China braucht keine formalen Allianzen, um global Einfluss auszuüben – seine Macht entsteht aus gesteuerten Abhängigkeiten statt aus Beistandspflichten. Von Russland und Iran über Nordkorea bis Dschibuti zeigt sich ein flexibles Netzwerk funktionaler Partnerschaften, das beweglicher, aber auch unverlässlicher ist als westliche Bündnissysteme. Warum Europa Pekings Strategie weder als geschlossene Gegen-NATO überschätzen noch in ihren fehlenden Verträgen als Schwäche missverstehen sollte.
Einleitung
Wer in den vergangenen Wochen aufmerksam die Geschehnisse im asiatischen Raum verfolgte, kam nicht umhin, eine Vielzahl an diplomatischen Reisen Richtung China zu bemerken. Zunächst reiste der iranische Außenminister Abbas Araghtschi nach Peking, wenige Tage später traf US-Präsident Donald Trump den chinesischen Staats- und Parteichef Xi Jinping, kurz darauf wurde der russische Präsident Wladimir Putin in China empfangen. Die diplomatische Abfolge war in ihrer Symbolik kaum zufällig. Die chinesische Führung inszenierte sich damit nicht als ein isolierter Gegenspieler des Westens, sondern als Knotenpunkt einer neuen internationalen Ordnung, in der rivalisierende, sanktionierte oder voneinander abhängige Akteure zugleich nach Peking blicken. Diese Abfolge legt eine zentrale Frage offen, die in westlichen Debatten oft unscharf beantwortet wird: Verfügt China über eine Vielzahl politischer Verbündete? Auf den ersten Blick scheint die Antwort naheliegend. Russland, Iran, Nordkorea und zahlreiche Staaten des Globalen Südens treten regelmäßig an Pekings Seite auf. Sie teilen Kritik an westlicher Dominanz, stimmen in internationalen Organisationen häufig ähnlich ab und profitieren von chinesischem Handel, Krediten und Infrastruktur. In öffentlichen Debatten ist deshalb oft von einer Achse autoritärer Staaten die Rede. Doch dieser Begriff verdeckt meist mehr, als er erklärt. China führt keine „NATO des Ostens“ an, verfügt über kein dichtes System gegenseitiger Beistandspflichten und bindet sich nur selten so fest an Partner, dass daraus eine echte Mitverantwortung für deren Konflikte entstehen würde.
Gerade darin liegt ein wesentlicher Bestandteil chinesischer Machtprojektion. Peking benötigt keine formalen Allianzen, um globalen Einfluss auszuüben, weil sein außenpolitisches Modell auf flexiblen, asymmetrischen und funktionalen Partnerschaften beruht. Diese
Partnerschaften erfüllen unterschiedliche politische, wirtschaftliche sowie militärische Aufgaben. China nutzt dabei Nähe, ohne vollständige Bindung einzugehen.
Die vorliegende Weekly Situation Note untersucht nicht, wer auf Chinas Seite steht. Sie fragt vielmehr, warum China keine formalen Allianzen nach westlichem Vorbild braucht, um globale Handlungsfähigkeit zu gewinnen. Dazu wird zunächst das Grundprinzip chinesischer Partnerschaftspolitik skizziert. Anschließend werden Russland und Iran als Kriegs- und Energiepartner ohne Bündnisbindung betrachtet, Nordkorea als Pufferstaat und Sicherheitsrisiko eingeordnet und Dschibuti als Beispiel für Chinas Verbindung von Infrastruktur, Seewegen und militärischer Präsenz analysiert. Abschließend wird bewertet, welche Vor- und Nachteile dieses System gegenüber westlichen Bündnisstrukturen wie der NATO, EU oder dem US-geführten Bündnissystem im Indo-Pazifik besitzt.
