Die Schweiz verteidigt sich seit Jahrhunderten allein – mit einer Armee, die fast vollständig aus Wehrpflichtigen besteht und deren Bild zwischen Wehrhaftigkeit und Feierabenddienst schwankt. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine richtet sich die Truppe wieder auf die Landesverteidigung aus und trifft dabei auf drei Jahrzehnte Substanzverlust, Ausrüstungslücken und eine blockierte Finanzierung. Eine Bestandsaufnahme von Auftrag, Struktur, Material und den Grenzen des Milizmodells.
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Einstieg
Neutralität, Milizarmee, das Sturmgewehr im heimischen Schrank: Kaum ein europäisches Wehrsystem ist so stark von Bildern geprägt wie das schweizerische. Häufig kommt der Eindruck einer semiprofessionellen Feierabendarmee hinzu. Beides führt in die Irre – in die eine wie in die andere Richtung. Tatsächlich handelt es sich um ein Wehrsystem, das seit Jahrzehnten funktioniert und tief in der Gesellschaft verankert ist, das aber zugleich an Substanzverlust und einer blockierten Finanzierung leidet.
Der vorliegende Beitrag untersucht, welche Elemente dieses Modells tragfähig sind und ob die vorhandene Substanz dem eigenen Verteidigungsanspruch genügt. Anlass ist die Rückorientierung der Schweizer Armee auf die Landesverteidigung, die seit der russischen Vollinvasion gegen die Ukraine im Februar 2022 wieder im Vordergrund steht.
Auftrag, Neutralität und Verfassungsaufträge
Die Schweizer Sicherheitspolitik ruht auf zwei Säulen: der bewaffneten Neutralität und dem Milizprinzip. Nahezu sämtliche Dienstposten der Armee werden von Wehrpflichtigen besetzt, nicht von Berufssoldaten. Der gesetzliche Auftrag umfasst vier Aufgaben: einen Beitrag zur Verhinderung von Kriegen und zur Erhaltung des Friedens, die Verteidigung des Landes und den Schutz seiner Bevölkerung, Beiträge zur internationalen Friedensförderung sowie die Unterstützung der zivilen Behörden bei schwerwiegenden Bedrohungen der inneren Sicherheit und bei Katastrophen, sofern deren eigene Mittel nicht mehr ausreichen.
Enger als in vielen anderen Staaten sind die Auslandseinsätze dabei mit der Neutralitätsdebatte verknüpft. Kritik kommt von links wie von rechts: Die eine Seite sieht die Neutralität durch militärische Kooperation gefährdet, die andere lehnt Einsätze unter fremdem Kommando grundsätzlich ab. Der größte und langlebigste Einsatz ist die SWISSCOY im Kosovo, die seit 1999 im Rahmen der Kosovo Force (KFOR) daran mitwirkt, ein sicheres Umfeld und die Bewegungsfreiheit im Einsatzraum zu gewährleisten.
Die Ausgangslage ähnelt damit jener Österreichs. Beide Staaten sind neutral, beide gehören keinem Verteidigungsbündnis an, und beide müssen ihre Verteidigung im Grundsatz allein tragen. Anders als ein NATO-Mitglied kann die Schweiz im Verteidigungsfall nicht auf eine Beistandsgarantie zählen.
Geographie, Terrain und Doktrin
Die Doktrin ist von Beginn an vom alpinen, fragmentierten Territorium geprägt worden. Im Zweiten Weltkrieg sicherte die allgemeine Mobilmachung die Landesgrenze, während das Reduit-Konzept den Schwerpunkt des Widerstands in den Alpenraum verlegte. Im Kalten Krieg trat an dessen Stelle die flächendeckende Abwehr, ergänzt um die Fähigkeit zum Gegenschlag.
In dieser Periode erreichte die Armee ihre größte Ausdehnung. Das Leitbild der Armee 61 sah einen Bestand von rund 700.000 Angehörigen vor, bei Verteidigungsausgaben von etwa 1,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Ende der 1950er-Jahre zog der Bundesrat zudem die Beschaffung von Atomwaffen in Erwägung; die Pläne wurden aus Kostengründen nicht weiterverfolgt, 1969 trat die Schweiz dem Atomwaffensperrvertrag bei.
