Seit der letzten Berichterstattung über die Planungen im Bereich der Artillerietruppe sind knapp zwei Jahre vergangen. Inzwischen hat sich jedoch viel getan und verändert, weshalb eine Aktualisierung angebracht ist. Dieser Beitrag beleuchtet den aktuellen Stand der Artillerietruppe, den Aufwuchsplan dieser Truppengattung bis 2032 sowie die Zielvorstellung 2035 und deren Bedeutung für die Artillerie.
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Stand 2026
Um die weitere Entwicklung einordnen zu können, bedarf es zunächst eines Blicks auf den aktuellen Stand der Artillerietruppe. Dieser Ausgangspunkt ist recht bescheiden. Materiell verfügt die Artillerietruppe aktuell über 96 Panzerhaubitzen 2000 sowie 36 Raketenwerfer vom Typ MARS II. Hinzu kommen unter anderem Aufklärungssysteme wie das Artillerieortungsradar COBRA und die Aufklärungsdrohne KZO. Organisiert sind diese Kräfte in sechs Artilleriebataillonen: zwei auf Divisionsebene und vier auf Brigadeebene, dazu die Artillerieschule als Ausbildungseinrichtung. Personell stehen dahinter rund 5.000 Soldatinnen und Soldaten.
Hinter diesen nüchternen Zahlen steht allerdings ein grundlegender Kurswechsel. Denn das Heer, so der neue Heeresinspekteur Christian Freuding, müsse seine tradierte Einsatzdoktrin völlig ändern. „Abstandsfähigkeit hat in allen Bereichen Priorität“, lautet die Vorgabe. Konkret bedeutet dies: Der Schwerpunkt liegt künftig darauf, einem Angreifer umgehend über große Distanzen starke Verluste zuzufügen und dabei selbst ständig in Bewegung zu bleiben, um gegnerischen Gegenschlägen auszuweichen. „Gelingt dies“, so Freuding, „kann selbst bei deutlicher quantitativer Überlegenheit des Gegners die Initiative gewonnen werden.“ Dieser neue Einsatzgrundsatz lautet „Manoeuvre follows Fires“.
Diese neue Doktrin hat unmittelbare strukturelle Folgen. Artilleriekräfte werden künftig wieder auf allen taktischen Ebenen abgebildet sein — von der Brigade über die Division bis hinauf zum Korps. Das Kräfteverhältnis verschiebt sich dabei deutlich: Lag das Verhältnis von Kampftruppe zu Artillerie in der letzten Heeresstruktur noch bei etwa neun zu eins, soll es sich künftig auf rund vier zu eins verbessern. Auf neun Kampfverbände kämen also nicht mehr ein, sondern über zwei Artillerieverbände — ein Wiedererstarken der „Königin des Schlachtfeldes“. Folgerichtig ist die indirekte Wirkung heute eines von fünf priorisierten Handlungsfeldern des Heeres.
Aufwuchsplan bis 2032
Der Aufwuchsplan bis 2032 beschreibt, wie aus dem Status quo eine schlagkräftige Artillerietruppe werden soll. Insgesamt sind bis 2032 zehn Artilleriebataillone auf drei Ebenen geplant — vier mehr als aktuell vorhanden.
An der Spitze, auf der Korpsebene, steht ein völlig neuer Verband: das noch aufzustellende Raketenartilleriebataillon 100. Seine Aufgabe fasst die Bundeswehr im englischen Fachjargon als „Shaping the battlefield for the division level“ zusammen — es geht also darum, das Gefechtsfeld für die dem Korps unterstellten Divisionen vorzubereiten. Dazu soll der Verband in der Lage sein, auf mindestens 300 Kilometer Entfernung Ziele aufzuklären und zu bekämpfen. Gliedern soll sich das Raketenartilleriebataillon in drei schießende Batterien mit je zwölf Raketenartilleriesystemen des neuen Typs MARS 3, wobei die dritte Batterie eine nichtaktive Einheit ist. Das bedeutet: Die Batterie verfügt zwar über Material, ist im Friedensfall aber nicht mit Personal besetzt. Als Wirkmittel für den MARS 3 sind drei verschiedene Systeme vorgesehen: erstens die Predator-Hawk-Rakete von Elbit Systems mit einer Reichweite von bis zu 300 km, zweitens ein Loitering Munition System großer Reichweite, möglicherweise vom Typ SkyStriker, ebenfalls von Elbit Systems. Drittens ist perspektivisch ein Lenkflugkörpersystem mit einer Reichweite von rund 500 km vorgesehen — ein möglicher Kandidat hierfür ist die Joint Fire Support Missile (JFSM) von MBDA. Zur Zielaufklärung soll der Verband über die neuen Aufklärungsdrohnen vom Typ HUSAR sowie über eine geplante Aufklärungsdrohne großer Reichweite verfügen. Die Friedenskopfstärke liegt bei rund 420 Soldaten.
