IRIS-T SLM: Zehn Staaten haben bestellt – wird es der europäische Standard?

IRIS-T SLM: Zehn Staaten haben bestellt – wird es der europäische Standard?
IRIS-T SLM | Foto: Diehl Defence

Als der ehemalige Bundeskanzler Olaf Scholz am 1. Juni 2022 im Bundestag die Lieferung von IRIS-T SL an die Ukraine ankündigte, nannte er es „das modernste Flugabwehrsystem, über das Deutschland verfügt“. Die Ironie dabei: Die Bundeswehr selbst hatte das System zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht bestellt, geschweige denn im Bestand – und der Hersteller Diehl Defence verfügte über genau einen einzigen Exportkunden. Vier Jahre später haben zehn Staaten das IRIS-T SLM fest geordert, aus dem Ukraine-Einsatz werden Trefferquoten von über 95 Prozent gemeldet, und die Nachfrage wächst schneller, als Diehl liefern kann. Dies gibt Anlass für einen genaueren Blick auf die Fähigkeiten des IRIS-T SLM, auf die bisherigen Besteller und Interessenten sowie auf die Fälle, in denen das System im Wettbewerb leer ausging. Abschließend wird die Frage erörtert, ob IRIS-T SLM zum neuen europäischen Standard der Luftverteidigung mittlerer Reichweite wird.

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Technische Daten IRIS-T SLM

Beim IRIS-T SLM handelt es sich um ein bodengebundenes Luftverteidigungssystem mittlerer Reichweite von Diehl Defence aus Überlingen. Der Name steht für Infra Red Imaging System – Tail/Thrust Vector-Controlled, Surface Launched Medium Range und verweist auf die Herkunft: Abgeleitet wurde das System vom Luft-Luft-Lenkflugkörper IRIS-T, der seit 2005 im Dienst steht und ab 2007 zum Boden-Luft-System weiterentwickelt wurde. Bekämpft werden können Flugzeuge, Hubschrauber, Marschflugkörper und Drohnen – laut Steckbrief der Bundeswehr auch Lenkwaffen einschließlich ballistischer Kurzstreckenraketen. Die Reichweite beträgt 40 Kilometer, die Höhenabdeckung 20 Kilometer.

Eine Feuereinheit besteht in der Regel aus einem Multifunktionsradar TRML-4D von Hensoldt, einem Gefechtsstand mit der Führungssoftware IBMS-FC von Airbus sowie drei Startgeräten mit je acht Flugkörpern – bis zu acht Startgeräte sind möglich. Hinzu kommen Werkstatt-, Ersatzteil- und Nachladefahrzeuge; als Trägerfahrzeuge dienen HX-Lkw von Rheinmetall MAN. Das TRML-4D ist ein allwetterfähiges 3D-Radar mit AESA-Technik, also elektronischer Strahlschwenkung, das Ziele in bis zu 250 Kilometern Entfernung rundum erfasst.

Der Flugkörper IRIS-T SL ist 2,90 Meter lang, wiegt 88 Kilogramm und erreicht mit Feststoffantrieb bis zu Mach 3. Gelenkt wird er über GPS-gestützte Trägheitsnavigation und Datenlink, in der Endphase übernimmt der passive bildgebende Infrarotsuchkopf; die Schubvektorsteuerung – die gezielte Umlenkung des Triebwerksstrahls – sorgt für extreme Manövrierfähigkeit. Da die Flugkörper senkrecht starten, kann eine Feuereinheit 360 Grad abdecken und mehrere Ziele gleichzeitig bekämpfen – laut Kundenaussagen auch Angriffswellen mit über 15 Zielen.

Beachtlich ist auch die Mobilität: Innerhalb von 15 Minuten ist das System in Stellung und ebenso schnell wieder verlegt, die Startgeräte lassen sich bis zu 20 Kilometer vom Gefechtsstand absetzen, das Nachladen dauert rund 15 Minuten, und das Gesamtsystem ist lufttransportfähig. In der Ukraine wird nach dem Shoot-and-Scoot-Prinzip – also Schießen und sofortiges Verlegen – teils sogar ohne ausgefahrene Hydraulikstützen gefeuert. Für den Feuerkampf rund um die Uhr sind 50 bis 60 Soldaten erforderlich, der Gefechtsstand selbst kommt mit drei Bedienern aus.

