Seit 1971 übt die NATO mit BALTOPS in der Ostsee. Der Kalte Krieg, in dem die Übung entstand, ist vorbei – die Phase des Friedens und der Kooperation zwischen NATO, EU und Russland im Ostseeraum aber auch. Sabotage an Unterseekabeln, gestörte Navigationssignale und eine hochgerüstete Exklave in Kaliningrad haben das Binnenmeer zurück ins Zentrum der europäischen Sicherheit gerückt. Über die Ostsee müssen die baltischen Staaten und Finnland im Ernstfall versorgt werden – und ob das gelingt, entscheidet sich unter anderem an zwei Räumen: dem schwedischen Gotland und der schmalen Suwałki-Lücke an der polnisch-litauischen Grenze.
Einleitung: Eine kleinere Übung, ein größeres Thema
Am 4. Juni 2026 läuft aus dem polnischen Gdynia heraus die diesjährige BALTOPS¹ an, die maritime Großübung der NATO im Ostseeraum. Sie dauert bis zum 19. Juni, umfasst rund zwanzig Schiffe aus fünfzehn Nationen und etwa 6.000 Soldaten; damit ist die Übung etwa halb so groß wie der Vorjahrgang, der noch über vierzig Schiffe, rund 9.000 Soldaten und sechzehn Nationen aufbot. Die deutsche Übungsleitung ordnete die Verkleinerung als Lastverteilung ein und betonte zugleich, dass eine US-geführte Großübung mit breiter NATO-Beteiligung in der gegenwärtigen Lage ein Zeichen der Bündnisstärke setze.
Inhaltlich legt BALTOPS 2026 seinen Schwerpunkt auf den Schutz der See- und Nachschubwege rund um die schwedische Insel Gotland. Die NATO probt damit die Aufrechterhaltung der maritimen Verbindungslinien, über die das Baltikum versorgt und verstärkt werden müsste. Die deutsche Übungsleitung verwies ausdrücklich darauf, dass es dabei nicht nur um militärische, sondern auch um kommerzielle Schifffahrt geht.
BALTOPS ist kein neues Format. Die Übung findet seit 1971 jährlich statt; ihre Ursprünge liegen im Kalten Krieg, und ihr Repertoire — U-Boot-Jagd, Minenabwehr, Konvoisicherung, Luftverteidigung und amphibische Operationen — ist im Kern über fünf Jahrzehnte gleich geblieben. Maritime Sicherheit in der Ostsee ist also kein neues Thema für die NATO. Neu ist seit der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022 jedoch die Dringlichkeit. Es stellen sich folgende Fragen: Welche Räume entscheiden im Ernstfall über Zugang, Versorgung und Verteidigung im Ostseeraum — und reicht das, was die NATO heute an Erkenntnis und an Vorhalt aufbietet, gemessen an dem Maßstab, an dem ein solcher Konflikt tatsächlich entschieden würde? Der Maßstab dafür stammt nicht aus dem Bündnis selbst, sondern aus der Lage: Es ist der tatsächliche Versorgungsbedarf dreier exponierter baltischer Staaten und Finnlands unter Bedingungen einer umkämpften See.
Die These lautet, dass die Verteidigung des Baltikums sich weniger an der Landgrenze als in der Ostsee entscheidet — und dass jeder, der einen Konflikt im Ostseeraum für sich entscheiden will, bestimmte Räume kennen, verstehen und beherrschen muss. Zwei davon bekommen in dieser Note das Spotlight, um die Lage zu veranschaulichen.
Das Binnenmeer als Voraussetzung — die Logik der Versorgbarkeit
Wie existenziell die Ostsee für die Sicherheit der nordischen und baltischen Staaten ist, wurde während unserer FIBS-Exkursion nach Finnland im April 2026 in besonderem Maße deutlich. Pentti Olin von der finnischen NESA² machte gegenüber dem Forum deutlich, dass die Ostsee für diese Staaten kein Nebenschauplatz ist, sondern die strategische Lebensgrundlage. Sollte die Ostsee aufhören, das von der NATO geprägte Binnenmeer zu sein, das wir heute kennen, und teilweise oder vollständig unter russische Kontrolle geraten, dann wäre ein Konflikt aus Sicht dieser Staaten bereits verloren, bevor er überhaupt begonnen hätte.
