NATO Defense College: Studie warnt vor zu großer Abhängigkeit von Seedrohnen

NATO Defense College: Studie warnt vor zu großer Abhängigkeit von Seedrohnen
Foto: Stark

Ein Papier des NATO Defense College sieht bei komplexen unbemannten Über- und Unterwasserfahrzeugen erhebliche Grenzen. Der Autor rät den Bündnisstaaten, ihre bemannten Flotten nicht zugunsten von Drohnenkonzepten zu schwächen.

Das NATO Defense College (NDC) in Rom hat im September 2026 in seiner Reihe „Outlook“ (Nr. 10) eine Analyse zu unbemannten Seestreitkräften veröffentlicht. Verfasser ist David Blagden, Associate Professor für Internationale Sicherheit und Strategie an der University of Exeter und Senior Non-Resident Associate Fellow des NDC. Nach Angaben des Kollegs ist Blagden zudem Offizier der britischen Royal Naval Reserve. Das Papier gibt die Auffassung des Autors wieder, nicht zwingend die der NATO.

Blagden beschreibt die Ausgangslage der europäischen Marinen: Russlands Kriegswirtschaft könne militärische Masse vergleichsweise günstig erzeugen, zugleich drohe eine Verlagerung US-amerikanischer Kräfte weg von Europa. Russland habe gezeigt, dass es seine U-Boot-Flotte in großem Umfang in den Nordatlantik verlegen könne. Vor diesem Hintergrund seien unbemannte Überwasserfahrzeuge (USV) und Unterwasserfahrzeuge (UUV) attraktiv – auch wegen der ukrainischen Erfolge mit Seedrohnen gegen russische Kriegsschiffe. Die US Navy strebe ein Verhältnis von bemannten zu unbemannten Einheiten von 7:3 an, die Royal Navy wolle jedes bemannte Schiff durch mehrere unbemannte Systeme ergänzen. Seine Kritik bezieht Blagden ausdrücklich auf komplexe, schiffsähnliche Plattformen für eigenständige Einsätze – nicht auf einfache Sensorträger oder Einwegwaffen.

Geringere Abschreckungswirkung

Als zentrales Problem nennt der Autor die niedrigen politischen Kosten, die mit der Zerstörung unbemannter Plattformen verbunden sind. Wer ein bemanntes Kriegsschiff angreife, riskiere Todesopfer und damit Vergeltung. Bei Robotern sei die Hemmschwelle geringer. Gegner könnten unbemannte Systeme daher unterhalb der Schwelle zum Krieg gezielt abnutzen – etwa durch scheinbar zufällige Kollisionen mit Handelsschiffen oder mit Schleppnetzen – oder moderne Sensorik erbeuten und auswerten. Als Beleg verweist Blagden auf den Abschuss einer US-Drohne durch Iran 2019 und den erzwungenen Absturz einer US-Drohne über dem Schwarzen Meer 2023. Eine Erklärung, Angriffe auf Drohnen wie Angriffe auf bemannte Schiffe zu behandeln, hält er gegenüber einer Nuklearmacht wie Russland für wenig glaubwürdig. Offensivere Einsatzregeln für die Systeme bärgen wiederum das Risiko ungewollter Eskalation.

Mehr als Minenjagd

Am Beispiel eines Minenjagdboots erläutert Blagden, dass bemannte Schiffe zahlreiche Nebenaufgaben übernehmen: Seenotrettung, Kontrolle verdächtiger Handelsschiffe, Fischereiinspektionen, Öffentlichkeitsarbeit sowie erste Kommandoerfahrung für junge Offiziere. Diese Aufgaben erforderten menschliches Urteilsvermögen, das autonome Systeme derzeit nicht leisten könnten. Müssten Staaten dafür zusätzliche Küstenwach- oder Ausbildungskapazitäten schaffen, relativiere sich der Kostenvorteil unbemannter Systeme. Auch im Gefecht – insbesondere bei der Entscheidung, ob Gewalt angewendet wird – bleibe menschliches Urteil nach seiner Einschätzung unverzichtbar.

Belastungen auf See und Abhängigkeit von Datenverbindungen

Zudem verweist die Analyse auf die Wartungslast. Von den rund 185 Besatzungsmitgliedern einer britischen Fregatte vom Typ 23 seien im Gefecht nur etwa 33 unmittelbar mit Schiffsführung und Waffeneinsatz befasst; der Großteil halte das Schiff funktionsfähig. Große unbemannte Systeme dürften durch Seegang, Feuer und technische Defekte regelmäßig ausfallen. Bei Mutterschiff-Konzepten müssten Fregatten dann ihre Position verlassen, um Drohnen zu bergen. Auch die Versorgung komplexer Systeme auf See sei bislang nicht gelöst.

Hinzu kommt die Kommunikation: Ferngesteuerte Systeme benötigten ständige Datenverbindungen, die gestört, gehackt oder abgefangen werden könnten und Positionen preisgäben. Autonome Systeme ohne Verbindung könnten dagegen kein Lagebild übermitteln. Führungsknoten würden zu lohnenden Zielen, was nach Blagden Anreize zu frühen Angriffen und damit Krisensinstabilität schaffe.

Einordnung: Hybride Flotten in Planung

Blagden empfiehlt nicht, auf unbemannte Systeme zu verzichten. Die NATO-Staaten sollten sie entwickeln und einführen; bemannte Schiffe und U-Boote blieben aber auf absehbare Zeit das Rückgrat der Seestreitkräfte.

Die Debatte betrifft laufende Planungen. Der britische First Sea Lord, General Sir Gwyn Jenkins, erklärte im April 2026, ein Planspiel habe gezeigt, dass eine hybride Flotte die Flugkörperkapazität der Royal Navy verdreifachen könne; erste unbemannte Begleitschiffe sollen binnen zwei Jahren an der Seite britischer Kriegsschiffe fahren. Auch die Deutsche Marine setzt im „Kurs Marine 2025“ auf den Einstieg in unbemannte Systeme. Bis 2035 sind demnach mehr als 50 Über- und Unterwasserdrohnen vorgesehen. Im Februar 2026 übergaben TKMS und Israel Aerospace Industries in Eckernförde das erste autonome Unterwasserfahrzeug BlueWhale an die Marine.

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