Der Weltraum ist längst kein friedlicher Rückzugsort mehr – er ist zur Bühne geopolitischer Rivalitäten geworden, auf der Russland Satelliten zerstört, China Nahkampfmanöver zwischen Raumfahrzeugen demonstriert und westliche Streitkräfte zunehmend verwundbar werden. Deutschland hat diese Entwicklung lange beobachtet und reagiert nun mit einer historischen Kehrtwende: einer ersten nationalen Weltraumsicherheitsstrategie und Investitionen von bis zu 45 Milliarden Euro in den Aufbau eigener militärischer Weltraumfähigkeiten. Der vorliegende Beitrag beleuchtet, was diese Strategie konkret vorsieht, welche Projekte bereits angelaufen sind und was das für Deutschlands Rolle als Weltraummacht bedeutet.
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Weltraumsicherheitsstrategie
Die Abhängigkeit moderner Gesellschaften und Streitkräfte von weltraumgestützten Diensten hat eine Dimension erreicht, die kaum zu überschätzen ist. Satellitennavigation, Kommunikation, Aufklärung und Frühwarnung sind kritische Infrastruktur – und damit zunehmend Ziel feindlicher Aktivitäten. Vor diesem Hintergrund hat die Bundesregierung im November 2025 ihre erste Weltraumsicherheitsstrategie verabschiedet.
Ziel ist es, Deutschlands Handlungsfähigkeit im Weltraum dauerhaft zu sichern – zivil wie militärisch, in Friedenszeiten ebenso wie in Krisen und im Verteidigungsfall. Die Strategie erkennt dabei eine fundamentale Verschiebung an: Der Weltraum ist keine bloße Unterstützungsdimension mehr, sondern ein eigenständiger Operationsraum, dessen friedliche Nutzung aktiv geschützt und verteidigt werden muss.
Die Bundesregierung definiert klare Prioritäten: Erhalt und Ausbau eigener nationaler und europäischer Weltrauminfrastrukturen, Befähigung zu militärischen Weltraumoperationen einschließlich Cyber- und elektromagnetischer Operationen sowie die Stärkung strategischer Unabhängigkeit von außereuropäischen Akteuren – insbesondere bei der Weltraumaufklärung. Fähigkeitslücken sollen schnellstmöglich geschlossen werden, etwa durch Pooling & Sharing mit Partnern. International setzt Deutschland auf enge Einbindung in NATO und EU-Programme wie IRIS² oder GOVSATCOM sowie auf die Entwicklung verbindlicher Verhaltensregeln im Rahmen der Vereinten Nationen. Aus diesen Schwerpunkten leiten sich drei strategische Handlungsfelder ab: Gefahren erkennen und Handlungsoptionen entwickeln, internationale Kooperation und nachhaltige Ordnung fördern sowie Abschreckung aufbauen und Resilienz stärken.
Die Notwendigkeit dieser Strategie ergibt sich unmittelbar aus der sich verschärfenden Bedrohungslage. Nicht-kinetische Bedrohungen umfassen Störung und Täuschung von Satellitenverbindungen, GNSS-Manipulation sowie Cyberangriffe. Kinetische Bedrohungen reichen von direkten Energiewaffen und physischer Annäherung und Manipulation von Satelliten im Orbit bis zu nuklearen Antisatellitenwaffen. Manövrierfähige russische Satelliten nähern sich beispielsweise regelmäßig unangekündigt anderen Systemen. Dass der Abschuss von Satelliten keine Science-Fiction, sondern seit Jahrzehnten Realität ist, belegt ein Blick in die Testhistorie der Großmächte.
China erklärte den Weltraum bereits 2015 offiziell zu einem Bereich der Kriegsführung. Nach einem erfolgreichen ASAT-Test im Jahr 2007 entwickelt und erprobt China seither kontinuierlich kinetische und elektromagnetische Gegenfähigkeiten sowie die Fähigkeit zum robotischen Abschleppen von Satelliten. 2025 demonstrierte China Nahkampfmanöver zwischen Raumfahrzeugen im Erdorbit. Iran und Nordkorea werden beim Aufbau eigener militärischer Weltraumprogramme durch Russland und China unterstützt, was eine weitere Proliferation von Counter-Space-Fähigkeiten begünstigt.