Warum China keine formalen Allianzen braucht
Das außenpolitische Modell der chinesischen Volksrepublik unterscheidet sich grundlegend von westlichen Bündnissystemen. Die NATO beruht auf einem formalisierten Beistandsversprechen, festen politischen Konsultationsmechanismen, militärischer Interoperabilität und einem institutionellen Rahmen, der Bündnispartner auf Dauer aneinander binden soll. Die Europäische Union geht noch weiter: Sie verbindet Sicherheits-, Wirtschafts-, Rechts- und Binnenmarktstrukturen miteinander und erzeugt damit eine tiefgreifende gegenseitige Abhängigkeit ihrer Mitgliedstaaten. Auch das US-geführte „San Francisco System“ in Ostasien beruht zwar weniger auf einer multilateralen NATO-Struktur, aber auf bilateralen Sicherheitsgarantien gegenüber Japan, Südkorea, Australien, den Philippinen und weiteren Partnern.
China verfolgt demgegenüber eine andere Logik. Peking bevorzugt Partnerschaften, die politisch eng genug sind, um Einfluss zu erzeugen, aber lose genug bleiben, um keine automatische Mitverantwortung zu begründen. Dieses Modell folgt mehreren Interessen zugleich. Erstens wahrt es die außenpolitische Flexibilität Chinas. Wer keine formalen Beistandspflichten übernimmt, kann zwischen Unterstützung, Zurückhaltung und Distanzierung wechseln, ohne einen Bündnisvertrag zu verletzen. Zweitens passt es zur chinesischen Rhetorik staatlicher Souveränität und Nicht-Einmischung. China kann westliche Militärbündnisse als Blockpolitik kritisieren, ohne selbst offen eine vergleichbare Blockstruktur aufzubauen. Drittens ermöglicht es Peking, sich mit sehr unterschiedlichen Partnern gleichzeitig zu vernetzen: hochgerüstete Großmächte, sanktionierte Regionalmächte, isolierte Pufferstaaten und infrastrukturell abhängige Kleinstaaten.
Dieser Ansatz ist nicht widerspruchsfrei. Ohne formale Bündnisse verfügt China auch nicht über dieselbe politische Verlässlichkeit, militärische Integration und strategische Berechenbarkeit wie klassische Allianzen. Viele Partner Chinas verfolgen eigene Interessen, sind innenpolitisch fragil oder außenpolitisch riskant. Gerade Russland, Iran und Nordkorea zeigen, dass chinesische Partnerschaften nicht nur Hebel, sondern auch Belastungen sein können. Dennoch verschafft dieses System Peking einen entscheidenden Vorteil: China kann aus den Konflikten seiner Partner Nutzen ziehen, ohne sich vollständig in diese hineinziehen zu lassen.
In westlichen Debatten wird diese Struktur häufig unterschätzt, weil sie nicht in die vertraute Sprache von klassischen Bündnissen passt. Doch Chinas Macht liegt nicht allein in formalen
Sicherheitsgarantien, sondern in der Fähigkeit, unterschiedliche Dependenzen zu organisieren: Energieabhängigkeit, Kreditabhängigkeit, Infrastrukturabhängigkeit, Handelsabhängigkeit, diplomatische Rückendeckung und technologische Verflechtungen. Peking baut damit keinen geschlossenen Block, sondern ein variables Netzwerk. Dieses Netzwerk ist weniger sichtbar als ein Bündnisvertrag, aber in vielen Situationen politisch wirksam.
Russland und Iran: Kriegs- und Energiepartner
Russland und Iran überschneiden sich in Chinas außenpolitischem Netzwerk auf den ersten Blick deutlich. Beide Staaten befinden sich in direkter militärischer Konfrontation mit westlichen Interessen oder westlich unterstützten Staaten. Beide sind zudem wichtige Energielieferanten für die Volksrepublik, Russland aus auch der Iran sind von Internationalen Handels und Finanzsanktionen betroffen und beide Länder profitieren von chinesischer diplomatischer Zurückhaltung gegenüber westlicher Kritik. Sie sind für Peking nützlich, da sie amerikanische Aufmerksamkeit binden und die westliche Ordnung herausfordern können, ohne Chinas eigene wirtschaftliche Stabilität unmittelbar zu gefährden; und zudem diese wirtschaftliche Stabilität durch Chinas enormen Energiebedarf durch günstige Gas- und Ölimporte stärken können.
