Der NATO-Gipfel vom 7. und 8. Juli 2026 in Ankara war womöglich der widersprüchlichste in der Geschichte der Allianz und zugleich einer der folgenreichsten. Der vorliegende Beitrag geht vier Fragen nach: Was steht in der Gipfelerklärung von Ankara und was bewusst nicht? Was verbirgt sich hinter dem Begriff NATO 3.0? Welche Fähigkeiten ziehen die USA bereits jetzt aus Europa ab? Und welche Vereinbarungen hat das NATO Summit Defence Industry Forum hervorgebracht? Im Kern läuft alles auf eine Frage hinaus: Kann Europa den schrittweisen Rückzug der Amerikaner kompensieren?
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Gipfelerklärung von Ankara
Zum Rahmen: Der erste Gipfeltag war dem NATO Summit Defence Industry Forum sowie dem NATO-Ukraine-Rat gewidmet, der zweite der Sitzung des Nordatlantikrats der Staats- und Regierungschefs. An deren Ende stand die Veröffentlichung der Gipfelerklärung von Ankara. Vertreten waren alle 32 Bündnisstaaten, hinzu kamen Partner aus der Ukraine, der EU, dem Indopazifik und der Golfregion. Als zentrale Figur trat einmal mehr US-Präsident Trump auf; die deutsche Delegation bildeten Bundeskanzler Merz, Verteidigungsminister Pistorius und Außenminister Wadephul. Die gastgebende Türkei nutzte den Gipfel zur Selbstdarstellung als Rüstungsmacht mit rund 3.000 Firmen. Unerfüllt blieb allerdings ihr Wunsch nach einer Rückkehr in das F-35-Programm, aus dem sie 2019 wegen des Kaufs des russischen S-400-Systems ausgeschlossen worden war.
Die Erklärung selbst fällt mit sechs Absätzen bewusst knapp aus und folgt damit dem Vorbild von Den Haag 2025. Der erste Absatz bekräftigt den Bündniskern mit einem „ironclad commitment“, einem eisernen Bekenntnis, zu Artikel 5 nach dem Grundsatz „An attack on one is an attack on all“. Im zweiten Absatz wird Russland namentlich als langfristige Bedrohung benannt. Aufschlussreich ist dort die Passage zu den Verteidigungsausgaben: Die Verbündeten „are delivering on The Hague defence commitment“, eine Bezifferung des Fünf-Prozent-Ziels sucht man im Text jedoch vergeblich. An dessen Stelle treten zwei Kernzahlen. Die Europäer und Kanada steigerten ihre Verteidigungsausgaben 2025 um mehr als 139 Milliarden US-Dollar, und für Ankara selbst werden neue Beschaffungen im Wert von über 50 Milliarden Dollar ausgewiesen. Das Leitmotiv des Gipfels liefert der dritte Absatz mit der Formel „a stronger Europe in a stronger NATO – a modernised Alliance“. Als Investitionsprioritäten führt er Deep Precision Strike, also weitreichende Präzisionsschläge tief in gegnerisches Gebiet, integrierte Flug- und Raketenabwehr, unbemannte Systeme sowie Aufklärung auf, ergänzt um eine transatlantische „warfighting cloud“ und leistungsfähige KI-Modelle. Der vierte Absatz behandelt die Ukraine und enthält einen Satz, der in dieser Form erstmals in einer Gipfelerklärung steht: „Ukraine contributes to transatlantic security“. Konkret zugesagt sind 70 Milliarden Euro für 2026 sowie mindestens das gleiche Niveau für 2027, während eine Beitrittsperspektive fehlt. Der fünfte Absatz beschränkt sich auf einen einzigen Satz zum Iran: „Iran must never have a nuclear weapon“.
