Verteidigungsminister Boris Pistorius hat am 12. Oktober in Berlin eine Zwischenbilanz zur Digitalisierung der Landstreitkräfte gezogen. Die Musterintegration ist weitgehend abgeschlossen, bei der Umrüstung der Fahrzeuge liegt die Industrie jedoch weiter hinter den vereinbarten Zahlen zurück.
Zwischenbilanz im Bendlerblock
Am 12. Oktober 2026 informierte Pistorius im Bundesministerium der Verteidigung über den Stand des Programms Digitalisierung Landbasierte Operationen (D-LBO). Zuvor hatte er sich mit Vertretern der beteiligten Rüstungsunternehmen getroffen. An dem Gespräch nahmen auch Staatssekretär Jens Plötner, Generalinspekteur Carsten Breuer und der Inspekteur des Heeres, Christian Freuding, teil. Plötner und Breuer begleiten das Vorhaben nach Angaben der Bundeswehr persönlich.
Pistorius bewertete den Fortschritt insgesamt positiv. Alle Verantwortlichen hätten ihm bestätigt, dass sich das Projekt auf gutem Weg befinde. Die verbleibenden Herausforderungen wolle er jedoch nicht kleinreden.
Ziel und Umfang des Programms
Mit D-LBO stellt die Bundeswehr die Kommunikation ihrer Landstreitkräfte auf digitale und abhörsichere Verfahren um. Soldaten, Fahrzeuge und Führungsebenen sollen vernetzt werden, Sprache und Daten verschlüsselt austauschen und mit den Systemen der NATO-Partner zusammenarbeiten. Umgerüstet werden müssen mehr als zehntausend Fahrzeuge, das Gesamtprogramm ist mit 11,5 Milliarden Euro veranschlagt. Für ein Projekt dieser Größenordnung wäre üblicherweise eine Laufzeit von zehn bis 15 Jahren anzusetzen. Die Bundeswehr will die Umrüstung in etwa der Hälfte dieser Zeit abschließen.
Einsatzprüfung in Munster
Seit rund fünf Wochen wird das System auf dem Truppenübungsplatz Munster einer Einsatzprüfung unterzogen. Erprobt wird der digitale Funk in dynamischen Gefechtsszenarien, auch im scharfen Schuss. Die Prüfung soll klären, ob die Technik unter realen taktischen Bedingungen und im Verbund vieler vernetzter Systeme zuverlässig arbeitet und stabil genug ist, um in wenigen Monaten von den ersten Verbänden genutzt zu werden. Pistorius zeigte sich überzeugt, dass das System funktioniert. Bereits Ende Juni hatte in Munster der Systemnachweis begonnen.
Musterintegration weitgehend abgeschlossen, Serie im Rückstand
Bei der Musterintegration wird für jeden Fahrzeugtyp festgelegt, wie die Technik eingebaut wird. Diese Arbeiten sind nach Angaben des Ministers weitgehend abgeschlossen. Die 2025 begonnene Serienintegration, also der Umbau der einzelnen Fahrzeuge, kommt zwar voran. Die Industrie hat bislang jedoch weniger Fahrzeuge umgerüstet als vereinbart. Im Juli hatte das Ministerium als Ursachen fehlende Materiallieferungen sowie Verbesserungsbedarf beim Abnahmeprozess der Bundeswehr in den Werken genannt. Zudem wurde die Reihenfolge der Umrüstung von Gefechts- und Unterstützungsfahrzeugen angepasst.
Nachgesteuerte Projektorganisation
Ende 2025 hatte Pistorius Probleme bei Datenübertragung, Systemauslastung und Funkreichweite eingeräumt. In der Folge wurde das Controlling im Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) verschärft und im Ministerium ein Stabselement eingerichtet, das die Zusammenarbeit von Truppe, Beschaffungsamt und Industrie koordiniert. Nach Einschätzung des Ministers zeigen diese Maßnahmen Wirkung. Ein im Juli vereinbarter Aufholplan sieht unter anderem mehr Personal für die Güteprüfung und eine optimierte Fahrzeugabnahme vor. Die Industrie hatte zugesagt, 2026 insgesamt 2.700 Fahrzeuge umzurüsten.
Mischbetrieb und Aufwuchs
Bis alle Verbände umgerüstet sind, setzt die Bundeswehr auf einen Mischbetrieb. Ältere Fahrzeuge werden dabei über spezielle Funkgeräte mit D-LBO kompatibel gemacht. Für die wachsenden Fahrzeugflotten billigte der Haushaltsausschuss Ende Juni zudem einen Änderungsvertrag über rund 2,4 Milliarden Euro für knapp 32.000 zusätzliche Führungsfunkgeräte.
Zeitplan bis Ende 2027
Als erster Großverband soll die Panzergrenadierbrigade 37 ab dem 1. Januar 2027 die digitale Technik nutzen, ab dem 1. Juli 2027 folgt die Panzerbrigade 45 in Litauen. Bis Ende 2027 soll die gesamte 10. Panzerdivision, die bei der NATO als Division 25 geführt wird, umgestellt sein. Pistorius bekräftigte diesen Zeitplan. Die Industrie habe ihm erneut zugesichert, dass die Ausstattung bis Ende 2027 möglich sei.
Offene Fragen
Konkrete Zahlen zum Stand der Serienumrüstung nannten weder der Minister noch die Bundeswehr. Ob die für 2026 zugesagten 2.700 Fahrzeuge erreicht werden, lässt sich damit nicht beurteilen. Zuletzt öffentlich bekannt waren gut 700 umgerüstete Plattformen im Mai. Auch zu Einzelergebnissen der Einsatzprüfung machte das Ministerium keine Angaben. Offen bleibt, ob die Ende 2025 benannten Schwächen bei Datenübertragung, Systemlast und Reichweite sowie bei der Sprachübertragung im Mischbetrieb inzwischen behoben sind.
Die Zusage der Industrie, die Division bis Ende 2027 auszustatten, wurde im Dezember 2025, im Juli und nun im Oktober 2026 erneuert, während die Serienintegration jeweils hinter dem Plan lag. Bis zur vorgesehenen Nutzung durch die Panzergrenadierbrigade 37 verbleiben weniger als drei Monate, die Einsatzprüfung dauert noch an.