Für Exportkunden sind zwei Eigenschaften entscheidend: IRIS-T SLM ist ITAR-frei, unterliegt also keinen amerikanischen Genehmigungsvorbehalten bei Export und Weiterentwicklung, und lässt sich dank offener Architektur in unterschiedlichste Führungssysteme einbinden. Innerhalb der Systemfamilie bildet das SLM die Mitte zwischen dem Kurzstreckensystem IRIS-T SLS und der Langstreckenvariante IRIS-T SLX mit 80 Kilometern Reichweite, die derzeit entwickelt wird und dieselbe Feuereinheit nutzen soll. Ganz ohne Schwächen ist das System allerdings nicht: Der Infrarotsuchkopf kann bei Nebel, Regen oder starker Sonneneinstrahlung beeinträchtigt werden, die GPS-gestützte Navigation ist in einem gestörten Umfeld im Nachteil, und gegen ballistische Raketen reicht die Höhenabdeckung nur für ein Abfangen in der Endphase – als Flächenschutz gegen ballistische Angriffe gilt das System deshalb als ungeeignet.

IRIS-T SLM | Foto: Diehl Defence

Bestellungen

Zehn Staaten haben IRIS-T SLM bislang bestellt, größtenteils aus Europa. Den Anfang machte allerdings ein Kunde außerhalb Europas.

Ägypten wurde im April 2018 nach knapp zwei Jahren Verhandlungen als erster Exportkunde überhaupt bekannt. Diehl sprach zunächst von „mehreren Systemen im höheren Hundert-Millionen-Bereich“; insgesamt geht es um sieben Systeme mit Lieferung ab 2021 und ein Gesamtpaket von rund zwei Milliarden Euro – inklusive Radar- und Kommandostationen sowie Folgebestellungen der Varianten SLX und SLS. Ausschlaggebend war ausdrücklich der Wunsch nach rein deutscher, ITAR-freier Technologie. Bemerkenswert ist dabei: Das erste an die Ukraine gelieferte System im Oktober 2022 stammte direkt von dieser Fertigungslinie und war ursprünglich für Ägypten bestimmt.

Damit ist das wichtigste Kapitel erreicht: die Ukraine. Auf die Ankündigung des Kanzlers folgte im Juni 2022 der Vertrag für die erste Feuereinheit, geliefert wurde bereits im Oktober – Diehl selbst sprach von einer „außergewöhnlichen industriellen Leistung“. Deutschland sagte insgesamt 24 Systeme zu, je zwölf IRIS-T SLM und zwölf der Kurzstreckenversion SLS. Bis Ende 2024 waren sechs SLM-Systeme ausgeliefert, im April 2026 standen neun Feuereinheiten im Einsatz. Die ukrainischen Feuereinheiten sind eine Sonderkonfiguration mit drei SLM- und zwei zusätzlichen SLS-Startgeräten, um die Feuerkraft zu erhöhen. Im Mai 2025 folgte ein Großvertrag über vier weitere Systeme samt Flugkörpern im Wert von 2,2 Milliarden Euro, im April 2026 eine Nachbestellung von 36 zusätzlichen Werfern für 182 Millionen Euro – finanziert wie das Gros der Lieferungen von Deutschland. Die Einsatzbilanz ist beeindruckend: eine Abfangquote von über 95 Prozent, rund 240 Abschüsse bis zur ILA 2024 – und laut Botschafter Makeiev wurden sogar ballistische Raketen abgefangen.

Bei der Bundeswehr selbst sollte IRIS-T SLM ursprünglich erst zum Ende der Dekade im Rahmen des Luftverteidigungssystems Nah- und Nächstbereichsschutz, kurz NNbS, zulaufen. Nach dem russischen Überfall legte das Verteidigungsministerium jedoch ein Sofortprogramm auf: sechs Feuereinheiten für rund 950 Millionen Euro inklusive 216 Lenkflugkörpern, finanziert aus dem Sondervermögen, Vertragsschluss am 22. Juni 2023. Bereits Anfang September 2024 wurde die erste Feuereinheit in Todendorf im Beisein von Kanzler Scholz und Verteidigungsminister Pistorius in Dienst gestellt. Dies hatte allerdings vor allem symbolischen Charakter, denn das System ging danach zunächst wieder an die zuständige Wehrtechnische Dienststelle zurück. Erst eineinhalb Jahre später, Mitte Februar 2026, erhielt die Flugabwehrraketengruppe 61 die erste Einheit in nationaler Konfiguration – mit vier statt zwei Arbeitsplätzen im Gefechtsstand und angepassten NATO-Schnittstellen. Bis Ende 2027 sollen fünf Staffeln aufgestellt sein – und der Bedarf wächst weiter: Im Regierungsentwurf 2027 stiegen die Haushaltsansätze für IRIS-T SLM von 2,6 auf rund 11,4 Milliarden Euro; laut dem Fachportal hartpunkt fordert die Luftwaffe insgesamt 50 Feuereinheiten, das Heer könnte bis zu 25 weitere betreiben. Dem steht allerdings ein handfestes Problem gegenüber, auf das im Fazit noch näher eingegangen wird: das Personal.

