Beim heutigen Besuch des Rüstungsherstellers KNDS in Kassel hat Verteidigungsminister Boris Pistorius erstmals erkennen lassen, dass die Radhaubitze RCH 155 inzwischen in der Ukraine eingetroffen ist. Eine offizielle Bestätigung der Überführung stand bislang aus.
Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius hat heute das Werk von KNDS Deutschland in Kassel besucht. Bei dem Termin erinnerte der Minister daran, dass an ebendieser Stelle die erste in die Ukraine gelieferte Radhaubitze gestanden habe – nach seiner Erinnerung vor rund zwei Jahren. Das System finde in der Ukraine aufgrund seiner Fähigkeiten große Zustimmung, führte Pistorius weiter aus. Damit bestätigte er erstmals – wenn auch indirekt –, dass das Artilleriesystem tatsächlich in der Ukraine im Einsatz ist.

Überführung bislang nicht offiziell bestätigt
Weder die Bundeswehr noch der Hersteller oder die ukrainische Seite hatten die Auslieferung der RCH 155 an die Ukraine bisher öffentlich bestätigt. Bekannt war lediglich, dass erste Fahrzeuge an die ukrainischen Streitkräfte übergeben und zunächst für die Ausbildung in Deutschland genutzt wurden. Das erste Serienexemplar hatte Pistorius am 13. Januar 2025 in Kassel an den ukrainischen Botschafter Oleksii Makeiev übergeben – die vom Minister genannte Zeitspanne dürfte demnach eher bei anderthalb Jahren liegen. Die Schulung ukrainischer Soldaten war ab dem Frühjahr 2025 vorgesehen, teils beim Hersteller, teils an der Artillerieschule des Heeres. Dem Vernehmen nach wurden die ersten Systeme erst vor wenigen Monaten in die Ukraine überführt. Ob die Radhaubitze dort bereits im Gefecht stand, ist offen: Die Äußerung des Ministers zum Zuspruch für das System legt einen Einsatz nahe, belegt ihn jedoch nicht.
54 Systeme für drei Artilleriebataillone
Insgesamt soll die Ukraine 54 Radhaubitzen des Typs RCH 155 erhalten und damit drei Artilleriebataillone ausstatten. Die Bestellung erfolgte in drei Losen zu je 18 Fahrzeugen: Bereits im Sommer 2022 stimmte die Bundesregierung Medienberichten zufolge der Produktion und Lieferung der ersten Tranche zu. Im Februar 2024 folgte im Zuge des deutsch-ukrainischen Sicherheitsabkommens die Zusage über 18 weitere Systeme mit geplanter Auslieferung von Ende 2025 bis in das Jahr 2027, Mitte 2024 wurde die Beschaffung eines dritten Loses bekannt. Bei der Übergabe des ersten Fahrzeugs bezifferte Pistorius das Investitionsvolumen auf rund 890 Millionen Euro; die Lieferungen sollen sich über das Jahr 2027 hinaus erstrecken. Ergänzend erhält die Ukraine einer früheren Aufstellung der Bundesregierung zufolge neun Feuerleitfahrzeuge auf Basis des Radschützenpanzers RCT-30. Jedes Bataillon dürfte damit über 18 Radhaubitzen und drei Feuerleitfahrzeuge verfügen.
Automatisiertes Geschütz auf Boxer-Fahrgestell
Die in Kassel gefertigte RCH 155 (Remote Controlled Howitzer 155 mm) kombiniert das Fahrmodul des Radpanzers GTK Boxer mit einem unbemannten, vollautomatischen Artilleriegeschützmodul. Dessen Waffenanlage im Kaliber 155 Millimeter mit der Rohrlänge L52 ist eine Weiterentwicklung der Panzerhaubitze 2000. Für den Betrieb genügen zwei Soldaten – Kommandant und Fahrer. Die Reichweite liegt nach Herstellerangaben munitionsabhängig bei 40 bis 54 Kilometern, mit Vulcano-Präzisionsmunition bei bis zu 70 Kilometern. Laut KNDS ist die RCH 155 zudem das bislang einzige Artilleriesystem, das den Feuerkampf während der Fahrt führen kann. Die Ukraine ist Erstnutzer des Systems – noch vor der Bundeswehr.
Bundeswehr und Großbritannien beschaffen das System ebenfalls
Deutschland und Großbritannien hatten im April 2024 angekündigt, die Radhaubitze gemeinsam zu beschaffen, und das Vorhaben im Oktober 2024 mit dem Trinity-House-Abkommen bekräftigt. Im Dezember 2025 billigte der Haushaltsausschuss des Bundestages die Beschaffung für die Bundeswehr; vorgesehen ist das System für die Mittleren Kräfte des Heeres als Ergänzung der Panzerhaubitze 2000. Großbritannien unterzeichnete im Mai 2026 einen entsprechenden Beschaffungsvertrag.
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