Trotzdem erfüllen Russland und Iran unterschiedliche Funktionen. Russland ist für China (zumindest auf Papier) der zentrale strategische Großmachtpartner. Die Beziehung reicht historisch tief zurück und ist zugleich von Misstrauen geprägt. Über Jahrhunderte standen China und Russland in Grenz-, Status- und Einflusskonflikten. Die kommunistische Nähe
nach 1949 zerbrach in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunehmend an ideologischen Differenzen, einer Konkurrenz um Führungsanspruch und offenen Grenzscharmützeln. Auch die heutige Nähe überdeckt diese Geschichte nicht vollständig. Eine Analyse des Portals für Politikwissenschaft zur russisch-chinesischen Beziehungsgeschichte beschreibt das Verhältnis als geprägt von Nähe, Kränkung und Konkurrenz; bereits die sowjetisch chinesische „Freundschaft“ habe Interessengegensätze und asymmetrische Aushandlung nur überdeckt.
Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 hat sich das Verhältnis dennoch erheblich verdichtet. China übt keine offene Kritik am russischen Angriffskrieg, enthält sich in zentralen Abstimmungen der UN, hält wirtschaftliche Kanäle offen und profitiert zugleich von einer wachsenden russischen Abhängigkeit. Das chinesisch-russische Handelsvolumen erreichte 2024 rund 245 Milliarden US-Dollar. China ist Russlands wichtigster Handelspartner und chinesische Waren füllen Lücken westlicher Sanktionen. Gleichzeitig zeigt sich an verzögerten Infrastrukturprojekten wie der Pipeline Power of Siberia 2, dass China zwar die russische Verhandlungsnotlage nutzt, um Energierohstoffe zu Billigpreisen zu erlangen, die Volksrepublik sich dennoch nicht vorschnell in eine große Energieabhängigkeit von Russland begeben möchte.
Damit ist Russland für China mehr als ein günstiger Energielieferant. Es ist ein strategischer Entlastungsfaktor. Solange Russland die USA und Europa in der Ukraine binden kann, verringert sich aus chinesischer Sicht der westliche Fokus auf den Indo-Pazifik. Gleichzeitig kann Peking Russland diplomatisch stützen, ohne Moskaus Kriegsziele vollständig zu übernehmen. Chinas Haltung kann als pro-russische Neutralität verstanden werden:
diplomatischer Flankenschutz für Moskau, wirtschaftliche Unterstützung und Dual-Use Lieferungen, aber keine formale Allianz und keine vollständige politische Verschmelzung.
Die Grenzen dieser Beziehung liegen vor allem in der wachsenden Asymmetrie. Russland betrachtet sich weiterhin als Großmacht, ist aber wirtschaftlich zunehmend auf China angewiesen. Peking wiederum hat kein Interesse daran, sich durch Russland dauerhaft vom europäischen Markt abzuschneiden. Hinzu kommen Reibungen in Zentralasien, wo China seine Infrastruktur- und Handelsinteressen immer stärker in traditionell russischen Einflusssphären durchsetzt. So soll die China-Kirgistan-Usbekistan-Eisenbahn Waren schneller nach Europa bringen und zugleich russisches Gebiet umgehen.
Iran unterscheidet sich hiervon deutlich. Teheran ist keine gleichrangige Großmacht, sondern ein regionaler Krisenakteur mit hoher Leistungsfähigkeit. Für China ist Iran vor allem aus drei Gründen relevant: als Energielieferant, als Knotenpunkt der Belt-and-Road-Logik1 zwischen Zentralasien, Persischem Golf und Europa sowie als Akteur, der amerikanische Aufmerksamkeit im Nahen Osten bindet. Der Iran besitzt für Chinas geopolitische Strategie nicht dasselbe Gewicht wie Russland. Während Xi Jinping nach 2022 bereit war, hohe Kosten in den Beziehungen zu USA und EU für die Unterstützung Russlands in Kauf zu nehmen, reagierte Beijing auf die jüngste Iran-Eskalation deutlich zurückhaltender und stärker pragmatisch.
