Mit dem Kauf von bis zu 400 Tomahawk-Marschflugkörpern vollzieht Deutschland einen fundamentalen Wandel: Erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges soll die Bundeswehr über ein landgestütztes konventionelles Wirkmittel verfügen, das weit in gegnerisches Territorium wirken kann. Doch strategische Reichweite allein schafft noch keine strategische Fähigkeit – entscheidend sind die dahinterliegende Wirkungskette aus Aufklärung, Zielentwicklung und Missionsplanung, die Verfügbarkeit ausreichender Bestände sowie die Frage, ob Deutschland damit tatsächlich Souveränität gewinnt oder lediglich eine neue Abhängigkeit von amerikanischen Fähigkeiten etabliert.
Einleitung
Im Dezember 2018 sagte Bundesaußenminister Heiko Maas der Deutschen Presse-Agentur, Europa dürfe „auf gar keinen Fall zum Schauplatz einer Aufrüstungsdebatte werden“, und sagte einer Stationierung neuer Mittelstreckenraketen breiten Widerstand in Deutschland voraus. Die Krim war zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren annektiert, im Donbass wurde seit vier Jahren geschossen. Europa war längst Schauplatz eines Krieges; die Antwort der Bundesregierung auf das absehbare Ende des INF-Vertrags¹ setzte trotzdem auf Rüstungskontrolle statt auf eigene Fähigkeiten.
Am 9. Juli 2026 trat Bundeskanzler Friedrich Merz vor den Bundestag, um über den NATO Gipfel von Ankara zu berichten, und platzierte in einer Regierungserklärung, die vor allem der Ukraine-Finanzierung und der Lastenteilung gewidmet war, einen einzigen Satz: Deutschland werde amerikanische Tomahawk²-Marschflugkörper erwerben und in Deutschland stationieren, man schließe damit „eine wichtige strategische Lücke in unserer Verteidigung“. Unterzeichnet worden war die Absichtserklärung bereits am Dienstag, dem 7. Juli, am Rande des Gipfels von Verteidigungsminister Boris Pistorius und seinem amerikanischen Amtskollegen Pete Hegseth. Die Bundesregierung strebt bis zu 400 Tomahawk der Version Block Vb³ im Wert von rund 1,15 Milliarden Euro an, dazu drei bodengebundene Feuereinheiten des Typs Typhon⁴ für etwa 220 Millionen Euro; einsetzbar von Land und von See.
Die ursprüngliche Vereinbarung aus dem Jahr 2024 sah vor, dass die Vereinigten Staaten selbst einen mit Tomahawk bewaffneten Verband ab 2026 in Deutschland stationieren, als Brücke bis zum Zulauf europäischer Systeme in den 2030er Jahren. Diese Zusage kassierte die Trump-Administration; Politico berichtete im Juni 2026, das Pentagon werde den Stationierungsplan aufgeben, aus Sorge vor russischer Vergeltung — konkret dem angedrohten Ende des russischen Mittelstrecken-Moratoriums, das Moskau im August 2025 unter ausdrücklichem Verweis auf die deutschen Stationierungspläne vollzog. Pistorius hatte bereits im Juli 2025 eine formelle Kaufanfrage für Tomahawk und Typhon gestellt; eine Antwort stand lange aus. Merz selbst hatte Anfang Mai eingeräumt, die Amerikaner hätten „zurzeit selbst nicht genug“, der Zug sei aber nicht abgefahren. Zwei Monate später kam das
Ja, diesmal als Kaufvertrag und nicht als Bündnisleistung. Was Deutschland 2024 kostenlos beherbergen sollte, wäre ein amerikanisches System unter amerikanischem Kommando gewesen; was es nun kauft, ist ein eigenes mit nationaler Verfügungsgewalt über den Abschuss, nicht aber über die Zielkette, die den Flugkörper im Zweifelsfall ins Ziel trägt.
Noch in derselben Woche, am 8. Juli 2026, unterzeichneten zwölf europäische Staaten, darunter Deutschland, unter britischer Führung die Deep Precision Strike Capability Investment Initiative⁵: knapp 51 Milliarden US-Dollar über zehn Jahre für Präzisionswaffen mit Reichweiten von 300 bis über 2.000 Kilometer. Und bereits am 7. Juli hatten sechs Alliierte am Rande desselben Gipfels ein Projekt gestartet, dessen erklärtes Ziel die Serienfertigung kostengünstiger Marschflugkörper und ballistischer Raketen ist. Deutschland gehört zu den Unterzeichnern des ersten Papiers. Zu den Gründern des zweiten gehört es nicht.
Es lohnt, den Abstand zu vermessen, den die deutsche Politik in acht Jahren zurückgelegt hat. Auf die Maas-Position von 2018 folgte 2019 ein Bundestag, der mit überwältigender Mehrheit ablehnte, Aufklärungsdrohnen der Bundeswehr überhaupt zu bewaffnen. Im Dezember 2020 verweigerte die SPD-Fraktion — Regierungspartei — die Entscheidung über die Bewaffnung der Heron TP⁶ vollständig; der damalige Parteichef Norbert Walter-Borjans begründete das damit, die Grenze zwischen dem Schutz der eigenen Soldaten und dem „Töten per Joystick“ sei hauchdünn. Der verteidigungspolitische Sprecher seiner Fraktion trat daraufhin zurück. Es ging in diesem Streit gar nicht um Deep Strike Capability’s, sondern um eine Waffe zum Schutz deutscher Soldaten im Auslandseinsatz — und selbst die war nicht durchsetzbar.
