3,4 Milliarden für Tomahawks, Lieferung verzögert sich

3,4 Milliarden für Tomahawks, Lieferung verzögert sich
Typhon-Raketensystem | Foto: DVIDS

Nach einem Treffen mit US-Verteidigungsminister Pete Hegseth sieht Verteidigungsminister Boris Pistorius den Kauf von Tomahawk-Marschflugkörpern und Typhon-Startsystemen auf dem Weg. Interne Regierungsunterlagen rechnen jedoch mit Lieferungen frühestens 2031 und mit höheren Kosten.

Bundesverteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hat nach seinem Gespräch mit US-Verteidigungsminister Pete Hegseth am 15. September in Washington erklärt, die Beschaffung von Tomahawk-Marschflugkörpern und Typhon-Startsystemen über das US-Verfahren Foreign Military Sales (FMS) sei eingeleitet. Dies sei der deutschen Seite bei dem Treffen zugesichert worden. Politisch zugesagt worden war der Verkauf bereits Anfang Juli am Rande des NATO-Gipfels in Ankara, wo Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und US-Präsident Donald Trump eine entsprechende Absichtserklärung unterzeichneten.

Nach Angaben des Verteidigungsministeriums hat das Verfahren mit dem Anfang September übermittelten Letter of Request, dem formellen Kaufantrag für die Startsysteme, eine weitere Hürde genommen. Neben landgestützten Tomahawks plant die Bundeswehr auch die Beschaffung von Tomahawks für den Einsatz auf Schiffen.

Lieferung frühestens 2031

Interne Regierungsdokumente, über die „Politico“ und WELT berichten, zeichnen ein weniger zügiges Bild. Wegen des hohen Verbrauchs von Tomahawk-Flugkörpern im Iran-Krieg der USA und begrenzter Produktionskapazitäten sei derzeit keine verlässliche Aussage darüber möglich, wann Deutschland die benötigte Stückzahl erhalte. Das angestrebte Ziel einer ersten Einsatzfähigkeit im Jahr 2029 gilt demnach als nicht erreichbar, erste Lieferungen werden nicht vor 2031 erwartet. Zudem könnte das Typhon-Paket nach US-Schätzungen etwa doppelt so teuer werden wie die von deutscher Seite veranschlagten rund 200 Millionen Euro. Für das Gesamtvorhaben sind laut einem weiteren internen Papier knapp 3,4 Milliarden Euro in die Planungen für den Bundeshaushalt 2027 eingebracht worden.

Ein Genehmigungsschritt des US-Außenministeriums im FMS-Verfahren, der für Ende August vorgesehen war, stand dem Bericht zufolge zuletzt noch aus. Pistorius gab an, den US-Partnern dargelegt zu haben, dass die bisherigen Zeitlinien für Deutschland zu spät kämen; dies sei zur Kenntnis genommen worden. Die interne Bewertung empfiehlt, trotz Verzögerungen und Mehrkosten an dem Vorhaben festzuhalten und auf hoher politischer Ebene auf schnellere Lieferungen zu drängen.

Von der US-Stationierung zur eigenen Fähigkeit

Mit Typhon und Tomahawk soll die Bundeswehr erstmals über eine eigene landgestützte Fähigkeit zum Deep Precision Strike verfügen, also zur präzisen Bekämpfung weit entfernter Ziele. Dem internen Papier zufolge soll sie damit im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung Ziele tief im rückwärtigen Raum eines Gegners erreichen können. Weitreichende konventionelle Schläge unterhalb der nuklearen Schwelle sollen zur Abschreckung beitragen.

Ursprünglich war ein anderer Weg vorgesehen: Im Juli 2024 hatten die Regierungen der USA und Deutschlands angekündigt, dass die US-Streitkräfte ab 2026 zeitweise weitreichende Waffensysteme ihrer Multi-Domain Task Force in Deutschland stationieren – als Vorstufe einer dauerhaften Stationierung. Vorgesehen waren SM-6, Tomahawk und in Entwicklung befindliche Hyperschallwaffen. Diese Systeme wären unter US-Kontrolle geblieben. Laut WELT stoppte Trump die Pläne später; Berlin bemühte sich 2025 offiziell um den Kauf eigener Systeme.

Typhon, in den USA auch als Mid-Range Capability bezeichnet, ist ein landgestütztes Startsystem der US Army, das von Lockheed Martin gefertigt wird und Tomahawk- sowie SM-6-Flugkörper verschießen kann. Eine Batterie besteht nach Angaben des Congressional Research Service aus vier Startgeräten und einem Gefechtsstand. Die Reichweite des Tomahawk wird in Fachquellen mit mehr als 1.600 Kilometern angegeben.

Rüstungsindustrielle Zusammenarbeit im Mittelpunkt

Hauptthema des Treffens war die engere Kooperation der Rüstungsindustrien beider Länder. Pistorius und Hegseth unterzeichneten dazu ein Statement of Intent. Es sieht laut Verteidigungsministerium unter anderem vor, dass Rüstungsgüter in Deutschland gefertigt werden können, wenn die Produktionskapazitäten in den USA wegen hoher Nachfrage nicht ausreichen. Pistorius verwies auf Projekte, bei denen die deutsche Industrie Fertigungskapazitäten kurzfristig aufgebaut habe, etwa Rumpfteile für F-35A-Kampfflugzeuge bei Rheinmetall oder PAC-2-GEM-T-Flugkörper bei MBDA in Kooperation mit Raytheon.

In anschließenden Gesprächen auf Expertenebene könnte es nach Angaben des Ministers um das Luftverteidigungssystem Patriot, um mögliche deutsche Zulieferungen für Tomahawk sowie um Strukturen zur Wartung von in Europa genutzten US-Systemen gehen. Konkrete Produktionsmodelle oder eine Arbeitsteilung für Tomahawk sind bislang nicht vereinbart. Sensible Technologien dürften nach Einschätzung von WELT weiterhin unter US-Kontrolle bleiben.

Europäische Vorhaben laufen parallel

Das Verteidigungsministerium betont, dass parallel an europäischen Lösungen für weitreichende Präzisionswaffen gearbeitet werde, unter anderem mit Großbritannien im Rahmen des European Long-Range Strike Approach (ELSA). Das Pentagon äußerte sich auf Anfrage von „Politico“ nicht zu den Lieferverzögerungen; das Verteidigungsministerium verwies auf laufende Haushaltsverhandlungen und die Beteiligungsrechte des Bundestags.

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