Deutschland und die USA wollen ihre Verteidigungsindustrien enger verzahnen. Bei einem Treffen im Pentagon unterzeichneten Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius und sein US-Amtskollege Pete Hegseth eine entsprechende Absichtserklärung.
Politischer Rahmen für gemeinsame Projekte
Pistorius hält sich vom 15. bis 18. September zu politischen Gesprächen in den USA auf. Zum Auftakt traf er Hegseth in Washington, D.C. Beide Minister unterzeichneten dort ein Statement of Intent zur engeren Zusammenarbeit im Rüstungsbereich. Nach Angaben des Bundesministeriums der Verteidigung (BMVg) sieht die Erklärung unter anderem vor, dass Rüstungsgüter auch in Deutschland gefertigt werden können, wenn die Produktionskapazitäten in den USA wegen hoher Nachfrage nicht ausreichen.
Die Absichtserklärung setzt laut Ministerium einen politischen Rahmen für künftige Projekte in Entwicklung, Produktion, Lizenzfertigung und Instandhaltung von Rüstungsgütern. Außerdem sollen die Lieferketten gestärkt, die Regeln zum Technologietransfer überprüft und die Kooperation in Forschung und Entwicklung ausgebaut werden. Ein Beschaffungsvertrag über ein konkretes Waffensystem ist damit nicht verbunden.
Pistorius verwies auf die industrielle Leistungsfähigkeit deutscher Unternehmen, gut ausgebildete Fachkräfte und technologische Kompetenz, etwa bei Start-ups aus der Raumfahrt- und Drohnenbranche. Als Beleg für den schnellen Aufbau von Produktionskapazitäten nannte er die Fertigung von Rumpfteilen für die F-35A durch Rheinmetall sowie die Produktion von PAC-2-Flugkörpern durch MBDA.
Erwartete Effekte für Bundeswehr und NATO
Nach Darstellung des Ministers profitiert Deutschland von der Kooperation durch höhere und schnellere Produktion, aufgefüllte Bestände und stabilere Lieferketten. Für den Aufbau von Fähigkeiten der wachsenden Bundeswehr seien die USA ein wichtiger Partner. Deutsche Aufträge schafften zugleich Arbeitsplätze in den USA. Zudem verbessere die Zusammenarbeit die Interoperabilität der Streitkräfte und damit die Verteidigungsfähigkeit der NATO.
Bereits laufende Vorhaben umfassen die Seefernaufklärer P-8A Poseidon, die seit mehreren Monaten an Deutschland geliefert werden. 2027 soll mit dem CH-47 der erste schwere Transporthubschrauber der Luftwaffe folgen. Am Freitag soll Pistorius in Texas den ersten F-35A-Kampfjet der Bundeswehr offiziell übernehmen. Insgesamt hat die Bundeswehr 35 Maschinen dieses Typs bestellt. Die ersten acht bleiben nach der Übergabe vorerst in den USA, wo deutsches Flug- und Wartungspersonal an ihnen ausgebildet wird. Ab 2027 sollen die ersten F-35A auf dem Fliegerhorst Büchel in der Eifel stationiert werden.
Typhon und Tomahawk für weitreichende Präzisionswirkung
Ein weiteres Gesprächsthema war der geplante Kauf von Typhon-Startsystemen und Tomahawk-Marschflugkörpern. Die US-Seite hatte die Beschaffung beim NATO-Gipfel in Ankara Anfang Juli politisch zugesagt. Anfang September stellte Deutschland mit dem Letter of Request den formellen Kaufantrag für die Startsysteme. Eine Beschaffung dieser Größenordnung bedarf nach Angaben der Bundeswehr der Zustimmung des Bundestages.
Mit dem System soll die Bundeswehr die Fähigkeit zum Deep Precision Strike erhalten, also zur präzisen Bekämpfung weit entfernter gegnerischer Ziele. Laut einem Bericht der „Welt“, der sich auf interne Regierungsunterlagen stützt, ist mit ersten Lieferungen nicht vor 2031 zu rechnen. Ursprünglich war ein Einsatz ab 2029 geplant. Parallel arbeitet Deutschland nach Angaben von Pistorius an europäischen Lösungen, etwa mit britischen Partnern im Rahmen des European Long-Range Strike Approach (ELSA) sowie mit der Ukraine.
Truppenpräsenz und Lastenteilung
Pistorius ließ sich im Pentagon zudem über die laufende Überprüfung der US-Truppenpräsenz in Europa (Force Posture Review) informieren. Beide Seiten seien sich einig, dass angesichts der vor allem von Russland ausgehenden Bedrohung keine gefährlichen Fähigkeitslücken entstehen dürften. Eine von Pistorius vorgeschlagene Roadmap sieht vor, von den USA abgezogene Fähigkeiten durch europäische Beiträge zu ersetzen.
Der Minister erklärte, die US-Seite erkenne die gestiegenen deutschen Verteidigungsausgaben sowie den personellen und materiellen Aufwuchs der Bundeswehr an. Deutschland verfolge dabei keine Alleingänge, sondern nehme als größte Volkswirtschaft Europas Verantwortung im Bündnis wahr. Aus seiner Sicht müsse die NATO europäischer werden, um ihren transatlantischen Charakter zu erhalten. Laut BMVg umfasst der deutsche Verteidigungshaushalt 2026 mehr als 108 Milliarden Euro, bis 2029 soll das Fünf-Prozent-Ziel erreicht werden.
In Washington traf Pistorius außerdem Vertreter von US-Rüstungsunternehmen sowie Mitglieder des Senats und des Repräsentantenhauses. Anschließend reist er nach New York, unter anderem zu Gesprächen mit UN-Generalsekretär António Guterres.
