Venezuela steht vier Monate nach der US-Operation Absolute Resolve zwischen einem erfolgreichen Regime-Change-Assault und der „Normalisierung ohne Transition“ unter Delcy Rodríguez – doch eine eingefrorene Demokratisierung, eine Ölförderung unter Maduro-Niveau und eine ausgebliebene geopolitische Dividende gegenüber Russland und China zeigen, dass ein militärisch geglückter Regimewechsel weder ein Land noch ein System in so kurzer Zeit verändert.
Einleitung
Am 23. April 2026 veröffentlichte CNN einen Bericht aus Caracas, der ohne große Schlagzeile auskam und gerade deshalb unsere Aufmerksamkeit gewonnen hat: Drei Monatsgehälter zum venezolanischen Mindestlohn ergeben, zusammengerechnet, weniger als einen US-Dollar. Die Inflationsrate liege bei rund 650 Prozent, schreibt CNN; Übergangspräsidentin Delcy Rodríguez¹ habe einen „verantwortungsvollen Anstieg“ der Löhne ab Mai angekündigt. Drei Monate zuvor hatten amerikanische Kräfte in Operation Absolute Resolve² Nicolás Maduro festgenommen und in das Metropolitan Detention Center in Brooklyn überstellt. Dazwischen liegen mittlerweile vier Monate, in denen ein Regimewechsel, der von der Trump-Administration als Beweis chirurgischer Handlungsfähigkeit verkauft wurde, aus dem öffentlichen Diskurs nahezu verschwunden ist. Formulierungen wie „vor Operation Absolute Resolve“ oder „nach Operation Absolute Resolve“ dienen in dieser Note als einfache Zeitmarken zur Orientierung in der Chronologie der Entwicklungen.
Die Aufmerksamkeit der Medien und Menschenrechtler hat sich seit Ende Februar erneut in den Nahen Osten verlegt – Krieg von USA und Israel gegen den Iran mit Operation Epic Fury ist Thema Nummer eins; Venezuela ist zur Fußnote geworden, wer hätte das gedacht? Die neunte Ausgabe der FIBS Weekly Situation Note prüft nicht, ob Operation Absolute Resolve als militärische Operation gelungen ist. Sie war: präzise, verlustfrei und in weniger als 3 Stunden (Insertion bis Extraktion über See) bereits Geschichte – Defense One sprach von über 150 Flugzeugen und einem „regime-change assault“, andere nannten die Operation einen Lehrbuchfall für Joint Operations. Worum es hier geht, ist die Frage, was politisch von dieser Operation übrig geblieben ist, gemessen an dem, was sie vielleicht hätte politisch leisten können: Stabilisierung, Demokratisierung, Reinvestitionen in Ölproduktion, geopolitischer Gewinn gegenüber Russland und China. Der Maßstab kommt also nicht aus der Operation selbst, sondern aus den Erwartungen und antizipierten Entwicklungen, die sie eingerahmt haben.
Geprüft wird das anhand von drei Indikatoren:
- Die Frage der Macht – wer führt Venezuela heute, und unter welchen Bedingungen?
- Die Frage des Öls – was ist aus dem ökonomischen Kalkül der Operation geworden?
- Die Frage der geopolitischen Dividende – welchen strategischen Gewinn haben die Vereinigten Staaten tatsächlich aus der Operation gezogen?
Drei Schlaglichter werden diese FIBS Weekly Situation Note schlussendlich abrunden.
Die Macht: Normalisierung ohne Transition
Die zentrale Frage zur politischen Lage in Caracas ist nicht, wer mittlerweile regiert, sondern ob sich an den politischen Prozessen etwas geändert hat. Wird aus Washington D.C. heute diktiert, was in Caracas passiert?