Die nationale Weltraumsicherheitsarchitektur ruht auf drei Säulen. Wehrhaftigkeit erfordert die Fähigkeit zur Führung von Weltraumoperationen – zum Schutz eigener und zur Einschränkung gegnerischer Weltraumnutzung. Resilienz bedeutet widerstandsfähige Multi-Orbit-Konstellationen, aktive und passive Schutzmaßnahmen sowie die Fähigkeit der Bundeswehr, auch ohne weltraumgestützte Dienste einsatzbereit zu bleiben. Kooperation setzt auf ressortübergreifendes Handeln, Bündnisintegration in NATO und EU sowie die Einbindung kommerzieller Akteure. Glaubwürdige Abschreckung erfordert dabei dreierlei: vorhandene Verteidigungsfähigkeiten, die klare Kommunikation des Willens, diese einzusetzen, sowie internationale Normen und Kooperationsformate mit gleichgesinnten Nationen. Deutschland hat sich in diesem Zusammenhang politisch verpflichtet, auf destruktive ASAT-Raketentests zu verzichten – ein Bekenntnis zu verantwortungsvollem Handeln im Weltraum.
Zur Umsetzung der Strategie sind konkrete Vorhaben vorgesehen: der Aufbau eines globalen Weltraumlage-Sensornetzwerks, die Entwicklung weltraumgestützter Frühwarnung für alle Flugkörpertypen einschließlich hypersonischer Systeme, der Aufbau vernetzter Multi-Orbit-Satellitenkonstellationen sowie die Entwicklung von Wächtersatelliten und Raumgleitern für Inspektion und Wirkung gegen gegnerische Systeme. Hinzu kommen die Befähigung zu Cyberoperationen im elektromagnetischen Spektrum, die Errichtung eines Satellitenbetriebs- und Kontrollzentrums im Weltraumkommando der Bundeswehr, die Etablierung eines European Space Component Command (ESCC) als multinationales Führungselement sowie die Gründung einer Weltraumakademie der Bundeswehr und eines Space Wargaming Centers. Diese Maßnahmen unterstreichen: Deutschland schafft nicht nur operative Fähigkeiten, sondern auch die institutionellen und doktrinären Grundlagen, um als ernstzunehmender und verantwortungsvoller Akteur in der Dimension Weltraum zu agieren.
Weltraumprojekte der Bundeswehr
Diese institutionellen und doktrinären Grundlagen sind jedoch nur so belastbar wie die konkreten Fähigkeiten, die dahinter stehen. Der Strategierahmen allein schafft noch keine Satelliten, keine Radarsysteme, keine Aufklärungsfähigkeiten. Entscheidend ist daher, was aus der Strategie in der Praxis wird – und hier hat Deutschland in den vergangenen Monaten eine bemerkenswerte Investitionsoffensive eingeleitet.
Deutschland wird bis 2030 rund 35 Milliarden Euro in den Aufbau einer robusten militärischen Weltraumarchitektur investieren. Das Ziel ist ein vernetztes System aus Satellitenkonstellationen, Bodenstationen, Startkapazitäten und Diensten mit sowohl defensiven als auch offensiven Elementen, das die Bereiche Satellitenkommunikation, Aufklärung, Weltraumlage, satellitengestützte Raketenwarnung und aktive Verteidigungsfähigkeiten umfasst. Darüber hinaus stellt die Bundesrepublik in den kommenden Jahren neben diesen 35 Milliarden Euro weitere Mittel aus anderen Ressorts bereit – für die ESA und weitere Forschungsvorhaben. Rechnet man alle Quellen zusammen, summieren sich die deutschen Ausgaben für Raumfahrt und Weltraumsicherheit nach Einschätzung von Fachleuten auf etwa 45 Milliarden Euro. Langfristig plant Deutschland dabei ein unabhängiges Netz von bis zu 400 Satelliten – die aktuelle Investitionsoffensive ist damit erst der Auftakt einer deutlich weitreichenderen Ambition.
Weltraumüberwachung
Einige Vorhaben laufen bereits, andere befinden sich noch in Planung. Im Bereich der Weltraumlage hat das Beschaffungsamt der Bundeswehr einen Vertrag zur Herstellung eines Teleskopsystems zur Weltraumüberwachung unterzeichnet. Das System besteht aus zwei Teleskopen, die am Standort Meßstetten in rund acht Meter hohen Türmen installiert werden, und deckt den gesamten Bereich vom niedrigen Erdorbit (LEO) in rund 400 Kilometern Höhe bis hin zum geostationären Orbit (GEO) in 36.000 Kilometern ab. Die gesammelten Daten fließen in das Weltraumlagezentrum in Uedem ein, wo sie zu einem Gesamtlagebild des erdnahen Weltraums verarbeitet werden. Die vollständige Übergabe an das Weltraumkommando der Bundeswehr ist noch für das laufende Jahr vorgesehen. Ergänzt wird dieses System durch neu beschaffte Weltraumüberwachungsradare: Ein erstes Radar zur permanenten Erfassung und Bahnverfolgung von Objekten im LEO soll bis Ende 2028 im Landkreis Vorpommern-Greifswald installiert werden. Ein zweites Radar soll in Finnland oder Schweden stationiert werden und die Abdeckung sowie die Datenqualität weiter verbessern.
