4 Jahre Zeitenwende – Ist die Marine kriegstüchtig?

Elf Fregatten, fünf Korvetten, sechs U-Boote: Die Flotte der Deutschen Marine ist überschaubar geworden, ihr Auftragsbuch dagegen nicht. Wo die Seestreitkräfte heute stehen, was bestellt ist und woran es im kritischen Zeitraum bis 2030 fehlt.
Foto: Bundeswehr/PIZ Marine

Elf Fregatten, fünf Korvetten, sechs U-Boote: Die Flotte der Deutschen Marine ist überschaubar geworden, ihr Auftragsbuch dagegen nicht. Wo die Seestreitkräfte heute stehen, was bestellt ist und woran es im kritischen Zeitraum bis 2030 fehlt.

Dass ein Forschungsschiff und ein Hochseeschlepper die Führung einer NATO-Mission übernehmen, klingt nach Satire – bei der Deutschen Marine ist es gelebte Praxis. Der Grund ist simpel: Der kleinsten Marine, die die Bundesrepublik je hatte, fehlen die Rümpfe für ein Aufgabenspektrum, das immer weiter wächst. Erschwerend kommt hinzu, dass praktisch die komplette Flotte modernisiert oder ausgetauscht werden muss – und zwar ausgerechnet in dem sicherheitspolitisch heiklen Zeitfenster bis 2030. Nach Heer und Luftwaffe richtet sich der Blick daher nun auf die Seestreitkräfte. Zu klären ist, welche Schiffe, Boote und Luftfahrzeuge zur Verfügung stehen, welche Neubeschaffungen laufen, wo die gravierendsten Defizite liegen – und ob die Marine vier Jahre nach Ausrufung der Zeitenwende als kriegstüchtig gelten kann.

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Fregatten

Am Anfang steht das Rückgrat der Flotte: die Fregatten. Elf Einheiten aus drei Klassen zählt der Bestand derzeit. Die vier Schiffe der Brandenburg-Klasse (Klasse F123) liefen zwischen 1994 und 1996 zu; ihr Profil liegt in der U-Boot-Jagd und im Kampf gegen Überwasserziele. Rechnerisch hätte ihre 30-jährige Nutzungsdauer 2025 geendet. Weil der Nachfolger jedoch erhebliche Verzögerungen aufweist, entschied man sich Ende 2020 für eine zweite Verlängerung – bis 2032 beziehungsweise 2035. Entsprechend durchlaufen die vier Einheiten gegenwärtig eine tiefgreifende Modernisierung, die Sensorik, Waffenfunktionsketten und nahezu sämtliche Waffensysteme betrifft. Einzige Ausnahme: Das 76-Millimeter-Geschütz verbleibt in seinem bisherigen Rüststand an Bord. Ausgetauscht wird unter anderem das Führungs- und Waffeneinsatzsystem – jene digitale Schaltzentrale, die Sensoren und Effektoren miteinander verbindet –, ebenso Radaranlagen und Sonar. An die Stelle der betagten Harpoon treten Seezielflugkörper des Typs RBS15 Mk3; ergänzend kommen RAM Block 2B für die Nahbereichs- und ESSM für die Mittelbereichsflugabwehr hinzu. Besondere Aufmerksamkeit verdient die neue hydroakustische Sensorsuite: Erstmals wird ein Towed Array System, also ein hinter dem Schiff geschlepptes Sonar, fest verbaut – für das Unterwasserlagebild ein Quantensprung. Die modernisierten Einheiten firmieren anschließend als Klasse F123B.

Der Haken liegt bei Kosten und Terminen, die beide völlig entgleist sind. Während das Verteidigungsministerium 2021 noch mit rund 550 Millionen Euro kalkulierte, standen im Dezember 2025 bereits über drei Milliarden zu Buche. Interne Bundeswehr-Übersichten, auf die sich ein Bericht des Bundesrechnungshofs stützt – Table.Briefings liegt er vor –, nennen inzwischen sogar rund 5,5 Milliarden Euro. Der Zeitplan hat sich ähnlich verschoben: Vorgesehen war der Abschluss für alle vier Schiffe bis 2026, aktuell rechnet man mit der zweiten Jahreshälfte 2030. Angesichts dieser Entwicklung zieht das Ministerium mittlerweile in Betracht, das Modernisierungsvorhaben ganz zu beerdigen und die Mittel vollständig auf die Nachfolgeklasse zu konzentrieren.