Finnland ist dafür das deutlichste Beispiel. Die Existenz des Landes als handlungsfähiger Staat hängt im Krisenfall an freien See- und Handelswegen. Der Norden Finnlands trägt diese Last nicht. Häfen, Schienen- und Straßenanbindungen sind dort nicht in ausreichendem Umfang vorhanden; hinzu kommen die geographischen und klimatischen Bedingungen — große Entfernungen, dünne Besiedlung, lange und harte Winter —, die begrenzen, was über Land überhaupt bewegt werden kann. Eine Versorgung über arktische Routen wäre weder im erforderlichen Umfang noch mit der erforderlichen Verlässlichkeit zu leisten. Damit bleibt die Ostsee für Finnland die Lebensader, über die im Ernstfall militärischer Nachschub, wirtschaftliche Stabilität und zivile Resilienz zugleich gesichert werden müssen. Was für Finnland gilt, gilt in zugespitzter Form für die baltischen Staaten, deren Anbindung an das Bündnis über Land — wie noch zu zeigen sein wird — an einem einzigen schmalen Korridor hängt.
Hier liegt der Maßstab, an dem alles Weitere zu messen ist, und hier hilft ein klassischer Bezugspunkt. Carl von Clausewitz hat in Vom Kriege den Begriff des Schwerpunkts³ geprägt: jenen Punkt, an dem die Kraft und der Zusammenhalt einer Streitmacht am dichtesten gebündelt sind und von dem alles Weitere abhängt. Die Kunst der Operationsführung besteht für Clausewitz darin, diesen Punkt zu erkennen und das eigene Handeln auf ihn auszurichten, statt Kräfte gleichmäßig über die Fläche zu verteilen. Überträgt man diesen Gedanken auf die Verteidigung des Baltikums, dann liegt ihr Schwerpunkt nicht an der vordersten Linie, sondern in der Verbindungslinie über See.
Daraus folgt eine Einsicht, die der landläufigen Vorstellung von Abschreckung widerspricht. Das Baltikum lässt sich nicht allein durch militärische Präsenz und Sperranlagen halten — durch Bataillone an der Grenze, durch Drachenzähne, Panzergräben und Minenfelder, die einen Vorstoß verzögern. Und es lässt sich im Extremfall auch nicht allein durch Verzögerungsgefechte halten, also durch Kräfte, die einen gegnerischen Angriff abnutzen und Zeit erkaufen. Diese Mittel sind wertvoll, aber sie sind Mittel und kein Zweck. Gehalten wird das Baltikum erst dadurch, dass die NATO glaubhaft zeigt und beweist, dass sie es über die Ostsee versorgen kann und wird; es gilt, den „friedlichen“ Status quo zu wahren. Abschreckung wirkt an dieser Stelle nicht über die Drohung, einen Angriff zu bestrafen, sondern über die Glaubhaftigkeit, ihn ins Leere laufen zu lassen — weil das angegriffene Gebiet versorgt, verstärkt und gehalten werden kann. Und versorgen lässt es sich nur, solange die See offen bleibt.
Dass die Übung in diesem Jahr kleiner ausfällt als zuvor, sollte man dabei weder dramatisieren noch als Schwächezeichen werten. Das Bündnis ist stark eingebunden. Die US-Marine ist im Nahen Osten gebunden und steht möglicherweise demnächst erneut vor Abenteuern in der Karibik; mit der wachsenden strategischen Bedeutung der Arktis —
BALTOPS 2026 läuft unter einem arktisch ausgerichteten NATO-Dach — wird das Bündnis zusätzlich gefordert. Unter solchen Bedingungen ist die Größe einer einzelnen Übung weniger eine Frage des Willens als der klugen Platzierung von Fähigkeiten und Material; gut aufgestellt zu sein, ist in einer Lage konkurrierender Schauplätze ein Wert für sich. Eines folgt daraus mit Nachdruck: Die Verteidigung der Ostsee lässt sich nicht delegieren. Die Deutsche Marine ist der Verband, der diesen Raum verteidigen muss — für Deutschland selbst, für die Europäische Union und für die NATO.
