Mit geschätzten 26,2 Milliarden Euro ist die Fregatte der Klasse 127 das teuerste Rüstungsvorhaben in der Geschichte der Deutschen Marine – und steht zugleich unter erheblichem Zeitdruck, denn der erste Zulauf ab 2034 lässt kaum Spielraum bis zur Außerdienststellung der F124. In den vergangenen zwei Jahren hat das Projekt deutlich an Kontur gewonnen: Die geplante Stückzahl stieg von sechs auf acht Einheiten, und in den Bereichen Bewaffnung, Sensorik und Führungssysteme wurden weitreichende Entscheidungen getroffen.
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Fregatte Klasse 127
Die Deutsche Marine steht in den kommenden Jahren vor einer entscheidenden Weichenstellung: Mit der Außerdienststellung der Fregatten der Klasse 124 – kurz F124 – wird gegen Mitte der 2030er Jahre eine der zentralen Fähigkeiten der Marine wegfallen: die maritime Luftverteidigung und Verbandsflugabwehr im Weitbereich. Um diese Fähigkeit ohne Unterbrechung zu erhalten, hat die Bundeswehr das Beschaffungsvorhaben „Fregatte Klasse 127“, kurz F127, aufgelegt. Es ist auch unter dem Namen Next Generation Frigate – Air Defence, oder NGFrig-AD, bekannt.
Die F127 ist dabei nicht als bloßer Ersatz der F124 gedacht, sondern als ein grundlegend neu konzipiertes Seekriegsmittel. Als erste Schiffsklasse seit der F124 wird sie von Grund auf nach den Anforderungen der Landes- und Bündnisverteidigung entwickelt – mit dem Anspruch, auch gegen Bedrohungen einsetzbar zu sein, die heute noch gar nicht absehbar sind, und das weit über die Mitte des Jahrhunderts hinaus. Gemeinsam mit den Fregatten der Klasse 126 soll sie künftig den Kern von Hochseekampfgruppen bilden – sowohl für die NATO-Nordflanke als auch für weltweite Einsätze.
Die Kernfähigkeiten der F127 liegen in der Luftverteidigung sowie im Maritimen Strike auf große Distanzen. Im Bereich der Luftverteidigung geht es konkret um den Verbandsschutz und den Gebietsschutz – einschließlich der Abwehr hypersonischer und ballistischer Flugkörper in der unteren Abfangschicht. Darüber hinaus soll die F127 in der Lage sein, gehärtete Ziele auf große Entfernungen zu bekämpfen. Ergänzend dazu sind Fähigkeiten im Überwasser-Seekrieg, in der U-Boot-Jagd sowie im Cyber- und Informationsraum vorgesehen.
Ursprünglich war die Beschaffung von sechs Einheiten vorgesehen, um dauerhaft je eine Fregatte in zwei verschiedenen Einsatzverbänden bereithalten zu können. Aufgrund neuer NATO-Fähigkeitsziele wurde die Planung inzwischen auf acht Einheiten ausgeweitet. Die Gesamtkosten des Vorhabens werden auf rund 26,2 Milliarden Euro geschätzt und sollen über den Einzelplan 14 – den regulären Verteidigungshaushalt – finanziert werden.
Laut dem „Kurs Marine“ sollen die F127 zudem durch sogenannte Large Remote Missile Vessels – kurz LRMV – ergänzt werden, die ebenfalls zur Luftverteidigung und zum Maritime Strike befähigt sein sollen. Aktuell sind drei solcher Einheiten geplant, wobei eine Erhöhung auf vier denkbar erscheint.
Der Projektfortschritt hat in den vergangenen Jahren deutlich an Fahrt aufgenommen. Im September 2024 kündigten die deutschen Werften TKMS und NVL auf der Fachmesse SMM die Gründung eines gemeinsamen Unternehmens an, das die F127 für die Deutsche Marine bauen soll. Noch im Dezember 2024 stimmte der Haushaltsausschuss des Bundestages einem ersten Vertrag über realisierungsvorbereitende Maßnahmen im Rahmen eines sogenannten Foreign Military Sales-Verfahrens – kurz FMS – mit den USA in Höhe von rund 44,5 Millionen Euro zu. Im Oktober 2025 wurde dann bekannt, dass Deutschland das von Raytheon entwickelte Radar vom Typ SPY-6(V)1 für alle acht Fregatten beschaffen wird – und damit zum ersten internationalen Kunden für dieses System wird. Den vorläufigen Höhepunkt markierte der 17. April 2026, als das US-Außenministerium den Export zahlreicher Führungs-, Radar- und Waffensysteme für die F127 genehmigte – darunter das Aegis Combat System, das AN/SPY-6-Radar sowie das Mk-41-Vertikalstartsystem. Das Gesamtvolumen dieser möglichen Rüstungslieferungen beläuft sich auf bis zu 11,9 Milliarden US-Dollar. Die eigentliche Beschaffungsentscheidung soll dann in der zweiten Hälfte des Jahres 2026 fallen. Mit dem Zulauf der ersten Fregatte wird ab 2034 gerechnet – gerade rechtzeitig, um die Fähigkeitslücke nach der Außerdienststellung der F124 zu schließen.
