Europäische Rüstungskonzerne planen Patriot-Alternative für exoatmosphärische Luftabwehr

In Paris haben Airbus, Destinus, MBDA Deutschland, Safran und Thales das Konsortium „Bliksem EXO“ vereinbart. Es soll eine zentrale Lücke in Europas Raketenabwehr schließen – mit einem Abfangflugkörper gegen ballistische Raketen außerhalb der Atmosphäre.
Foto: DVIDS / John Hamilton

In Paris haben Airbus, Destinus, MBDA Deutschland, Safran und Thales das Konsortium „Bliksem EXO“ vereinbart. Es soll eine zentrale Lücke in Europas Raketenabwehr schließen – mit einem Abfangflugkörper gegen ballistische Raketen außerhalb der Atmosphäre.

Am Rande der Gründungssitzung einer neuen europäischen Koalition zur Abwehr ballistischer Raketen haben fünf Rüstungsunternehmen am 14. Juli 2026 in Paris eine Absichtserklärung (Letter of Intent) unterzeichnet. Sie sieht die Gründung des Konsortiums „Bliksem EXO“ vor, einer multinationalen Industriepartnerschaft für Entwicklung, Qualifizierung, Serienfertigung und Betreuung eines exoatmosphärischen Abfangsystems. Beteiligt sind Airbus Defence and Space, das niederländisch geführte Unternehmen Destinus, MBDA Deutschland, Safran Electronics & Defense und Thales. Die Unterzeichnung fand in Anwesenheit des niederländischen Ministerpräsidenten Rob Jetten statt.

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Abfangen ohne Sprengkopf

Bliksem EXO soll ballistische Raketen mittlerer und mittelweiter Reichweite (MRBM und IRBM) in der Mittelphase ihres Flugs bekämpfen – also außerhalb der Erdatmosphäre, bevor sie in den Zielanflug übergehen. Die Zerstörung erfolgt nach dem Hit-to-Kill-Prinzip: Ein sogenanntes Kill Vehicle trifft das Ziel mit hoher Geschwindigkeit direkt und zerstört es durch die kinetische Energie des Aufpralls, ohne Sprengkopf. Nach Angaben der beteiligten Unternehmen soll das System auch gegen Flugkörper der Oreshnik-Klasse wirken, die mehrere abtrennbare und manövrierfähige Wiedereintrittskörper tragen können.

Die Firmen ordnen das Vorhaben ausdrücklich als Ergänzung bestehender Systeme ein: Terminal- und Theater-Abwehrsysteme sollen die unteren Schichten abdecken, Bliksem EXO die Schicht oberhalb der Atmosphäre. Vorgesehen ist volle Interoperabilität mit der integrierten Luft- und Raketenabwehr der NATO (IAMD). Die European Sky Shield Initiative (ESSI) soll dadurch um die bislang fehlende obere Verteidigungsschicht ergänzt werden.

Aufgabenteilung im Konsortium

Destinus übernimmt die Rolle des Konsortialführers und Hauptauftragnehmers und verantwortet die Systemintegration sowie das exoatmosphärische Kill Vehicle (EKV). MBDA Deutschland liefert den Booster des Abfangflugkörpers sowie Werfer und Kanister. Safran Electronics & Defense ist für den Suchkopf des EKV und für Lenkung, Navigation und Steuerung zuständig. Airbus Defence and Space verantwortet Führung, Kontrolle und Gefechtsmanagement (BMC4I), Thales die Radar- und Sensorkette von der Frühwarnung bis zur Feuerleitung.

In die Systemauslegung, Erprobung und Bewertung sollen nach Unternehmensangaben operative Erfahrungen der Ukraine aus der Abwehr massierter Luft- und Raketenangriffe einfließen – vorbehaltlich geltender Exportkontroll- und Sicherheitsbestimmungen sowie behördlicher Verfahren.

Zeitplan und rechtlicher Status

Innerhalb von drei Monaten nach Unterzeichnung der Absichtserklärung wollen die Beteiligten eine verbindliche Konsortialvereinbarung schließen. Die gemeinsamen Entwicklungsarbeiten sollen im August 2026 beginnen; ein Test des Kill Vehicle im Weltraum ist für 2027 geplant.

Die Absichtserklärung hält lediglich die Absichten der Beteiligten fest und begründet keine Verpflichtung zu Beschaffung, Lieferung oder Finanzierung des Systems. Ein staatlicher Auftrag liegt bislang nicht vor.

Destinus-Chef Mikhail Kokorich verwies darauf, dass Europa zwar über leistungsfähige Abwehrsysteme für die unteren Schichten verfüge, eine eigenständige obere Schicht gegen Mittelstreckenraketen jedoch fehle. Thomas Gottschild, Geschäftsführer von MBDA Deutschland, bezeichnete die Vereinbarung als Schritt zu engerer europäischer Zusammenarbeit in der Verteidigung.

Einordnung: die neue Raketenabwehr-Koalition

Das Vorhaben steht im Zusammenhang mit einer politischen Initiative, die einen Tag zuvor in Paris angekündigt wurde. Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, die Niederlande, Norwegen, Schweden, Spanien, das Vereinigte Königreich und die Ukraine gaben am 13. Juli 2026 die Gründung einer nach eigener Darstellung rein defensiven Koalition zur Abwehr ballistischer Raketen bekannt. Geplant sind gemeinsame operative Anforderungen, technische Arbeitsgruppen und ein Fahrplan hin zu einer ersten Fähigkeit. Als Flaggschiffprojekt der Koalition gilt der ukrainische Abfangflugkörper Freyja, der als kostengünstigere Ergänzung zum US-System Patriot entwickelt wird.

Die ESSI wiederum geht auf eine deutsche Initiative aus dem Jahr 2022 zurück. Sie startete mit 15 Staaten und umfasst inzwischen rund 30 Teilnehmer, darunter auch die neutralen Staaten Österreich und Schweiz. Kritik an der Initiative entzündete sich unter anderem an der Auswahl nicht-europäischer Systeme, etwa des israelischen Arrow 3, der ebenfalls exoatmosphärisch abfängt. Ein europäisches Pendant existiert bislang nicht.

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