Delcy Rodríguez, bis zur Festnahme Maduros Vizepräsidentin und engste Vertraute des chavistischen Apparats, ist jetzt Übergangspräsidentin. Am 10. März wurde ihre Regierung von den Vereinigten Staaten offiziell anerkannt. María Corina Machado, die De-facto-Wahlsiegerin von 2024 und prominente Stimme der Opposition, ist nicht Präsidentin, sondern Kandidatin – UPI berichtete am 12. März, sie betrachte die US-Anerkennung Rodríguez‘ als Beschleunigung des Übergangs. Die Formulierung verrät den Befund: Anerkannt wurde nicht die Wahlsiegerin von 2024, sondern der pragmatischere Verbliebene des alten Regimes.
Benigno Alarcón Deza hat diesen Vorgang in Americas Quarterly Anfang Mai unter eine analytisch trockene Formel gebracht: Normalization Without Transition. Die Formel ist präzise, weil sie zwei scheinbar widersprüchliche Befunde zugleich erfasst: Die internationalen Beziehungen Venezuelas werden normalisiert, Sanktionen werden gelockert, Botschaften werden wieder besetzt – aber der eigentliche Übergang von einem autoritären zu einem demokratischen System bleibt sowohl institutionell als auch zeitlich unbestimmt. Weder ändern sich die zentralen Machtstrukturen sichtbar, noch existiert ein politischer Zeithorizont für demokratische Transformation.
Drei Beobachtungen stützen das. Zunächst die Personalpolitik des Sicherheitsapparats: Am 18. März 2026 wurde General Gustavo González López – in venezolanischen Menschenrechtsberichten der vergangenen Jahre als zentrale Figur des Repressionsapparats identifiziert – zum neuen Verteidigungsminister ernannt. Die Fuerza Armada Nacional Bolivariana³ (FANB) ist nicht zerschlagen, sie ist umetikettiert worden. Brookings beschrieb die FANB Mitte Januar als „fragmentiert“; was seither geschehen ist, ist nicht ihre Demokratisierung, sondern die Auswahl jener Fraktionen, mit denen sich Washington arrangieren lässt.
Zweitens die Wahltermine: US-Energieminister Wright erklärte Anfang März, Wahlen könnten „während der Trump-Administration“ stattfinden – eine Formulierung, die alles bis Januar 2029 erlaubt. Machado spricht von neun bis zehn Monaten. Jorge Rodríguez, Bruder der Übergangspräsidentin und Präsident der bisherigen Nationalversammlung, hat öffentlich erklärt, in absehbarer Zeit seien keine Wahlen vorgesehen. Drei Aussagen, drei Zeithorizonte, kein Termin. Aufschlussreich ist allerdings, dass die Differenz zwischen „neun Monaten“ und „drei Jahren“ politisch nicht aufgelöst wird. Gerade diese strategische Unschärfe stabilisiert die Übergangsordnung: solange kein verbindlicher Zeithorizont existiert, bleibt offen, wann und unter welchen Bedingungen Macht tatsächlich neu verteilt werden soll.
Drittens die rechtsstaatliche Basislinie. Das im Januar verkündete Amnestiegesetz für politische Gefangene wurde nach Recherchen mehrerer Beobachter unilateral durch die Übergangsregierung ausgesetzt. 473 politische Gefangene aus der Maduro-Ära seien weiterhin inhaftiert, berichtet Amnesty International. Die Justiz ist personell mit den Strukturen der Vor-Operation-Zeit identisch. Was sich verändert hat, ist die Adresse, an die sich die Loyalität richtet – nicht die Logik der Loyalitätsbeziehung selbst.
