Logistik in der Zeitenwende

Deutschlands Rolle als logistische Drehscheibe der NATO rückt die Zusammenarbeit von Bundeswehr, Privatwirtschaft und ziviler Infrastruktur in den Mittelpunkt moderner Bündnisverteidigung. Der Beitrag zeigt, warum diese Kooperation strategisch notwendig ist – und welche strukturellen Hürden ihr noch im Weg stehen.
Foto: Bundeswehr / PIZ AIN

Deutschlands Rolle als logistische Drehscheibe der NATO rückt die Zusammenarbeit von Bundeswehr, Privatwirtschaft und ziviler Infrastruktur in den Mittelpunkt moderner Bündnisverteidigung. Der Beitrag zeigt, warum diese Kooperation strategisch notwendig ist – und welche strukturellen Hürden ihr noch im Weg stehen.

Einleitung

Rund 840.000 Soldaten und 200.000 Fahrzeuge – so groß ist laut der NATO das  Kräfteaufgebot, das im Verteidigungsfall mobilisiert werden soll. 40.000 im Rahmen der  Allied Reaction Force (ARF), eines schnellen Einsatzverbands, der innerhalb von 10 Tagen  nach Alarmierung (auch „Notice to Move“ genannt) abmarschbereit sein muss. Innerhalb der  folgenden 6 Monate nach Alarmierung sollen weitere 800.000 Truppen des 2024 ins Leben  gerufene NATO Force Model1 verlegt. Gehen wir von einer Mobilmachung in Richtung  NATO-Ostflanke aus, so kommt Deutschland in diesem Szenario eine Schlüsselrolle zu: die  logistische Herkulesaufgabe, eine solche Masse an Mensch und Material sicher und effizient  ins Einsatzgebiet zu verlegen. Glaubhafte Abschreckung ist nur möglich, wenn Strukturen  existieren, die eine solche Anstrengung zulassen. Spätestens seit Beginn der Vollinvasion der  Ukraine wurde Deutschland diese Verantwortung deutlich in Erinnerung gerufen. Um den  Pflichten der Truppenversorgung, Zwischenlagerung, Instandhaltung, Truppen- und  Materiallogistik – dem sogenannten Host Nation Support – gerecht werden zu können, entwarf  die Bundeswehr Anfang 2024 den Operationsplan Deutschland (OPLAN DEU). Dieses, im  vollen Umfang geheime, Strategiepapier legt im Kern fest, wie Deutschland in Friedens-,  Krisen- als auch in Kriegszeiten als Drehscheibe der NATO Truppen- und  Materialbewegungen organisiert. Im Fokus steht hierbei im besonderen Maße die zivil militärische Zusammenarbeit (ZMZ), die eine enge Verzahnung von Privatwirtschaft und  Bundeswehr vorsieht. Nur durch effiziente Kooperation in der Logistik kann Landes- und  Bündnisverteidigung funktionieren.  

In dieser Ausgabe der Weekly Situation Note wird deshalb beleuchtet, 

1. Warum die Bundeswehr ohne Privatwirtschaft nicht verteidigungsfähig ist

2. Wie ZMZ in der Praxis heute aussieht 

3. Was einer breiteren Kooperation im Wege steht 

Die Grenzen militärischer Eigenfähigkeit

Mit dem OPLAN DEU gesteht sich die Bundeswehr offen ein, im Krisenfall maßgeblich auf  zivil-gewerbliche Unterstützung aus der Logistikbranche angewiesen zu sein. Dieses  Eingeständnis ist das Ergebnis jahrzehntelanger Versäumnisse. Mit dem Ende des Kalten  Krieges, in dem die BRD die NATO-Ostflanke bildete und sich ihrer logistischen  Verantwortung bewusst war, endete gleichzeitig die Ära der Territorialverteidigung. Bis 1990  verfügte jede Kampfbrigade der Bundeswehr über jeweils eine selbstständige Nachschub und Instandsetzungskompanie. Auf Korpsebene stellten die drei Nachschubkommandos und  drei Instandsetzungskommandos die Versorgung sicher, während bundesweit rund 40  ortsfeste Munitions- und Materialdepots die logistische Basis bildeten. In der Folge wurden  organische Kapazitäten in der Logistik abgebaut, die Bundeswehr setzte zunehmend auf  Fähigkeiten für Auslandseinsätze. Massenverlegungen im Inland gehörten bald nicht mehr  zur Kompetenzpalette – aus einer Verteidigungsarmee wurde eine Einsatzarmee. Dieser  Strukturwandel ist trotz Einläuten der Zeitenwende2 nicht aufzuholen. Trotz massiver  Investitionen in die hauseigene Logistik – wie zuletzt durch das Beschaffen von 6.500  Ungeschützter Transportfahrzeuge (UTFs) bis 2031 – kann die Bundeswehr den  Anforderungen der Zeit alleine nicht gerecht werden. Das weiß auch Generalmajor Jochen  Deuer, Kommandeur des Logistikkommandos der Bundeswehr: „Wir werden die Landes und Bündnisverteidigung nur mit zivilen Partnern gewährleisten können“.  