Gotland — der unsinkbare Flugzeugträger
Vor diesem Hintergrund tritt die Bedeutung Gotlands hervor. Die Insel gilt aufgrund ihrer Lage im Zentrum der Ostsee als „unsinkbarer Flugzeugträger“ — ein Bild, das auf die Garnisonsstärke des Kalten Krieges zurückgeht, als Gotland im schwedischen Sprachgebrauch genau so genannt wurde. Wer die Insel kontrolliert, kontrolliert nicht automatisch die gesamte Ostsee, kann aber Seewege, Luftbewegungen und mögliche Operationsräume zwischen Skandinavien, dem Baltikum, Polen, Finnland und Kaliningrad beobachten und unter Druck setzen. Besonders relevant ist die Nähe zum Baltikum: Von Gotland startende Kampfflugzeuge erreichen die baltischen Hauptstädte in kurzer Reaktionszeit. Damit ist die Insel eine Schlüsselposition für Abschreckung, Frühwarnung, Luftverteidigung und militärische Handlungsfähigkeit im gesamten Ostseeraum.
Diese Bedeutung ist historisch gewachsen. Bereits seit der Eisenzeit war Gotland ein Knotenpunkt — Handelsraum, Beobachtungspunkt und militärischer Vorposten zugleich, günstig gelegen zwischen Skandinavien, dem Baltikum und dem weiteren Ostseeraum. Am Ende des Kalten Krieges verfügte Schweden auf der Insel über eine starke Garnison, die einen Angriff verzögern oder abwehren sollte, ohne dass das Land Teil eines Militärbündnisses war. Nach 1990 wurde diese Struktur schrittweise abgebaut: Das lokale Militärkommando wurde aufgelöst, die Anlagen verkauft, die Präsenz nahezu vollständig zurückgenommen. Diese Entwicklung spiegelte die damalige Annahme wider, ein großer Konflikt im Ostseeraum sei unwahrscheinlich geworden.
Mit der verschlechterten Sicherheitslage kehrte sich diese Einschätzung um. Im Jahr 2016 wurde zunächst eine symbolische Kampfgruppe von rund 300 Soldaten aufgestellt; am 1. Januar 2018 folgte die Wiederaufstellung des Gotlandregiments (P 18) und damit die dauerhafte und institutionelle Verankerung der militärischen Rückkehr auf die Insel. Die jüngsten Bemühungen, Gotland auf den Ernstfall vorzubereiten, markieren eine Trendwende — von der Reduzierung nach dem Kalten Krieg zur erneuten Priorisierung in der schwedischen Verteidigungsplanung.
Auf russischer Seite steht Kaliningrad als strategischer Gegenpol. Auch die Exklave wird häufig als „unsinkbarer Flugzeugträger“ bezeichnet, und das zu Recht: Sie beherbergt die Baltische Flotte⁴ und erlaubt es Moskau, Land-, Luftabwehr-, Raketen- und Seestreitkräfte in den Ostseeraum hineinwirken zu lassen. Dort stehen sich damit zwei vorgeschobene Inseln der Macht gegenüber, rund 300 Kilometer voneinander entfernt: Gotland auf nordatlantischer, Kaliningrad auf russischer Seite. Die aktuelle Kampfkraft und die Stückzahl der maritimen Einheiten, die dem Kreml zur Verfügung stehen, sind mit den uns zugänglichen Mitteln schwer zu verifizieren; die Funktion jedoch, die sie auf dem Papier erfüllen, zeigt ihren möglichen Einsatzraum. So verfügt die Ostseeflotte mit Landungsschiffen und kleineren Landungsfahrzeugen über amphibische Fähigkeiten, die nicht rein defensiv zu lesen sind. Sie machen ein Szenario, in dem Kräfte schnell über See verlegt oder an einer Insel angelandet werden, militärisch zumindest denkbar.
Auch auf Gotland ist die Zeit eines eindeutig verstandenen Friedens vorbei. Die Lage ist von Ambiguität geprägt: Befindet man sich noch im Frieden, oder bereits in einem Konflikt mit Eskalationspotenzial, das wir bis heute nicht klar einschätzen können? Behörden und Sicherheitsdienste beobachten vermehrt mutmaßliche hybride Aktivitäten: Schäden an kritischer Infrastruktur und an Unterseekabeln, Störungen von Funk- und Navigationssignalen, die zeitweise den Flugverkehr beeinträchtigen und die Arbeit von Rettungsdiensten erschweren können. Solche Aktivitäten existieren bereits oder werden zumindest als reale Bedrohung wahrgenommen. Hybride Aggression steht dabei nicht im Gegensatz zum Krieg; sie kann seine Vorstufe sein.