Fast noch aufschlussreicher als der Inhalt sind die Leerstellen. Weder ein beziffertes Fünf-Prozent-Ziel noch die Erweiterung noch der US-Truppenabzug finden Erwähnung, und selbst der Begriff NATO 3.0 taucht im Text an keiner Stelle auf. Deutlich aufgeladener war die Atmosphäre des Gipfels. Trump attackierte Spanien öffentlich als „terrible partner in NATO“ und wies seinen Finanzminister an, den Handel mit Madrid einzustellen. Auch seine Forderung nach US-Kontrolle über Grönland erneuerte er; Dänemarks Ministerpräsidentin Frederiksen entgegnete, Grönland sei „not for sale“. Als Schatten über den Beratungen lag zudem der Iran-Krieg: Trump erklärte die fragile Waffenruhe für beendet, in der Nacht vor dem Gipfeltag flogen die USA neue Luftschläge, Rutte verteidigte das Vorgehen. Hinzu kam die eingangs erwähnte Drohung mit dem Truppenabzug, ausgesprochen mitten auf dem Gipfel. Am Ende gab sich Trump versöhnlich, sprach von „tremendous love“ und trug die Erklärung samt Artikel-5-Bekenntnis mit. Entsprechend gemischt fallen die Beobachterurteile aus. Der britische Think Tank RUSI bezeichnete die bewahrte Einheit als fragil und abhängig von Trumps Tagesform, das Fachmagazin ESUT sprach von einer Zäsur: Die Trittbrettfahrerei der Europäer sei vorbei, die Allianz „europäischer denn je“. Für genau diese Europäisierung existiert inzwischen ein eigener Begriff.
NATO 3.0
NATO 3.0 ist ein Begriff, der in der Gipfelerklärung nicht auftaucht und dennoch über allem schwebte. Geprägt hat ihn der US-Spitzenbeamte Elbridge Colby, dessen Positionen bereits im Zusammenhang mit der deutschen Militärstrategie eine Rolle spielten. Der Think Tank RUSI datiert seine Forderung auf das Verteidigungsministertreffen vom 12. Februar 2026. Danach machte der Begriff Karriere: Das US European Command verwendete ihn intern für den Umbau des NATO Force Models, US-Verteidigungsminister Hegseth erhob ihn am 18. Juni öffentlich zum amerikanischen Leitbegriff, und schließlich übernahm ihn auch Generalsekretär Rutte, offiziell dann beim Gipfel.
Inhaltlich fallen die Deutungen unterschiedlich aus. Hegseth versteht darunter die Rückbesinnung auf eine harte Militärallianz mit echten militärischen Fähigkeiten, in der Europa die Führung für die konventionelle Verteidigung des Kontinents übernimmt. Der NATO Generalsekretär Rutte formuliert es freundlicher: „NATO 3.0 is about spending more. It is about a stronger Europe in a stronger NATO.“ Gemeint ist eine Arbeitsteilung, bei der die Europäer die konventionelle Hauptlast tragen, während die USA langfristig präsent bleiben und als ultimativer Garant den Nuklearschirm stellen. Den inhaltlichen Kern hatte Colby bereits im Februar geliefert: Eine dauerhafte amerikanische Hauptrolle sei weder tragfähig noch klug, „We want partnerships, not dependencies“. Deckungsgleich damit liest sich die US National Defense Strategy 2026 mit ihren Prioritäten Heimatschutz und Indopazifik. Das Bundesverteidigungsministerium fasst den Vorgang nüchtern als Übergang „vom Burden Sharing zum Burden Shifting“ zusammen, von der Lastenteilung zur Lastenverschiebung.
Damit stellt sich die Frage, welche Fähigkeiten die USA tatsächlich abziehen. Zur Ausgangslage: In Europa sind derzeit rund 100.000 US-Soldaten stationiert, davon etwa 35.000 in Deutschland. Hegseth kündigte am 18. Juni eine bis zu sechsmonatige Überprüfung der gesamten US-Truppenpräsenz in Europa an, deren Ergebnis für Dezember 2026 erwartet wird. Ein neuer Abzugsbeschluss fiel beim Gipfel also nicht. Vollzogen ist gleichwohl bereits einiges. In Rumänien wurde im Herbst 2025 die rotierende Brigade der 101st Airborne Division nicht ersetzt, dort verbleiben nun rund 1.000 statt 1.700 US-Soldaten. Im Mai 2026 ordnete Hegseth den Abzug von rund 5.000 US-Soldaten aus Deutschland an. Ebenfalls im Mai stoppte ein Pentagon-Memo abrupt die Rotation der Brigade „Black Jack“ mit rund 4.000 Soldaten nach Polen, obwohl das schwere Gerät bereits per Schiff in Danzig eingetroffen war; alles wurde zurückbeordert. Die Zahl der US-Kampfbrigaden in Europa sinkt damit. Schon zuvor hatte die Trump-Administration die 2024 vereinbarte Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern, SM-6 und der Hyperschallwaffe Dark Eagle in Deutschland abgesagt. Wie diese Lücke kompensiert werden soll, wurde ausgerechnet in Ankara verkündet; dazu weiter unten mehr.
