Die Flugabwehrraketengruppe 61 bereitet sich in Todendorf auf das taktische Schießen mit IRIS-T SLM auf Kreta vor. Erst dort erhält das seit Jahren in der Ukraine bewährte System die Zertifizierung für den Einsatz in der integrierten Luftverteidigung der NATO – gut drei Jahre nach der Bestellung.
Endprobe an der Ostsee
Auf dem Truppenübungsplatz Todendorf durchlaufen die Soldatinnen und Soldaten der Flugabwehrraketengruppe 61 derzeit sogenannte Pre Tactical Firings (PreTacs). Geübt wird die vollständige Einsatzkette: Sammeln im Marschband unter Waldbedeckung, Verlegung als Kolonne, die sich während der Fahrt aufteilt, und der zeitgleiche Aufbau in mehreren, teils kilometerweit auseinanderliegenden Stellungen. Zu den ersten Handgriffen zählen das Erden der Fahrzeuge und das Abdecken reflektierender Flächen wie Scheiben, Spiegel und Kennzeichen.
Anschließend werden die Startgeräte in Feuerstellung gebracht, das Radar aufgerichtet und geprüft sowie im Feuerleitstand – von der Luftwaffe als Common Tactical Operation Center (C-TOC) bezeichnet – die Systemkomponenten angebunden. Die Verbindung erfolgt über Funk oder Lichtwellenleiter. Die Verlegung selbst ist Teil der Bewertung auf Kreta. Ein Teil der Ausbildung läuft parallel im Simulator, wo Szenarien angehalten und ausgewertet werden können; die Gruppe hält mehrere gleichwertig ausgebildete Feuerleitcrews vor, um einen durchgehenden Schichtbetrieb abbilden zu können.
Bewertung im NATO-Verbund
Führungstechnisch ist die Einheit während der PreTacs an den Gruppengefechtsstand (Group Operation Center, GOC) angebunden, der Positionen, Gefechtsbereitschaft und Beladungszustände der unterstellten Feuereinheiten überwacht. Auf Kreta wird das GOC in den Geschwadergefechtsstand (SAMOC) eingegliedert, der auch Patriot-Verbände führt; darüber entscheidet ein Control and Reporting Center über Maßnahmen der Luftraumüberwachung. Damit wird die Einbindung in das NATO Integrated Air and Missile Defence System (NATINAMDS) mitgeprüft.
Schauplatz ist die NATO Missile Firing Installation (NAMFI) auf Kreta, der einzige Raketenschießplatz in Europa, auf dem die bodengebundene Luftverteidigung der Bundeswehr scharf schießen kann. Der Platz geht auf ein Abkommen mehrerer NATO-Staaten aus dem Jahr 1964 zurück und wird seit 1968 genutzt. 2026 schießen dort neben der Gruppe 61 auch die Patriot-Verbände der Flugabwehrraketengruppen 21, 24 und 26.
Drei Jahre vom Vertrag zur Zertifizierung
Der zeitliche Ablauf ist bemerkenswert. Der Haushaltsausschuss billigte die Beschaffung von sechs Feuereinheiten mit 216 Lenkflugkörpern für bis zu 950 Millionen Euro aus dem Sondervermögen im Juni 2023, der Vertrag mit Diehl Defence wurde am 22. Juni 2023 unterzeichnet. Das BAAINBw nahm die erste Feuereinheit Anfang August 2024 ab; Anfang September 2024 wurde in Todendorf im Beisein des damaligen Bundeskanzlers und des Verteidigungsministers die Anfangsbefähigung (IOC) gemeldet.
Operativ nutzbar war das System damit nicht. Wenige Tage nach der Zeremonie ging es zur Nachweisführung an Dienststellen des Beschaffungsamts, unter anderem an die Wehrtechnische Dienststelle 81. Erst am 13. Februar 2026 übernahm die Gruppe 61 die erste Feuereinheit in nationaler Konfiguration. Zwischen Vertragsschluss und dem für Oktober 2026 angekündigten ersten scharfen Schuss liegen damit rund 40 Monate, zwischen IOC-Meldung und Zertifizierung rund zwei Jahre – bei einem System, das sich in der Ukraine seit Oktober 2022 täglich im bewährt.
Was für Deutschland geändert wurde
Die deutsche Feuereinheit basiert nach Angaben der Luftwaffe auf der in der Ukraine eingesetzten Version, wurde aber angepasst. Erforderlich waren laut BAAINBw zunächst Änderungen an diversen NATO-Schnittstellen, um die Einbindung in den Luftverteidigungsverbund sicherzustellen; diese Anpassungen mussten anschließend qualifiziert und einer Einsatzprüfung unterzogen werden. Hinzu kam die Prüfung sämtlicher nationaler Sicherheits- und Zulassungsvorschriften. Fachmedien berichten, dass der in der Ukraine genutzte Kran zum Nachladen der Kanister den deutschen Zulassungsbestimmungen nicht genügte und deshalb nicht zertifizierbar war; genannt werden zudem Beanstandungen an Details wie Aufstiegen am Gerät.