Ein denkbares — ausdrücklich nicht als unmittelbar bevorstehend behauptetes — Szenario wäre ein hybrid eingeleiteter, militärisch koordinierter Überraschungsangriff auf Gotland. Zunächst könnten Cyberangriffe, elektronische Störung, Desinformation und die Beeinträchtigung von Kommunikation die Reaktionsfähigkeit Schwedens, der NATO und der EU binden. Im selben Moment könnte Russland versuchen, heimlich oder überraschend Kräfte anzulanden — etwa über kommerzielle Schiffe oder durch eine Luftlandeoperation mit VDV-Einheiten⁵ und Spezialkräften, die einen ersten militärischen Foothold⁶ etablieren. Gelänge es, von der Insel aus eine eigene A2/AD-Glocke⁷ aufzuspannen — also einen Verbund aus Luftabwehr-, Raketen-, See- und elektronischen Wirkmitteln, der den Zugang zu einem Raum verwehrt oder erheblich verteuert —, würde Gotland zum russischen Sperrriegel mitten in der Ostsee. Der NATO fiele es dann ungleich schwerer, Zugang zur See zu behalten, Bewegungen in Richtung Baltikum, Schweden, Finnland und Polen abzusichern oder die baltischen Staaten zu verteidigen. Als möglicher Ausgangsraum eines solchen Vorgehens käme Kaliningrad in Betracht.
FIBS ist bewusst, dass ein Konflikt um Kaliningrad, Gotland oder den Ostseeraum eine maximale militärische und politische Eskalation bedeuten würde, mit verheerenden Folgen für internationale Sicherheit, Weltpolitik und Wirtschaft. Gerade deshalb darf ein solches Szenario weder leichtfertig behauptet noch dramatisiert werden. Die jüngere Geschichte zeigt jedoch, dass sicherheitspolitische Analyse auch extreme Szenarien berücksichtigen muss. Russland hat in den vergangenen Jahren bewiesen, dass es bereit ist, militärische Gewalt einzusetzen, um Einflusszonen zu erhalten und den Westen unter Druck zu setzen; aus dieser Perspektive erscheint es als revisionistische Großmacht. Die maßgebliche Logik beruht dabei nicht auf Gewissheit, sondern auf einer Kalkulation von Kosten⁸: Gelangte der Kreml zu der Einschätzung, dass die Eskalationskosten kontrollierbar bleiben, der strategische Nutzen groß genug ist und ein schneller militärischer Gewinn möglich erscheint — kalkuliert auf westliche Uneinigkeit, Verzögerung und Zurückhaltung —, dann könnten auch hochriskante Optionen in den Bereich des Strategischen rücken. Entscheidend ist nicht die Behauptung eines bevorstehenden Angriffs, sondern die Erkenntnis, dass strategische Planung wieder mit Szenarien rechnen muss, die lange als undenkbar galten.
Schweden reagiert auf diese Lage nicht nur rhetorisch. Seit 2022 sind mehr als 200 Millionen Euro in neue Infrastruktur auf Gotland geflossen; die Armee hat Flugabwehrstellungen reaktiviert — unter anderem mit dem System IRIS-T SLM⁹ zum Schutz der Verbände auf der Insel — und baut auf Gotland wieder ein Panzerregiment auf. Gotland wird dabei zunehmend als gesamtgesellschaftlicher Sicherheitsraum behandelt: Die Bürgermeisterin der Insel beschreibt wöchentliche Lagebesprechungen mit Küstenwache, Polizei, Feuerwehr, Armee,
Krankenhäusern sowie Wasser- und Energieversorgern, in denen Angriffs-, Sabotage- und Krisenszenarien durchgespielt werden. Die Verteidigung Gotlands ist damit auch eine zivile und infrastrukturelle Aufgabe, nicht nur eine militärische.