Der eigentliche Kern von NATO 3.0 liegt jedoch im NATO Force Model, jenem geheimen Kräftepool, aus dem die Allianz die Verbände für die ersten 10, 30 und 180 Tage eines Konflikts schöpft. Ende Mai informierten die USA die Verbündeten über deutliche Kürzungen ihrer zugewiesenen Kräfte, eine NATO-Sprecherin räumte eine „over-reliance“ auf die USA ein. Die Streichliste, über die unter anderem WELT berichtete, ist umfangreich: F-16-Kampfjets von 99 auf 63, F-15E von 54 auf 36, Tankflugzeuge von 71 auf 63. Sämtliche Langstreckenaufklärungsdrohnen verschwinden aus dem Pool, die bewaffneten MQ-9-Drohnen werden nahezu halbiert. Von zwei Bomberverbänden wird einer zurückgezogen, von zwei Flugzeugträgerkampfgruppen eine abgemeldet, hinzu kommt fast die Hälfte der Kreuzer- und Zerstörerverbände. Das einzige U-Boot mit Marschflugkörpern entfällt vollständig, die Seefernaufklärer vom Typ P-8A werden von 26 auf 15 zusammengestrichen.
Parallel dazu wird die Kommandostruktur umgebaut. Das Joint Force Command Norfolk geht an Großbritannien, Naples an Italien, Brunssum bleibt deutsch geführt und rotiert künftig mit Polen. Damit stehen alle drei operativen Hauptquartiere unter europäischer Führung. Im Gegenzug übernehmen die USA das Maritime Command in Northwood und behalten sowohl das Luftwaffenkommando in Ramstein als auch den Posten des SACEUR, des Obersten Alliierten Befehlshabers in Europa. Der Journalist Thomas Wiegold bringt diese Konstruktion auf die Formel, die USA gäben Verantwortung ab, behielten aber die Kontrolle. Ausdrücklich bestehen bleiben zudem der nukleare Schutzschirm sowie einige strategische Enabler.
Offen bleibt damit die Frage der Kompensation, und hier meldete die NATO Anfang Juli Bemerkenswertes: Die Europäer hätten die Lücken im Force Model „in a matter of weeks“, also binnen weniger Wochen, weitgehend gefüllt. Ausgenommen sind vor allem die strategischen Bomber, die schlicht nicht ersetzbar sind, sowie Defizite bei den Aufklärungsdrohnen. Nach exklusiven Informationen der WELT bietet Deutschland zwei Fregatten vom Typ F125 an, dazu eine hohe einstellige Zahl Eurofighter, zwei Seefernaufklärer und mehrere Heron-TP-Drohnen. Die abgemeldete US-Trägerkampfgruppe können Frankreich, Italien und Deutschland gemeinsam ersetzen. Kompensation bedeutet aber vor allem eines: Produktion. Damit rückt der dritte Baustein des Gipfels in den Blick.
