Das US-Rüstungsunternehmen Anduril Industries hat mit Steelfin eine Familie bodengestützter Abfangraketen vorgestellt, die auf einer gemeinsamen zweistufigen Architektur beruht. Die Varianten sollen gegen Marschflugkörper, ballistische Raketen und Hyperschallwaffen konfiguriert und in großer Stückzahl gefertigt werden können.
Ausgangslage
Anduril begründet die Entwicklung mit einem veränderten Bedrohungsbild. Gegner setzten zunehmend auf günstige, in Serie produzierte Angriffswaffen. Das Spektrum reiche von einfachen Drohnen über ballistische Kurzstreckenraketen bis zu manövrierfähigen Hyperschallwaffen. Bestehende Abfangflugkörper sind nach Darstellung des Unternehmens auf feste Architekturen und ein eng begrenztes Bedrohungsspektrum ausgelegt. Anpassungen an neue Anforderungen erforderten jahrelange Neuentwicklungen und neue Fertigungslinien.
Zudem müssten Flugabwehreinheiten häufig hochwertige Abfangraketen gegen vergleichsweise günstige Ziele einsetzen. Das belaste die Bestände und verschiebe das Kostenverhältnis über längere Zeit zulasten der Verteidiger. Anduril leitet daraus ab, dass eine einzelne Abfangrakete nicht alle Bedrohungen abdecken kann und eine Architektur nötig ist, die sich ohne vollständige Neuentwicklung weiterentwickeln lässt.
Zweistufiger Aufbau
Steelfin besteht aus einer ersten Stufe als Booster und einer zweiten Stufe als Endphasen-Abfangkörper. In die erste Stufe können unterschiedliche Feststoffraketenmotoren eingebaut werden, abhängig von Reichweite, Leistung, Startkonfiguration oder der gewünschten Packdichte im Startgerät. Die zweite Stufe ist bei allen Varianten gleich aufgebaut: Zelle, Avionik, Software, Flugsteuerung und Schnittstellen sind identisch. Über offene, modulare Schnittstellen sollen sich verschiedene Suchköpfe und Missionssysteme integrieren lassen, ohne den gesamten Flugkörper neu zu konstruieren.
Das Einsatzspektrum soll vom Nahbereichsschutz über die untere Schicht der integrierten Luft- und Raketenabwehr bis zur oberen Schicht der Abwehr ballistischer Raketen reichen. Die Kosten sollen in jeder Missionsklasse nur einen Bruchteil heutiger Referenzsysteme betragen. Konkrete Preise nennt das Unternehmen nicht.
Fertigung und Stückzahlen
Da die Varianten Architektur und Komponenten teilen, sollen sie auf derselben Fertigungslinie mit denselben Werkzeugen und demselben Personal entstehen. Die Produktion einzelner Varianten lasse sich so bei Bedarf kurzfristig erhöhen. Kurzfristig plant Anduril eine Fertigung in der Größenordnung von mehreren tausend Flugkörpern pro Jahr. Die offenen Schnittstellen sollen außerdem den Einsatz kommerziell verfügbarer Komponenten und den Wettbewerb mehrerer Zulieferer ermöglichen, um Engpässe in der Lieferkette zu verringern.
Anduril ist bereits als Hersteller von Feststoffraketenmotoren im Bereich Flugabwehr tätig. Im Programm Integrated Fires Protection Capability Increment 2 der US Army entwickelt das Unternehmen gemeinsam mit Boeing einen Abfangflugkörper; Boeing liefert Suchkopf und Zelle, Anduril den Raketenmotor, der im Produktionskomplex des Unternehmens in Mississippi gefertigt werden soll.
Integration in bestehende Systeme
Steelfin soll mit vorhandener Startinfrastruktur an Land und auf See kompatibel sein. Genannt werden das Patriot-Startgerät M903A2, das Senkrechtstartsystem Mk 41 der US Navy, das Mittelstrecken-Startsystem Typhon sowie neuere containerisierte Startsysteme. Auf der Ebene der Feuerleitung ist eine Anbindung an eingeführte Systeme wie AEGIS und IBCS vorgesehen. Damit soll sich Steelfin ohne neue Führungs- und Startsysteme in bestehende Abläufe einfügen.
Nach Unternehmensangaben wird Steelfin seit mehreren Jahren gemeinsam mit mehreren, nicht genannten Kunden entwickelt. Ballistische Tests mit repräsentativen Flugkörpern sind abgeschlossen. Flugtests mit Steelfin-Varianten sollen im kommenden Jahr beginnen.
Einordnung
Nach Schätzungen des Center for Strategic and International Studies (CSIS) sank der Bestand an Patriot-Abfangraketen von 2.330 vor dem Krieg mit Iran auf derzeit 759 bis 827 Stück, ein Rückgang um mindestens 65 Prozent. Ein auf sieben Jahre angelegter Vertrag mit Lockheed Martin im Umfang von rund 58 Milliarden US-Dollar soll die jährliche Patriot-Produktion von etwa 620 auf 2.000 Flugkörper erhöhen. Laut einem Bericht des Foreign Policy Research Institute (FPRI) erschweren lange Vorlaufzeiten eine schnelle Ausweitung: Für die Montage einer PAC-3 MSE werden rund 24 Monate veranschlagt, für die Aushärtung des Feststoffmotors rund 30 Monate.
Ob Steelfin die angekündigten Kosten- und Produktionsziele erreicht, lässt sich erst nach den geplanten Flugtests und möglichen Beschaffungsentscheidungen beurteilen.