Aus dem Projektumfeld ist zudem bekannt, dass das Schiffsdesign gegenüber früheren Planungen noch einmal überarbeitet wird. Neben der Integration zusätzlicher Vertikalstarterzellen soll auch die grundlegende IT-Architektur als Basis für spätere Systemintegrationen neu definiert werden. Die zusätzlichen Startzellen dürften dabei dazu führen, dass die Fregatten in Länge, Breite und Verdrängung gegenüber bisherigen Entwürfen zulegen werden.
Technische Daten
Die aktuellen Planungen sehen eine Fregatte vor, die 178 Meter lang und 24 Meter breit ist. Die Verdrängung soll mehr als 12.000 Tonnen betragen und der Tiefgang 7,8 Meter. Als Antrieb ist ein CODLAG-System – eine Kombination aus dieselelektrischem Antrieb und Gasturbinen – vorgesehen, das eine Höchstgeschwindigkeit von 32 Knoten ermöglichen soll, wobei bis zu 18 Knoten rein elektrisch gefahren werden können. Die Reichweite beträgt 4.000 Seemeilen bei einer Ausdauer von 21 Tagen. Die Eisklasse wird mit 1C angegeben, das heißt, die Schiffe sollen für leichte Eisverhältnisse ausgelegt sein. Die Stammbesatzung umfasst 180 Personen einschließlich des Sanitätspersonals, zusätzlich können bis zu 50 weitere Personen eingeschifft werden.
Das Herzstück der F127 bildet eine für die Deutsche Marine einzigartige Doppelarchitektur bei den Führungs- und Waffeneinsatzsystemen, kurz FüWES. Zwei Systeme kommen dabei parallel zum Einsatz und werden über das sogenannte German Tactical Interface, kurz GTI, miteinander verknüpft: das US-amerikanische AEGIS Integrated Combat System in der Ausführung MK 6 sowie das CMS330, das zukünftige Standard-FüWES der Deutschen Marine. AEGIS gilt als das leistungsfähigste FüWES der Welt und verbindet Sensoren und Waffen zu einem vollintegrierten, automatisierten Führungs- und Waffeneinsatzsystem – von der Zieldetektion bis zur Bekämpfung. Das CMS330 wurde ursprünglich für die Royal Canadian Navy entwickelt, hat sich in zahlreichen NATO-Operationen bewährt und zeichnet sich durch eine offene, skalierbare Architektur aus, die eine einfache Integration nationaler Komponenten ermöglicht. Genau darin liegt der entscheidende Vorteil dieser Doppellösung: Nationale Systeme, die nicht den restriktiven US-amerikanischen ITAR-Exportbestimmungen unterliegen, lassen sich deutlich unkomplizierter in das ITAR-freie CMS330 einbinden.
Nach aktuellem Planungsstand werden über das CMS330 unter anderem die U-Boot-Abwehr, die elektronische Kampfführung sowie das Nahbereichsradar SPEXER-2000, die Marineleichtgeschütze und der Hochenergielaser abgebildet. Die gesamte U-Boot-Jagd soll dabei vollständig über das CMS330 laufen: Bug- und Schleppsonar von Atlas Elektronik werden über AMACS-Konsolen integriert, ebenso das Anti-Torpedo-Torpedo-System SeaSpider und die MU90-Leichtgewichtstorpedos. Die verbleibenden Fähigkeiten – insbesondere im Bereich der Flug- und Raketenabwehr – werden über AEGIS abgedeckt. Die ursprünglich angestrebte saubere Trennung der verschiedenen Warfare-Dimensionen nach FüWES lässt sich damit allerdings nicht mehr vollständig umsetzen, da Elemente der Luft- und Überwasserkriegsführung nun auf beide Systeme verteilt sind.