Im September 2023 folgten mit Estland und Lettland die ersten europäischen Exportkunden: Beide Länder schlossen im Zuge ihres Beitritts zur European Sky Shield Initiative – kurz ESSI, der von Deutschland getragenen Initiative für die gemeinsame Beschaffung von Luftverteidigung – gemeinsame Rahmenverträge mit Diehl. Für Estland sind die 360 Millionen Euro die größte Verteidigungsinvestition der Landesgeschichte; die erste Feuereinheit wurde am 22. Juni 2026 auf der Ämari Air Base übergeben – rund ein Jahr später als geplant. Lettland rief aus seinem rund eine Milliarde Euro schweren Rahmenvertrag im Dezember 2023 eine Tranche über etwa 600 Millionen Euro ab – nach Berechnung der Fachzeitschrift Europäische Sicherheit & Technik genug für drei bis vier Feuereinheiten, mit Lieferbeginn 2026. Beide Länder müssen IRIS-T SLM in ihr amerikanisches Führungssystem FAAD C2 einbinden; für Wartung und Ersatzteile entsteht zudem mit einem lettischen Partner ein Service-Hub im Baltikum.

Slowenien wiederum schrieb ein Stück Vertragsgeschichte: Nach der ersten ESSI-Programmvereinbarung überhaupt im Dezember 2023 folgte am 25. Januar 2024 der Kaufvertrag über eine Feuereinheit mit Radar, Gefechtsstand und vier Startgeräten für rund 200 Millionen Euro – der erste standardisierte ESSI-Vertrag überhaupt und für das Land der Einstieg in die Flugabwehr mittlerer Reichweite. Um eine zeitnahe Lieferung zu ermöglichen, verteilte Diehl seine knappen Produktionsslots gezielt um. Im Juli 2025 bestellte Slowenien zwei weitere Feuereinheiten nach, die Insiderinformationen zufolge bereits 2026 geliefert werden sollen.

Bulgarien bestellte am 7. Oktober 2024 in Koblenz ein System für 182 Millionen Euro – per Mandatsvertrag mit dem Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr, kurz BAAINBw, dem Beschaffungsamt der Bundeswehr. Interessanter als die Erstbestellung sind die Optionen: bis 2032 fünf weitere SLM-Systeme – und als bislang einziger Kunde eine Option auf die Langstreckenvariante IRIS-T SLX.

Es folgte Schweden: Am 23. Juni 2025 verkündeten Ministerpräsident Kristersson und Verteidigungsminister Jonson auf Gotland die Beschaffung von sieben Feuereinheiten – je zwei für die drei Kampfbrigaden, die siebte für die Verteidigung Gotlands. Der Preis von umgerechnet rund 810 Millionen Euro liegt deutlich unter vergleichbaren Verträgen, was einen einfachen Grund hat: Stockholm bestellte nur zwei TRML-4D-Radare mit. Da jede Feuereinheit ein Radar benötigt, fehlen rechnerisch fünf – Beobachter vermuten, dass Schweden eigene Radare von Saab integrieren will. Ohnehin ist Schweden ein Sonderfall: seit den 1990er-Jahren Partner im IRIS-T-Konsortium, Nutzer des Flugkörpers am Gripen und 2020 weltweit erster Kunde des Kurzstreckensystems SLS. Die SLM-Auslieferung läuft von Mitte 2028 bis Mitte 2030.