NATO Summit Defence Industry Forum
Das NATO Summit Defence Industry Forum fand am 7. Juli im ATO Congresium statt und gilt der NATO als ihr wichtigstes hochrangiges Event zu Rüstungsproduktion, -investition und -innovation. Am Vormittag liefen sechs geschlossene Spotlight-Sessions, am Nachmittag folgte der öffentliche Teil: um 10 Uhr das „Big Reveal“ der Fähigkeitsankündigungen durch Rutte, um 12:19 Uhr die Mass Signing Ceremony, also die Massenunterzeichnung der Absichtserklärungen, dazu eine Keynote des ukrainischen Präsidenten Selenskyj. Für Deutschland unterzeichnete Generalinspekteur Breuer diverse Absichtserklärungen. Ein Überblick über die wichtigsten Vereinbarungen:
Bei den Luftfahrzeugen sticht die AWACS-Nachfolge hervor. Elf Nationen, darunter Deutschland, wollen bis zu zehn Saab GlobalEye als Ersatz für die alternde E-3-Flotte beschaffen. Die NATO-Beschaffungsagentur NSPA verhandelt direkt mit Saab, ein Vertrag liegt bislang nicht vor. Hintergrund ist der Rückzug der USA aus der Finanzierung der luftgestützten Frühwarnung. Daneben beschaffen Deutschland, Dänemark, Finnland und Norwegen bis zu fünf Seefernaufklärungsdrohnen des Typs MQ-4C Triton, die die NATO-Aufklärungsflotte in Sigonella ergänzen. Sieben Nationen starten ein Projekt für eine multinationale A400M-Flotte für Lufttransport und Betankung, ausgerechnet ohne Deutschland, das mit 53 Maschinen größter Betreiber ist. Dänemark wiederum kauft zwei P-8A Poseidon für die Seeraumüberwachung, flankiert von einer deutsch-dänischen Absichtserklärung über eine enge P-8A-Kooperation bis hin zum gemeinsamen operativen Einsatz.
Bei den Strike-Fähigkeiten löst sich die zuvor geöffnete Schleife auf. Lockheed Martin und Rheinmetall unterzeichneten ein Memorandum of Understanding für ein Joint Venture zur Fertigung von ATACMS-Raketen in Unterlüß, die erste Fertigungslinie für dieses ballistische Kurzstreckensystem außerhalb der USA. Der Produktionsstart ist für 2027 vorgesehen, die volle Kapazität für 2028; laut ESUT liegt der europäische Bedarf bei 600 bis 800 Raketen pro Jahr, die US-Kapazität bei rund 500. Von größerer Tragweite ist der Letter of Intent, den Pistorius und Hegseth am Gipfelrand unterzeichneten: Er betrifft Kauf und Stationierung landgestützter Tomahawk-Marschflugkörper des Typs Block Vb mit rund 1.600 Kilometern Reichweite, betrieben von der Bundeswehr, und stellt damit die Kompensation für die abgesagte US-Stationierung dar. Medien berichten von bis zu 400 Stück für rund eine Milliarde US-Dollar. Der Lieferzeitpunkt ist allerdings völlig offen, Wiegold hält einen Termin vor 2030 für unrealistisch, da die US-Bestände durch die Iran-Einsätze geleert sind. Hinzu kommt eine deutsch-ukrainische Vereinbarung zur Lizenzfertigung des ukrainischen Mini-Marschflugkörpers Bars in Deutschland, dessen Reichweite je nach Variante 700 bis 1.000 Kilometer beträgt; die Produktion soll zunächst der Ukraine zugutekommen. Für Schlagzeilen sorgte Trump persönlich, als er eine Patriot-Lizenzproduktion in der Ukraine in Aussicht stellte, obwohl die Hersteller nach seiner eigenen Aussage noch gar nicht informiert waren und der Aufbau ohnehin Jahre dauern dürfte. Handfester sind drei weitere Vorhaben: Die AMRAAM-Produktion der neuesten Version wird nach Europa ausgeweitet, als wahrscheinlicher Standort gilt MBDA in Schrobenhausen; fünf Staaten prüfen eine europäische Instandsetzungsanlage für PAC-3-Flugkörper; und Deutschland sowie die Niederlande steigen in die Fertigung der STINGER-Manpads ein.