Diese Wende ist ein wichtiger Schritt, und gerade weil sie notwendig war, muss sie an dem Maßstab gemessen werden, an dem über Gotland tatsächlich entschieden würde. Hier bleibt sie unvollständig. Schweden verfügt über ein fähiges Militär und hat durch den NATO Beitritt 2024 erheblich an Sicherheitsgarantien und operativer Einbindung gewonnen, bleibt in Schlüsselbereichen aber auf Washington angewiesen: bei hochkomplexen Abwehrsystemen wie Patriot und den PAC-3-Abfangraketen¹⁰, bei spezialisierter Munition sowie bei Wartung, Logistik und Nachschub. Der Beitritt stärkt Schweden erheblich, hebt aber nicht jede Abhängigkeit auf. Als Bastion ist Gotland heute besser befestigt als vor einem Jahrzehnt, aber noch nicht autark — und diese Abhängigkeit wiegt in einem Moment besonders schwer, in dem die amerikanische Verlässlichkeit in Europa selbst zur Variable geworden ist.
Die Suwałki-Lücke — die Achillessehne an Land
Die zweite Schlüsselstelle ist die Suwałki-Lücke¹¹, im englischen Sprachraum bekannter als „Suwalki Gap“. Sie verbindet Polen mit Litauen und bildet damit die einzige Landverbindung zwischen dem NATO-Kerngebiet und den baltischen Staaten; entlang ihrer Achse verläuft die Via Baltica, die Europastraße 67¹². Während Gotland über Seewege und Luftraum entscheidet, steht die Suwałki-Lücke für die Frage, ob die baltischen Staaten über Land erreichbar und verstärkbar bleiben. Beide Räume gehören deshalb zusammen: Gotland ist der maritime und luftgestützte Schlüsselraum, die Suwałki-Lücke der landstrategische Engpass.
Ihre Verwundbarkeit ergibt sich aus der Geografie. Der rund hundert Kilometer schmale Korridor liegt eingeklemmt zwischen der stark militarisierten Exklave Kaliningrad im Nordwesten und Belarus im Südosten, dem engsten Partner Moskaus. Daraus entsteht ein Zangenraum, dessen Schließung zwei Effekte zugleich hätte: Erstens wären die baltischen Staaten auf dem Landweg vom übrigen Bündnisgebiet abgeschnitten. Zweitens entstünde eine durchgehende Landbrücke zwischen dem belarussisch-russischen Raum und dem bislang isolierten Kaliningrad. Aus russischer Sicht wäre ein solcher Korridor attraktiv, weil er Kaliningrad aus seiner Isolation löste, den Druck auf das Baltikum erhöhte und die Handlungsfreiheit der NATO in Nordosteuropa einschränkte. Hinzu kommt die Eisenbahn: Die normalspurige Verbindung Suwałki–Kaunas, Teilstück des Projekts Rail Baltica¹³, ist für den NATO-Nachschub von hoher Bedeutung — wird sie gekappt, ist die Logistik in den gesamten baltischen Raum erheblich geschwächt.
Den Maßstab für die Verwundbarkeit liefert wiederum eine externe Quelle. Das vielzitierte Kriegsspiel der RAND Corporation kam bereits 2016 zu der Erkenntnis, dass russische Kräfte unter ungünstigen Annahmen die Außenbezirke von Tallinn und Riga binnen rund sechzig Stunden erreichen könnten und der NATO nur ein sehr kurzes Fenster — Stunden bis wenige Tage — bliebe, um den Korridor zu sichern, sofern keine vorbereiteten Schutzmaßnahmen getroffen würden. Auf russischer Seite wird dieser Befund propagandistisch gespiegelt: Im Juli 2023 erklärte Generaloberst Andrei Kartapolow, früher stellvertretender Verteidigungsminister und inzwischen Abgeordneter der Staatsduma, eine Einsatzgruppe könne die Suwałki-Lücke binnen weniger Stunden einnehmen. Solche Aussagen beschreiben weniger die Lage, als dass sie ein politisches Signal senden; sie zielen auf Abschreckung durch Demonstration. Als warnender Bezugspunkt aus westlicher
Übungspraxis bleibt zudem die polnische Übung „Zima-20″ („Winter 20″) aus dem Winter 2020/2021 relevant, in der ein umfassender russischer Angriff simuliert wurde und Polen im Szenario binnen etwa fünf Tagen unter hohen Verlusten überrollt wurde. Ob ein solches Ergebnis nach Jahren militärischer Anpassung und insbesondere nach der russischen Vollinvasion der Ukraine 2022 heute noch in gleicher Weise gilt, ist fraglich.