Was diese Jahre prägte, war die Friedensdividende und die Überzeugung, Krieg in Europa sei erledigt. Daraus folgte ein Reflex: Ethik diente nicht dazu, die Fähigkeitsentwicklung einzuhegen, sondern dazu, ganz auf sie zu verzichten. Wie wenig eine solche Haltung jene beeindruckt, gegen die sie sich eigentlich richten müsste, brachte ein Bundeswehroffizier auf den Punkt: Unter einem LinkedIn-Beitrag, in dem eine Rechtsanwältin für rechtliche Leitplanken für Künstliche Intelligenz in Waffensystemen warb, kommentierte er, man werde ihren Vortrag in Moskau, Peking und Washington wohlwollend zur Kenntnis nehmen und danach zur Tagesordnung übergehen.
Genau darin liegt der Fehler der vergangenen zwei Jahrzehnte. Grenzen und Regeln sind notwendig und Deutschland sollte sie mitschreiben. Wer aber eine Technologie normativ verhandeln will, bevor er sie selber besitzt, verhandelt von der Seitenlinie: Ohne eigene Fähigkeit fehlt das Gewicht, die eigene Position durchzusetzen. Eine einmal erfundene Technologie wird eingesetzt, von der einen Seite oder von der anderen; die einzige offene Frage ist, wer am Tisch sitzt, wenn ihre Regeln geschrieben werden.
Der politische Wille ist damit nicht mehr die interessante Frage. Die ist vollständig beantwortet: Am 6. April 2022, sechs Wochen nach der Zeitenwende⁷-Rede, gaben Verteidigungs- und Haushaltsausschuss rund 150 Millionen Euro für die Bewaffnung derselben Drohne frei, über die man ein Jahrzehnt gestritten hatte. 2023 nannte die Nationale Sicherheitsstrategie erstmals abstandsfähige Präzisionswaffen als zu fördernde Fähigkeit. Im Februar und April 2026 beschaffte die Bundeswehr Loitering Munition⁸ in fünfstelliger Stückzahl. Im Juli 2026 einen Marschflugkörper, der Moskau erreichen könnte.
Diese Weekly Situation Note fragt, was Deutschland mit dem Kauf amerikanischer Tomahawks wirklich erwirbt.
Geprüft wird entlang von drei Indikatoren:
Erstens: Was der Tomahawk kann — und was für seinen Einsatz außerdem nötig ist.
Zweitens: Wozu braucht man Marschflugkörper operativ, was treffen sie und in welchen Mengen — genügen 400 Marschflugkörper der Aufgabe, für die sie gedacht sind?
Drittens: Verkürzt oder verlängert der amerikanische Zwischenschritt den Weg zur europäischen Lösung — und ist der europäische Maßstab dabei überhaupt der richtige?
Der Flugkörper
Die BGM-109 Tomahawk ist ein Unterschall-Marschflugkörper, den die U.S. Navy seit den 1970er Jahren nutzt und im Laufe der Zeit mehrfach modernisiert wurde; die genauen Leistungsdaten sind klassifiziert, öffentlich zugängliche Angaben nennen für den Block V eine Reichweite von über 1.600 Kilometern und einen konventionellen Gefechtskopf von rund 450 Kilogramm. Je nach Variante und Startprofil reichen die publizierten Angaben von etwa 1.250 bis 2.500 Kilometern. Er fliegt im Tiefflug, geländefolgend, unterschallschnell — kein Durchbruchssystem gegen dichte, moderne Luftverteidigung, sondern ein Werkzeug für Ziele, deren Koordinaten bekannt und deren Verteidigung entweder schwach oder bereits niedergehalten ist.
Deutschland kauft die fähigste und gleichzeitig teuerste Version von Tomahawks. Der Block Vb trägt das Joint Multiple Effects Warhead System⁹, das eine primäre Hohlladung mit einem sekundären Penetrator kombiniert und damit auch gehärtete Ziele zerstören kann. Das ist erklärungsbedürftig: Mit dem aus deutschen Medien bekannten Taurus KEPD 350¹⁰ und dessen Nachfolger verfügt die Bundeswehr bereits über einen hochspezialisierten Penetrator Gefechtskopf für genau diese Aufgabe, und der Block Vb ist technisch komplexer und vermutlich teurer als die Standardversion von Tomahawks, die Exportkunden wie Australien und Japan bereits für ihre eigenen Streitkräfte gewählt haben. Mit der Block-V-Generation kommt eine verbesserte Datenverbindung, die es erlaubt, während des Fluges mit dem Flugkörper zu kommunizieren und ihn umzulenken. Das ist militärisch wertvoll — und es ist zugleich der Punkt, an dem die Waffe aufhört, ein autonomes Objekt zu sein.
