschland stellt die Mittel bereit, die britische Seite übernimmt Beschaffung und Auslieferung.
Pistorius appellierte an die übrigen Mitglieder, eigene Bestände zu prüfen und vergleichbare Abgaben zu veranlassen. Mit sinkenden Temperaturen sei mit einer Zunahme russischer Luftangriffe zu rechnen; die Resilienz der Ukraine müsse vor Winterbeginn erhöht werden. Angriffe auf das ukrainische Energiesystem gehören seit Herbst 2022 zum russischen Vorgehen. Nach Angaben des ukrainischen Energieministers Denys Schmyhal wurden allein im Jahr 2025 612 Angriffe auf die Energieinfrastruktur des Landes registriert.
Hybride Bedrohung in Europa
Verteidigungsminister Pistorius verwies zudem auf Aktivitäten, die sich gegen die Unterstützerstaaten selbst richten. Als Beispiel nannte er den Drohnenvorfall am Flughafen Leipzig/Halle im August. Die Bundesregierung hatte am 1. September 2026 erklärt, dass polizeiliche Ermittlungen, Tatmuster und nachrichtendienstliche Erkenntnisse eine russische Verantwortung für den versuchten Anschlag belegten. Als Reaktion kündigte sie unter anderem die Schließung eines russischen Generalkonsulats an. Eine mit Sprengstoff und Zündmechanismus präparierte Drohne war am Abend des 4. August im Sicherheitsbereich des Flughafens zwischen ukrainischen Frachtmaschinen entdeckt worden; Moskau wies eine Beteiligung zurück. Nach Einschätzung von Pistorius zielen solche Mittel auch darauf, die Bereitschaft zur weiteren Unterstützung der Ukraine zu untergraben.
Einordnung des deutschen Beitrags
Deutschland bezeichnet sich für 2026 als stärksten Unterstützer der Ukraine. Die Größenordnung hängt allerdings von der Berechnungsgrundlage ab. Nach Daten des Ukraine Support Trackers des IfW Kiel belief sich die bilaterale deutsche Hilfe von Januar 2022 bis April 2026 auf rund 30 Milliarden Euro, worin militärische, finanzielle und humanitäre Leistungen enthalten sind. Die vier nordischen Staaten Dänemark, Finnland, Norwegen und Schweden kamen im selben Zeitraum zusammen auf etwa 36 Milliarden Euro, bei der Militärhilfe auf rund 29 Milliarden Euro gegenüber etwa 24 Milliarden Euro aus Deutschland. Der Wissenschaftliche Beirat beim Bundesfinanzministerium kritisierte im Juli 2026, dass die von der Bundesregierung ausgewiesene Gesamtsumme von 55,5 Milliarden Euro an vergangenen und künftigen Militärhilfen nicht nachvollziehbar hergeleitet sei. Für 2026 wurde der Etat für die Ukraine-Hilfe auf rund 11,55 Milliarden Euro angehoben.