Diese Zurückhaltung erklärt sich aus Chinas doppelter Interessenlage im Nahen Osten. China importiert erhebliche Mengen iranischen Öls, unterhält Investitionen im Iran und unterstützt Teheran regelmäßig gegen westliche Sanktionsinitiativen. Gleichzeitig sind Chinas Wirtschafts- und Energiebeziehungen zu den Golfstaaten insgesamt noch wichtiger. So importiert China deutlich mehr Öl aus Saudi-Arabien und den übrigen Golfstaaten als aus Iran und das Handelsvolumen mit Saudi-Arabien war zuletzt um ein Vielfaches höher als das mit Iran. Peking will Iran daher nicht verlieren, aber ebenso wenig seine Beziehungen zu Washington oder den Golfmonarchien für Teheran aufs Spiel setzen.
Das 2021 geschlossene umfassende Kooperationsabkommen zwischen China und Iran verdeutlicht dennoch die Langfristigkeit der Beziehung. Nach Angaben des Redaktionsnetzwerkes zenith sieht das Abkommen chinesische Investitionen in Energie, Infrastruktur, Telekommunikation und Transport über einen Zeitraum von 25 Jahren vor; Schätzungen sprechen von einem potenziellen Volumen von bis zu 400 Milliarden US Dollar. Gleichzeitig bleibt China trotz internationaler Sanktionen ein zentraler Abnehmer iranischen Öls und unterstützt Iran politisch etwa durch die Ablehnung weiterer westlicher Sanktionsinitiativen.
Die jüngste Eskalation im Nahen Osten zeigte jedoch auch hier die Grenzen chinesischer Partnerschaft. China stärkte Iran diplomatisch, hielt sich öffentlich aber zurück und versuchte zugleich, Eskalation mit den Golfstaaten und den USA zu vermeiden. Auch Berichte über angebliche chinesische oder russische Satellitenunterstützung für Iran wurden von Peking dementiert; zugleich verweisen ORF und andere auf Hinweise, dass Iran in der Krise von ausländischer Aufklärung profitierte. Gerade diese Ambivalenz ist typisch: China will Teheran nicht fallenlassen, aber auch nicht aktive Kriegspartei werden.
Russland und Iran zeigen damit gemeinsam, wie Chinas Partnerschaftsmodell funktioniert. Beide Staaten erhöhen den Druck auf die westliche Ordnung. Beide bieten China Energie, diplomatische Gegenmacht und strategische Ablenkung der USA. Doch beide bleiben für
Peking geopolitische Instrumente, statt Bündnispartner im westlichen Sinne. Russland ist zu wichtig, um es fallengelassen zu werden, aber zu geschwächt, um wirklich gleichrangig zu sein. Iran ist nützlich, aber zu riskant, um für ihn die Beziehungen zu den Golfstaaten, Europa oder den USA dauerhaft zu gefährden.
Nordkorea: Pufferstaat und Sicherheitsrisiko
Nordkorea ist der formalste und zugleich problembehafteste Fall chinesischer Partnerschaft. Anders als Russland und Iran verfügt Pjöngjang mit China tatsächlich über einen historischen Beistandsvertrag. 1961 schlossen beide Staaten den Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitigen Beistand, der militärische Unterstützung im Falle eines bewaffneten Angriffs vorsah. Historisch reicht die Beziehung noch tiefer: Chinas Eingreifen im Koreakrieg von 1950 bis 1953 bewahrte das Regime Kim Il Sungs vor einer Niederlage und prägte über Jahrzehnte das Bild einer „in Blut besiegelten“ Beziehung.