Einen Monat später zog die Schweiz nach – unter besonderen Vorzeichen: Im Programm Bodluv MR, der bodengestützten Luftverteidigung mittlerer Reichweite, war Diehl am Ende konkurrenzlos, weil Kongsberg und MBDA im Juli 2024 auf ein Angebot verzichtet hatten. Nach dem ESSI-Beitritt im Oktober 2024 bestellte das BAAINBw am 23. Juli 2025 mit Vollmacht der Schweizer Beschaffungsbehörde fünf Systeme für 500 Millionen Franken, umgerechnet rund 540 Millionen Euro – deutlich unter dem bewilligten Kredit von 660 Millionen Franken. Geliefert wird zwischen Ende 2028 und 2031.

Den vorerst letzten großen Abschluss verzeichnete Dänemark, das erst im März 2025 mit dem Aufbau einer eigenen bodengebundenen Luftverteidigung begonnen hatte. Als Übergangslösung beschaffte Kopenhagen im Sommer 2025 für rund 800 Millionen Euro gleich drei Systeme parallel: zwei Feuereinheiten VL MICA von MBDA, eine geleaste NASAMS-Einheit – und eine Feuereinheit IRIS-T SLM, mit der Dänemark zum achten ESSI-Nutzerstaat wurde. Die eigentliche Richtungsentscheidung folgte im Dezember 2025: Nach Bewertung aller Optionen wählte die Beschaffungsbehörde DALO IRIS-T SLM als dauerhafte Lösung – drei Feuereinheiten fest, Optionen auf acht weitere samt Nachladefahrzeugen, Ausbildung und zwei zusätzlichen Gefechtsständen, im Maximalausbau also bis zu elf Systeme für rund 2,1 Milliarden Euro. Insgesamt will Dänemark bis zu vier Milliarden Euro in die Luftverteidigung mittlerer Reichweite investieren.

Der deutsche Rüstungskonzern Diehl Defence und das brasilianische Unternehmen AEL Sistemas haben in Brasília eine Absichtserklärung zur bodengebundenen Luftverteidigung Brasiliens unterzeichnet. Grundlage der Zusammenarbeit sind die Systeme IRIS-T SLM und das künftige IRIS-T SLX.
IRIS-T SLM | Foto: Diehl Defence / PIZ Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung

Interessenten

So beachtlich die Bestellliste ist – die Liste der Interessenten ist kaum kürzer. Am konkretesten sind die Pläne in Österreich: Bereits im November 2023 kündigte Wien an, je vier Feuereinheiten IRIS-T SLM und SLS für zwei Milliarden Euro beschaffen zu wollen. Österreich trat im Mai 2024 der ESSI bei und ist Teil des EU-Förderprojekts JAMIE – Joint Air Missile Defence Initiative in Europe –, das die gemeinsame IRIS-T-Beschaffung von sechs Mitgliedstaaten fördert. Ein Vertrag ist dennoch bislang nicht zustande gekommen. Rumänien wird bereits seit Juli 2023 als Interessent geführt und plant inzwischen die Beschaffung von drei Batterien für 576 Millionen Euro über das EU-Finanzierungsinstrument SAFE – eine feste Bestellung steht jedoch auch hier noch aus.

Auch Griechenland und Spanien gelten als Interessenten – beide sind industriell längst tief im Programm verankert: Griechenland gehört dem Entwicklerkonsortium an, Hellenic Defence Systems fertigt seit über 20 Jahren wesentliche Baugruppen; in Spanien entwickelt Sener seit 2004 das Steuerteil des Flugkörpers, und im März 2026 vereinbarte Diehl eine Kooperation mit der Indra-Gruppe.

Tschechien wiederum hat sich bereits 2022 der ESSI angeschlossen, modernisiert seine Flugabwehr zunächst aber mit vier SPYDER-Batterien aus Israel. Im ESSI-Rahmen ist IRIS-T SLM als künftiges System mittlerer Reichweite vorgesehen – abhängig davon, wie Prag die weiteren Schichten seiner Luftverteidigung finanziert.

Schließlich öffnet sich ein Markt jenseits Europas: Im Juli 2026 unterzeichneten Diehl und das brasilianische Unternehmen AEL Sistemas ein Memorandum of Understanding, das Diehl als Hauptauftragnehmer für IRIS-T SLM und künftig SLX vorsieht; AEL integriert nationale Komponenten wie den Datenlink Brazilian Link BR2. Die Basis existiert – IRIS-T ist Standardbewaffnung der brasilianischen Gripen-Flotte –, eine Bestellung liegt bislang jedoch noch nicht vor.