Eine Ebene tiefer, auf der Divisionsebene, stehen zwei Bataillone: das Artillerielehrbataillon 325 für die 1. Panzerdivision und das Artillerielehrbataillon 345 für die 10. Panzerdivision. Ihr Auftrag ist die Gestaltung des Gefechtsfeldes und die Unterstützung der ihnen unterstellten Kampfbrigaden. Dazu sollen sie in der Lage sein, Ziele auf bis zu 150 km Entfernung aufzuklären und zu bekämpfen. Jedes dieser Bataillone soll über vier Batterien verfügen — die vierte wiederum nichtaktiv. Die erste Batterie soll über 16 Raketenartilleriesysteme des Typs MARS II verfügen, die zweite und die dritte Batterie über jeweils neun Rohrartilleriesysteme, gegliedert in drei Geschützzüge à drei Haubitzen. Die vierte, nichtaktive Batterie soll über drei Rohrartilleriezüge mit je drei Haubitzen sowie einen Raketenartilleriezug mit vier Raketenartilleriesystemen verfügen. Hinzu kommt eine mit Loitering Munition Systemen mittlerer Reichweite ausgestattete Batterie, eine sogenannte LMS-Batterie.
Pro Divisionsartilleriebataillon sind 20 Raketenartilleriesysteme und 27 Rohrartilleriesysteme vorgesehen sowie eine unbekannte Anzahl von LMS mittlerer Reichweite der Typen HX-2, Virtus und/oder FV-014. Bis zum Zulauf der Radhaubitzen vom Typ RCH 155 sollen die Verbände mit der PzH 2000 ausgestattet werden. Die Fähigkeit zur Zielaufklärung soll mittels Artillerieortungsradar COBRA und Aufklärungsdrohne HUSAR sichergestellt werden. An Munition kommt ein breites Spektrum zum Einsatz — von der Predator Hawk über GMLRS-Unitary-Raketen bis hin zur präzisionsgelenkten VULCANO-Munition für die Rohrartillerie. Die Friedenskopfstärke liegt bei jeweils etwa 700 Soldaten.
Die dritte Ebene bilden die sieben Brigadeartilleriebataillone — vier schwere und drei mittlere. Ihr Auftrag ist die unmittelbare Unterstützung der Kampftruppenbataillone mit indirektem Feuer. Sie sollen in der Lage sein, auf mindestens 70 Kilometer Entfernung Ziele aufzuklären und zu bekämpfen. Dazu sollen sie über jeweils drei schießende Batterien à neun Haubitzen verfügen, gegliedert in drei Geschützzüge mit je drei Systemen. Auch hier kommt eine LMS-Batterie hinzu, ausgestattet mit LMS mittlerer Reichweite. In einem Punkt sollen sich die schweren und die mittleren Brigadeartilleriebataillone jedoch unterscheiden: Während die schweren Verbände über eine Feuerunterstützungsbatterie verfügen, entfällt diese bei den mittleren Verbänden, da die Infanterieverbände der Brigaden Mittlere Kräfte bereits über organische Feuerunterstützungszüge verfügen. Die vier schweren Bataillone werden mit der Panzerhaubitze 2000 ausgestattet, die drei mittleren Bataillone erhalten dagegen die Radhaubitze RCH 155. Zur Zielaufklärung ist das Artillerieortungsradar COBRA vorgesehen. Die Friedenskopfstärke beträgt rund 555 Soldaten bei den schweren Brigadeartilleriebataillonen und etwa 340 bei den mittleren Verbänden. Der Unterschied von rund 200 Mann ist auf zwei Umstände zurückzuführen: Erstens verfügen die schweren Verbände über eine zusätzliche Batterie, die Feuerunterstützungsbatterie. Zweitens besteht die Geschützmannschaft einer PzH 2000 aus fünf Personen, während die neuen Radhaubitzen RCH 155 mit zwei Personen auskommen.
Um diese Strukturen personell und materiell zu hinterlegen, rechnet das Heer mit einem Bedarf von 6.000 Soldaten, 285 Rohrartilleriesystemen und 84 Raketenartilleriesystemen. Dies klingt nach einem soliden Plan — doch genau hier lauert das zentrale Problem. Denn die eigentlichen Zielsysteme der indirekten Feuerunterstützung, der MARS 3 und die RCH 155, laufen erst ab 2028 in nennenswerten Stückzahlen zu. Anschließend sind Ausbildungs- und Übungstätigkeiten zwingend, um die erforderliche Einsatzbereitschaft zu erreichen. Bis dahin müssen die Bestandssysteme Panzerhaubitze 2000 und MARS II die Stellung halten. Im Folgenden werden die einzelnen Beschaffungen und ihre Fallstricke im Detail betrachtet.