Die NATO behandelt diesen Raum inzwischen als zusammenhängenden Verteidigungsraum, mit mehreren ineinandergreifenden Maßnahmen. Das erste Element ist die NATO Multinational Battlegroup Lithuania¹⁴. Dieser multinationale Verband wird seit 2017 von Deutschland als Rahmennation geführt und rotiert halbjährlich. Er ist Teil der enhanced Forward Presence und stellt den eigentlichen NATO-Beitrag vor Ort dar. Beteiligt sind Truppenteile unter anderem aus Belgien, Frankreich, Kroatien, Luxemburg, den Niederlanden und Norwegen. Das zweite ist die Panzerbrigade 45 „Litauen“¹⁵, eine nationale Brigade des deutschen Heeres, die seit dem 1. April 2025 im Aufbau ist und bis 2027 mit rund 5.000 Soldaten dauerhaft in Litauen stationiert sein soll — die erste dauerhafte Stationierung eines deutschen Großverbands im Ausland seit 1945. Hier ist eine Verwechslung zu vermeiden: Die Brigade ist ein nationaler deutscher Verband, in die litauische Verteidigungsplanung integriert, aber kein NATO-Kommando. Seit dem 4. Februar 2026 ist die multinationale NATO-Battlegroup dieser Brigade unterstellt und bildet einen ihrer drei Kampfverbände — neben dem Panzerbataillon 203 aus Augustdorf und dem Panzergrenadierbataillon 122 aus Oberviechtach; zuvor war sie operativ der litauischen Brigade „Eiserner Wolf“ zugeordnet. Die Rolle Deutschlands als Rahmennation der Battlegroup bleibt davon unberührt.
Der Zweck dieser Präsenz ist militärisch und politisch zugleich. Im Eskalationsfall wären sofort mehrere Bündnisstaaten unmittelbar betroffen, was die politischen, militärischen und menschlichen Kosten eines Angriffs erheblich erhöht und Moskau bereits im Vorfeld abschrecken soll. Die stationierten Kräfte hätten dabei nicht die Aufgabe, einen Vorstoß sofort aufzuhalten, sondern ihn durch Verzögerungsgefechte abzunutzen und die operative Zeitachse zugunsten der NATO zu verschieben — Zeit zu kaufen, bis Verstärkung und Nachschub eintreffen. Vorausgesetzt, Gotland und die Ostsee gehören noch zur NATO. Denn erkaufte Zeit hat nur dann einen Wert, wenn das, wofür sie erkauft wird, am Ende auch ankommt; und ankommen kann es im erforderlichen Umfang nur über die See. Damit verweist selbst die Verteidigung der Landlücke wieder auf das Binnenmeer.
Parallel wird der Raum defensiv vorbereitet. Polen baut seit 2023 die Grenzanlagen im Bereich der Lücke aus — mit Panzersperren, Panzergräben, Drachenzähnen und Minenfeldern, die mechanisierte Bewegungen verlangsamen und in vorhersehbare Räume zwingen sollen. Diese künstlichen Hindernisse wirken mit der Natur des Geländes zusammen: Wie die geografisch-taktische Analyse von Elak und Śliwa zeigt, ist der Raum von Wäldern, Seen, Sümpfen und schwierigen Bodenverhältnissen geprägt, die Bewegung kanalisieren, schwere Kräfte in Engstellen zwingen und die Verteidigung begünstigen. Hinzu kommen die permanente Grenzüberwachung durch moderne Sensorik sowie gemeinsame polnisch-litauische Verteidigungsplanungen, die ein grenzüberschreitendes Eingreifen ohne politische oder administrative Verzögerung erlauben sollen. Litauen hat überdies im Raum Kapčiamiestis im Herzen des Korridors einen brigadestarken Truppenübungsplatz auf den Weg gebracht; das Parlament billigte das Vorhaben im April 2026, der Übungsbetrieb soll ab 2028 beginnen, rund 100 Millionen Euro sind zugesagt. Die eigentliche Innovation liegt in der Einladung an Polen, die Anlage über die Staatsgrenze hinweg funktional zu erweitern — aus einer Cross-Border Training Area soll so ein „borderless stronghold“ entstehen, ein gemeinsam genutzter, überwachter und gesicherter Verteidigungs- und Bereitschaftsraum.