Abgebrochen

Bleibt die Frage, in welchen Wettbewerben IRIS-T SLM unterlag – die Antwort fällt erstaunlich knapp aus, denn dokumentiert ist bislang ein einziger Fall: die Slowakei. Das Land entschied sich im September 2024 für das israelische System Barak MX von Israel Aerospace Industries; Medienberichten zufolge waren neben IRIS-T SLM auch Spyder von Rafael und VL MICA von MBDA im Rennen. Warum die Wahl gegen das deutsche System fiel, wurde nie öffentlich begründet – weder Auswahlkriterien noch Entscheidungsgründe sind bekannt.

Fazit

Die Bilanz fällt bemerkenswert aus. Kaum ein deutsches Rüstungsprogramm hat in so kurzer Zeit eine solche Entwicklung genommen: 2018 hatte IRIS-T SLM mit Ägypten genau einen Kunden, und die Bundeswehr wollte das System erst irgendwann zum Ende der Dekade einführen. Acht Jahre später steht es bei zehn Staaten unter Vertrag und ist in der Ukraine kriegserprobt wie kein zweites westliches System seiner Klasse – mit gemeldeten Trefferquoten von über 95 Prozent, Hunderten erfolgreichen Abschüssen und laut ukrainischen Angaben sogar abgefangenen ballistischen Raketen. Genau darin liegt der wohl wichtigste Verkaufsfaktor: Kein Hochglanzprospekt überzeugt so sehr wie der tägliche Ernstfall im ukrainischen Luftraum.

Der zweite Erfolgsfaktor ist unscheinbarer, aber kaum weniger wichtig: das Beschaffungsmodell. Über die European Sky Shield Initiative und den deutschen Rahmenvertrag steigen Partnernationen zu Bundeswehr-Konditionen ein, das BAAINBw bestellt mit Vollmacht gleich für Bern und Kopenhagen mit – standardisierte Verträge, gebündelte Stückzahlen, kurze Verhandlungswege. Nicht ohne Grund dient dieses Modell inzwischen als Blaupause für 22 weitere Rüstungsprogramme. Dass das System dabei vollständig ohne US-Komponenten auskommt, macht es von Kairo bis Bern zusätzlich attraktiv – keine Genehmigungsvorbehalte, keine politischen Hebel aus Washington.

Dennoch wäre es verfehlt, ausschließlich die Erfolgsgeschichte zu erzählen, denn drei Probleme fallen ins Auge. Erstens die Produktion: Estland erhielt seine erste Feuereinheit rund ein Jahr später als geplant, Diehl muss knappe Fertigungsslots zwischen den Nationen aufteilen, und etliche Auslieferungen ziehen sich bis 2030 und darüber hinaus – die Nachfrage wächst schlicht schneller als die Kapazität. Zweitens das bereits angesprochene Personalproblem: Eine Feuereinheit bindet 50 bis 60 Soldaten im Schichtbetrieb. Generalleutnant Kohlhaus erklärte im Mai 2025, mehr als die vorgesehenen 29 Flugabwehrsysteme aus IRIS-T SLM, Patriot und Arrow könne die Luftwaffe personell „für den Moment“ nicht betreiben – bereits für den Einstieg gab die Bundeswehr ihre MANTIS-Systeme an die Slowakei ab, um Bediener freizubekommen. Der diskutierte Aufwuchs auf 50 Feuereinheiten für die Luftwaffe und bis zu 25 für das Heer ist damit weniger eine Geld- als eine Personalfrage.

Drittens ist auch der Markt kein Selbstläufer, wie die Niederlage in der Slowakei gegen Barak MX zeigt – mit NASAMS, VL MICA oder Spyder bleibt die Konkurrenz im Rennen. Unter dem Strich ergibt sich dennoch ein eindeutiges Bild: Mit Bulgariens Option auf das kommende IRIS-T SLX, dem industriellen Brückenkopf in Brasilien, bis zu elf Systemen für Dänemark und deutschen Haushaltslinien, die von 2,6 auf über elf Milliarden Euro angehoben wurden, lässt sich die eingangs gestellte Frage klar beantworten: IRIS-T SLM ist auf dem besten Weg, der europäische Standard in der Luftverteidigung mittlerer Reichweite zu werden. Ob daraus ein dauerhafter Erfolg wird, entscheidet sich allerdings weniger am Verhandlungstisch als in den Werkhallen von Diehl.

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