Das Logistikkommando (LogKom) in Ulm kommuniziert mittlerweile offen, in welchen  Kompetenzbereichen Bedarf an gewerblicher Kooperation besteht. Zum einen ist da die  werterhaltende Bewirtschaftung und Lagerung von Material und Munition sowie die  logistische Unterstützung bei der Verlegung von Kräften. Diese inkludiert den Betrieb von  Umschlagpunkten bzw. Aufbereitung oder Zwischenlagerung vor Ort für einen fortführenden  

Marsch, die Durchführung von Transportdienstleistungen über See-, Schienen-, Land- oder  Luftweg sowie der Betrieb von Rasträumen entlang der Routen im Full-Service-Ansatz (inkl.  Unterbringung, Verpflegung, Sicherung, Betreuung, Betankung, Unterstützung bei  Wartungsmaßnahmen). Die Kooperationsmöglichkeiten sind breit gefächert, der Bedarf groß. 

Status quo der zivil-militärischen Logistik

Einer logistischen Kooperation mit der Bundeswehr geht ein hürdenreicher, komplexer  Vergabeprozess voraus. Vergabeverfahren der Bundeswehr laufen in der Regel über zentrale  Beschaffungs- und Vergabestellen wie das Bundesamt für Infrastruktur, Umweltschutz und  Dienstleistungen der Bundeswehr (BAIUDBw) oder das Bundesamt für Ausrüstung,  Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw). Grundlage ist zunächst ein  operativer Bedarf, etwa durch das Logistikkommando der Bundeswehr, der anschließend in  technische und organisatorische Anforderungen übersetzt wird. Unternehmen bewerben sich  darauf im Rahmen öffentlicher Ausschreibungen mit Angeboten, Nachweisen und  Sicherheitszertifizierungen. Ergebnis dieser Vergabeprozesse sind zumeist langfristige  Rahmen- oder Vorhalteverträge. Der wesentliche Unterschied liegt im Fokus der  Leistungserbringung: Während eine Rahmenvereinbarung die Bedingungen für zukünftige  Einzelabrufe festlegt, garantiert ein Vorhaltevertrag, dass Kapazitäten (z. B. Waggons,  Wartungspersonal) dauerhaft einsatzbereit gehalten werden, auch wenn sie nicht abgerufen  werden.  

Dieser Vergabedschungel und hohe Anforderungen sorgen dafür, dass große Logistikaufträge  im Normalfall an die bekannten Hauptakteure im Defence-Sektor gehen: So konnte sich  beispielsweise Rheinmetall eine Rahmenvereinbarung für Versorgung der Truppe im Umfang  von bis zu 260 Mio. € sichern. Mit dem Aufbau und Betrieb von Rast- und Sammelräumen  (Convoy Support Center) entlang der Marschrouten im eingangs beschriebenen Full-Service Ansatz erweitert der Rüstungsriese seit Anfang 2025 sein Portfolio um den Bereich der  logistischen Unterstützung der Bündniskräfte. DB Cargo stellt der Bundeswehr im Rahmen  bestehender Vereinbarungen mehrere hundert militärisch nutzbare Flachwagen und weitere  Waggons für den Transport schwerer Fahrzeuge und Ausrüstung zur Verfügung und zählt  damit zu den zentralen Partnern im Bereich militärischer Mobilität. Nach Einschätzung des  ehemaligen Kommandeurs der U.S. Army Europe, Ben Hodges, könnten diese Kapazitäten  im Ernstfall jedoch nur etwa 25 % des tatsächlich benötigten Wagenbedarfs decken. Im  Rahmen der NATO-Planungen wird teils von einem Bedarf von deutlich über 1.000  geeigneten Waggons ausgegangen. Im Bereich der Ersatzteillogistik stehen Hensoldt und  ESG mit einem Kooperationsprojekt parat: Die Zentrale Bundeswehr Ersatzteillogistik  (ZEBEL) dient der Versorgung ziviler sowie ausgewählter militärischer  