Bei der Sensorik setzt die F127 auf eine leistungsstarke Kombination amerikanischer und nationaler Systeme. Der Hauptsensor ist das AN/SPY-6(V)1 von Raytheon, ein aktiv elektronisch geschwenktes Phased-Array-Radar im S-Band. Es besteht aus modularen Radareinheiten – sogenannten Radar Modular Assemblies –, die zu vier Array-Flächen mit je 37 solcher Einheiten zusammengesetzt werden und so eine lückenlose 360-Grad-Abdeckung bieten. Das System nutzt Galliumnitrid-Halbleitertechnologie für eine besonders hohe Leistungsdichte und kann gleichzeitig ballistische Raketen, Hyperschallflugkörper, Marschflugkörper, Flugzeuge sowie elektronische Kampfmaßnahmen des Gegners erfassen – und das mit deutlich höherer Empfindlichkeit und Reichweite als Vorgängersysteme.
Für die Feuerleitung ist das MK 99 Feuerleitsystem mit zwei AN/SPG-62G-Feuerleitradaren im X-Band vorgesehen, das als Schnittstelle zwischen dem Hauptradar und den Lenkflugkörpern fungiert und diese im halbaktiven Verfahren zum Ziel führt. Ergänzt wird die Sensorik durch das AN/SPQ-9B-Radar von Northrop Grumman für den Nahbereich, das speziell für die Erfassung und Bekämpfung auch überschallschneller Anti-Schiffsraketen in Bodennähe ausgelegt ist, sowie durch das deutsche SPEXER-2000 als weiteres Nahbereichsradar. Für die U-Boot-Jagd werden ein Bug- und ein Schleppsonar von Atlas Elektronik integriert. Die Freund-Feind-Erkennung erfolgt mit Mod-5/S-fähiger Ausrüstung.
Im Bereich der elektronischen Kampfführung ist eine gestaffelte Lösung vorgesehen: Die ersten beiden Einheiten erhalten das amerikanische AN/SLQ-32(V)6 aus dem Surface Electronic Warfare Improvement Program, das frühzeitige Erkennung und Klassifikation von Bedrohungen sowie die Einbindung in das Gefechtssystem zur Steuerung von Gegenmaßnahmen ermöglicht. Ab dem dritten Schiff soll dann die als Langzeitlösung angestrebte Kombination aus dem deutschen KORA40 für die elektronische Aufklärung und dem Virgilius-System für die aktive elektronische Kampfführung zum Einsatz kommen. Diese Vorgehensweise soll verhindern, dass ein verzögerter Entwicklungsstand der nationalen Systeme den Zulauf der ersten Fregatten gefährdet.
Die geplante Bewaffnung der F127 spiegelt den Anspruch wider, ein durchsetzungsfähiges Seekriegsmittel zu schaffen. Den Kern bildet ein Vertical Launching System vom Typ MK 41 in der aktuellen Baseline VIII und in der Strike-Length-Ausführung mit insgesamt 96 Zellen – 64 im Vorschiff und 32 mittschiffs. Dieses kampferprobte System ist bei 13 Marinen weltweit im Einsatz und ermöglicht den Abschuss einer breiten Palette von Flugkörpern. Für die F127 sind die Flugabwehrraketen ESSM Block II, SM-2 Block IIIC, SM-6 Block I und perspektivisch HYDEF vorgesehen. Hinzu kommen Tomahawk Marschflugkörper und der in Entwicklung befindliche See- und Landzielflugkörper Super Sonic Strike Missile, kurz 3SM. Die SM-3 zur exoatmosphärischen Raketenabwehr ist hingegen aktuell nicht mehr vorgesehen – das angestrebte Fähigkeitsniveau im Bereich der Raketenabwehr soll durch SM-6 und HYDEF erreicht werden.
Zur Bekämpfung von Überwasserseezielen sind zudem acht Seezielflugkörper vom Typ Naval Strike Missile Block 1A bzw. 3SM vorgesehen.
Für die Nahbereichsverteidigung sind zwei RAM-Starter vom Typ MK 49 GMLS Mod. 5 vorgesehen, die jeweils über 21 Lenkflugkörper verfügen und als Schutz gegen anfliegende Flugkörper, Flugzeuge und Hubschrauber dienen.
Neben Lenkflugkörpern soll die F127 auch verschiedene Rohrwaffen erhalten. Als Schiffsgeschütz ist das BAE MK45 Mod. 4 vorgesehen. Dieses verfügt über eine Reichweite von mehr als 36 Kilometern und vor allem über bessere Flugabwehrfähigkeiten als das ursprünglich vorgesehene OTO 127/64 Lightweight. Für den Nahbereichsschutz und die Bekämpfung asymmetrischer Bedrohungen wie Schnellboote oder Drohnen sind zwei Marineleichtgeschütze des Typs MK 38 Mod. 4 mit 30-mm-Kanone vorgesehen.