Bei der Panzerhaubitze 2000 in der neuen Version A4 wurden zunächst 22 Systeme für rund 374,9 Millionen Euro bestellt, mit einer Option auf sechs weitere. Sie ersetzen unter anderem das Material, das an die Ukraine abgegeben wurde. Der Roll-out der neuen A4 fand im November 2025 statt, die Auslieferung soll sich über den Zeitraum 2026 bis 2029 erstrecken — ursprünglich war der Beginn bereits für 2025 vorgesehen, was einer Verzögerung von rund einem Jahr entspricht. Die A4 ist keine bloße Neuauflage: Sie erhält eine modernisierte Elektronik, einen neuen Feuerleitrechner namens Centurion, eine überarbeitete Power-Unit und die Integration der präzisionsgelenkten VULCANO-Munition. Darüber hinaus sollen die bereits vorhandenen Panzerhaubitzen über ein sogenanntes Mid-Life-Upgrade modernisiert werden, sodass sie bis Mitte der 2040er Jahre einsatzbereit sind. Das Heer will die Fertigungsbänder ausdrücklich weiterlaufen lassen, um mit Blick auf 2029 eine möglichst hohe Rohrzahl zu erreichen. Entsprechende weitergehende Aufträge wurden dafür bisher jedoch noch nicht erteilt.
Von der Radhaubitze RCH 155 wurden 84 Systeme für 1,2 Milliarden Euro bestellt. Die Auslieferung ist für den Zeitraum 2028 bis 2030 vorgesehen. Sie soll die Panzerhaubitze 2000 ergänzen und vor allem gepanzerte Kräfte bei mechanisierten Operationen unterstützen — eingesetzt in den Divisions- und den mittleren Brigadebataillonen. Die Bestellung dürfte zudem deutlich wachsen: Noch in diesem Jahr sollen weitere 149 Radhaubitzen für mehr als zwei Milliarden Euro geordert werden, um die Vollausstattung zu sichern. Damit würde die Bundeswehr künftig über insgesamt 229 RCH 155 verfügen.
Beim MARS 3, dem Nachfolger des Raketenwerfers MARS II, ist die Lage am angespanntesten. Bislang sind lediglich fünf Systeme für 65,3 Millionen Euro bestellt — eine im Wortsinn homöopathische Menge. Die Auslieferung sollte eigentlich bereits 2025 beginnen, doch die Angaben widersprechen sich, ob der Zulauf noch in diesem oder erst im nächsten Jahr beginnt — im Ergebnis eine Verzögerung von mindestens ein bis zwei Jahren. Noch in diesem Jahr sollen knapp 100 weitere MARS 3 bestellt werden, insgesamt sind 150 bis 250 Systeme geplant. Der MARS 3 soll gegen alle Zielarten auf mindestens 300 Kilometer wirken und sich mit verschiedenen Raketen- und Flugkörpertypen bewaffnen lassen — ein deutlicher Sprung gegenüber dem Altsystem.
Weil all diese Zielsysteme jedoch zu spät kommen, bedarf es einer Zwischenlösung. Diese Zwischenlösung heißt Loitering Munition System, kurz LMS — umgangssprachlich oft als Kamikazedrohne bezeichnet. Sie soll die Lücke beim indirekten Feuer bis 2029 schließen. Der Plan ist konkret: Bereits im kommenden Jahr soll eine erste LMS-Batterie für die Panzerbrigade 45 einsatzbereit sein, gefolgt von einer weiteren für die Panzerbrigade 21 als fortlaufende Versuchseinheit. Am Ende soll jedes Artilleriebataillon auf Brigade- und Divisionsebene eine solche Batterie erhalten. Bis 2029 sollen insgesamt sechs LMS-Batterien einsatzbereit sein.
Im Bereich der Aufklärung läuft in den nächsten Jahren die Aufklärungsdrohne HUSAR zu. Insgesamt sind 13 Systeme für 290,9 Millionen Euro bestellt. Diese sollen die Bestandssysteme KZO und LUNA ersetzen. Das Vorhaben ist jedoch bereits um Jahre verzögert, und auch die bestellte Stückzahl reicht nicht aus. Für die Korpsebene ist darüber hinaus eine Aufklärungsdrohne großer Reichweite geplant — weitere Details sind dazu bisher jedoch nicht bekannt.
Vom Artillerieortungsradar COBRA sind aktuell nur noch neun Systeme im Bestand — schlicht zu wenig für den geplanten Aufwuchs. Immerhin wurden diese im Rahmen eines Mid-Life-Updates modernisiert und ihre Nutzungsdauer bis mindestens 2035 verlängert.