Zur Waffe gehört die Startplattform. Typhon — bei der U.S. Army als Mid-Range Capability geführt — ist eine vom Senkrechtstartsystem Mk 41¹¹ abgeleitete Landversion mit vier Startcontainern auf einem Sattelauflieger; eine Batterie besteht aus vier Werfern, mithin sechzehn Flugkörpern ohne Nachladen. Seegestützt scheiden die vorhandenen Einheiten dagegen aus, und zwar aus einem physischen Grund: Der Mk 41 wird in drei Baulängen gefertigt, und nur die strike length nimmt einen Tomahawk auf. Die F123 Brandenburg¹² führt sechzehn Zellen in Selbstverteidigungslänge, ausgelegt allein für Sea Sparrow¹³ und ESSM¹⁴; die F124 Sachsen¹⁵ führt zweiunddreißig Zellen in taktischer Länge für SM-2¹⁶ und ESSM. Beide liegen unter der Marke, die der Tomahawk verlangt — die Rechnung über die Zahl der Zellen erübrigt sich damit, denn keine von ihnen kann den Flugkörper aufnehmen. Eine seegestützte Option entsteht erst mit der F127¹⁷ ab den 2030er Jahren, deren vierundsechzig Zellen in strike length ausgelegt und für den Tomahawk vorgesehen sind.
Strategisch ist genau das entscheidend: Ein Marschflugkörper ist das letzte Glied einer langen Wirkungskette. Vor ihr liegen Zielaufklärung, Zielentwicklung, Missionsplanung, Navigationsdaten, Wirkungsanalyse — und die politische Freigabe. Der Kanzler hat den Kauf als Souveränitätsgewinn beschrieben, in einer Hinsicht ist er das: Die Flugkörper werden deutsches Eigentum, ihr Einsatz eine deutsche Entscheidung. In einer anderen Hinsicht ist die Sache offener.
Dieses Muster ist alt und europäischer Herkunft. Das European Policy Centre¹⁹ beschreibt es so: Die NATO habe Tiefenschlag-Konzepte bereits im Kalten Krieg entwickelt, doch die operative Last sei auf die Vereinigten Staaten übergegangen; die europäischen Verbündeten hätten sich in der Folge auf amerikanische Aufklärung, amerikanische Wirkmittel und amerikanische Bestände verlassen. Europas primäre Schwäche liege deshalb weniger im Fehlen einzelner Fähigkeiten als im Fehlen eines kohärenten Systems, das sie verbindet — und eine europäische Tiefenschlagfähigkeit müsse auch dann funktionieren, wenn amerikanische Unterstützung verzögert, teilweise oder gar nicht erfolge. Europa hat jahrzehntelang die Waffen entwickelt und die Wirkungskette ausgelagert.
Diese Art von Abhängigkeit ist für die Bundeswehr keine neue Erfahrung. Im Mai 2026 hat unser Vorstandsvorsitzender und FIBS-Mitgründer Carl Neufert über die deutsche Drohnenpolitik geschrieben und dabei einen achtmaligen Auslandsveteranen des Kommandos Spezialkräfte²⁰ zitiert, der es in einem Satz zusammenfasste: Ohne amerikanische Aufklärungsdrohnen über sich sei man nicht in den Einsatz gegangen. Zwanzig Jahre später kauft Deutschland einen Flugkörper mit 1.600 Kilometern Reichweite — die Frage, wer ihn ins Ziel führt, ist dieselbe geblieben.
Was das im Ernstfall bedeutet, zeigte sich zweimal. Als Washington im März 2025 die Weitergabe von Aufklärungsdaten an die Ukraine aussetzte, verloren amerikanische Präzisionswaffen, die auf diese Daten ausgelegt sind, ihre Wirksamkeit; betroffen war unter anderem der Zugriff auf kryptografisch geschützte GPS-Daten für ATACMS²¹. Und als das Wall Street Journal im Oktober 2025 berichtete, die USA hätten eine wesentliche Beschränkung für den Einsatz weitreichender Flugkörper aufgehoben, betraf das ausdrücklich auch von europäischen Verbündeten gelieferte Waffen wie Storm Shadow²² — Washington konnte mitreden, weil Kiew auf amerikanische Zieldaten angewiesen war. Ein europäisch produzierter Flugkörper, der an einer amerikanischen Wirkungskette hängt, bedarf am Ende einer amerikanischen Freigabe. Für den deutschen Tomahawk verweist das Fachjournal Hartpunkt²³ auf Medienberichte, denen zufolge sein Einsatz nicht ohne US Beteiligung erfolgen könne. Belastbar öffentlich belegt ist das nicht und man sollte es nicht härter formulieren, als die Quellenlage es trägt. Aber die Bundesregierung hat es auch nicht dementiert.
Die Größenordnung des Problems lässt sich beziffern. Das Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel)²⁴ hat im Mai 2026 durchgerechnet, was europäische Verteidigungsautonomie kostet, und für persistente Aufklärung — als Layer aus Weltraumsensorik, HALE- und MALE Drohnen²⁵, taktischen Systemen, Radar und passiver Sensorik, mit europäisierten Datenlinks und Auswertekapazitäten, eingespeist in europäische Führungs- und Targeting-Ebenen — einen Rahmen von 20 bis 30 Milliarden Euro veranschlagt. Und eine Erhebung von Defense News unter sechzehn europäischen Fachleuten kam im Februar 2026 zu einem aufschlussreichen Befund: Weitreichender Tiefenschlag gilt als einer der Bereiche, in denen Europa binnen fünf Jahren aufholen kann; weltraumgestützte Aufklärung dagegen als einer
der beiden Bereiche mit dem größten Pessimismus, für den eine Mehrheit mehr als fünf Jahre veranschlagt.