Doch diese historische Nähe darf nicht mit Vertrauen verwechselt werden. Schon früh versuchte Nordkorea, chinesischen Einfluss zurückzudrängen. Die Ausschaltung China-naher Fraktionen und die Betonung politischer, wirtschaftlicher und militärischer Eigenständigkeit dienten dazu, Pjöngjangs Abhängigkeit von Großmächten zu begrenzen. Die Beziehungen wurden immer wieder durch Chinas Annäherung an die USA, Pekings diplomatische Aufnahme Südkoreas 1992 und nordkoreanische Provokationen belastet.
Für China liegt der strategische Wert Nordkoreas weniger in dessen Stärke als in dessen Lage. Nordkorea ist ein Pufferstaat zwischen China und dem US-verbündeten Südkorea. Ein Kollaps des Regimes könnte Flüchtlingsbewegungen, Kontrollverlust über das nordkoreanische Nuklearprogramm, amerikanische Truppenbewegungen hin zur chinesischen Grenze und eine grundlegende Neuordnung der koreanischen Halbinsel auslösen. Die Bundeszentrale für politische Bildung beschreibt Chinas Prioritäten deshalb mit den „drei Neins“: kein Krieg, kein Chaos, keine Atomwaffen. Entscheidend ist jedoch die Reihenfolge. Die Vermeidung von Krieg und Instabilität an der eigenen Grenze hat für Beijing Vorrang vor einer schnellen Denuklearisierung Nordkoreas. Genau daraus entsteht Chinas Dilemma. Peking lehnt ein nuklear bewaffnetes Nordkorea offiziell ab, weil Nordkoreas Atom- und Raketenprogramm amerikanische Militärpräsenz in Ostasien legitimiert, Japan und Südkorea zu stärkerer Aufrüstung bewegt und damit Chinas Sicherheitsumfeld verschlechtert. Gleichzeitig kann China den wirtschaftlichen Druck auf Nordkorea nur begrenzt erhöhen, ohne genau jene Instabilität zu riskieren, die es verhindern will.
Die jüngere Entwicklung hat dieses Dilemma verschärft. Nordkoreas Annäherung an Russland seit dem Ukrainekrieg gibt Pjöngjang zusätzliche außenpolitische Optionen und reduziert Chinas exklusiven Einfluss. Das IPG-Journal beschreibt, dass die wachsende militärische Kooperation zwischen Russland und Nordkorea Peking vor neue Unsicherheiten stellt. Für China bleibt Nordkorea zwar eine wichtige Pufferzone gegen das US-geführte Sicherheitssystem in Ostasien, doch ein gestärktes, von Russland technologisch unterstütztes Nordkorea könnte aggressiver auftreten und damit genau jene US-japanisch-südkoreanische Sicherheitskooperation befördern, die China verhindern möchte.
Daran zeigt sich erneut der Unterschied zwischen formaler und realer Allianz. China ist Nordkoreas wichtigster Handelspartner und politischer Rückhalt, doch Peking kontrolliert Pjöngjang nicht. Chinas Außenminister Wang Yi erklärte bei einem Besuch in Pjöngjang im
April 2026, China wolle Dialog und praktische Zusammenarbeit mit Nordkorea auf allen Ebenen verbessern; zugleich bleibt Nordkorea für China ein Partner, dessen Verhalten regelmäßig Kosten erzeugt.
Nordkorea erfüllt für China damit eine andere Funktion als Russland oder Iran. Es ist kein zentraler Energiestaat, kein wichtiger Markt und kein globaler Ordnungspartner. Sein Wert liegt in der geostrategischen Negativlogik: Nordkorea soll nicht kollabieren, nicht vollständig vom Westen absorbiert werden und nicht dazu führen, dass Chinas Sicherheitsumfeld durch ein noch dichteres US-Bündnissystem eingeengt wird. Genau deshalb hält Peking an Pjöngjang fest, obwohl Nordkorea chinesische Interessen regelmäßig unterläuft.