Zielvorstellung 2035
Der Aufwuchsplan bis 2032 ist jedoch nur ein Zwischenschritt auf dem Weg zur Zielvorstellung 2035. Strukturell sollen zwei völlig neue Elemente hinzukommen. Das erste ist eine Multi-Domain-Taskforce, ausgestattet mit strategischen Lenkwaffen mit über 2.500 Kilometern Reichweite — eine Fähigkeit zum sogenannten Ground Based Deep Precision Strike, also präzisen weitreichenden Schlägen von Land aus, die oberhalb der Korpsebene angesiedelt ist. Ob dieser Verband am Ende überhaupt zur Artillerietruppe gehören wird, ist allerdings noch offen. Das zweite Element ist eine eigene Artilleriebrigade für die geplante Korps-Truppen-Division.
Hinzu kommen die regulären Artilleriebataillone — eines pro Division und Kampfbrigade, ausgenommen die Luftlande- und die Gebirgsjägerbrigade. Das ergibt voraussichtlich mindestens elf Bataillone, möglicherweise sogar mehr, denn die drei geplanten Recce-Strike-Brigaden — also Verbände, die Aufklärung und weitreichende Wirkung eng verzahnen — könnten weitere Artilleriekräfte erfordern; ihre genaue Gliederung ist bislang jedoch unbekannt. Die Zielgröße beim Material liegt bei 1.350 Artilleriesystemen, bestehend aus Panzerhaubitze 2000, RCH 155 und MARS 3. Das ist mehr als das Zehnfache des heutigen aktiven Bestands. Wie viel Personal dafür erforderlich ist, ist dagegen noch nicht öffentlich bekannt.
Fazit
Der Aufwuchsplan der Artillerietruppe ist ambitioniert, in seiner strukturellen Logik durchdacht — und in seiner zeitlichen Umsetzung hochgradig gefährdet. Zunächst zu den überzeugenden Aspekten: Besonders bemerkenswert sind die geplanten nichtaktiven Batterien. Auf allen drei Ebenen sollen die Artillerieverbände über Batterien verfügen, die zwar bereits im Frieden mit Material ausgestattet, aber nicht mit dem erforderlichen Personal besetzt sind. Der eigentliche Clou zeigt sich im Zusammenspiel mit der Instandhaltung: Ist ein System der aktiven Truppe langfristig in der Werkstatt oder wird es modernisiert, kann der Verband es aus dem Material der nichtaktiven Batterie ausgleichen — die aktive Truppe verfügt so jederzeit über eine faktische Vollausstattung. Der Materialbestand der nichtaktiven Batterien wirkt damit wie eine Umlaufreserve. Ausbildung, Übung und Einsatzgestellungen lassen sich so deutlich effektiver planen. Dies ist eine kluge Antwort auf ein altbekanntes Problem der Bundeswehr — die niedrige Materialverfügbarkeit.
Doch bei allem konzeptionellen Lob ergibt sich bei näherem Hinsehen ein gemischtes Bild — und die Schwachstellen liegen genau dort, wo es am meisten schmerzt: beim Material und beim Personal. Der aktuelle Bestand an Waffen- und Aufklärungssystemen reicht schlicht nicht aus. Die Beschaffung der entscheidenden Zielsysteme RCH 155 und MARS 3 wurde über Jahre verschleppt — man muss sich vergegenwärtigen, dass vom künftigen MARS 3 bisher gerade einmal fünf Stück bestellt sind. Zudem verzögert sich der Zulauf fast aller bestellten Systeme, teils um mehrere Jahre. Damit ist die Truppe bis mindestens 2028 auf ihre Altsysteme angewiesen und muss die Lücke mit Loitering Munition überbrücken.
Beim Personal ist bis 2032 ein moderater Aufwuchs von rund 1.000 Dienstposten vorgesehen. Dies klingt machbar — und wäre es wohl auch, zumindest sofern der neue Wehrdienst wie erhofft funktioniert. Genau hier liegt jedoch der Haken, denn danach sieht es Stand heute kaum aus. Insgesamt bleibt damit ein zwiespältiger Eindruck: Die Bundeswehr hat mit „Manoeuvre follows Fires“ die richtige Lehre aus dem Krieg in der Ukraine gezogen und mit dem Aufwuchsplan eine in sich schlüssige, moderne Struktur entworfen. Ob aus diesem Plan bis 2032 auch eine reale, einsatzbereite Truppe wird, entscheidet sich jedoch nicht am Reißbrett, sondern an zwei Fragen: ob die benötigten Waffen- und Aufklärungssysteme rechtzeitig und in der erforderlichen Stückzahl zulaufen und ob die Bundeswehr in der Lage ist, das dafür notwendige Personal zu gewinnen. Es bleibt zu hoffen, dass beides gelingt — denn die Uhr tickt, und die Bedrohungslage wartet nicht auf verschobene Liefertermine und vertagte politische Entscheidungen.