Dass gerade dieses Projekt zum Ziel russischer Desinformation wurde, ist ein Hinweis darauf, dass Moskau die Verzahnung des Korridors als ernstzunehmende Härtung wahrnimmt. Schließlich versucht die NATO, einen Luft- und Raketenabwehrschirm über dem Baltikum und der Lücke aufzubauen, der einer eigenen A2/AD-Logik folgt und insbesondere die Logistiklinien — Straßen, Schienen, Brücken, Depots, Flugplätze und Bereitstellungsräume — gegen russische Präzisionsschläge, Marschflugkörper und Drohnen schützen soll.
Diese Anstrengungen sind erheblich und richtig. Und doch verfehlt der Fokus auf die Suwałki-Lücke etwas Entscheidendes, wenn er sie isoliert betrachtet. Der Maßstab ist nicht, ob die Lücke gehalten werden kann, sondern ob das, was durch sie hindurchpasst, ausreicht. Selbst eine perfekt verteidigte Suwałki-Lücke bleibt im Kern eine Straße und eine Bahnlinie, und gemessen an dem in Teil I etablierten Versorgungsbedarf dreier Staaten ist eine Landverbindung dieser Breite zu dünn, um die Last allein zu tragen. Dieselbe Geländeeigenschaft, die die Verteidigung begünstigt, kanalisiert und verlangsamt zudem den eigenen Nachschub. Die Suwałki-Lücke ist also notwendig zu halten, aber für die Versorgung des Baltikums nicht hinreichend — und wirft das Problem damit erneut auf die See und auf Gotland zurück. Der landstrategische Engpass und der maritime Vorposten sind ein zusammenhängendes Problem.
Fazit
BALTOPS 2026 probt das Richtige. Schweden remilitarisiert seinen unsinkbaren Flugzeugträger, Polen und Litauen verzahnen und härten die Achillessehne an Land, und Deutschland verlagert mit der Panzerbrigade 45 erstmals seit 1945 einen Großverband dauerhaft an die Ostflanke. Jede dieser Maßnahmen ist ein notwendiger Schritt, und keine ist für sich genommen die Lösung.
Die Entwicklung im Ostseeraum zeigt vor allem eines: Gotland und die Suwałki-Lücke sind keine getrennten Schauplätze, sondern hängen strategisch unmittelbar zusammen. Der Landkorridor kauft im Ernstfall Zeit; die See entscheidet, ob die gekaufte Zeit etwas wert ist. Schließt sich die Suwałki-Lücke, während die Ostsee aus Kaliningrad und einem womöglich verlorenen Gotland heraus bestritten wird, dann ist das Baltikum weder über Land noch über See zu halten. Mit den Worten Olins wäre der Konflikt dann verloren, bevor er begonnen hätte.
Remilitarisierung und Härtung sind damit notwendige, aber noch nicht hinreichende Schritte. Hinreichend werden sie erst, wenn die maritime Verbindungslinie auch unter Bedingungen einer bestrittenen See offengehalten werden kann — wenn die NATO und an erster Stelle die Deutsche Marine glaubhaft zeigen, dass sie das Baltikum versorgen können und werden. Ob sich die Lage zum Besseren oder zum Schlechteren bewegt, hängt weniger von einzelnen Stationierungen ab als von dieser einen Fähigkeit: das Binnenmeer offenzuhalten.
Die Verteidigung des Baltikums entscheidet sich deshalb früher, als die Landkarte vermuten lässt — bei der Frage, ob die Ostsee ein offenes Bündnismeer bleibt. Diese Frage gehört in den Frieden. Im Krieg wäre sie bereits beantwortet.
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Weitere Informationen zu unserer Arbeit als eingetragener Verein, zu den Aktivitäten der FIBS-Hochschulgruppe an der Universität Konstanz und zu Autor Paul Grupp finden Sie unter den folgenden Links.
Ein besonderer Dank gilt Clemens Speer und dem gesamten Team von Sicherheit und Verteidigung für die Möglichkeit, unsere Arbeit in Form dieses Fachbeitrags hier veröffentlichen zu dürfen.
FIBS E.V Weekly Situation Note 013 (KW23/26) von Paul Grupp
Die Weekly Situation Note ist eine kurze, auf Open-Source-Quellen basierende und meinungsorientierte Einordnung zentraler außen- und sicherheitspolitischer Entwicklungen der vorangegangenen Kalenderwoche. Sie soll eine begrenzte Anzahl relevanter Indikatoren hervorheben und analytisch einordnen. Dabei ist sie weder eine nachrichtendienstliche Lagebewertung noch belastbare Prognose und stellt keine offizielle Position dar. Die getroffenen Einschätzungen beruhen auf der Interpretation öffentlicher Berichterstattung durch den Autor/die Autorin und können sich bei Verschiebungen in der politischen Lage verändern.
