KNDS stellt Artilleriekonzept LORAS mit Reichweite bis zu 100 Kilometern vor

Auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris hat der europäische Rüstungskonzern KNDS mit „LORAS" ein Konzept für weitreichende Rohrartillerie präsentiert. Mit einem verlängerten 155-Millimeter-Geschütz sollen Reichweiten von bis zu 100 Kilometern möglich sein. Hintergrund sind Lehren aus aktuellen Kriegen, in denen landgestützte indirekte Feuerunterstützung an Bedeutung gewinnt.
Foto: Sicherheit & Verteidigung / Moritz Riffel

Auf der Rüstungsmesse Eurosatory in Paris hat der europäische Rüstungskonzern KNDS mit „LORAS“ ein Konzept für weitreichende Rohrartillerie präsentiert. Mit einem verlängerten 155-Millimeter-Geschütz sollen Reichweiten von bis zu 100 Kilometern möglich sein. Hintergrund sind Lehren aus aktuellen Kriegen, in denen landgestützte indirekte Feuerunterstützung an Bedeutung gewinnt.

Operativer Hintergrund

Als Begründung für längere Geschützreichweiten verweisen die Befürworter auf jüngere Konflikte, darunter den Krieg in der Ukraine und die Auseinandersetzung zwischen Armenien und Aserbaidschan um Bergkarabach. Eine zentrale Lehre lautet, dass Luftüberlegenheit nicht vorausgesetzt werden kann. Dadurch wächst die Bedeutung landgestützter indirekter Feuerunterstützung, um Ziele in größerer Tiefe zu bekämpfen.

Rohrartillerie behält dabei aus Sicht ihrer Befürworter eine eigene Rolle: Sie kann Zerstörungs- und Flächenfeuer leisten – etwa gegen Stellungen, Minenfelder oder Infrastruktur – und mittlere bis große Entfernungen wirtschaftlicher abdecken als vergleichsweise teure Raketen oder Loitering Munition.

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Technik: längeres Rohr, größere Reichweite

Heutige Geschütze mit 52 Kaliberlängen erreichen mit Base-Bleed-Munition rund 40 Kilometer. Raketenunterstützte Geschosse (RAP) steigern die Reichweite auf etwa 55 bis 60 Kilometer, allerdings auf Kosten der Sprengladung und damit der Wirkung im Ziel. Längere Rohre – etwa in 58-Kaliber-Bauweise – sollen 60 Kilometer und mehr mit voller Sprengladung ermöglichen und so eine kostengünstigere Alternative zu Raketen für mittlere bis große Entfernungen bieten.

Das Konzept LORAS

LORAS steht für „Long Range Artillery System“. KNDS beschreibt es nicht als einzelnes Produkt, sondern als modulare Systemfamilie, die ein gemeinsames weitreichendes Geschütz über verschiedene Plattformen hinweg – gerädert, gekettet, bemannt oder unbemannt – verfügbar machen soll.

Auf der Eurosatory zeigten KNDS Deutschland und KNDS France erstmals die Variante „RCH 155 tracked LORAS“: eine 155-Millimeter-Waffenanlage mit 58 Kaliberlängen aus französischer Entwicklung, integriert in das von KNDS Deutschland stammende Artillery Gun Module (AGM) und montiert auf der Kettenplattform Boxer TRACKED. Nach Konzernangaben sind mit reichweitengesteigerter Munition bis zu 100 Kilometer, mit Standardmunition bis zu 60 Kilometer möglich. Erste Schussversuche sind noch für dieses Jahr vorgesehen.

Das Vorhaben knüpft an frühere Programme an. Das US-Programm ERCA (Extended Range Cannon Artillery) erprobte ab 2018 ein 58-Kaliber-Rohr auf der Haubitze M109 Paladin mit dem Ziel von rund 70 Kilometern Reichweite, wurde jedoch 2024 nach technischen Problemen – unter anderem starkem Rohrverschleiß – eingestellt. Auf europäischer Ebene besteht das deutsch-französische Programm CIFS (Common Indirect Fire System), das in der Artillerie eine ähnliche Rolle einnehmen soll wie das Panzerprogramm MGCS bei den Kampfpanzern; seine Einführung wurde mehrfach verschoben.

Munition und Wirtschaftlichkeit

Als primäre Munition gelten zunächst Sprenggranaten (HE) für Zerstörungsfeuer. Darüber hinaus erlauben raketenunterstützte oder gelenkte Geschosse größere Reichweiten. Die von Leonardo entwickelte Lenkmunition Vulcano soll aus dem Caesar-System bis zu 70 Kilometer weit verschossen werden können. Loitering Munition und Präzisionsgeschosse eignen sich gegen bewegliche oder hochwertige Ziele, sind jedoch teurer und anfälliger für die Luftabwehr.

Befürworter argumentieren, dass Rohrartillerie bei vielen Zielen im Bereich von 50 bis 60 Kilometern kostengünstiger sei und eine längere Lagerfähigkeit biete; Raketen blieben für weiter entfernte, höherwertige Ziele reserviert. Wie groß der tatsächliche Markt ist, hängt von Doktrin, Verteidigungshaushalten und der Bedrohungsentwicklung ab.

Überlebensfähigkeit und Automatisierung

Größere Reichweiten erhöhen den Abstand zur Front und damit die Überlebensfähigkeit, da sich Geschütze seltener in besonders gefährdeten Zonen aufhalten müssen. Als verwundbar gelten Artillerieeinheiten vor allem beim Stellungswechsel und bei der Munitionsversorgung. KNDS skizziert daher perspektivisch robotisierte Geschützplattformen und automatisierte Munitionsversorgung. Viele Teilfunktionen wie Richten und Laden sind bereits automatisiert; die Entscheidung über den Waffeneinsatz liegt nach derzeitigem Stand weiterhin beim Menschen.

Ausblick

Als nächste Schritte nennt KNDS die technische Reifung, die Abstimmung mit militärischen Anwendern, den Aufbau industrieller Partnerschaften für Turm, Fahrgestell und Munition sowie die Entwicklung einer abgestuften Munitionsfamilie. Die seit rund 2008 in mehreren Einsätzen erprobte Caesar-Haubitze – unter anderem in Afghanistan, im Irak, in Mali und in der Ukraine – dient dabei als Erfahrungsquelle. Ob und in welchem Umfang das Konzept umgesetzt wird, hängt von Beschaffungsentscheidungen und Verteidigungsbudgets möglicher Partnernationen ab.

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