Europa kann sich also die Waffe schneller beschaffen als die Augen, die sie braucht. Deutschland gibt 1,37 Milliarden Euro für das letzte Glied der Wirkungskette aus, während der Rest ein Vielfaches kostet und länger dauert. Der erste Indikator liefert damit ein klares Ergebnis: Beschafft wird ein reifes, sofort verfügbares System — und mit ihm eine Abhängigkeit, deren Umfang die Bundesregierung öffentlich nicht beziffert hat.
Der Zweck
Deep Precision Strike beginnt dort, wo die klassische Raketenartillerie endet. Deren Reichweite liegt unter 100 Kilometern; die Ziele, die für die Kriegführung eines Gegners entscheidend sind — Gefechtsstände und Kommandozentralen, Flugplätze, logistische Knotenpunkte, Depots, Startstellungen, Rüstungsfabriken — liegen aus genau diesem Grund weiter hinten. Wer sie erreichen will, braucht Systeme wie den Tomahawk.
Die Bundeswehr hat die Logik selbst sauber formuliert: Luftverteidigungssysteme lassen sich übersättigen, weil Drohnen und einfache Raketen billiger und schneller zu produzieren sind als die Abfangflugkörper, die sie abwehren sollen; deshalb müssen die Ausgangspunkte der Angriffe bekämpfbar sein, und allein die Fähigkeit dazu soll den Gegner abschrecken. Wer nur abfängt, verliert das Kostenduell: Die Abwehr ist teurer als der Angriff.
Und sie hat die politische Konsequenz gezogen, die in der öffentlichen Debatte kaum vorkommt: Gerade weil die Bundesrepublik keine Atommacht ist und auch keine werden will, sind weitreichende konventionelle Waffen ein unverzichtbarer Beitrag zur Abschreckung. Das ist der Kern. Deutschland verfügt über kein eigenes strategisches Instrument, mit dem es einem Gegner Kosten in dessen Tiefe androhen könnte. Konventioneller Tiefenschlag ist für die Bundesrepublik das einzige Mittel dieser Klasse, das sie selbst besitzen kann.
Die SWP²⁶ hat 2024 die operative Doppelfunktion beschrieben: Erstens sollen weitreichende Systeme jene russischen Fähigkeiten, die das Bündnis auf Distanz halten, hold at risk²⁷ nehmen, bevor sie auf NATO-Gebiet feuern; zweitens sollen sie wenigstens einige zeitkritische Hochwertziele — mobile Kommandozentralen, Startrampen für ballistische Raketen und Marschflugkörper — zerstören können, um Russland zu signalisieren, dass die NATO die Fortsetzung der Kampfhandlungen massiv einschränken kann.
Ob das funktioniert? Die Ukraine liefert eine empirische Antwort.
Mit einer Kampagne, die Präsident Selenskyj als „Langstreckensanktionen“ bezeichnet, hat die Ukraine die Lebensadern der russischen Kriegswirtschaft angegriffen und getroffen. Auf Primorsk, Ust-Luga und Noworossijsk entfallen nach Berechnungen der Kyiv School of Economics²⁸ zusammen rund 59 Prozent der seegestützten russischen Ölexporte. Zwischen dem 22. und 29. März 2026 führte Kiew drei Drohnenangriffe auf die beiden Ostseeterminals; Satellitenbilder zeigten in Ust-Luga fünfzehn ausgebrannte Lagertanks und zwei getroffene Verladepiers, in Primorsk einen Verlust an Speicherkapazität von rund 40 Prozent. Die Kyiv School of Economics schätzte den Ausfall an Exporterlösen auf etwa 1,76 Milliarden Dollar; das kremlnahe Zentrum für makroökonomische Analyse²⁹ bezifferte den Rückgang der Exportkapazität auf rund eine Million Barrel pro Tag, etwa zwanzig Prozent.
Im Juni 2026 räumte Vize-Regierungschef Alexander Nowak erstmals öffentlich ein, die russische Ölproduktion liege unter dem Niveau vom Jahresanfang.
Zur Redlichkeit gehört die Gegenrechnung. Der große Einbruch blieb aus: Nach Daten von Kpler³⁰ lagen die Rohölexporte im Frühjahr weiterhin bei rund 3,5 Millionen Barrel pro Tag, weil Russland beschädigte Anlagen binnen Tagen wieder anfuhr und Lieferungen umleitete. Die Kampagne hat die Ölwirtschaft nicht zum Kollaps gebracht, sondern ihr die Reserve genommen und sie unter permanente politische Steuerung gestellt. Das entwertet den Tiefenschlag nicht, es beschreibt ihn realistisch: Er wirkt über die Zeit, indem er den Krieg verteuert, nicht über den einzelnen Schlag, der ihn entscheidet.
Die amerikanischen Streitkräfte verschossen im Krieg gegen den Iran mehr als 1.000 Tomahawk, in den ersten 39 Kriegstagen im Schnitt gut fünfundzwanzig pro Tag. Gemessen daran sind 400 Flugkörper der Umfang von knapp zwei Wochen — gegen einen regionalen Gegner mit unterlegener Luftverteidigung, nicht gegen Russland. Das ISW³¹ hatte 2024 allein im 300-Kilometer-Radius der ATACMS mindestens 250 militärische Objekte in Russland identifiziert; bei 1.600 bis 2.000 Kilometern liegt die Zielmenge um Größenordnungen höher. Hinzu kommt der Zeitfaktor: Raytheon liefert derzeit unter 200 Stück im Jahr, während die U.S. Navy selbst erhebliche Mengen nachbestellt hat, deren Zulauf erst gegen Ende des Jahrzehnts beginnt. Deutschland stellt sich mit 400 Flugkörpern in eine Warteschlange hinter Japan, Australien, die Niederlande und die U.S. Navy selbst.