Instandhaltungsbetriebe und der Heeresinstandsetzungslogistik GmbH3 mit Materialien und  Ersatzteilen, die für die Wartung und Instandsetzung bodengebundener Systeme benötigt  werden.  

Trotz der zunehmenden Einbindung großer Defence-Unternehmen birgt der Bereich der  Verteidigungslogistik weiterhin erhebliches Wachstumspotenzial. Alexander Nowroth, CEO  der Lebenswerk Consulting Group, erklärte im Rahmen der DVZ Defence Logistics  Conference Ende März, dass sich die deutschen Verteidigungslogistikausgaben auf jährlich  drei bis fünf Milliarden Euro belaufen würden – die rein zivile Luftfahrtlogistik dabei noch  ausgenommen. Die weitere Ausweitung zivil-militärischer Zusammenarbeit innerhalb der Logistikbranche bleibt damit essenziell, wird jedoch durch strukturelle und bürokratische  Hürden erschwert.  

Die Friktionen der zivil militärischen Kooperation

Dass primär Großkonzerne aus Rüstung und Logistik direkte Kontraktpartner der  Bundeswehr werden, ist kein Zufall. Die Einstiegshürden sind für den Mittelstand meist  unbezwingbar. Zwar wirbt die Bundeswehr auf Branchenveranstaltungen kräftig mit ZMZ, in  der Praxis zeigen sich jedoch massive Bürokratie, veraltete Prozesse, mangelnde  Marktkenntnis und strikte Vergabeverfahren. Vergabeverfahren dauern einschließlich  Sicherheitsüberprüfungen, Qualitätschecks und Zertifizierungsprozesse meist mehrere Jahre.  Ein bürokratischer Mehraufwand, den der deutsche Mittelstand kaum stemmen kann – auch  wenn Bedarf auf Amtsseite und Wille auf Unternehmensseite besteht.  

Auch in der Kommunikation zu kooperationswilligen Logistikdienstleistern scheint die  Bundeswehr ineffizient zu arbeiten. So berichtete ein Branchenvertreter im Gespräch mit  FIBS, dass selbst zwischen Bedarfsträgern wie dem LogKom und Vergabestellen  (BAIUDBw) teilweise unterschiedliche Vorstellungen über administrative Abläufe und  Zuständigkeiten im Rahmen von Vergabeprozessen bestünden.  

Selbstverständlich sind strikte Qualitätsstandards, Zertifizierungen, Sicherheitsüberprüfungen  sowie die institutionelle Trennung von Bedarfsträgern und Vergabestellen politisch gewollte  Sicherheitsmechanismen. Gleichzeitig erscheint vor dem Hintergrund der geopolitischen  Lage eine bewusstere Verhältnismäßigkeit sowie ein höheres Maß an Flexibilität und  Innovationsbereitschaft im Interesse sowohl militärischer Erfordernisse als auch potenzieller  privatwirtschaftlicher Partner sinnvoll.  

Auch bei der operativen Ausgestaltung von ZMZ ist wird von Unternehmerseite mangelnde  Flexibilität und unzureichende Marktkenntnis beklagt. Lösungsansätze bietet eine  umfassende Studie zur Kooperation von Militär und Privatwirtschaft im Rahmen des OPLAN  DEU von der bundeswehreigenen BwConsulting GmbH in Zusammenwirken mit der  

Quadriga Hochschule Berlin. Abgeleitet aus Best Practices von NATO-Partnern rät die Studie  zu effektiver staatlicher Koordination, verbindlichen Strukturen und klaren finanziellen  Anreizen für privatwirtschaftliche Akteure, um deren Investments und Engagement zu  sichern. Kern des Papiers ist ein Vorschlag zur Implementierung einer digitalen Drehscheibe  Deutschlands. Diese umfasst eine effektive Bündelung militärischer und ziviler Datenbanken,  um ein Echtzeit-Lagebild verfügbarer industrieller Kapazitäten und militärischer Bedarfen zu  erstellen. Derartige digitalisierte Lagebilder gehören in der Logistikbranche bereits zum  alltäglichen Einsatzspektrum zur Steuerung und Überwachung komplexer Prozesse und  stellen damit wertvolle sowie praxiserprobte Ressourcen dar, deren Potenzial im  sicherheitslogistischen Kontext gezielter nutzbar gemacht werden könnte. 