Alarcón Dezas Befund, übersetzt in die Sprache der vergleichenden Politikwissenschaft: Was in Caracas bisher stattgefunden hat, ist nicht der Übergang zu einer neuen Ordnung, sondern der Wechsel der oberen Etage in einer bestehenden Ordnung. Die Selektorat-Logik bleibt erhalten – von Bedeutung sind weiterhin die Generäle, die Geheimdienste, die Loyalisten in den Provinzen – nur die oberste Führung hat gewechselt, die Adresse ist dieselbe. Genau das ist gemeint, wenn das Spectator Australia Anfang Mai von einem „amerikanischen Klientelstaat“ sprach: nicht im Sinne kolonialer Kontrolle, sondern im Sinne einer Anordnung, in der Washingtons Anerkennung die Grundbedingung des Verbleibs an der Macht ist, ohne dass diese Anerkennung an demokratische Verfahren gebunden wäre.
Das Öl: Die Lücke zwischen Sanktionsschalter und Förderbank
Die zweite Erwartung, die Operation Absolute Resolve eingerahmt hat, war ökonomisch. President Donald Trump hatte vor und nach der Operation wiederholt erklärt, Venezuela habe „amerikanisches Öl gestohlen“, konfisziertes Öl könne als amerikanisches Vermögen behandelt werden, und die Vereinigten Staaten würden 30 bis 50 Millionen Barrel beschlagnahmtes Rohöl auf den Markt bringen. Bloomberg fasste am 5. Januar die Situation wie folgt zusammen: Mit der Festnahme Maduros seien chinesische und russische Eigentumsansprüche an venezolanischem Öl brüchig geworden. Der Subtext war klar, denn Venezuela war nicht nur ein politisches, sondern ein ökonomisches Ziel mit den größten nachgewiesenen Ölreserven der Welt.
Vier Monate später ist das Bild komplizierter, und es lohnt, vier Ebenen präzise voneinander zu trennen: die regulatorische Öffnung durch OFAC-Lizenzen, die tatsächliche Förderkapazität, den notwendigen Investitionsbedarf sowie den politischen Zeithorizont möglicher Gewinne.
Die Sanktionsarchitektur ist nicht aufgehoben, befindet sich aber im Umbau. Das Office of Foreign Assets Control⁴ arbeitet seit Anfang Januar mit neuen Allgemeinen Lizenzen – General License 46/46A im Januar, abgelöst durch GL 50/50A am 13. und 18. Februar 2026. Diese Lizenzen erlauben BP, Chevron, Eni, Repsol, Shell und Maurel & Prom die Ölförderung in Venezuela, ohne das gesamte Sanktionsgerüst aufheben zu müssen. Morgan Lewis hat die Konstruktion als „Sanktionen als Drohkulisse“ beschrieben: Die Lizenzen können widerrufen werden, der Schalter bleibt in Washington, nicht in Caracas. Das ist außenpolitisch geschickt – aber es bedeutet auch, dass kein internationaler Investor mit einem Planungshorizont über die nächste US-Präsidentschaft hinaus arbeiten kann.
Die produktionstechnische Realität ist davon unabhängig und ernüchternd. Im März 2026 lag die venezolanische Rohölförderung zwischen 988.000 und 1,1 Millionen Barrel pro Tag, je nach Quelle – also unter dem Niveau, auf dem sie im letzten Maduro-Jahr stand. Der Council on Foreign Relations schätzt, dass bis Ende 2026 ein Anstieg auf 1,1 bis 1,2 Millionen Barrel pro Tag möglich ist, wenn die Lizenzen stabil bleiben. Das wären rund 200.000 Barrel zusätzlich – bei einem Welttagesverbrauch von etwa 103 Millionen Barrel ein Anteil im Promillebereich.
Die entscheidende Zahl liefert Rystad Energy. In einem Marktupdate Anfang 2026 hat Rystad geschätzt, was es kosten würde, die venezolanische Förderung wieder auf das Niveau von vor der Krise zu bringen. Allein die Stabilisierung auf 1,1 Millionen Barrel pro Tag erfordert demnach Investitionen von rund 53 Milliarden US-Dollar. Der Sprung auf zwei Millionen Barrel – also etwa zwei Drittel des Maximums der Hugo-Chávez-Jahre – würde 130 Milliarden Dollar verlangen, davon 30 bis 35 Milliarden Dollar an internationalem Kapital allein in den ersten zwei Jahren. Brad Setser vom Council on Foreign Relations hat den Zeithorizont auf „mehrere Jahre“ beziffert; in der ausführlichen Variante seines Briefes auf 15 Jahre für die volle Wiederherstellung von drei Millionen Barrel pro Tag.