Mit dem Ende des Kalten Krieges brach diese Logik zusammen. Die Bedrohung verlor an Kontur, das Verteidigungsbudget wurde zum Sparposten. Bei der Volksinitiative für eine Schweiz ohne Armee sprachen sich 1989 immerhin 35,6 Prozent der Stimmenden für die Abschaffung aus. Es folgte eine Kaskade von Reformen, die der öffentlich-rechtliche Rundfunk SRF rückblickend als Abbau und zugleich als Suche nach einem neuen Feindbild beschrieb. Die Armee 95 führte die dynamische Raumverteidigung als Einsatzdoktrin ein. Die Armee XXI reduzierte ab 2004 die Mannstärke erneut und rückte die internationale Zusammenarbeit stärker in den Fokus. Von 2018 bis 2022 führte die Weiterentwicklung der Armee (WEA) diesen Prozess mit Schwerpunkt auf Ausrüstung, Ausbildung und regionaler Verankerung fort. Die Reform der Armee ist bis heute kein abgeschlossener Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess. Die Landstreitkräfte verloren in dieser Phase an Bedeutung; der Abbau erfasste neben Personal und Material auch die Infrastruktur.
Welchen Umfang dieser Prozess hatte, zeigen die Zahlen: 1990 verfügte die Armee über einen Bestand von rund 780.000 Soldaten, etwa 600 Kampfpanzer, rund 260 Kampfflugzeuge und etwa 800 Artilleriegeschütze. 2022 waren es noch rund 151.000 Soldaten, 134 Kampfpanzer, 55 Kampfflugzeuge und 133 mobile Artilleriegeschütze.
Struktur und Kräftebild des Heeres
Die heutige Organisation umfasst unter dem Chef der Armee das Kommando Operationen, das Heer, vier Territorialdivisionen, die Luftwaffe, das Kommando Spezialkräfte, die Logistikbasis der Armee, das Kommando Cyber und das Kommando Ausbildung. An der Spitze steht seit dem 1. Januar 2026 Korpskommandant Benedikt Roos, der auf Thomas Süssli folgte.
Dem Kommando Operationen obliegt die Führung der laufenden Einsätze im In- und Ausland; ihm ist auch der militärische Nachrichtendienst unterstellt. Das Heer gliedert sich in drei mechanisierte Brigaden – die 1., die 4. und die 11. Mechanisierte Brigade. Die regionale Gliederung sowie die Zusammenarbeit mit den zivilen Behörden verantworten die vier Territorialdivisionen. Das Rückgrat bildet die Miliz: Nahezu alle Verbände treten ausschließlich für Ausbildung und Einsatz zusammen. Mit Ausnahme von Luftwaffe und Spezialkräften erfolgt die Ausbildung von Rekruten und Kadern in Lehrverbänden unter dem Kommando Ausbildung.
Aus dem Terrain ergeben sich charakteristische Fähigkeiten, allen voran die Gebirgskompetenz. Das fragmentierte alpine Gelände begünstigt eine dezentrale, raumgebundene Verteidigung und erschwert einem Angreifer schnelle operative Durchbrüche. Eine offensive Ausnahme in einem territorial-defensiv ausgerichteten Heer bilden die Grenadiere, die zugleich den Kern der Spezialkräfte stellen.
Das 2004 aufgestellte Kommando Spezialkräfte (KSK) umfasst unter anderem das Armee-Aufklärungsdetachement 10 als Berufseinheit sowie die Fallschirmaufklärer. Ausgelegt sind diese Verbände auf Aufklärung, Direktaktion und Einsätze zum Schutz Schweizer Interessen.
Milizsystem und Personal
Prägendes Strukturprinzip bleibt das Milizsystem. In der Schweiz besteht eine allgemeine Dienstpflicht; wer keinen Militärdienst leistet, kann einen zivilen Ersatzdienst absolvieren. Der Dienst beginnt frühestens mit 18 und spätestens mit 24 Jahren.
Die Grundausbildung in der Rekrutenschule dauert 18 Wochen, bei Spezialfunktionen wie den Grenadieren 23 Wochen. Daran schließen sich die über die Dienstjahre verteilten Wiederholungskurse an. Kennzeichnend ist das persönliche Sturmgewehr SIG SG 550, das die Angehörigen zuhause aufbewahren.