Damit ist der erste Einwand zu behandeln und er ist der ernsthafteste, den man gegen diese Note vorbringen kann. Wenn es um hold at risk geht und nicht um Kampagnenführung, dann sind 400 Flugkörper für die Bundeswehr womöglich gar nicht zu wenig — dann zählt die glaubhafte Drohung gegen wenige Hochwertziele, nicht die Magazintiefe. Das Argument trägt, führt aber tiefer ins Problem: Wer mobile Kommandozentralen und mobile Startrampen bedrohen will, braucht zeitkritische Zieldaten — Aufklärung, Auswertung und Freigabe in Minuten, über tausend Kilometer, gegen einen Gegner, der genau darauf optimiert ist. Das ist die anspruchsvollste denkbare Wirkungskette. Calibre Defence³² hat 2025 den nüchternen Satz dazu geschrieben: Deutschland könne jedenfalls zu Kriegsbeginn keine eigenen Aufklärungsmittel über Russland einsetzen. Der Einwand rechtfertigt zwar die Stückzahl, verlagert das Problem aber auf die Wirkungskette.
Der zweite Einwand ist politischer Natur und lautet, die Stationierung hebe Deutschland auf eine neue Bedrohungsstufe, mache es zum Ziel, provoziere Präemption³³. Politico zufolge war es genau diese Sorge, die das Pentagon bewog, die eigene Stationierung fallen zu lassen. Dieser Einwand ist aus zwei Gründen schwächer, als er klingt.
Zum einen ist Deutschland im Kriegsfall längst Hochwertziel. Es liegt im Herzen des Kontinents und wird im Krisen- wie im Bündnisfall von den Partnern intensiv über Straße und Schiene genutzt, um an die Ostflanke zu verlegen: die logistische Drehscheibe der Allianz. Es ist Standort amerikanischer wie deutscher Verbände und soll nach dem erklärten Ziel der Bundesregierung die stärkste konventionelle Armee des Kontinents aufstellen. Vor allem aber ist die Bundesrepublik seit Jahrzehnten Teil der nuklearen Teilhabe³⁴ der NATO und beschafft mit 35 F-35A³⁵ das Trägersystem, das in dieser Rolle den Tornado³⁶ ablöst. Wer argumentiert, 400 konventionelle Marschflugkörper hoben Deutschland auf ein qualitativ neues Bedrohungsniveau, muss erklären, was die nukleare Teilhabe dann sein soll. Der Zielwert Deutschlands steigt durch den Tomahawk nicht sprunghaft; er wird allenfalls präziser begründet.
Zum anderen ist die Eskalationsdrohung empirisch gealtert. Seit Februar 2022 wurde eine russische rote Linie nach der anderen gezogen und überschritten: HIMARS³⁷, westliche Kampfpanzer, F-16, ATACMS, Storm Shadow, deren Einsatz gegen Ziele auf russischem Staatsgebiet, der ukrainische Vorstoß nach Kursk. Die angekündigte Vergeltung blieb jedes Mal aus oder fiel unter der angedrohten Schwelle aus — die Antworten waren demonstrativ (der Oreschnik³⁸-Schlag auf Dnipro im November 2024), doktrinär (die abgesenkte nukleare Schwelle) oder deklaratorisch (das Ende des INF-Moratoriums im August 2025). Russland reagiert durchaus, aber unterhalb der Schwelle, mit Sabotage, Drohnenüberflügen und Störsendern — eine Reaktion, die ohnehin bereits läuft. Wer russische Ankündigungen zum Maßstab eigener Fähigkeitsplanung macht, räumt dem Gegner ein Vetorecht über die eigene Verteidigung ein, das er sich in vier Jahren Vollinvasion nicht verdient hat.
Bleibt der industrielle Befund, und er ist der eigentliche. Krieg ist chirurgischer geworden — keine Flächenbombardements mehr wie früher in Dresden oder London, jedes Ziel wird einzeln bekämpft. Aber Präzision hat die Masse nicht abgeschafft, sie hat nur ihre Form verändert: statt Tonnen an Sprengstoff nun Stückzahlen an Präzisionswirkmitteln. Wer 2026 Krieg gegen einen Staat führt, braucht dieselbe industrielle Tiefe wie 1943, nur für teurere Systeme. Die Vorstellung, wenige perfekte Waffen könnten einen Krieg entscheiden, ist eine Friedensillusion. Wo sie sich zu bewähren schien — 1945 über Japan —, wirkten die Waffen als Spitze einer erdrückenden industriellen und maritimen Übermacht, nicht an ihrer Stelle. In der konventionellen Auseinandersetzung gilt: Am Ende gewinnt, wer länger produzieren und Krieg führen kann.
Die Brücke und das Ufer
Der Tomahawk ist ausdrücklich als Zwischenlösung angelegt. Die Frage ist, wohin die Brücke führt — und ob Europa das richtige Ufer ansteuert.