Dschibuti: Infrastruktur, Seewege und militärische Präsenz
Dschibuti steht für einen weiteren Typus chinesischer Einflussnahme. Anders als Russland, Iran oder Nordkorea ist Dschibuti kein antiwestlicher Groß- oder Krisenakteur. Seine Bedeutung liegt in Geografie, Infrastruktur und militärischer Präsenz. Der kleine Staat am Horn von Afrika liegt an der Meerenge Bab al-Mandab, einem der sensibelsten Seewege zwischen Rotem Meer, Golf von Aden, Suezkanal und Indischem Ozean. Wer dort präsent ist, befindet sich an einem neuralgischen Punkt des Welthandels.
Dschibuti ist dabei kein exklusiver chinesischer Partner. Gerade seine Attraktivität besteht darin, dass zahlreiche Nationen gleichzeitig präsent sind. Nach Angaben des Congressional Research Service beherbergt Dschibuti die einzige permanente US-Militärbasis auf dem afrikanischen Kontinent und zugleich Chinas erste Übersee-Militärbasis, die 2017 eröffnet wurde. Auch Frankreich, Japan und Italien unterhalten militärische Einrichtungen im Land. Der Tagesspiegel beschreibt Dschibuti entsprechend als „Drehkreuz“ Afrikas, an dem amerikanische, chinesische, französische und italienische Militärpräsenz dicht nebeneinander existiert.
Für China ist Dschibuti aus mehreren Gründen bedeutsam. Erstens sichert der Standort maritime Bewegungsfähigkeit. Die chinesische Marine ist seit 2008 an Anti-Piraterie Missionen im Golf von Aden beteiligt; die Basis in Dschibuti bietet hierfür Versorgung, Logistik und operative Tiefe. Dschibuti ist somit ein zentraler Versorgungsknoten für diese Operationen und erweitert Chinas militärische Fähigkeiten zur See. Zweitens schützt die Präsenz chinesische Handels- und Infrastrukturinteressen entlang der maritimen Seidenstraße. Drittens zeigt Dschibuti, dass Chinas traditionelle Rhetorik der Nicht-Einmischung zunehmend durch die Notwendigkeit ergänzt wird, eigene Bürger, Investitionen und Seewege im Ausland abzusichern.
Entscheidend ist dabei die Verbindung von wirtschaftlicher und militärischer Macht. China ist der größte Investor in Dschibuti, zugleich größter Importlieferant und zweitgrößter Exportabnehmer des Landes. Chinesische Investitionen umfassen Häfen, Freihandelszonen, die Eisenbahnverbindung nach Äthiopien, Wasserinfrastruktur und digitale Kabelsysteme. Gleichzeitig hält China erhebliche Teile der externen Schulden Dschibutis, was in Washington Sorgen über politischen Einfluss weckt.
Diese Verflechtung ist für das chinesische Modell charakteristisch. Peking schließt mit Dschibuti keinen Beistandspakt nach NATO-Vorbild. Es schafft stattdessen eine Lage, in der wirtschaftliche Infrastruktur, Kreditbeziehungen, Hafenlogistik und militärische Präsenz
zusammenwirken. Dschibuti bleibt formal souverän und beherbergt gleichzeitig konkurrierende ausländische Nationen. Für China genügt das. Es braucht keinen exklusiven Bündnisvertrag, wenn es Zugang zu Häfen, Seewegen, Infrastruktur und politischer Nähe erhält.
Die Planungen für einen chinesisch betriebenen Weltraumbahnhof in Dschibuti verdeutlichen diese Logik zusätzlich. China möchte rund eine Milliarde US-Dollar investieren, um den ersten Weltraumbahnhof Afrikas in Dschibuti zu bauen. Das Projekt ist wirtschaftlich und geopolitisch relevant, weil es China und Afrika enger verbindet und Dschibuti neben Hafen-, Militär- und Kabelinfrastruktur auch in den von zunehmender Konkurrenz geprägten Wirtschaftsbereich der Raumfahrt einbindet.
Dschibuti zeigt damit eine weitere Dimension chinesischer Partnerschaftspolitik. Während Russland und Iran vor allem geopolitische und energiepolitische Funktionen erfüllen und Nordkorea als Sicherheitsbuffer wirkt, steht Dschibuti für die Materialisierung chinesischer Macht entlang globaler Verbindungsräume. China wird dort nicht durch Ideologie stark, sondern durch Infrastruktur. Nicht durch formale Bündnispflichten, sondern durch Präsenz.
