Der Düsseldorfer Rüstungskonzern hat einen Lieferauftrag für 72 Waffenanlagen der Radhaubitze RCH 155 der British Army erhalten. Gefertigt werden sie im neuen Werk im englischen Telford, die Auslieferung soll sich über drei Jahre erstrecken.
Rheinmetall ist an einem der zentralen Artillerievorhaben der britischen Streitkräfte beteiligt. Wie das Unternehmen am 31. Juli 2026 mitteilte, ging der entsprechende Lieferauftrag im zweiten Quartal 2026 ein. Er umfasst 72 Waffenanlagen des Typs 155mm L/52 RC – die Abkürzung steht für „Remote Controlled“ und verweist auf die fernbediente Auslegung – sowie ergänzende Leistungen. Den Auftragswert beziffert Rheinmetall auf einen niedrigen dreistelligen Millionen-Euro-Betrag. Die Auslieferung ist zwischen Mai 2028 und Juni 2031 vorgesehen.
Neben den sogenannten höhenrichtbaren Massen, also den beweglichen Rohrbaugruppen, liefert der Konzern Bordwerkzeuge sowie Einmalleistungen wie technische Dokumentation und Zuarbeit zu Ausbildungsunterlagen. Die Waffenanlage wird derzeit noch gemeinsam von Deutschland und Großbritannien qualifiziert; die Serienlieferung beginnt nach Abschluss der Verifikation.

Auftragnehmer ist ein deutsch-deutsches Joint Venture
Vertragspartner der britischen Seite ist nicht Rheinmetall direkt, sondern die ARTEC GmbH – ein Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und KNDS Deutschland, deren Gesellschafter zugleich als Unterauftragnehmer auftreten. Großbritannien hatte im Mai 2026 insgesamt 72 Systeme bestellt. Die Beschaffung läuft über die europäische Rüstungsagentur OCCAR; das Gesamtvolumen einschließlich Ausbildungs- und Serviceanteil liegt nach britischen Angaben bei knapp einer Milliarde Pfund. Vorausgegangen war im März 2026 ein Vertrag über Langläuferteile für zunächst 37 Waffenanlagen im Wert von 53 Millionen Pfund.
Beschafft wird die RCH 155 im Rahmen des Programms Mobile Fires Platform. Es soll die Panzerhaubitzen AS90 ersetzen, die London 2023 an die Ukraine abgegeben hatte. Bis zur Einführung des neuen Systems überbrückt die British Army die Lücke mit einer kleinen Zahl gebrauchter Archer-Radhaubitzen aus schwedischen Beständen. Fachmedien weisen darauf hin, dass das Verteidigungsministerium bislang offengelassen hat, ob es sich um ein erstes Baulos handelt und wie viele Artillerieregimenter mit den 72 Systemen ausgestattet werden sollen.
Fertigung in Telford
Gebaut werden die Waffenanlagen in der neuen Rheinmetall-Geschützfertigung im westenglischen Telford, die den Betrieb schrittweise aufnimmt. Das Werk ist auf großkalibrige Waffensysteme ausgerichtet, vor allem auf Rohre und Verschlüsse für Kaliber 120 mm und 155 mm, und soll die vollständige Montage dieser Systeme vor Ort ermöglichen. Damit verfügt Großbritannien erstmals seit 2016 wieder über eine eigene Fertigungskapazität für großkalibrige Rohre. Das Vorhaben ist Teil des britisch-deutschen Trinity-House-Abkommens; nach Unternehmensangaben sollen dort mehr als 400 Arbeitsplätze entstehen. Die Fahrmodule des zugrunde liegenden Radpanzers Boxer werden bei KNDS UK in Stockport gefertigt.
Technisches Profil des Systems
Die RCH 155 kombiniert das Fahrmodul des Boxer mit einer weiterentwickelten, vollautomatisierten Version der Waffenanlage der Panzerhaubitze 2000. Der Turm ist unbesetzt und arbeitet vollautomatisch, wodurch die Besatzung im geschützten Fahrzeugteil verbleibt. Charakteristisch ist die Fähigkeit zum Schuss aus der Bewegung („Shoot-on-the-Move“): Das Fahrzeug muss zum Feuern nicht anhalten und kann die Stellung unmittelbar wechseln. Damit verkürzt sich das Zeitfenster, in dem gegnerische Aufklärung und Gegenbatteriefeuer wirksam werden können – ein Aspekt, der durch die Erfahrungen des Ukraine-Kriegs an Gewicht gewonnen hat.
Kapazitätsausbau bei Munition und Rohren
Rheinmetall ordnet den Auftrag in den laufenden Ausbau seiner Kapazitäten im Bereich Waffe und Munition ein. Zuletzt legte der Konzern am 23. Juli 2026 den Grundstein für ein neues Pulverwerk am Standort Aschau am Inn in Bayern, einem Sitz der Tochterfirma Nitrochemie. Auf einer von rund 90 auf 110 Hektar erweiterten Fläche soll die Produktionskapazität für Treibladungskomponenten der Rohrartillerie deutlich gesteigert werden. Bis 2030 strebt das Unternehmen eine Jahresproduktion von 20.000 Tonnen Treibladungspulver an.
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