Fazit

Die zivil-militärische Zusammenarbeit in der Logistik ist keine Option, sondern eine  strategische Notwendigkeit. Jahrzehntelanger Kapazitätsabbau hat die Bundeswehr in eine  strukturelle Abhängigkeit von der Privatwirtschaft geführt, die durch kurzfristige  Investitionen allein nicht zu überwinden ist. Der OPLAN DEU benennt diese Realität offen  und schafft damit erstmals eine belastbare Grundlage, auf der Militär und Wirtschaft  gemeinsam aufbauen können. 

Der Status quo zeigt: Die Richtung stimmt. Große Akteure wie Rheinmetall und DB Cargo  sind bereits eingebunden, das Logistikkommando kommuniziert seinen Bedarf zunehmend  transparent und Studien wie die der BwConsulting liefern konkrete Blaupausen für eine  vertiefte Kooperation. Dass die Lücke zwischen Bedarf und verfügbarer Kapazität noch  erheblich ist, überrascht angesichts des jahrzehntelangen Strukturwandels nicht – sie  verdeutlicht aber, wie groß der Gestaltungsspielraum für Unternehmen der Logistikbranche  in den kommenden Jahren sein wird. 

Der entscheidende nächste Schritt liegt in der Absenkung bürokratischer Einstiegshürden,  damit nicht nur Großkonzerne, sondern auch mittelständische Logistikdienstleister  gewinnbringend Teil dieser Zusammenarbeit werden können. Ansätze wie die digitale  Drehscheibe Deutschlands zeigen, dass die notwendigen Werkzeuge gedacht und konzipiert  sind. Bis sie greifen können, bleibt noch viel zu tun – doch die Grundlagen für eine  funktionsfähige logistische Drehscheibe der NATO werden gerade gelegt. 

Mehr von FIBS

Weitere Informationen zu unserer Arbeit als eingetragener Verein, zu den Aktivitäten der FIBS-Hochschulgruppe an der Universität Konstanz und zu Autor Benedikt Koenen finden Sie unter den folgenden Links.

FIBS E.V auf LinkedIn

Benedikt Koenen auf LinkedIn

FIBS Hochschulgruppe

Ein besonderer Dank gilt Clemens Speer und dem gesamten Team von Sicherheit und Verteidigung für die Möglichkeit, unsere Arbeit in Form dieses Fachbeitrags hier veröffentlichen zu dürfen.

FIBS E.V Weekly Situation Note 010 (KW20/26) von Benedikt Koenen

Die Weekly Situation Note ist eine kurze, auf Open-Source-Quellen basierende und meinungsorientierte Einordnung zentraler außen- und sicherheitspolitischer Entwicklungen der vorangegangenen Kalenderwoche. Sie soll eine begrenzte Anzahl relevanter Indikatoren hervorheben und analytisch einordnen. Dabei ist sie weder eine nachrichtendienstliche Lagebewertung noch belastbare Prognose und stellt keine offizielle Position dar. Die getroffenen Einschätzungen beruhen auf der Interpretation öffentlicher Berichterstattung durch den Autor/die Autorin und können sich bei Verschiebungen in der politischen Lage verändern.

Glossar 

¹ NATO Force Model (NFM) – 2024 eingeführtes NATO-Truppenmodell zur schnellen  Bereitstellung und Verlegung großer Streitkräfte im Bündnisfall. 

² Zeitenwende – Begriff für den sicherheits- und verteidigungspolitischen Kurswechsel  Deutschlands infolge des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine seit 2022. 

³ Heeresinstandhaltungslogistik (HIL GmbH) – Bundeseigenes Unternehmen zur Wartung,  Instandsetzung und Einsatzbereitschaft bodengebundener Systeme der Bundeswehr. 

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