Politische und strategische Partner Chinas: Ein Überblick
Aus diesen Fallbeispielen ergibt sich ein allgemeineres Muster. China verfügt zwar über enge strategische Partner, aber nicht über ein geschlossenes Bündnissystem im westlichen Sinne. Russland, Iran, Nordkorea und Dschibuti stehen nicht für vier Teile einer einheitlichen „Achse“, sondern für unterschiedliche Funktionen in einem flexiblen Netzwerk. Russland liefert (derzeit noch) Großmachtgewicht, Energie und Entlastung gegenüber dem Westen. Iran bietet regionale Verankerung im Nahen Osten, Energie und Störungspotenzial gegenüber den USA. Nordkorea dient als Pufferstaat, bleibt aber sicherheitspolitisches Risiko. Dschibuti verbindet Infrastruktur, Seewege und militärische Reichweite.
Dieses System lässt sich auch auf weitere Regionen ausweiten. In Afrika treten chinesische Banken, Staatsunternehmen, Hafenbetreiber, Telekommunikationsfirmen und Baukonzerne häufig als politische Vorfeldakteure auf. In Zentralasien baut China Eisenbahnen, Handelsrouten und Energiebeziehungen aus, ohne Russland offen herauszufordern. In Lateinamerika ist China für viele Staaten ein zentraler Absatzmarkt, Rohstoffkäufer und Kreditgeber. In multilateralen Formaten wie BRICS oder der Shanghai Cooperation Organisation kann Peking zudem den Anspruch vertreten, eine multipolare Ordnung zu fördern, ohne daraus ein militärisches Bündnis formen zu müssen.
Der Vorteil dieses Systems liegt in seiner Flexibilität. China kann Partner unterstützen, ohne für deren Handlungen vollständig verantwortlich gemacht zu werden. Es kann wirtschaftliche Macht einsetzen, ohne formale Sicherheitsgarantien abzugeben. Es kann in internationalen Organisationen politische Rückendeckung organisieren, ohne eine gemeinsame Ideologie erzwingen zu müssen. Und es kann Beziehungen zu Staaten pflegen, die untereinander keineswegs reibungsfrei verbunden sind. Russland und Iran, Iran und Golfstaaten, Nordkorea und Russland, Dschibuti und die USA – all diese Beziehungen zeigen, dass China häufig gerade dort Einfluss gewinnt, wo andere Akteure in politischen und wirtschaftlichen Widersprüchen gefangen sind.
Gleichzeitig besitzt dieses Modell erhebliche Nachteile. Es erzeugt keine zuverlässige militärische Interoperabilität, keine automatische Krisenunterstützung und keine langfristige strategische Loyalität. Viele Partner Chinas sind aus chinesischer Sicht zugleich Risikoquellen. Russland kann durch Eskalationen in Europa Chinas Beziehungen zur EU belasten. Iran kann durch Aktionen am Persischen Golf Chinas Energie- und Handelsinteressen gefährden. Nordkorea kann durch Raketen- und Nukleartests die US Militärpräsenz in Ostasien stärken. Infrastrukturpartner wie Dschibuti können durch Schuldenprobleme, innenpolitische Instabilität oder ausländischen Druck unberechenbar werden.
Darin unterscheidet sich Chinas Modell von westlichen Bündnissen. NATO und EU sind schwerfällig, regelgebunden und oft politisch langsam. Sie schaffen jedoch Erwartungssicherheit, institutionelle Bindung und kollektive Planbarkeit. Chinas Partnerschaften sind schneller, informeller und weniger normativ belastet. Sie schaffen jedoch weniger Verlässlichkeit. In Krisen kann diese Unverbindlichkeit ein Vorteil sein, weil Peking Handlungsfreiheit behält. Bei Systemkonflikten oder im Kriegsfall kann sie aber zum Nachteil werden, weil Partner Chinas nicht automatisch bereit oder fähig sind, gemeinsam zu handeln.