Bezeichnend ist, was diese Zahlen über das Verhältnis von politischer Inszenierung und industrieller Realität aussagen. Die Operation Absolute Resolve hat nur wenige Stunden gedauert. Die Reaktivierung der Förderkapazität, von der diese Operation politisch leben sollte, dauert mehrere Jahre – und das nur, um wieder dort anzukommen, wo Venezuela vor zehn Jahren bereits einmal stand. Spiegelbildlich gilt: Selbst wenn die Investitionen morgen anlaufen, fließen die ökonomischen Erträge frühestens in die nächste US-Administration. Die fiskalische Dividende, die Trump Anfang Januar versprochen hatte, fällt in einen Zeitraum, der jenseits seines demokratisch angestrebten Mandats liegt.
Das hat unmittelbare Folgen für Caracas selbst. Die PDVSA⁵ – Petróleos de Venezuela, S. A., das staatliche Erdölunternehmen – ist nach Jahren der Vernachlässigung in einem technischen Zustand, in dem nicht das Marktvolumen, sondern die physische Infrastruktur den Engpass bildet: Raffinerien laufen unter Auslastung, Pipeline-Druckverluste sind dokumentiert, qualifiziertes Personal ist abgewandert. Die General Licenses erlauben den Westkonzernen das Geschäft, lösen aber nicht die Frage, wer die Investitionen finanziert. Chevron, das in der Vor-Operation-Zeit bereits unter den Biden-Lizenzen tätig war, hat öffentlich keine großen Capex-Erweiterungen angekündigt. Internationale Banken halten sich zurück, solange die Sanktionsstruktur formal bestehen bleibt.
Was Trump als 30 bis 50 Millionen Barrel beschlagnahmtes Öl angekündigt hat, ist auf einem Tagesförderungsmaß einer halbwegs aktiven Petrostatusnation eine Größenordnung von etwa drei bis fünf Wochen – eine politische Geste, kein wirtschaftliches Programm. Die ökonomische Lage in Venezuela selbst ist davon unberührt: Mindestlohn knapp 0,27 US-Dollar pro Monat, Inflation 650 Prozent. Was als ökonomische Wiederbelebung verkauft wurde, hat die Wirtschaftslage der Bevölkerung bisher nicht messbar verbessert – aber war das überhaupt Ziel?
Die geopolitische Dividende
Die dritte strategische Zielsetzung von Operation Absolute Resolve war aus FIBS-Sicht geopolitischer Natur. Maduros Regime war über Jahre von Russland und China gestützt worden: PDVSA hatte rund sechs Milliarden US-Dollar Schulden bei russischen Akteuren, davon zwei Milliarden bei Rosneft, Anteile an Citgo – der US-amerikanischen Raffinerie- und Vertriebstochter von PDVSA – waren als Sicherheit hinterlegt; China hatte über Loans-for-Oil-Verträge rund 60 Milliarden Dollar verteilt und stellte zuletzt rund 90 Prozent des venezolanischen Außenhandels. Mit der Festnahme Maduros sollten auch diese Verbindungen – ökonomisch, politisch wie militärisch – final gekappt werden. Die Idee: Moskau und Peking haben auf dem amerikanischen Kontinent einen Verbündeten weniger.
Bemerkenswert ist die russische Reaktion: Sie ist ausgeblieben. Die Beziehung zu Caracas wird in Moskau nicht als strategischer Verlust kommuniziert, sondern als peripherer Vorgang, der die russischen Interessen nicht im Kern berührt. Die Schulden – sechs Milliarden Dollar – sind im Verhältnis zum Umfang der russischen Auslandsguthaben überschaubar; die militärische Kooperation hatte bereits vor Januar 2026 spürbar abgenommen.