Der größte Engpass liegt beim Personal. Der Sollbestand der Armee beträgt 100.000, der Effektivbestand rund 140.000 Soldaten. Während der Sollbestand jene Zahl von Angehörigen bezeichnet, die im Einsatz zur Verfügung stehen sollen, umfasst der Effektivbestand sämtliche Dienstpflichtigen einschließlich der Reserve. Eine Aufstockung ist nicht geplant. Das eigentliche Problem ist die Alimentierung: Jährlich verlassen rund 11.000 Männer die Armee am Ende ihrer Dienstzeit, und ein erheblicher Teil der Dienstpflichtigen entscheidet sich für den zivilen Ersatzdienst. Der scheidende Armeechef Süssli bezeichnete diesen Punkt als das größte Problem. Bei gleichbleibenden Rekrutierungs- und Abgangswerten lässt sich der heutige Bestand trotz Wehrpflicht langfristig nicht halten.
Historisch war die Milizarmee bis in die 1980er-Jahre eng mit Wirtschaft und Gesellschaft verflochten. Berufliche Laufbahnen waren mancherorts an eine Militärkarriere gekoppelt, und die Unternehmen akzeptierten die jährlichen Abwesenheiten ihrer Fachkräfte weitgehend. Ab den 1970er- und 1980er-Jahren lockerte sich diese Verflechtung, als die Dienstverweigerung zum Thema wurde und der wirtschaftliche Kostendruck zunahm. Über die militärische Funktion hinaus gilt das Milizprinzip vielen als Bestandteil der politischen Ordnung – neben direkter Demokratie, Föderalismus und bewaffneter Neutralität – und verbindet die Rolle des Bürgers mit jener des Soldaten. Befürworter verweisen darauf, dass die WEA gegenüber früheren Reorganisationen eine höhere Bereitschaft, eine professionellere Kaderausbildung und ein Mobilmachungssystem gebracht hat, das sich während der Corona-Pandemie bewährte.
Material und Beschaffung des Heeres
Der Modernisierungsauftrag ist defensiv geprägt und setzt in weiten Teilen auf Werterhalt und Nutzungsdauerverlängerung statt auf Neubeschaffung.
Schätzungen zufolge wären über 40 Milliarden Franken erforderlich, um alle Systeme, die in den kommenden Jahren ihr Nutzungsdauerende erreichen, eins zu eins zu ersetzen und zugleich neue Fähigkeiten aufzubauen. Weil dies als nicht realistisch gilt, verläuft die Modernisierung entlang von drei Stoßrichtungen: der adaptiven Weiterentwicklung der Fähigkeiten, der Nutzung des technologischen Fortschritts und einer verstärkten internationalen Kooperation. Für Beschaffungen im Zeitraum 2024 bis 2031 sind allein rund 13 Milliarden Franken vorgesehen.
Bei den Kampfpanzern stützt sich das Heer auf 134 aktive Leopard 2, in der Schweiz als Kampfpanzer 87 bezeichnet und zuletzt 2006 modernisiert. Eine erneute Modernisierung soll sie bis 2035 im Dienst halten. Von 96 eingelagerten Fahrzeugen wurden 25 an Deutschland verkauft; von den verbleibenden 71 sollen mindestens 34 und höchstens 62 einen Werterhalt erhalten. Dem Heer stünden damit bis zu 205 Kampfpanzer zur Verfügung. Geplant ist zudem, zwei Infanteriebataillone durch je eine zusätzliche Panzerkompanie zu mechanisierten Bataillonen aufzuwerten, sodass die Armee über sechs mechanisierte Bataillone verfügen würde. Der Schützenpanzer 2000 erhält eine Nutzungsdauerverlängerung und soll bis 2040 im Dienst bleiben. Da 2002 aus finanziellen Gründen keine zweite Tranche beschafft wurde, besteht bei den mechanisierten Bataillonen eine Ausrüstungslücke, die bis zum Zulauf eines radgestützten Nachfolgers ab etwa 2040 fortbestehen wird.