Der Bestand ist bekannt und begrenzt. Taurus, Storm Shadow und SCALP³⁹ sind exzellente Waffen mit einer harten Schranke von rund 500 Kilometern; Langstreckenversionen existieren nicht. Der europäische Werkzeugkasten für die Tiefe füllt sich gleichwohl: Der Taurus Neo⁴⁰ läuft ab 2029 in Serie, mit deutschem Triebwerk, weil das bisherige unter US Exportkontrolle steht. Frankreichs landgestützte Land Cruise Missile⁴¹ soll nach MBDA⁴²- Angaben 2029 lieferbar sein — das einzige europäische Gegenstück zum Tomahawk. Unter dem Trinity-House-Abkommen⁴³ entwickeln Deutschland und Großbritannien Stealth- und Hyperschallwaffen⁴⁴ mit über 2.000 Kilometern Reichweite. Und in Ankara kam am 8. Juli die Finanzierung dazu: knapp 51 Milliarden Dollar über zehn Jahre. Defense News hat das Papier zutreffend als Finanzierungs- und Koordinierungsstruktur eingeordnet, die vorhandene Programme bündelt — gepoolt wird, nicht neu gebaut. Das erklärt, warum die Summe so groß und der Zulauf so fern ist.
Das führt der ukrainische FP-5 „Flamingo“⁴⁵ vor: ein bodengestützter Marschflugkörper mit rund 3.000 Kilometern Reichweite und einem 1.150-Kilogramm-Gefechtskopf, gemessen an europäischen Standards ein grobes Gerät — langsamer, ungenauer, verwundbarer als ein Taurus. Und die Einsatzbilanz war lange ernüchternd: Beim Angriff auf Tscheboksary am 5. Mai 2026 stürzten fünf von sechs Flugkörpern ab, ein einziger traf. Erst in der Nacht zum 27. Juni, gegen das Rüstungszentrum Titan-Barrikady⁴⁶ in Wolgograd, erreichten von fünf gestarteten Flugkörpern drei die Werkshallen.
Diese Bilanz spricht für billige Massensysteme: Der Flamingo war im Sommer 2025 eine Ankündigung und im Sommer 2026 eine Waffe, die drei von fünf ins Ziel bringt — wiederholt unter Feuer, in zwölf Monaten, von einem Land im Existenzkampf. Kein europäisches Beschaffungsverfahren hätte ihn je zugelassen; keines hätte ihn in zwölf Monaten so weit gebracht.
Genau diese Erkenntnis ist in Ankara angekommen — nicht in Berlin. Am 7. Juli starteten sechs Alliierte — Dänemark, Frankreich, Italien, Norwegen, die Türkei und Großbritannien — ein Projekt zur Großserienfertigung kostengünstiger Marschflugkörper und ballistischer Raketen, ausdrücklich an Kosten und Produzierbarkeit ausgerichtet statt an exquisiter Leistung. Deutschland gehört nicht zu den Gründern. Es hat in derselben Woche 400 der teuersten Flugkörper des Marktes bestellt.
Fazit
Deutschland beschafft erstmals seit dem Ende des Kalten Krieges eine landgestützte konventionelle Waffe, die tausend Kilometer und mehr in gegnerisches Territorium wirkt — aus einem Grund, den die Bundeswehr selbst offen ausspricht: Weil die Bundesrepublik keine Atommacht ist und keine werden will, ist konventioneller Tiefenschlag das einzige strategische Instrument dieser Klasse, das sie besitzen kann. Dass die Zusage einer Administration abgerungen wurde, die dieselbe Fähigkeit zwei Monate zuvor verweigert hatte, verdient Anerkennung. Und die Warnung, Deutschland mache sich damit erst zum Ziel, hält nicht stand: Wer die logistische Drehscheibe des Bündnisses ist und seit Jahrzehnten an der nuklearen Teilhabe mitwirkt, steht auf jeder Zielliste, mit oder ohne Typhon und Tomahawk.
An dem Maßstab gemessen, an dem Tiefenschlag entschieden wird, ist der Kauf gleichwohl notwendig, aber nicht hinreichend. Er beschafft die Spitze der Wirkungskette und lässt offen, wem der Rest gehört — Aufklärung, Missionsplanung, Navigation, Freigabe, jene Glieder, für die Europa länger braucht als für die Waffe und ein Vielfaches zahlen muss. Er beschafft 400 Flugkörper für eine Aufgabe, deren realer Verbrauch in einem einzigen Feldzug das Zweieinhalbfache betragen hat. Und er beschafft eine Brücke, deren Tragfähigkeit von einer Produktionslinie abhängt, die nicht einmal den Bedarf ihres Heimatkunden deckt.
Die Ukraine führt seit anderthalb Jahren vor, was diese Fähigkeit wert ist: brennende Terminals in Primorsk und Ust-Luga, eine russische Ölwirtschaft ohne Reserve. Sie führt zugleich vor, was sie kostet: Masse, Iteration, Fehlversuche — und eine Industrie, die liefert, während geschossen wird. Denn solche Kriege entscheidet nicht das beste Wirkmittel, sondern die längere Durchhaltefähigkeit.
