Das sechs Meter lange unbemannte Boot soll die Bundeswehr künftig bei der Aufklärung auf See unterstützen. Vor der offiziellen Indienststellung stehen zunächst Ausbildung und Erprobung im Seebetrieb an.
Das Berliner Defence-Tech-Unternehmen STARK hat dem Kommando Cyber- und Informationsraum (CIR) das erste autonome unbemannte Überwasserfahrzeug (Unmanned Surface Vehicle, USV) übergeben. Das System trägt den Namen „Seetaube“ und basiert auf der Vanta-Systemfamilie des Herstellers. Getauft wurde das rund sechs Meter lange Fahrzeug bereits Anfang August 2026. Verantwortet wird das Innovationsvorhaben vom Cyber Innovation Hub der Bundeswehr (CIHBw) gemeinsam mit dem Zentrum Digitalisierung der Bundeswehr.
Zweite Peilbasis für alleinfahrende Einheiten
Der zentrale Verwendungszweck der Seetaube liegt in der elektronischen Aufklärung. Um eine Signalquelle auf See eindeutig zu verorten, muss sie von zwei bekannten Positionen aus angepeilt werden. Dieses als Kreuzpeilung bezeichnete Verfahren stellt alleinfahrende Boote und Schiffe vor ein praktisches Problem, weil ihnen der zweite Bezugspunkt fehlt. Die Seetaube soll diese Lücke als flexibel einsetzbare zweite Peilbasis schließen.
Ausgestattet ist das Fahrzeug mit Sensoren, Kameras und Radar. Die Sensorik ist seegangsstabilisiert und soll die Richtung von Signalquellen auch bei Wellengang bestimmen können. Integrierte akustische Warnsysteme und automatisierte Maßnahmen sollen verhindern, dass sich Dritte dem unbemannten System nähern. Die erfassten Daten werden nach Herstellerangaben gesichert an das Bedienterminal übertragen und stehen unmittelbar für die Lagebilderstellung zur Verfügung.

Das System operiert auf Grundlage vorgeplanter Missionen hochautomatisiert und navigiert innerhalb definierter Parameter eigenständig, einschließlich der Beachtung der Verkehrsregeln auf See. Ein Bediener überwacht den Ablauf nach dem Prinzip „Man in the Loop“ und kann jederzeit eingreifen.
Erprobung vor der Indienststellung
In den kommenden Monaten steht zunächst die Ausbildung des Bedienpersonals im Vordergrund. Anschließend wird die Seetaube im regulären Seebetrieb und danach im Rahmen einer Aufklärungsmission getestet, um Optimierungsbedarf und technische Probleme frühzeitig zu identifizieren. Erst danach soll die offizielle Indienststellung erfolgen.
Sven Weizenegger, Leiter des CIHBw, verweist auf den Zugewinn an Wirksamkeit ohne den Aufwand einer zusätzlichen Großplattform. Modular eingesetzte Systeme verstärkten nach seiner Darstellung bestehende Wirkungsketten, ohne zusätzliche Komplexität zu erzeugen. STARK-CTO Johannes Schaback argumentiert ähnlich: Nicht für jede Aufgabe müsse ein bemanntes Schiff auslaufen, unbemannte Systeme brächten Sensorik, Reichweite und Ausdauer in den Operationsraum, ohne Personal zu binden.
Der Namensgeber ist ein Seevogel. Die Wahl soll signalisieren, dass es sich um ein unbewaffnetes System handelt; zugleich steht TAUBE als Akronym für „Taktische Aufklärungs- und Beobachtungs-Einheit“.
Hintergrund: Vanta und der Cyber Innovation Hub
Die Vanta-Systemfamilie hatte STARK Ende September 2025 im Rahmen des NATO-Manövers REP(MUS) in Portugal vorgestellt. Die Modelle Vanta-4 und Vanta-6 erreichen Reichweiten von bis zu 900 Seemeilen und sind für den Einsatz in Gruppen ausgelegt. Die Einführung erfolgt in Kooperation mit dem britischen Schiffbauer JD Marine International; über die Führungssoftware Minerva sollen die Boote in domänenübergreifende Einsatzszenarien eingebunden werden. Nach Angaben des Unternehmens erreicht Vanta Geschwindigkeiten von über 45 Knoten und kann bis zu 500 Kilogramm Nutzlast tragen. Im Hafenschutz operiert das System typischerweise in Entfernungen bis zu sechs Seemeilen von der Küste. STARK hat zudem bereits den Start der rohrgestützten Loitering Munition „Cascade“ von einem Vanta demonstriert, sodass das USV in anderen Konfigurationen auch als Effektorträger einsetzbar wäre.
Der Cyber Innovation Hub der Bundeswehr wurde im März 2017 als erste digitale Innovationseinheit eines deutschen Ministeriums gegründet und fungiert als Schnittstelle zwischen Truppe und Start-up-Ökosystem. Seit der Gründung hat die Einheit mehr als 160 Innovationsvorhaben angestoßen, von denen rund 40 in unterschiedlichen Stufen Eingang in die Bundeswehr gefunden haben.
Der Bedarf an maritimer Aufklärung ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Nach einer Serie von Beschädigungen an Unterseekabeln, Pipelines und Stromleitungen richtete die NATO im Januar 2025 die Mission „Baltic Sentry“ zum Schutz kritischer Unterwasserinfrastruktur in der Ostsee ein. Unbemannte Systeme sollen in diesem Umfeld dauerhafte Überwachungsaufgaben übernehmen und bemannte Einheiten entlasten.
