Der Oberste Alliierte Befehlshaber Europa der NATO (SACEUR), General Alexus G. Grynkewich, hat beim Warsaw Security Forum am 12. Oktober 2026 erstmals öffentlich seine „Theory of Victory“ vorgestellt. Sie beschreibt in drei Stufen, wie das Bündnis einen Angriff auf sein Gebiet abwehren würde.
Gemeinsames Leitbild statt Einsatzplan
Grynkewich bezeichnete die Theory of Victory als gemeinsame Vorstellung davon, wie die NATO Abschreckung und Verteidigung erfolgreich gestaltet. Sie sei kein Plan im militärischen Sinne, sondern seine Absicht als Befehlshaber, an der sich die Streitkräfte bei den zentralen Aufgaben im Gefecht ausrichten sollen. Grundlage ist die von allen 32 Verbündeten beschlossene Strategie zur Abschreckung und Verteidigung des euro-atlantischen Raums (DDA). Einfließen sollen die Erfahrungen aus der Ukraine und dem Nahen Osten.
Die endgültige, eingestufte Fassung lag nach seinen Angaben seit etwa drei Monaten vor. Die Veröffentlichung begründete er mit der aktuellen Sicherheitslage: Sabotage und Brandanschläge hätten die Bevölkerung verunsichert. Er wolle den rund eine Milliarde Menschen im Bündnisgebiet versichern, dass die NATO vorbereitet sei, und zugleich potenziellen Angreifern ein klares Signal senden.
Einen Konflikt hält Grynkewich weder für unmittelbar bevorstehend noch für unvermeidlich. Abschreckung erfordere jedoch Einsatzbereitschaft und eine Planung, die sich am Möglichen und nicht nur am Wahrscheinlichen orientiert. Durch umfassende Aufklärung und algorithmische Auswertung werde das Bündnis kaum überrascht werden und könne Kräfte rechtzeitig verlegen, auch gegen den Versuch, vollendete Tatsachen zu schaffen.
Drei Stufen: blockieren, aufhalten, zerschlagen
In der ersten Stufe sollen Landstreitkräfte einen Angriff am Berührungspunkt stellen, gegnerische Verbände binden und die Einnahme von Bündnisgebiet verhindern. Luft- und Seestreitkräfte sollen gemeinsam mit Weltraum- und Cyberkräften rasch Überlegenheit in der Luft und auf See erringen. In der zweiten Stufe sollen Sensoren, autonome Systeme und domänenübergreifend operierende Kräfte verhindern, dass der Angreifer Schwung aufnimmt oder die Initiative gewinnt.
Setzt der Gegner den Angriff fort oder führt Reserven heran, folgt die dritte Stufe: Ziel ist dann nicht nur die angreifende Truppe, sondern alles, was sie unterstützt, versorgt und führt. Dazu sollen hochwertige Präzisionswaffen mit einer großen Zahl kostengünstiger, skalierbarer Systeme kombiniert werden. Anhaltender kinetischer und nicht-kinetischer Druck in allen fünf Dimensionen soll Nachschub abschneiden und die Führungsfähigkeit des Gegners ausschalten.
Begrenztes Ziel
Eine strategische Niederlage des Gegners strebe die NATO nicht an. Ziel sei allein, die angreifenden Kräfte taktisch und operativ so weit zu schwächen, dass sie den Angriff nicht fortsetzen können. Daraus folge, dass die NATO keinen Anlass zur Eskalation habe und die Verantwortung dafür allein beim Angreifer liege. Drohungen oder tatsächliche Eskalation würden das Bündnis nach seiner Einschätzung enger zusammenschweißen.
Zur Umsetzung sollen die vorgeschobenen Landstreitkräfte an der Ostflanke das Blockieren üben, Luft- und Seestreitkräfte das Aufhalten. Investiert werden soll in hochwertige wie kostengünstige weitreichende Präzisionswaffen, Sensornetzwerke und eine gemeinsame Gefechts-Cloud.
Lehren, Vorräte und Reaktion auf hybride Angriffe
Im anschließenden Gespräch mit der Vorsitzenden des Forums, Katarzyna Pisarska, erklärte Grynkewich, das Konzept berücksichtige auch gleichzeitige Konflikte in Europa und im Indopazifik. Die parallelen Konflikte im Nahen Osten und in der Ukraine hätten die Belastung der militärischen Systeme gezeigt und den Bedarf an einer Mischung aus Hochwert- und Massenfähigkeiten unterstrichen. Drohnen und elektronische Kampfführung seien prägende Merkmale des modernen Gefechtsfelds. Mit den Munitionsvorräten im Bündnis sei er derzeit zufrieden. Die Industrie müsse jedoch nicht nur liefern, sondern die Produktion auch während eines länger andauernden Konflikts aufrechterhalten.
Auf hybride Angriffe sollten betroffene Staaten mit öffentlicher Zuordnung reagieren, sobald dies rechtlich möglich ist. Zudem empfahl er höhere Beiträge zum PURL-Programm oder die Abgabe von Flugabwehrraketen an die Ukraine sowie eine abgestimmte Kommunikation der Verbündeten. Zweifel an der Beistandspflicht nach Artikel 5 wies er unter Verweis auf die Erklärung des Gipfels von Ankara zurück. Wo US-Truppen eingesetzt würden, sei eine politische Entscheidung, die Bündnisverpflichtung der USA stehe aber nicht in Frage.
Hintergrund
Das Forum fand am 12. und 13. Oktober mit mehr als 2.500 Teilnehmenden aus 90 Staaten statt. Die Rede fällt in eine Phase verstärkter hybrider Aktivitäten: Die Nachrichtenagentur AP zählt mindestens 211 Vorfälle seit Beginn der russischen Invasion, die westliche Stellen Russland zuschreiben. Parallel zur Rede lief laut Wall Street Journal die zehntägige Stabsrahmenübung „Steadfast Duel“ mit mehr als 20.000 Soldatinnen und Soldaten.