Das größte Einzelpaket bildet die Deep-Precision-Strike-Koalition. Zwölf europäische Staaten unter britischer Führung, darunter Deutschland, wollen über das nächste Jahrzehnt rund 50 Milliarden US-Dollar in Präzisionswaffen der Reichweiten von 300 bis über 2.000 Kilometer investieren, explizit als Antwort auf die amerikanischen Kräfteanpassungen. Zu den Bausteinen zählen der Marschflugkörper Stratus als Storm-Shadow-Nachfolger sowie eine deutsch-britische Hyperschallwaffe aus dem Trinity-House-Abkommen mit über 2.000 Kilometern Reichweite. Im Weltraum vernetzen acht Nationen, darunter Deutschland, unter dem Namen HALO ihre Militärsatelliten zu einer Mega-Konstellation für Kommunikation, Aufklärung und Frühwarnung; das Vorhaben befindet sich allerdings noch in der Konzeptphase. Den maritimen Paukenschlag lieferte bereits der Gipfelvorabend: Kanada wählte TKMS als bevorzugten Anbieter für bis zu zwölf U-Boote der Klasse 212CD, den größten Einzelauftrag der Firmengeschichte. Der Vertrag soll bis Ende 2027 stehen, die ersten vier Boote bis 2034 geliefert werden. Abgerundet wird das Paket durch mehrere Querschnittsinitiativen: über 40 Milliarden US-Dollar für die Drohnenabwehr binnen fünf Jahren samt fünfmal so vielen Drohnenpiloten bis Ende 2027, eine generische NATO-155-Millimeter-Munition namens GENIFR, ein Rohstoff-Lieferketten-Projekt sowie die von Kanada vorangetriebene Defence, Security and Resilience Bank, die ab 2027 insgesamt 134 Milliarden US-Dollar mobilisieren soll.
Fazit
Damit zurück zur Eingangsfrage. Ein Gipfel der Durchbrüche war Ankara nicht: Die Erklärung fiel bewusst schlank aus, sämtliche heiklen Themen wurden ausgeklammert oder in Minimalformeln verpackt. Eine Zäsur markiert der Gipfel dennoch, denn erstmals steht die neue Arbeitsteilung der Allianz offiziell im Raum. Europa übernimmt die konventionelle Hauptlast, die USA liefern Nuklearschirm und strategische Enabler. Dass Trump am Ende die Erklärung samt Artikel-5-Bekenntnis mittrug und statt der angedrohten Abzüge von „tremendous love“ sprach, zeigt, dass die Einheit gewahrt wurde. Täuschen sollte man sich davon allerdings nicht lassen: RUSI liegt richtig, wenn es diese Einheit als fragil und abhängig von Trumps Tagesform beschreibt. Zwischen Truppenabzugs-Drohung und Liebesbekundung lagen keine 24 Stunden.
Die Bilanz der Europäer fällt dabei durchaus beachtlich aus. Die von den USA gerissenen Lücken im Force Model wurden binnen Wochen weitgehend gefüllt, beim Industrie-Forum kamen an einem einzigen Tag Beschaffungen über 50 Milliarden Dollar zusammen, hinzu treten die erste ATACMS-Linie außerhalb der USA, die europäische AWACS-Nachfolge und der historische U-Boot-Auftrag für TKMS. Aus deutscher Sicht besonders bemerkenswert ist die Breite der Beteiligung: Berlin ist praktisch überall vorne mit dabei, beim Tomahawk-Kauf ebenso wie bei ATACMS, Bars, GlobalEye, Triton, HALO und der AMRAAM-Produktion. Das passt zum erklärten Anspruch, die stärkste konventionelle Armee Europas aufzubauen, und belegt, dass die Europäisierung der NATO kein Schlagwort mehr ist, sondern messbar stattfindet.
Ein gewichtiges Aber bleibt gleichwohl. Vieles von dem, was in Ankara gefeiert wurde, sind Absichtserklärungen und keine Verträge: Für die GlobalEye verhandelt die NSPA noch, die Tomahawk-Lieferung ist vor 2030 unrealistisch, die Patriot-Lizenz liegt Jahre entfernt, HALO steckt in der Konzeptphase. Die strategischen Bomber der Amerikaner kann Europa auf absehbare Zeit nicht ersetzen. Und mit SACEUR, Ramstein und dem Nuklearschirm behalten die USA genau jene Hebel, die Wiegold treffend zusammenfasst: Verantwortung abgegeben, Kontrolle behalten. Über allem schwebt zudem die laufende Force Posture Review, deren Ergebnis im Dezember die nächste Abzugsrunde bringen kann, während der europäische Fähigkeitsaufbau Jahre braucht. Ob Ankara als Geburtsstunde einer stärkeren europäischen NATO in Erinnerung bleibt oder als Gipfel der geduldigen Papiere, entscheidet sich deshalb nicht auf Gipfeln, sondern in Werkhallen und Haushaltsdebatten. Zu hoffen bleibt, dass aus den Unterschriften von Ankara schneller belastbare Fähigkeiten werden, als in Washington neue Fakten geschaffen werden.
