Bei einem Treffen der NATO-Verteidigungsminister in Brüssel hat US-Verteidigungsminister Pete Hegseth eine Überprüfung der amerikanischen Streitkräfte in Europa angekündigt und einzelne Bündnispartner scharf für ihre Verteidigungsausgaben und ihre Haltung im Iran-Konflikt kritisiert.
Überprüfung mit offenem Ausgang
Hegseth stellte die Prüfung als Test dar, den einige Länder bestehen und andere nicht bestehen würden. Das Pentagon werde die US-Truppenpräsenz über sechs Monate hinweg prüfen; das Ergebnis solle davon abhängen, wie schnell die Europäer die Verantwortung für ihre eigene Sicherheit übernähmen. Nach seiner Darstellung gehe es darum sicherzustellen, dass sich das Bündnis rasch und unumkehrbar in Richtung einer europäisch geführten Verteidigung bewege.

Die Trump-Regierung strebt nach Hegseths Worten einen grundlegenden Umbau der 32 Mitglieder umfassenden Organisation an, den er als „NATO 3.0″ bezeichnete. Begründet wird die Neuausrichtung unter anderem damit, dass die USA für zwei gleichzeitige Konflikte planen müssten und zusätzliche militärische Mittel für einen möglichen Konflikt mit China im Indo-Pazifik bereithalten wollten.
Vorwürfe gegen die Verbündeten
Hegseth warf europäischen Verbündeten vor, US-Streitkräften den Zugang zu Stützpunkten in Europa für Angriffe auf den Iran verweigert zu haben, und bezeichnete dies als beschämend. Daneben kritisierte er die europäische Migrations- und Gleichstellungspolitik in einer Weise, die an Äußerungen von US-Vizepräsident JD Vance vom Februar des Vorjahres erinnerte, die in Europa für Verärgerung gesorgt hatten. Sinngemäß warf er den Europäern vor, sich auf Gleichstellung, Klimaschutz und Sparmaßnahmen im Verteidigungsbereich konzentriert zu haben statt auf militärische Fähigkeiten.
Nach Einschätzung der Nachrichtenagentur Associated Press gaben diese Aussagen die aktuelle europäische Politik weitgehend verzerrt wieder. NATO-Generalsekretär Mark Rutte verwies darauf, dass die europäischen Verbündeten und Kanada im vergangenen Jahr 90 Milliarden Dollar mehr für Verteidigung ausgegeben hätten – ein Anstieg von 20 Prozent gegenüber 2024.
Reduzierte US-Zusagen im Ernstfall
Die Ankündigung folgt auf eine Mitteilung der USA an ihre Verbündeten, im Verteidigungsfall bestimmte Schiffe und Flugzeuge nicht mehr bereitzustellen. Am 3. Juni signalisierte Washington, in einer Krise keinen Flugzeugträger samt Begleitschiffen, keine Tankflugzeuge und keine Dutzende Kampfjets mehr zur Verfügung zu stellen; der amerikanische Oberbefehlshaber der NATO arbeitet seither an Ausweichplänen für die Verteidigung Europas.
Damit reduzieren die USA, die mit Abstand über die größten Streitkräfte im Bündnis verfügen, ihren möglichen Beitrag im Bündnisfall. Die in Europa stationierten US-Atomwaffen, die für die Abschreckung der NATO zentral sind, sollen davon ausdrücklich nicht betroffen sein. Die Nukleare Planungsgruppe der NATO gab bei dem Treffen erstmals seit 19 Jahren eine eigene Erklärung ab, in der sie die strategischen Nuklearstreitkräfte als oberste Sicherheitsgarantie des Bündnisses bezeichnete und eine Modernisierung der nuklearen Fähigkeiten ankündigte.
Hintergrund: Streit um die Lastenteilung
Die Debatte über die Verteilung der Verteidigungslasten ist nicht neu. Beim NATO-Gipfel in Den Haag im Juni 2025 hatten sich die Verbündeten verpflichtet, ihre Ausgaben bis 2035 auf fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts anzuheben – davon mindestens 3,5 Prozent für die Kernverteidigung und bis zu 1,5 Prozent für sicherheitsbezogene Bereiche wie kritische Infrastruktur und Cyberabwehr. Erstmals erfüllten 2025 alle Mitglieder die zuvor geltende Marke von zwei Prozent; 2014 waren es nur drei Staaten gewesen.
Grundlage des Bündnisses bleibt die kollektive Beistandsverpflichtung. Nach Artikel 5 des NATO-Vertrags gilt ein Angriff auf einen Mitgliedstaat als Angriff auf alle; eine konkrete militärische Unterstützungspflicht ergibt sich daraus jedoch nicht, auch wenn viele Staaten im Ernstfall vermutlich Beistand leisten würden.
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