Satellitenkommunikation
Im Bereich der Satellitenkommunikation laufen zwei Großprojekte parallel. Mit SATCOMBw Stufe 3 beschafft die Bundeswehr zunächst neue geostationäre Kommunikationssatelliten als Ersatz für die alternden COMSATBw-Stufe-2-Satelliten. Der Vertrag mit Airbus Defence and Space als Hauptauftragnehmer hat ein Gesamtvolumen von rund 2,2 Milliarden Euro, läuft über 15 Jahre und soll der Bundeswehr ein unabhängiges, kriegstüchtiges Satellitenkommunikationssystem sichern. Deutlich ambitionierter ist das Nachfolgeprojekt SATCOMBw Stufe 4: Ein Netzwerk von mehreren Hundert Satelliten im niedrigen Erdorbit soll nach dem Vorbild von Starlink eine resiliente und souveräne Kommunikationsinfrastruktur für die Bundeswehr schaffen – und die gefährliche Abhängigkeit von kommerziellen US-Systemen beenden, die der Ukraine-Krieg eindrücklich offenbart hat. Die drei Unternehmen Airbus Defence and Space, OHB und Rheinmetall arbeiten dabei als Konsortium zusammen; das Projektvolumen wird auf mindestens zehn Milliarden Euro geschätzt. Bis 2029 soll eine Anfangsbefähigung mit 100 bis 200 Satelliten im Orbit erreicht sein. Da LEO-Satelliten konstruktionsbedingt nur wenige Jahre im All verbleiben, bevor sie in der Atmosphäre verglühen, erfordert das System ein dauerhaftes Nachschießen neuer Satelliten – was zwar Aufwand bedeutet, aber zugleich den Vorteil bietet, technologische Neuerungen in kurzen Abständen in die Konstellation einfließen zu lassen. Der entscheidende Grund für den Umzug in den niedrigen Erdorbit liegt jedoch nicht allein in der Hardware, sondern in der Übertragungsgeschwindigkeit der Daten.
Aufklärung & Frühwarnung
Im Bereich der Aufklärung setzt die Bundeswehr unter anderem auf SAR-Technologie – Synthetic Aperture Radar. Das Beschaffungsamt hat Rheinmetall ICEYE Space Solutions damit beauftragt, der Bundeswehr exklusiven Zugang zu einer SAR-Satellitenkonstellation zu liefern. Das Projekt trägt den Titel SPOCK 1 – SAR-Spacesystem for Persistent Operational Tracking Stufe 1. Der Vertrag hat einen Bruttowert von rund 1,7 Milliarden Euro, zuzüglich einer Erweiterungsoption von einer weiteren Milliarde Euro. Die aufbereiteten Daten sollen unter anderem zum Schutz der Brigade Litauen und zur Sicherung der NATO-Ostflanke dienen.
Als Folgesystem ist SPOCK 2 in Planung, das SAR- und elektrooptische Sensoren kombinieren soll. Darüber hinaus strebt die Bundeswehr auch die Entwicklung einer weltraumgestützten signalerfassenden Aufklärung an – einem Fähigkeitsbereich, für den sich der Technologiekonzern Rohde & Schwarz gemeinsam mit dem Universitäts-Spin-off Orbint bereits in Position bringt.
Als weitere Schlüsselfähigkeit wird die satellitengestützte Frühwarnung zur Raketendetektion entwickelt. Die Weltraumsicherheitsstrategie fordert ausdrücklich die Befähigung zur Erfassung und Verfolgung von Raketen, Satelliten und hypersonischen Flugsystemen in allen Geschwindigkeits- und Höhenbändern. Bis zum Jahr 2029 soll hierfür eine Anfangsbefähigung erreicht werden.
Inspektions- & Wächtersatelliten
Einen besonders innovativen – und sicherheitspolitisch weitreichenden – Ansatz verfolgt die Bundeswehr mit den Projekten Schild und Schwert. Beide Vorhaben werden vom DLR vorangetrieben und adressieren eine Fähigkeitslücke, die angesichts der zunehmenden Aktivitäten Russlands und Chinas im Orbit immer drängender wird: die Fähigkeit, eigene Satelliten aktiv zu schützen und gegnerische Systeme im Weltraum zu beeinflussen.