Im Bereich der Unterstützungs- und Feuersysteme lösen 60 Pionierfahrzeuge des Typs Piranha IV die veralteten M113 ab; die Kosten belaufen sich auf 217 Millionen Franken. Für das indirekte Feuer beschafft die Armee 48 Mörsersysteme des Typs Mörser 16 im Kaliber 120 Millimeter auf dem Piranha IV. Die 133 Panzerhaubitzen M-109 erreichen 2030 ihr Nutzungsdauerende; die Typenwahl für den Nachfolger ist inzwischen getroffen. Beschafft werden 32 Panzerhaubitzen 25 – das Artillery Gun Module von KNDS Deutschland auf dem Piranha IV – für rund 850 Millionen Franken über die Armeebotschaft 2025. Der Einsatz von Raketenartillerie und Loitering Munitions wird geprüft, ein Entscheid steht aus. Parallel dazu wird diskutiert, in welchem Verhältnis künftig in schwere Panzerung einerseits und in Drohnen sowie Loitering Munitions andererseits investiert werden soll – eine Debatte, die der Krieg in der Ukraine ausgelöst hat.
Ergänzend beschafft die Armee 100 Aufklärungssysteme des Typs TASYS auf dem Eagle V, die mit einem Multisensor auf einem Teleskopmast die Nachrichtenbeschaffung verbessern sollen, sowie Panzerabwehrlenkflugkörper des Typs Spike LR2. Hinzu kommen geschützte Führungsfahrzeuge auf Basis des Eagle V, Material für die ABC-Abwehrtruppe und der Werterhalt der Bergepanzer Büffel. In der bodengestützten Luftverteidigung laufen die Beschaffung von fünf Feuereinheiten des Systems Patriot für rund 2 Milliarden Franken sowie Vorhaben für den mittleren und den Nächstbereich; als Mitglied der European Sky Shield Initiative (ESSI) kommen dafür unter anderem IRIS-T-Systeme und der Skyranger 30 infrage.
Anspruch und Realität
Zwischen Anspruch und Realität klafft eine deutliche Lücke: Der Modernisierungsstau trifft auf begrenzte Mittel. 2025 lag das Verteidigungsbudget bei rund 6,3 Milliarden Franken und damit bei etwa 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Bis 2030 soll der Verteidigungshaushalt auf 1 Prozent steigen; nach aktuellem Stand dürfte diese Marke jedoch erst 2035 erreicht werden, womit sich das Modernisierungsprogramm entsprechend verzögert. Zur Diskussion steht unter anderem eine befristete Erhöhung der Mehrwertsteuer um 0,5 Prozentpunkte über zwölf Jahre, um einen Fonds für den Fähigkeitsaufbau zu speisen.
Der Fähigkeitsaufbau orientiert sich vorrangig an den als wahrscheinlich eingestuften Bedrohungen – hybride Angriffe und Angriffe aus der Distanz – sowie an einer Luftverteidigung größerer Reichweite. Auf der Beschaffungsliste stehen entsprechend vor allem Kommunikations- und Informationstechnik, Mittel für den Truppentransport, Kampfsysteme des Heeres und neue Hubschrauber für die Luftbeweglichkeit.
Am deutlichsten tritt das Spannungsfeld bei der Beschaffung des Kampfflugzeugs F-35A zutage. 2020 stimmte die Bevölkerung einem Rahmen von höchstens 6 Milliarden Franken für neue Kampfjets knapp zu. 2021 fiel die Typenwahl auf die F-35A von Lockheed Martin, beschafft über die US-Regierung. Das damalige Verteidigungsdepartement ging von einem Fixpreis für 36 Maschinen aus – eine Annahme, die nicht mehr trägt. Ende Februar 2025 teilte die US-Beschaffungsbehörde Defense Security Cooperation Agency (DSCA) mit, aus ihrer Sicht handle es sich beim Fixpreis um ein Missverständnis. Nach US-Lesart gilt der feste Preis lediglich für das jeweilige Produktionslos zum Zeitpunkt der Bestellung, nicht für die gesamte Beschaffung.