Für den Unterwasser-Seekrieg sind zwei Waffensysteme vorgesehen. Zum einen zwei Drillingstorpedorohre für MU90-Leichtgewichtstorpedos zur Bekämpfung feindlicher U-Boote. Zum anderen das Anti-Torpedo-Torpedo-System SeaSpider zur Selbstverteidigung gegen feindliche Torpedos. Als weitere zukunftsweisende Komponente ist ein Hochenergielaser mit einer Leistung von über 100 Kilowatt vorgesehen.
Abhängigkeit von den USA
Die F127 wird voraussichtlich bis in die 2070er-Jahre im Dienst stehen und damit Deutschlands maritime Verteidigungsfähigkeit für Jahrzehnte prägen. Vor diesem Hintergrund stellt sich die Frage, wie klug eine tiefgehende Abhängigkeit von den USA bei einem derart zentralen Rüstungsprojekt ist – zumal die transatlantischen Beziehungen aktuell nicht gerade als gut bezeichnet werden können.
Theoretisch stehen der Deutschen Marine drei westliche Lenkflugkörperfamilien zur Luftverteidigung zur Verfügung: die amerikanische Standard-Missile, die europäische Aster von MBDA sowie die israelische BARAK. Beide Alternativen zur bereits gesetzten Standard-Missile überzeugen jedoch nicht. BARAK ist auf S-Band-Feuerleitradare ausgelegt, während Europa auf X-Band setzt – eine Modifikation wäre notwendig – und das leistungsfähigste System der Familie genügt den Anforderungen der F127 schlicht nicht. Das Aster-Ökosystem wiederum zeigt technische Schwächen bei der Abwehr ballistischer Raketen, und Frankreich hat in der Vergangenheit mehrfach die Integration des Sylver VLS in Exportprojekte von TKMS verhindert – ein Muster politischen Protektionismus, das auch eine deutsch-europäische Kooperation belasten könnte. Langfristig könnte die Iris-T-Familie eine nationale Alternative bieten: Die Iris-T SLX mit 100 km Reichweite soll ab 2029 erprobt werden, und die Iris-T HYDEF könnte ab Mitte der 2030er-Jahre mit 150–200 km Reichweite auch BMD-Anforderungen erfüllen. Voraussetzung wäre jedoch die Entwicklung eines offenen, nationalen VLS – ein kostspieliges und zeitaufwendiges Unterfangen, das Partner wie beispielsweise das Vereinigte Königreich erfordern würde. Bei der Sensorik fehlen europäische Alternativen auf Augenhöhe mit dem SPY-6 noch weitgehend; der vielversprechendste Ansatz wäre ein neues S-Band-Radar von Leonardo, das allerdings frühestens Ende dieses Jahrzehnts verfügbar sein soll.
Entscheidend ist jedoch: Selbst eine vollständig europäisch ausgerüstete F127 würde die Abhängigkeit von den USA nicht beseitigen – denn GPS, militärische Satellitenkommunikation und taktische Datenlinks wie Link-16 bleiben auf absehbare Zeit in US-amerikanischer Hand. Gerade für die BMD-Fähigkeiten der F127 ist die Einbindung in satellitengestützte Frühwarnsysteme unabdingbar – ohne externe Daten bleibt die Vorwarnzeit bei ballistischen Angriffen im einstelligen Minutenbereich kaum nutzbar. Eine vollständige europäische Unabhängigkeit in diesem Bereich dürfte vor den 2040er-Jahren unrealistisch sein.
Angesichts der drohenden Fähigkeitslücke nach der Außerdienststellung der Sachsen-Klasse und dieser vielschichtigen Ausgangslage bleiben die US-Systeme zum jetzigen Zeitpunkt die beste Wahl: schneller verfügbar, leistungsfähiger und weniger riskant. Wer dennoch eine europäische Alternative anstrebt, muss immense finanzielle Mittel und politisches Kapital mobilisieren – andernfalls droht Deutschland, eine Abhängigkeit lediglich durch eine andere zu ersetzen und dabei noch an Leistungsfähigkeit einzubüßen.
Fazit
Die Fregatte der Klasse 127 ist ohne Zweifel das ambitionierteste und teuerste Rüstungsvorhaben in der Geschichte der Deutschen Marine. Dass ein solches Projekt kritisch begleitet werden muss, liegt auf der Hand – denn die getroffenen Entscheidungen werden die Einsatzfähigkeit der Marine für mehrere Jahrzehnte prägen.
