Das Bundesministerium der Verteidigung hat im April 2026 eine Agenda mit 153 konkreten Maßnahmen vorgelegt, die den Verwaltungsapparat der Bundeswehr schlanker und digitaler machen sollen – mit dem erklärten Ziel, die Einsatzbereitschaft der Streitkräfte zu erhöhen.
Hintergrund: Bürokratie als strukturelles Problem
Die Klagen über überbordende Bürokratie in der Bundeswehr sind nicht neu. Bereits 1969 beklagte der damalige Verteidigungsminister Helmut Schmidt die lähmende Schwerfälligkeit des Verwaltungsapparats. Mehr als fünf Jahrzehnte später sieht das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) erneut dringenden Handlungsbedarf – diesmal vor dem Hintergrund eines ambitionierten Aufwuchsziels: Bis 2035 sollen die Streitkräfte auf 460.000 Personen anwachsen, davon 260.000 aktive Soldatinnen und Soldaten sowie 200.000 Reservistinnen und Reservisten. Dieses Ziel ist gesetzlich im Soldatengesetz verankert und dient der Erfüllung der NATO-Fähigkeitsziele.

Inhalt der Agenda: Acht Handlungsfelder
Die sogenannte „Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda“ (EMA26) gliedert sich in acht thematische Bereiche:
Bürokratieabbau bildet den Kern. Überflüssige Regelungen sollen identifiziert und abgeschafft, Melde- und Berichtspflichten auf das rechtlich notwendige Minimum reduziert, Dokumentationspflichten vereinfacht und Genehmigungsverfahren beschleunigt werden. Neu ist ein sogenanntes Eskalationsverfahren mit „Beweislastumkehr“: Wer eine Vereinfachungsmaßnahme ablehnt, muss dies künftig begründen – nicht umgekehrt.
Moderne Führungskultur ist ein weiterer Schwerpunkt. Führungskräfte sollen stärker nach dem Prinzip „Führen mit Auftrag“ handeln, also Verantwortung delegieren statt kontrollieren. Geplant sind unter anderem verpflichtende anonyme 360-Grad-Feedbacks für Führungskräfte ab Besoldungsebene A16, Coaching-Angebote vor Ort sowie der Ausbau von Teilzeitmodellen in Führungspositionen.
Agilität und flexible Strukturen sollen durch sogenannte Flexi-Teams, Lernnetzwerke und die Förderung von „New Work“-Prinzipien gestärkt werden. Geplant ist zudem die Einrichtung von Ideenwerkstätten in allen Organisationsbereichen.
Resilienz umfasst sowohl organisatorische Maßnahmen – etwa die Überarbeitung von Notfallplänen und Alarmierungsregelungen – als auch die psychische Leistungsfähigkeit des Personals. Konkret vorgesehen ist eine KI-gestützte Hotline für psychologische Krisenintervention sowie Programme zur Stärkung des sogenannten „Combat Mindset“ bei Soldatinnen und Soldaten.
Digitalisierung von Verwaltungsabläufen ist ein besonders umfangreiches Handlungsfeld. PDF-Formulare sollen durch automatisierte digitale Workflows ersetzt, Papierakten digitalisiert, Dienstreisegenehmigungen und Schadensbearbeitungen vollständig elektronisch abgewickelt werden. Geplant ist außerdem ein zentrales Informationsportal, das bestehende Plattformen wie das Bw-Intranet, SharePoint und WikiBw zusammenführt.
Künstliche Intelligenz soll flächendeckend eingesetzt werden – von der E-Mail-Bearbeitung über KI-gestützte Suchmaschinen bis hin zur automatisierten Vorlagenerstellung. Eine Qualifizierungsoffensive soll sicherstellen, dass alle Beschäftigten mit den neuen Werkzeugen umgehen können.
Innovationsförderung zielt darauf ab, eine experimentierfreundliche Organisationskultur zu etablieren. Ein Pilotprojekt der Marine namens „RESET“ soll einer einzelnen Dienststelle maximale Entscheidungsautonomie gewähren und als Blaupause für weitere Einheiten dienen.
Transparente Umsetzung: Der Fortschritt der Agenda soll regelmäßig dokumentiert und kommuniziert werden. Eine Wirkungsanalyse ist vorgesehen.
Einordnung: Reformdruck durch veränderte Sicherheitslage
Deutschland hat sich im Rahmen des NATO-Gipfels 2023 zu erheblichen Investitionen und strukturellen Reformen verpflichtet. Laut Bundesrechnungshof hat die Bundeswehr in der Vergangenheit regelmäßig mit zu langen Beschaffungsprozessen und ineffizienten Verwaltungsstrukturen zu kämpfen gehabt.
Die Agenda wurde unter Einbeziehung von Vorschlägen aus Truppe und Wehrverwaltung erarbeitet, ergänzt durch Beiträge einer Gruppe aus Professorinnen und Professoren der Universitäten der Bundeswehr sowie Empfehlungen der sogenannten „Weißblattgruppe“ aus Generalstabslehrgangs-Preisträgern.
Die Umsetzung der Maßnahmen ist auf einen Zeitraum von bis zu 60 Monaten angelegt, wobei ein Teil der Vorhaben sofort begonnen werden soll.
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