Schild bezeichnet einen Inspektionssatelliten, der in der Lage sein soll, sich anderen Objekten im Orbit unangekündigt anzunähern, ihre Umgebung zu erfassen und sie optisch sowie sensorisch zu inspizieren. Er soll von einem deutschen Trägerraketen-System in die Umlaufbahn verbracht und vom Weltraumkommando der Bundeswehr geführt werden. Schwert verfolgt einen deutlich offensiveren Ansatz: Dieser Satellit soll über Offensivfähigkeiten verfügen – etwa die gezielte Aussendung elektromagnetischer Störungen, um fremde Systeme temporär bei der Zielerfassung oder Aufklärung zu beeinträchtigen. Beide Systeme sollen auf bewährten Komponenten basieren, schnell baubar und mit nationalen Kontroll- und Startinfrastrukturen kompatibel sein. Damit würden erstmals in Deutschland operative Raumfahrtsysteme entstehen, die explizit für die Verteidigung – und im Fall von Schwert auch für den Angriff – im Weltraum konzipiert sind.
Darüber hinaus ist mit GISMO – German Inspector Satellite for Multiple Operations – ein noch umfassenderer Programmrahmen vorgesehen, der über Schild und Schwert hinausgeht und weitere Satelliten auch für erweiterte offensive Einsatzszenarien umfassen soll. Details dazu wurden bislang nicht öffentlich gemacht.
Raumflugzeuge
Den Abschluss dieser Modernisierungsoffensive bildet ein Projekt, das auch technologisch Neuland betritt: Das Bremer Startup-Unternehmen POLARIS Raumflugzeuge hat vom BAAINBw den Auftrag erhalten, ein zweistufiges, horizontal startendes und vollständig wiederverwendbares Hyperschall-Forschungsflugzeug in Kampfflugzeuggröße zu entwickeln und zu bauen – das sogenannte HYTEV, Hypersonic Test and Experimentation Vehicle. Das System soll von zwei Turbofans und einem Aerospike-Raketentriebwerk angetrieben werden und Hyperschallgeschwindigkeiten über Mach 5 erreichen. Die Flugbereitschaft wird für Ende 2027 angestrebt. HYTEV soll primär als experimentelle Plattform für verteidigungsbezogene und wissenschaftliche Forschung dienen, kann aber in einer Sekundärfunktion auch als Kleinsatelliten-Träger eingesetzt werden. Der besondere strategische Wert des Systems liegt dabei nicht nur in der transportierten Nutzlast, sondern auch in der Flexibilität seines Einsatzortes – ein Aspekt, der angesichts der Verwundbarkeit konventioneller Startinfrastrukturen in Krisenlagen erhebliche Relevanz besitzt.
Fazit
Deutschland hat in der Vergangenheit im Bereich der Weltraumsicherheit lange Zeit auf die Fähigkeiten von Partnern und Verbündeten gesetzt – und dabei eine strukturelle Abhängigkeit aufgebaut, die angesichts der veränderten sicherheitspolitischen Lage nicht länger tragbar ist. Die Weltraumsicherheitsstrategie und die damit verbundene Investitionsoffensive von bis zu 45 Milliarden Euro markieren daher eine grundlegende Neuausrichtung: Deutschland begreift den Weltraum nicht mehr als passive Unterstützungsdimension, sondern als eigenständigen Operationsraum, in dem nationale Interessen aktiv vertreten und verteidigt werden müssen.
Die beschriebenen Projekte – von Weltraumüberwachungsradaren und SAR-Aufklärungskonstellationen über souveräne Kommunikationssatelliten bis hin zu Inspektions- und Wächtersatelliten sowie dem Hyperschall-Forschungsflugzeug HYTEV – verdeutlichen die Breite und den Anspruch dieser Ambition. Sie zeigen aber auch: Der Aufbau dieser Fähigkeiten ist kein Selbstzweck. Er dient der Abschreckung, der Resilienz und letztlich dem Schutz jener weltraumgestützten Infrastrukturen, von denen Gesellschaft, Wirtschaft und Streitkräfte täglich abhängen.
Gleichzeitig bleibt Deutschland seinem Selbstverständnis als verantwortungsvoller Weltraumakteur verpflichtet: Der Verzicht auf destruktive ASAT-Raketentests, das Engagement für internationale Verhaltensregeln im Rahmen der Vereinten Nationen und der konsequente Aufbau einer europäischen Weltraumsicherheitsarchitektur zeigen, dass Wehrhaftigkeit und diplomatische Verantwortung kein Widerspruch sind – sondern zwei Seiten derselben Strategie.
Die nächsten Jahre werden zeigen, ob Deutschland die gesetzten Ziele auch tatsächlich erreicht. Die Messlatte ist hoch: Bis 2029 soll in mehreren Schlüsselbereichen eine Anfangsbefähigung stehen – ein ambitionierter Zeitplan für eine Nation, die den Weltraum gerade erst als strategisches Handlungsfeld für sich erschlossen hat.