Für Europa folgt daraus eine wichtige analytische Konsequenz. China sollte nicht als Führungsmacht einer geschlossenen Gegen-NATO verstanden werden. Eine solche Sicht überschätzt die Einheit des chinesischen Netzwerks und unterschätzt die Reibungen zwischen seinen Partnern. Ebenso falsch wäre es jedoch, die fehlenden formalen Bündnisse als Schwäche zu interpretieren. Chinas Einfluss entsteht gerade aus der Fähigkeit, unterschiedliche Partner in unterschiedlichen Funktionen zu nutzen, ohne sich selbst in ein starres Bündnissystem einzusperren.
Die eigentliche Herausforderung für Europa besteht daher nicht darin, eine neue autoritäre Allianz spiegelbildlich zur NATO zu identifizieren. Entscheidend ist, die konkreten Abhängigkeiten zu verstehen, die China aufbaut. Wer Chinas Macht nur an formalen Bündnisverträgen misst, unterschätzt sie. Wer sie als geschlossene Blockbildung überzeichnet, missversteht sie.
Fazit
China braucht keine formalen Allianzen, um globalen Einfluss auszuüben, weil seine Macht nicht primär aus Beistandspflichten, sondern aus gesteuerten Abhängigkeiten entsteht, ohne dabei selbst in eine Abhängigkeit zu geraten. Russland, Iran, Nordkorea und Dschibuti zeigen jeweils unterschiedliche Seiten dieses Modells: strategische Entlastung, Energieversorgung, regionale Störung, Pufferfunktion, Infrastrukturkontrolle und militärische Präsenz. Gemeinsam bilden sie keinen geschlossenen Block, wohl aber ein Netzwerk funktionaler Partnerschaften.
Die Stärke dieses Systems liegt in seiner Beweglichkeit. Peking kann Nähe erzeugen, ohne Verantwortung vollständig zu übernehmen, und Unterstützung leisten, ohne sich vertraglich zu binden. Seine Schwäche liegt in derselben Struktur: Viele Partner sind schwer kontrollierbar, politisch riskant oder strategisch nur begrenzt verlässlich. China gewinnt Einfluss, aber keine echte Bündnissicherheit. Gerade weil dieses chinesische System weniger sichtbar ist als eine NATO-Struktur, verdient es besondere Aufmerksamkeit.
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Weitere Informationen zu unserer Arbeit als eingetragener Verein, zu den Aktivitäten der FIBS-Hochschulgruppe an der Universität Konstanz und zu Autor Lukas Mauz finden Sie unter den folgenden Links.
Ein besonderer Dank gilt Clemens Speer und dem gesamten Team von Sicherheit und Verteidigung für die Möglichkeit, unsere Arbeit in Form dieses Fachbeitrags hier veröffentlichen zu dürfen.
FIBS E.V Weekly Situation Note 010 (KW21/26) von Lukas Mauz
Die Weekly Situation Note ist eine kurze, auf Open-Source-Quellen basierende und meinungsorientierte Einordnung zentraler außen- und sicherheitspolitischer Entwicklungen der vorangegangenen Kalenderwoche. Sie soll eine begrenzte Anzahl relevanter Indikatoren hervorheben und analytisch einordnen. Dabei ist sie weder eine nachrichtendienstliche Lagebewertung noch belastbare Prognose und stellt keine offizielle Position dar. Die getroffenen Einschätzungen beruhen auf der Interpretation öffentlicher Berichterstattung durch den Autor/die Autorin und können sich bei Verschiebungen in der politischen Lage verändern.
Glossar
1 Belt-and-Road-Logik: Chinas globales Infrastruktur- und Investitionsprogramm, mit dem Peking Handelsrouten, Häfen, Bahnlinien, Energieprojekte und digitale Netze ausbaut. Ziel ist es, wirtschaftliche Verflechtung, politische Einflussnahme und strategischen Zugang zu wichtigen Regionen miteinander zu verbinden.