Aufschlussreich ist allerdings die strukturelle Lesart: Die russische Stille gegenüber Venezuela ist Ausdruck einer Priorisierung. Moskau ist seit Februar 2022 in einem Krieg gebunden, der seine außenpolitischen Reserven absorbiert; Venezuela war eine Nebenfront, deren Verlust kalkulierbar war. Das ist die Bestätigung, dass Russland in der Gegenwart nicht über die Mittel verfügt, um Verbündete in der Karibik zu verteidigen.
Pekings Reaktion ist subtil. China hat sich öffentlich zurückhaltend geäußert, an den UN-Sicherheitsratssitzungen Anfang Januar teilgenommen, ohne einen Resolutionsentwurf einzubringen, und parallel die Verhandlungen über die Bedienung der ausstehenden venezolanischen Schulden mit der neuen Übergangsregierung aufgenommen. CSIS hat in seiner laufend aktualisierten Studie The Fabulous Five folgende Beobachtung formuliert: Pekings Loyalität zu Caracas hängt im Kern von der Zahlungsfähigkeit Caracas‘ ab, nicht von der Identität der Regierung. Solange die Übergangsregierung bereit ist, die chinesischen Forderungen zu bedienen – und Delcy Rodríguez hat bereits öffentlich Gespräche bestätigt – bleibt das chinesische Engagement weitgehend unberührt.
Hinzu kommt die regionale Reaktion, die das geopolitische Bild eher verkompliziert als vereinfacht. Die Comunidad de Estados Latinoamericanos y Caribeños⁶ (CELAC) hat am 5. Januar zu einer Sondersitzung eingeladen; nach Berichten von ColombiaOne blockierte eine Gruppe um Argentinien, El Salvador, Ecuador und sechs weitere Staaten eine gemeinsame Verurteilung der amerikanischen Intervention. Brasiliens Präsident Lula da Silva sprach Mitte März auf dem CELAC-Gipfel in Bogotá von einem Versuch, „uns zu kolonisieren“, und stellte sich damit gegen Washington. Mexikos Sheinbaum-Regierung blieb bei einer formalen Distanzierung. Die Reaktion war kein lateinamerikanischer Konsens, aber die Bestätigung, dass die Region seit Jahren ohne gemeinsame außenpolitische Linie operiert. Das nimmt Washington den Vorwurf gemeinsamer regionaler Empörung ab – bedeutet aber zugleich, dass keines der politischen Versprechen einer „Hemisphere Initiative“, die in Florida-affinen Trump-Kreisen umlief, auf einer regionalen Trägerstruktur aufruht. Was Präsident Trump gewonnen hat, ist Caracas. Was er nicht gewonnen hat, ist Lateinamerika.
Maduros Verbleib selbst ist die kleinste der drei Fragen. Zusammen mit seiner Frau Cilia Flores sitzt er im Metropolitan Detention Center Brooklyn, plädierte am 5. Januar nicht schuldig zu Anklagen wegen Narkoterrorismus und teilt sich den Hochsicherheitstrakt mit Ghislaine Maxwell, Luigi Mangione sowie zeitweise – vor seiner Entlassung Anfang April – sogar dieselbe Zelle mit dem US-Rapper Tekashi 6ix9ine.
Eine Auslieferung an den IStGH steht nicht zur Debatte; die International Criminal Court-Untersuchung wegen Menschenrechtsverletzungen, die seit Jahren lief, wurde am 12. März eingestellt – nach offizieller Begründung „mangels Beweisen“, was angesichts des in Brooklyn dokumentierten Materials eine bemerkenswerte Formulierung ist. Die Aufarbeitung der venezolanischen Repressions- und Maduro-Ära findet nicht in Den Haag statt, sondern im Eastern District of New York – und dort nicht unter der Frage politischer Verantwortung, sondern unter der Frage des Drogenhandels.
