Deutsche Marine verschießt erstmals ballistische Raketen von einer Fregatte

Deutsche Marine verschießt erstmals ballistische Raketen von einer Fregatte
LORA | Foto: Bundeswehr / Deutsche Marine

Von der Fregatte „Sachsen-Anhalt“ sind in der Nacht zum 2. September mindestens zwei ballistische Raketen des israelischen Typs LORA gestartet worden. Die Marine bezeichnet die Erprobung im Nordatlantik als Vorstufe einer möglichen Beschaffung.

Die Deutsche Marine hat im Nordatlantik erstmals ballistische Flugkörper von einem Überwasserkampfschiff verschossen. Nach Angaben der Marine wurden in der Nacht zum 2. September 2026 mindestens zwei Raketen des Typs LORA (Long Range Attack) von der Fregatte „Sachsen-Anhalt“ gestartet, einer Einheit der Klasse F125. Hersteller des Systems ist der israelische Rüstungskonzern Israel Aerospace Industries (IAI).

Nach Informationen von hartpunkt wurde das Vorhaben im Rahmen der Reihe Operational Experimentation (OPEX) und in Zusammenarbeit mit dem Innovationszentrum der Bundeswehr (InnoZBw) in Erding umgesetzt. Auf einem von der Bundeswehr veröffentlichten Video sind zwei auf dem Flugdeck der „Sachsen-Anhalt“ aufgestellte Startkanister zu erkennen, aus denen jeweils ein Flugkörper startet.

Erprobung mit langem Vorlauf

Für die Erprobung waren nach Darstellung eines Marinesprechers zwei deutsche Fregatten in das Seegebiet zwischen Irland und Island verlegt worden. Die Vorbereitungen liefen weitgehend verdeckt; Schiffs- und Luftverkehr in dem betroffenen Gebiet wurden jedoch 45 Tage vor dem Termin gewarnt. Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, sprach von einem historischen Ereignis für die Teilstreitkraft und erklärte, das System lasse sich von den Einheiten der Marine aus einsetzen; die erreichbare Reichweite gehe über alles bisher Verfügbare hinaus.

IAI teilte mit, der Flugkörper habe in beiden Szenarien seine Flugbahn erreicht, den Kurs zum Ziel geflogen und dieses präzise getroffen. Sämtliche Testziele seien erfüllt worden. Diese Angaben sind bislang nicht unabhängig bestätigt.

Technische Eckdaten

Die LORA ist nach Herstellerangaben ein wetterunabhängiges Boden-Boden-System mit quasiballistischer Flugbahn. Der Flugkörper ist 5,2 Meter lang, hat einen Durchmesser von 624 Millimetern und wiegt rund 1,6 Tonnen. Die Navigation erfolgt satelliten- und trägheitsgestützt (GPS/INS); IAI gibt einen Streukreisradius (CEP) von zehn Metern an. Der CEP bezeichnet den Radius um den Zielpunkt, in dem statistisch die Hälfte aller Treffer liegt.

Die Reichweite der schiffs- oder bodengestützten Variante wird von IAI offiziell mit 90 bis 430 Kilometern angegeben. Das Bundesministerium der Verteidigung nannte demgegenüber eine Reichweite von bis zu 500 Kilometern; dpa und Reuters berichten unter Berufung auf offizielle Stellen von mehr als 500 Kilometern. Eine luftgestützte Variante (Air LORA) verfügt über eine größere Reichweite. Der Start aus einem versiegelten Kanister erlaubt nach Herstellerangaben eine Bekämpfung bekannter Ziele binnen weniger Minuten nach der Freigabeentscheidung und benötigt an Bord vergleichsweise wenig Decksfläche.

OPEX als Beschaffungspfad

OPEX ist ein Verfahren der Marine, mit dem Technologien vor einer Beschaffungsentscheidung unter möglichst realistischen Bedingungen erprobt werden. Beteiligt sind unter anderem das Marinekommando, das Planungsamt der Bundeswehr, das BAAINBw und die Wehrtechnische Dienststelle WTD 71.

Für den Weg von der Erprobung in die Nutzung gibt es bereits ein Beispiel: Das ebenfalls von IAI stammende unbemannte Unterwasserfahrzeug BlueWhale wurde im November 2024 im Rahmen von OPEX in der Ostsee getestet und am 25. Februar 2026 an die Marine übergeben. Nach Angaben eines Sprechers sollen nun auch die Vorbereitungen für eine Beschaffung der LORA vorangetrieben werden. Ein Zeitplan ist bislang nicht öffentlich.

Einordnung

Die Bundeswehr verfügt derzeit über keine ballistischen Flugkörper. Weitreichende Wirkmittel stehen ihr bislang mit dem luftgestützten Marschflugkörper Taurus zur Verfügung, von dem sich rund 600 Stück im Bestand befinden; die Produktion der Weiterentwicklung Taurus NEO soll 2029 beginnen. Parallel beteiligt sich Deutschland an mehreren multinationalen Vorhaben zur Entwicklung weitreichender Flugkörper.

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