Ein zentraler Diskussionspunkt bleibt die Entscheidung für zwei parallele Führungs- und Waffeneinsatzsysteme. Die Idee, nationale und ITAR-freie Komponenten einfacher über das CMS330 integrieren zu können, klingt zunächst plausibel. Bei näherer Betrachtung stellt sich jedoch die Frage, ob die zusätzlichen Kosten für die Beschaffung des CMS330, die Entwicklung des GTI sowie die erheblichen Integrationsrisiken wirklich gerechtfertigt sind – zumal die betreffenden Systeme erst noch vollständig in das CMS330 eingebunden werden müssten. Vor diesem Hintergrund erscheint es naheliegender, konsequent auf AEGIS-Kompatibilität zu setzen und eine direkte Integration der betreffenden Systeme anzustreben. Die US-Abhängigkeit, die als Begründung für den CMS330-Ansatz ins Feld geführt wird, kann angesichts der grundlegenden Entscheidung für AEGIS kaum als tragfähiges Argument gelten. Nicht unerwähnt bleiben sollte in diesem Zusammenhang, dass der Eindruck entsteht, die Notwendigkeit eines zweiten FüWES sei primär durch den Wunsch entstanden, den Export des U-Boots 212CD nach Kanada zu fördern – und werde nun nachträglich begründet.
Eng verknüpft mit der FüWES-Frage ist die geplante EloKa-Konfiguration. Das Einrüsten zweier grundlegend verschiedener EloKa-Suiten innerhalb derselben Klasse und deren Integration in zwei unterschiedliche FüWES dürfte zu erheblichen Herausforderungen in Schiffbau, Systemintegration, Ausbildung und Instandhaltung führen. Gerade weil die EloKa organisch mit der Flugabwehr verknüpft ist, wäre ein einheitliches Gesamtsystem besonders wünschenswert. Eine konsequente Lösung auf Basis des AN/SLQ-32 – idealerweise in der moderneren SEWIP Block 3-Variante – erschiene hier deutlich kohärenter. Ähnliches gilt für die Nahbereichssensorik: Das SPEXER-2000 erzeugt eine operative Dopplung mit dem bereits vorgesehenen AN/SPQ-9B, das Drohnen und Seezielflugkörper eigenständig erfassen und verfolgen kann. Wer ein zweites Nahbereichsradar für zwingend notwendig hält, könnte stattdessen auf das AN/SPS-73(V)18 setzen, das bereits eine AEGIS-Integration besitzt.
Bei der Bewaffnung verdient die Entscheidung gegen die SM-3 eine kritische Anmerkung. Zwar wird die F127 mit den nötigen Schnittstellen und Vorbereitungen für eine spätere SM-3-Integration ausgerüstet, doch dürfte der operative Bedarf angesichts der erwartbaren Proliferation von ballistischen Anti-Schiffsraketen und Hypersonic Glide Vehicles früher kommen als erhofft. Da SM-3-Bestände bereits heute knapp sind und die geringe Produktionsrate entsprechend lange Lieferzeiten bedeuten, sollte eine frühzeitige Beschaffung ernsthaft in Betracht gezogen werden – ebenso wie eine zügige Beschaffung der SM-6, um im Ernstfall über ausreichende Munitionsbestände zu verfügen.
Schließlich verdienen auch die schiffbauliche Komponente und die Infrastruktur Beachtung. Die F127 ist längst keine Weiterentwicklung eines bestehenden Entwurfs mehr, sondern eine echte Neuentwicklung – mit allen damit verbundenen Risiken. Die geplante Endausrüstung im Marinearsenal Wilhelmshaven wirft dabei gleich mehrere Fragen auf: Ob das zentral in der Stadt gelegene Arsenal der geeignete Ort ist, das leistungsstärkste Breitband-Phased-Array-Radar der Marine zu installieren und in Betrieb zu nehmen, darf bezweifelt werden. Hinzu kommen potenzielle Kapazitätsengpässe während der zwei- bis dreijährigen Endausrüstungsphase, die den ohnehin straffen Zeitplan gefährden könnten. Ebenso müssen frühzeitig die nötigen infrastrukturellen Voraussetzungen geschaffen werden, um acht Fregatten dieser Größe dauerhaft am Hauptstützpunkt Wilhelmshaven betreiben zu können.
Die Deutsche Marine benötigt die Fregatten der Klasse 127 so früh wie möglich. Unnötige Risiken und fragwürdige Auswahlentscheidungen, die den Zulauf verzögern oder die Kosten unnötig in die Höhe treiben könnten, sollten ergebnisoffen hinterfragt werden. Geschwindigkeit und Risikoreduktion müssen die Handlungsmaxime bleiben – andernfalls droht eine Fähigkeitslücke, die nicht zu kompensieren wäre.