Im August 2025 erklärte der Bundesrat den Fixpreis für vom Tisch. Die Mehrkosten gegenüber dem ursprünglichen Angebot beziffert die Schweiz auf 650 Millionen bis 1,3 Milliarden Franken. Ein Rechtsweg ist in den Verträgen ausgeschlossen; die angestrebte diplomatische Lösung – unter anderem in einem Telefonat zwischen Verteidigungsminister Pfister und US-Verteidigungsminister Hegseth – blieb ohne Ergebnis. Der Vorgang fällt in die zweite Amtszeit von US-Präsident Trump und hat die Debatte über die Verlässlichkeit der Vereinigten Staaten als Rüstungslieferant verschärft. Einen direkten Zusammenhang mit den von Trump erhobenen Zöllen sieht Pfister nicht; der Preis hängt nun allerdings unter anderem von der US-Teuerung, den Rohstoffpreisen und ebendiesen Zöllen ab. Innenpolitisch fordern linke Parteien einen Abbruch der Beschaffung oder zumindest die Prüfung europäischer Alternativen, während die bürgerlichen Parteien an der F-35A festhalten. In einer Umfrage vom Oktober 2025 sprachen sich 52 Prozent der Befragten für einen Abbruch oder für andere Flugzeuge aus.
Im Dezember 2025 entschied der Bundesrat, innerhalb des Rahmens von 6 Milliarden Franken nur die maximal mögliche Zahl an Maschinen zu beschaffen; nach Stand Anfang 2026 dürften dies 30 statt 36 sein. Die Armeebotschaft 2026 beantragt dafür zusätzlich einen Kredit von 394 Millionen Franken. Für das Heer ist dieser Streit von unmittelbarer Bedeutung, denn Mittel, die in die Luftverteidigung fließen, stehen für Heeresvorhaben nicht zur Verfügung.
Hinzu kommt die Frage der Durchhaltefähigkeit. Der damalige Armeechef Süssli erklärte im März 2022, mit den vorhandenen Mitteln wäre nach wenigen Wochen Schluss; im August 2023 bezeichnete er die Durchhaltefähigkeit als stark eingeschränkt. Dazu zählen die Bevorratung von Munition und Ersatzteilen ebenso wie die Bestände der Truppe, deren Umfang über die Durchhaltefähigkeit im Einsatz mitentscheidet. Als weitere Schwachstellen gelten Lücken in der Luftverteidigung, eine unvollständige Standardisierung der Kommunikationssysteme, Ausrüstungslücken in mehreren Fähigkeitsbereichen sowie eine begrenzte Interoperabilität. An deren Verbesserung wird gearbeitet, auch mit Blick darauf, im Ernstfall mit der NATO zusammenwirken zu können. Einen bewaffneten Angriff Russlands auf die Schweiz stuft der Nachrichtendienst des Bundes (NDB) zugleich als äußerst unwahrscheinlich ein.
Einordnung und Schluss
Das Bild der Feierabendarmee greift somit zu kurz. Tragfähig am Milizmodell ist seine tiefe gesellschaftliche Verankerung, und das Mobilmachungssystem hat zuletzt während der Corona-Pandemie funktioniert. Die Schweiz verfügt zudem über ein Gesamtsystem aus Luftwaffe, Bodentruppen, Cyberabwehr, Logistik und Führungsunterstützung. Was der Schein verdeckt, ist der Substanzverlust aus rund drei Jahrzehnten der Reduktion: Zahlreiche Hauptsysteme erreichen in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren ihr Nutzungsdauerende, es bestehen Ausrüstungslücken, und die Finanzierung des Modernisierungsprogramms ist zeitlich blockiert. Ob sich die geplanten Beschaffungen rechtzeitig in einsatzbereite Verbände übersetzen lassen, hängt am politischen Willen und am Zeitpunkt der Budgeterhöhung.
Damit schließt sich der Kreis zur Ausgangsfrage. Ein neutraler Staat kann im Verteidigungsfall weder auf kollektive Verteidigung noch auf Arbeitsteilung und Verstärkung setzen, sondern muss sämtliche Fähigkeiten selbst vorhalten. Das Milizsystem verankert diese Wehrhaftigkeit in der Gesellschaft, und daran hält die Schweiz fest. Offen bleibt, ob diese Bereitschaft auch den materiellen und finanziellen Preis einschließt, den eine eigenständige Landesverteidigung erfordert.