Zwischen den Aussagen von Heiko Maas und Friedrich Merz liegen achteinhalb Jahre, ein Angriffskrieg und eine vollständig gedrehte deutsche Position. Der Wille ist da. In Ankara lagen alle drei Wege auf dem Tisch, und Deutschland hat den einen unterschrieben, den anderen finanziert und den dritten nicht betreten. Der Bundestag könnte fragen, warum: Wie viele dieser Flugkörper wären ohne amerikanische Zuarbeit einsatzbereit? Warum der Block Vb aus Tucson und nicht die Land Cruise Missile, die 2029 aus Europa lieferbar wäre? Und warum trägt das Papier, mit dem sechs Verbündete die billige, produzierbare Masse in Angriff nehmen, keine deutsche Unterschrift?
Mehr von FIBS
Weitere Informationen zu unserer Arbeit als eingetragener Verein, zu den Aktivitäten der FIBS-Hochschulgruppe an der Universität Konstanz und zu Autor Paul Grupp finden Sie unter den folgenden Links.
Ein besonderer Dank gilt Clemens Speer und dem gesamten Team von Sicherheit und Verteidigung für die Möglichkeit, unsere Arbeit in Form dieses Fachbeitrags hier veröffentlichen zu dürfen.
FIBS E.V Weekly Situation Note 017 (KW29/26) von Paul Grupp
Die Weekly Situation Note ist eine kurze, auf Open-Source-Quellen basierende und meinungsorientierte Einordnung zentraler außen- und sicherheitspolitischer Entwicklungen der vorangegangenen Kalenderwoche. Sie soll eine begrenzte Anzahl relevanter Indikatoren hervorheben und analytisch einordnen. Dabei ist sie weder eine nachrichtendienstliche Lagebewertung noch belastbare Prognose und stellt keine offizielle Position dar. Die getroffenen Einschätzungen beruhen auf der Interpretation öffentlicher Berichterstattung durch den Autor/die Autorin und können sich bei Verschiebungen in der politischen Lage verändern.
Glossar
¹ INF-Vertrag — Intermediate-Range Nuclear Forces Treaty (1987, USA/UdSSR); verbot landgestützte Flugkörper mit 500 bis 5.500 km Reichweite. Die USA kündigten ihn 2019, seither ist die Kategorie unreguliert.
² Tomahawk (BGM-109) — US-amerikanischer Unterschall-Marschflugkörper, see- und (via Typhon) landgestützt; Reichweite beim Block V über 1.600 km. Hersteller ist RTX/Raytheon (Endmontage u. a. in Tucson, Arizona).
³ Block Vb — neueste Tomahawk-Variante mit dem Mehrzweckgefechtskopf JMEWS, auch gegen gehärtete Ziele; teurer und komplexer als die von Exportkunden meist gewählte Standardversion.
⁴ Typhon — landgestütztes Startsystem der U.S. Army (Mid-Range Capability), vom Schiffssystem Mk 41 abgeleitet; verschießt Tomahawk und den Flugabwehrflugkörper SM-6. Eine Batterie umfasst vier Werfer mit je vier Zellen.
⁵ Deep Precision Strike Capability Investment Initiative — am 8. Juli 2026 in Ankara von zwölf europäischen NATO-Staaten unter britischer Führung unterzeichnete Finanzierungs- und Koordinierungsstruktur; 50,66 Mrd. US-Dollar über zehn Jahre für Präzisionswaffen mit 300 bis über 2.000 km Reichweite.
⁶ Heron TP — israelische MALE-Drohne (Aufklärung, bewaffnungsfähig), von der Bundeswehr geleast; Gegenstand des jahrelangen Streits um die Bewaffnung.
⁷ Zeitenwende — Bezeichnung für die von Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar 2022 verkündete Neuausrichtung der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik nach dem russischen Überfall auf die Ukraine.
⁸ Loitering Munition — Kampfdrohne, die über dem Zielgebiet „lungert“, bis sie ein Ziel angreift und sich dabei selbst zerstört; ein Zwischending aus Aufklärungsdrohne und Lenkflugkörper.
⁹ Joint Multiple Effects Warhead System (JMEWS) — Mehrzweckgefechtskopf, der eine primäre Hohlladung mit einem Penetrator kombiniert und dadurch sowohl Flächen- als auch gehärtete/unterirdische Ziele bekämpfen kann.
¹⁰ Taurus KEPD 350 — deutsch-schwedischer luftgestützter Marschflugkörper mit Penetrator-Gefechtskopf, Reichweite rund 500 km.
¹¹ Mk 41 — US-amerikanisches Senkrechtstartsystem (Vertical Launching System) auf Kriegsschiffen. Es gibt drei Baulängen (Selbstverteidigungs-, taktische und strike length); nur die längste („strike length“) nimmt große Flugkörper wie den Tomahawk auf.
¹² F123 Brandenburg — deutsche Fregattenklasse, vorrangig zur U-Boot-Jagd; vier Schiffe. ¹³ Sea Sparrow — schiffsgestützter Flugabwehrlenkflugkörper kurzer bis mittlerer Reichweite. ¹⁴ ESSM — Evolved Sea Sparrow Missile, weiterentwickelter Flugabwehrflugkörper mittlerer Reichweite. ¹⁵ F124 Sachsen — deutsche Luftverteidigungsfregatte; drei Schiffe.
¹⁶ SM-2 — Standard Missile 2, schiffsgestützter Flugabwehrflugkörper größerer Reichweite.