Schlaglichter
Die US-Armada
Anfang Januar 2026 stand die größte Karibik-Flottenpräsenz seit Jahrzehnten vor der venezolanischen Küste – die Carrierstrikegroup um die USS Gerald R. Ford, F-22 Raptor in Puerto Rico, USS Iwo Jima Amphibious Ready Group mit rund 2.000 Marines. Die F-22 verließen die Region Anfang Januar. Die USS Gerald R. Ford Carrier Strike Group wurde von Operation Southern Spear in den CENTCOM-Bereich verlegt, um die USS Abraham Lincoln im damals aufbauenden Iran-Konflikt zu unterstützen. Vierzehn Tage später, am 28. Februar, begann Operation Epic Fury. Die strategischen Reserven, die Absolute Resolve vor der venezolanischen Küste demonstriert hatte, sind sechs Wochen später im Persischen Golf gebunden.
Die völkerrechtliche Front
Der UN-Sicherheitsrat hat am 5. Januar getagt; UN-Generalsekretär Guterres sprach von einem „gefährlichen Präzedenzfall“. Im Vergleich zu Panama 1989 – eine Resolution wurde vetiert (S/21048, vetiert von USA, UK, Frankreich am 23. Dezember 1989), woraufhin am 29. Dezember 1989 die GA-Resolution 44/240 mit 75 zu 20 Stimmen bei 39 Enthaltungen verabschiedet wurde. Im Januar 2026 wurde ein solcher Resolutionsentwurf nicht eingebracht. Kein Mitgliedstaat hat den Versuch unternommen, eine Verurteilung zur Abstimmung zu zwingen. Der Security Council Report hat das Anfang Februar als „muted response“ beschrieben. Wenn nicht einmal die formale Geste der Verurteilung vorgenommen wird, signalisiert das weniger Zustimmung als Resignation. Die regelbasierte Ordnung und Achtung des Internationalen Völkerrechts, deren Erosion seit Jahren in Wellen zu beobachten ist, hat im Januar 2026 eine weitere Klimax – diesmal verursacht aus Washington. Die UN selber kann dagegen nichts unternehmen.
Migration
Sechs Millionen Venezolaner sind seit 2015 ausgewandert, der Großteil in lateinamerikanische Nachbarstaaten, etwa 800.000 in die USA. Das Migration Policy Institute hat am 26. Februar in einer ersten Bestandsaufnahme drei Szenarien beschrieben: Massenrückkehr bei stabiler Lage, partielle Rückkehr bei gemischter Lage, Massenflucht bei Eskalation. Anfang Mai zeichnet sich Szenario zwei ab. Die Rückkehr ist begrenzt – Chatham House dokumentierte Mitte März, dass die Diaspora in Miami überwiegend abwartend reagiert; gleichzeitig steigen die Asylanträge in Kolumbien und Brasilien nicht wesentlich. Die Lage ist nicht gut genug für eine Rückkehrwelle und nicht schlecht genug für eine Fluchtwelle.
Fazit
Operation Absolute Resolve war militärisch das, was sie sein sollte: präzise, kurz, verlustfrei. Sie ist und bleibt ein Lehrbuchfall und ein Argument dafür, dass amerikanische Streitkräfte in einem klar definierten Operationsbild Erstaunliches leisten können – vermutlich besser als jede andere Streitkraft auf diesem Planeten. Gerade weil die Operation selbst gelungen ist, lässt sich an ihr fragen, woran ihre politische Bilanz tatsächlich gemessen werden muss.
