Bei der Kiellegung des dritten Flottendienstbootes auf der Peene-Werft in Wolgast hat Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius am 14. September 2026 die Beschaffung einer vierten Einheit angekündigt. Die Vorlage soll nun dem Parlament zugeleitet werden.
Kiellegung mehrere Monate vor Plan
Die Kiellegung des dritten Bootes der Klasse 424 erfolgte nach Angaben von Rheinmetall mehrere Monate früher als vorgesehen. Am Standort Wolgast, der seit 2026 zur Marineschiffbau-Sparte des Düsseldorfer Konzerns gehört, wird parallel das zweite Boot gefertigt. An der Zeremonie nahmen neben Pistorius und Rheinmetall-Chef Armin Papperger die Ministerpräsidentin Mecklenburg-Vorpommerns, Manuela Schwesig, Staatsminister Philipp Amthor, der stellvertretende Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Axel Deertz, der Inspekteur des Cyber- und Informationsraums (CIR), Vizeadmiral Thomas Daum, sowie Vertreter der künftigen Patenstadt Hof und des Beschaffungsamtes BAAINBw teil.
Pistorius erklärte in Wolgast, das Fähigkeitsprofil der Bundeswehr weise einen Bedarf von insgesamt vier Flottendienstbooten aus. Er habe in Abstimmung mit dem Inspekteur der Marine und dem Inspekteur CIR den Kurs für ein viertes Schwesterboot gesetzt; die fachliche Entscheidung sei getroffen, nun folge die parlamentarische Befassung. Eine Beschaffung setzt die Zustimmung des Haushaltsausschusses des Bundestages voraus.
Aufklärungsplattform für Marine und CIR
Die rund 130 Meter langen Boote der Klasse 424 sind Plattformen der seegestützten Informationsgewinnung. Sie führen Fernmelde- und Elektronische Aufklärung durch und liefern Daten für die militärische Lagebilderstellung. Pistorius verwies auf eine Sensorik zur Überwachung des elektromagnetischen Spektrums über Land, Luft und See. Betreiber ist die Deutsche Marine, Hauptnutzer der Aufklärungskapazität der Cyber- und Informationsraum mit Spezialisten des Kommandos Strategische Aufklärung; Beschafferin ist das BAAINBw. Der Zulauf soll ab 2029 schrittweise erfolgen. Die neuen Einheiten ersetzen die Boote der Oste-Klasse, die seit Ende der 1980er Jahre im Dienst stehen. Endausrüstung, Inbetriebnahme und Erprobung finden laut Rheinmetall am Hamburger Standort Blohm+Voss statt.
Signal für einen Standort unter Druck
Für Wolgast hat die Ankündigung wirtschaftliche Bedeutung. Nach dem Abbruch des Fregattenprojekts F126 droht der Werft ab Mitte 2027 eine Auftragslücke; rund 400 Arbeitsplätze gelten als gefährdet. Das Verteidigungsministerium hatte das Vorhaben im Juni 2026 wegen Verzögerungen, drohender Kostensteigerungen und weiterer Risiken beendet. Schwesig hatte bereits Ende August eine Beteiligung Wolgasts am Bau der MEKO-Fregatten oder ein viertes Flottendienstboot gefordert. Papperger kündigte im Anschluss an die Rede an, Rheinmetall wolle über die Bundeswehr hinaus Schiffe an weitere Partner liefern, darunter die im August vorgestellte Fregatte GMF 140. Zudem sehe er Bedarf der Bundeswehr bei der Minenjagd und bei kleinen, agilen Booten.
Einordnung: Bedarf, Kosten, Personal
Die Bedarfsbegründung ist neu. Der im Mai 2025 vorgestellte „Kurs Marine 2025“ weist für den Zielbestand ab 2035 ausdrücklich drei Flottendienstboote aus – ebenso die bisherige Programmplanung: Der Haushaltsausschuss hatte im Sommer 2023 bis zu 3,26 Milliarden Euro für drei Boote gebilligt. Eine öffentlich nachvollziehbare Fortschreibung des Fähigkeitsprofils, die den Sprung auf vier Einheiten militärisch herleitet, liegt bislang nicht vor. Da die Ankündigung zeitgleich mit der drohenden Unterauslastung in Wolgast erfolgt, liegt die Frage nahe, ob industrie- und strukturpolitische Erwägungen die Entscheidung mitgetragen haben. Für diese Lesart spricht auch, dass bereits für die F126 beschafftes Material verwendet und damit mögliche Schadenersatzforderungen gemindert werden könnten.
Hinzu kommen die Kosten von rechnerisch gut einer Milliarde Euro je Einheit. Der Grünen-Verteidigungspolitiker Robin Wagener hatte vor der Kiellegung erklärt, entscheidend sei, wo und wofür ein zusätzliches Boot gebraucht werde; der Eindruck, eine Milliarde falle nicht mehr ins Gewicht, dürfe nicht entstehen. Militärisch ließe sich mit einer vierten Einheit die gleichzeitige Beobachtung zweier Einsatzräume darstellen.
Offen ist zudem die Personalfrage. Die Besatzungen bestehen aus einer seemännisch-technischen Stammbesatzung der Marine und Aufklärungspersonal des CIR – Verwendungen mit langen Ausbildungszeiten und hohen Sicherheitsanforderungen. Die Marine operiert nach eigenen Angaben mit der kleinsten Flotte ihrer Geschichte und verzeichnet erhebliche Personaldefizite. Ein viertes Boot bindet zusätzliche Spezialisten, deren Gewinnung nicht kurzfristig skalierbar ist.