¹⁷ F127 — geplante deutsche Luftverteidigungsfregatte ab den 2030er Jahren, mit strike-length-Zellen und damit als erste deutsche Einheit tomahawkfähig.
¹⁸ Wirkungskette — die Gesamtheit der Schritte von der Zielaufklärung über Zielentwicklung, Missionsplanung, Navigation und politische Freigabe bis zum Waffeneinsatz. Der Flugkörper ist nur ihr letztes Glied.
¹⁹ European Policy Centre (EPC) — unabhängiger Brüsseler Thinktank für europäische Politik. ²⁰ Kommando Spezialkräfte (KSK) — Spezialeinheit des Heeres der Bundeswehr.
²¹ ATACMS — Army Tactical Missile System, US-amerikanischer boden-/HIMARS-gestützter ballistischer Kurzstreckenflugkörper (rund 300 km).
²² Storm Shadow — britisch-französischer luftgestützter Marschflugkörper, Reichweite rund 500 km (französische Bezeichnung: SCALP).
²³ Hartpunkt — deutsches Fachmedium für Verteidigung und Sicherheitspolitik.
²⁴ Institut für Weltwirtschaft (IfW Kiel) — wirtschaftswissenschaftliches Forschungsinstitut in Kiel; betreibt u. a. Analysen zur europäischen Verteidigung und den Ukraine Support Tracker.
²⁵ HALE-/MALE-Drohnen — unbemannte Fluggeräte mit großer Reichweite und Flugdauer für Dauer Aufklärung; HALE = High-Altitude Long-Endurance (große Höhe), MALE = Medium-Altitude Long Endurance (mittlere Höhe).
²⁶ SWP — Stiftung Wissenschaft und Politik, Berlin; führender deutscher außen- und sicherheitspolitischer Thinktank, der Bundestag und Bundesregierung berät.
²⁷ hold at risk — militärischer Fachbegriff: ein Ziel glaubhaft bedrohen zu können, sodass der Gegner es jederzeit verlieren könnte — die Fähigkeit dazu wirkt schon vor jedem tatsächlichen Angriff abschreckend.
²⁸ Kyiv School of Economics (KSE) — ukrainische Hochschule; ihr KSE Institute erfasst die Wirkung der Russland-Sanktionen, die russische Kriegswirtschaft und die Folgen ukrainischer Tiefenschläge.
²⁹ Zentrum für makroökonomische Analyse (CMASF) — regierungsnahes russisches Wirtschaftsforschungsinstitut.
³⁰ Kpler — kommerzielles Daten- und Analyseunternehmen für Rohstoff- und Schiffsverkehrsdaten; gilt als führende Quelle beim Tracking von Öltankern und der russischen „Schattenflotte“.
³¹ ISW — Institute for the Study of War, Washington; Thinktank mit täglicher Lageanalyse zum Ukrainekrieg. ³² Calibre Defence — britisches Fachmedium für Verteidigungsthemen.
³³ Präemption — vorbeugender (präemptiver) Angriff, um einem für unmittelbar bevorstehend gehaltenen gegnerischen Schlag zuvorzukommen.
³⁴ nukleare Teilhabe — NATO-Konzept, bei dem nichtnukleare Mitglieder wie Deutschland im Ernstfall US Atomwaffen mit eigenen Trägerflugzeugen einsetzen und so an der nuklearen Abschreckung mitwirken.
³⁵ F-35A — US-amerikanisches Tarnkappen-Mehrzweckkampfflugzeug (Lockheed Martin); übernimmt in Deutschland die Rolle des Trägers in der nuklearen Teilhabe.
³⁶ Tornado — älterer Kampfjet der Bundeswehr, den die F-35A in der Nuklearrolle ablöst.
³⁷ HIMARS — High Mobility Artillery Rocket System, US-amerikanischer radgestützter Mehrfachraketenwerfer (u. a. Trägersystem für ATACMS).
³⁸ Oreschnik — russische nuklearfähige Mittelstreckenrakete, erstmals im November 2024 gegen Dnipro eingesetzt.
³⁹ SCALP — französische Version des Storm Shadow (siehe ²²).
⁴⁰ Taurus Neo — modernisierte Version des Taurus mit deutschem Triebwerk (statt des exportkontrollierten bisherigen), Serienreife ab 2029.
⁴¹ Land Cruise Missile — landgestützter französischer Marschflugkörper von MBDA, ab 2029 lieferbar; das einzige unmittelbare europäische Gegenstück zum Tomahawk.
⁴² MBDA — europäischer Lenkflugkörperhersteller mit Standorten in Frankreich, Großbritannien, Italien und Deutschland.
⁴³ Trinity-House-Abkommen — deutsch-britisches Verteidigungsabkommen von 2024, u. a. zur gemeinsamen Entwicklung weitreichender Präzisions- und Hyperschallwaffen.
⁴⁴ Hyperschallwaffen — Flugkörper mit mehr als fünffacher Schallgeschwindigkeit und manövrierfähiger Flugbahn, dadurch von heutiger Luftverteidigung nur schwer abzufangen.
⁴⁵ FP-5 „Flamingo“ — ukrainischer bodengestützter Marschflugkörper großer Reichweite (rund 3.000 km), bewusst einfach und günstig konstruiert.
⁴⁶ Titan-Barrikady — russisches Rüstungswerk in Wolgograd, u. a. Produktionsstätte für Raketensysteme.