In Caracas regiert Delcy Rodríguez, eine Vertraute des alten Apparats, deren Anerkennung durch Washington den Übergang zur Demokratie nicht beschleunigt, sondern eingefroren hat. Die Ölförderung liegt unter dem Maduro-Niveau, und die Investitionen, die für eine Wiederbelebung erforderlich wären, sind in einer Größenordnung, die kein politischer Akteur in einem Wahlzyklus mobilisieren kann. Russland hat keinen Verbündeten verloren, den es noch hatte; China verhandelt bereits mit der Übergangsregierung; Lateinamerika ist nicht enger, sondern uneinheitlicher an die Vereinigten Staaten gebunden. Sechs Millionen Migranten warten ab.
Die US-Intervention im Januar war ein Wendepunkt. Aber sie war kein politischer Abschluss. Absolute Resolve hat ein Regime entfernt – aber keinen neuen Staat geschaffen, erst recht nicht über Nacht.
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Weitere Informationen zu unserer Arbeit als eingetragener Verein, zu den Aktivitäten der FIBS-Hochschulgruppe an der Universität Konstanz und zu Autor Paul Grupp finden Sie unter den folgenden Links.
Ein besonderer Dank gilt Clemens Speer und dem gesamten Team von Sicherheit und Verteidigung für die Möglichkeit, unsere Arbeit in Form dieses Fachbeitrags hier veröffentlichen zu dürfen.
FIBS E.V Weekly Situation Note 009 (KW19/26) von Paul Grupp
Die Weekly Situation Note ist eine kurze, auf Open-Source-Quellen basierende und meinungsorientierte Einordnung zentraler außen- und sicherheitspolitischer Entwicklungen der vorangegangenen Kalenderwoche. Sie soll eine begrenzte Anzahl relevanter Indikatoren hervorheben und analytisch einordnen. Dabei ist sie weder eine nachrichtendienstliche Lagebewertung noch belastbare Prognose und stellt keine offizielle Position dar. Die getroffenen Einschätzungen beruhen auf der Interpretation öffentlicher Berichterstattung durch den Autor/die Autorin und können sich bei Verschiebungen in der politischen Lage verändern.
Glossar
¹ Delcy Rodríguez: Ehemalige Vizepräsidentin Venezuelas (2018–2026) unter Nicolás Maduro, seit dem 2. Januar 2026 Übergangspräsidentin. Am 10. März 2026 von den Vereinigten Staaten offiziell anerkannt.
² Operation Absolute Resolve: Bezeichnung der amerikanischen Militäroperation vom 1. bis 3. Januar 2026 zur Festnahme von Nicolás Maduro und zum Sturz seines Regimes. Joint Operation unter SOUTHCOM-Führung mit Beteiligung von Trägerkampfgruppe USS Gerald R. Ford, F-22 Raptor, Marine Expeditionary Units und Spezialkräften.
³ Fuerza Armada Nacional Bolivariana (FANB): Streitkräfte Venezuelas. Im Maduro-System eng mit dem chavistischen Machtapparat verflochten; nach Operation Absolute Resolve nicht aufgelöst, sondern personell teilweise umgebaut.
⁴ Office of Foreign Assets Control (OFAC): Behörde des US-Finanzministeriums, zuständig für die Verwaltung der amerikanischen Sanktionsregime. General Licenses (GL) erlauben begrenzte Geschäfte mit ansonsten sanktionierten Akteuren; sie können widerrufen werden, ohne dass die Sanktionen formal aufgehoben werden müssen.
⁵ PDVSA — Petróleos de Venezuela, S. A.: Staatliches Erdölunternehmen Venezuelas. Hält die größten nachgewiesenen Erdölreserven der Welt; nach Jahren politischer Steuerung und Kapitalentzugs in einem technisch problematischen Zustand.
⁶ CELAC — Comunidad de Estados Latinoamericanos y Caribeños: Regionale Organisation aller 33 souveränen Staaten Lateinamerikas und der Karibik, gegründet 2010 als Alternative zur OAS. Sondersitzung am 5. Januar 2026 zur Operation Absolute Resolve endete ohne gemeinsame Erklärung.