Glossar
¹ BALTOPS (Baltic Operations): Seit 1971 jährlich durchgeführte, US-geführte maritime Großübung der NATO im Ostseeraum; Schwerpunkte sind U-Boot-Jagd, Minenabwehr, Konvoisicherung, Luftverteidigung und amphibische Operationen.
² NESA: Finnische Institution im Bereich nationaler Sicherheit und Verteidigung; Gesprächspartner der FIBS-Exkursion nach Finnland im April 2026.
³ Schwerpunkt (Clausewitz): Zentralbegriff aus Vom Kriege — der Punkt, an dem Kraft und Zusammenhalt einer Streitmacht am dichtesten gebündelt sind und von dem alles abhängt; analytisch jener Raum, dessen Verlust den Ausgang bestimmt und auf den die eigenen Kräfte zu richten sind.
⁴ Baltische Flotte: In Kaliningrad und St. Petersburg stationierter Flottenverband der russischen Marine; militärischer Vorposten Moskaus im Ostseeraum.
⁵ VDV (Wosduschno-dessantnyje wojska): Russische Luftlandetruppen; für schnelle, vorgeschobene Operationen und das Etablieren von Brückenköpfen ausgelegt.
⁶ Foothold: Englischer Begriff für einen ersten, vorgeschobenen Stützpunkt im gegnerischen oder umkämpften Raum — ein Brückenkopf, der gehalten wird, um nachrückende Kräfte aufzunehmen und das weitere Vorgehen abzustützen.
⁷ A2/AD (Anti-Access/Area Denial): Verbund aus Luftabwehr-, Raketen-, See- und elektronischen Fähigkeiten, mit dem ein Akteur den Zugang zu einem Raum verwehrt oder erheblich verteuert. Im Ostseeraum sowohl von Russland (Kaliningrad) als auch zunehmend von der NATO (Baltikum) verfolgt.
⁸ Kostenkalkulation / Cost-of-War-Logik: Analytischer Rahmen, der staatliche Gewaltentscheidungen über das Verhältnis von erwartetem Nutzen, Eskalationskosten und Erfolgswahrscheinlichkeit modelliert — nicht über die Zuschreibung von Absichten.
⁹ IRIS-T SLM: Bodengestütztes Luftverteidigungssystem mittlerer Reichweite (Surface Launched Medium-range) zur Abwehr von Flugzeugen, Hubschraubern, Drohnen und Marschflugkörpern.
¹⁰ Patriot / PAC-3: US-amerikanisches Luft- und Raketenabwehrsystem; PAC-3 bezeichnet die Abfangraketen-Variante gegen ballistische Flugkörper.
¹¹ Suwałki-Lücke (Suwałki Gap/Corridor): Rund hundert Kilometer schmaler Landstreifen an der polnisch-litauischen Grenze zwischen Kaliningrad und Belarus; einzige Landverbindung zwischen dem NATO-Kerngebiet und dem Baltikum.
¹² Via Baltica / Europastraße 67 (E67): Fernstraßenachse von Polen über die Suwałki Lücke ins Baltikum bis nach Tallinn.
¹³ Rail Baltica: Im Bau befindliche normalspurige Eisenbahnverbindung, die das Baltikum an das europäische Schienennetz anbindet; militärisch für Nachschub relevant.
¹⁴ NATO Multinational Battlegroup Lithuania: Seit 2017 von Deutschland als Rahmennation geführter, multinationaler und halbjährlich rotierender Verband der enhanced Forward Presence (eFP); der NATO-Beitrag vor Ort. Seit dem 4. Februar 2026 der Panzerbrigade 45 unterstellt; zuvor operativ der litauischen Brigade „Eiserner Wolf“.
¹⁵ Panzerbrigade 45 „Litauen“: Nationale Brigade des deutschen Heeres, seit dem 1. April 2025 im Aufbau, bis 2027 mit rund 5.000 Soldaten dauerhaft in Litauen; in die litauische Verteidigungsplanung integriert, aber kein NATO-Kommando. Erste dauerhafte Auslandsstationierung eines deutschen Großverbands seit 1945.