Womit der nächste Krisenfall auf dem Tisch liegt, denn auch bei der Ablösung der F123 verlief wenig nach Plan. Vorgesehen waren zunächst sechs Fregatten der Klasse F126; das Programm wurde jedoch kürzlich beendet, nachdem Kosten und Termine aus dem Ruder gelaufen waren. An seine Stelle tritt die Beschaffung von acht Fregatten des Typs MEKO A-200 DEU im Umfang von rund 11,6 Milliarden Euro. Diese auf die U-Boot-Jagd zugeschnittenen Einheiten sollen ab Dezember 2029 zulaufen. Praktische Konsequenz: Bis Ende 2029 dürfte der Marine keine einsatzbereite U-Jagd-Fregatte zur Verfügung stehen – ein Punkt, der im Fazit noch einmal aufzugreifen ist.

Als zweite Klasse folgt die Sachsen-Klasse, auch als F124 geführt. Ihre drei Einheiten kamen zwischen 2004 und 2006 in Dienst und sind für Verbands- und Gebietsschutz vorgesehen, also für die Flugabwehr. Auch hier steht eine Modernisierung an, denn gerade im Kernauftrag dieser Schiffe hat sich das Bedrohungsbild technologisch stark weiterentwickelt – Stichwort Hyperschallflugkörper. Vorgesehen ist unter anderem, das Weitbereichsradar durch das rotierende TRS-4D LR von HENSOLDT zu ersetzen. Damit erhielte die Marine erstmals Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Raketen. Ob es dazu tatsächlich kommt, ist allerdings offen: Gut informierten Kreisen zufolge erweist sich die Einbindung der Sensoren in das vorhandene Führungs- und Waffeneinsatzsystem als ausgesprochen anspruchsvoll und langwierig. Entsprechend lange Werftliegezeiten wären die Konsequenz – und damit der Verzicht auf die schlagkräftigsten Schiffe der Flotte. Laut Hartpunkt gehen Beobachter inzwischen nicht mehr von einer Umsetzung aus. Andere Maßnahmen gelten dagegen als gesetzt: Für rund 230 Millionen Euro wurden Systeme für den Elektronischen Kampf vom Typ Kora/Virgilius beauftragt, 72,1 Millionen Euro fließen in die Anpassung von Hangars und Landedecks an den Bordhubschrauber Sea Tiger. Wie bei der F123 werden zudem die Seezielflugkörper ersetzt – hier durch die Naval Strike Missile – sowie RAM Block 2B und ESSM Block 2 integriert.

Ein zweites Sorgenkind dieser Klasse ist die Munition. Die eingesetzten Flugabwehrraketen großer Reichweite vom Typ SM-2 Block IIIA befinden sich nicht mehr in Produktion. SIPRI zufolge orderte Deutschland zwischen 2003 und 2005 ursprünglich 108 Exemplare; Nachbestellungen sind offenbar nie erfolgt. Naval News geht von einem verbliebenen Bestand von etwa 70 Flugkörpern aus – rechnerisch exakt eine Gefechtsbeladung pro Einheit. Wie viele davon während der Rotes-Meer-Mission EUNAVFOR Aspides eingesetzt wurden, ist öffentlich nicht bekannt. Für Landes- und Bündnisverteidigung ist ein solcher Vorrat jedenfalls klar unzureichend. Immerhin beim ESSM wurde nachgelegt: Auf 111 Flugkörper der Variante Block II für rund 269 Millionen Euro im Jahr 2023 folgten im Dezember 2024 und im Oktober 2025 weitere Aufträge im dreistelligen Millionenbereich. Als Nachfolgerin der Sachsen-Klasse ist die Klasse F127 vorgesehen – bis zu acht Einheiten für etwa 26 Milliarden Euro, mit Auslieferung ab 2034. Flankiert werden sollen sie von mindestens drei Large Remote Missile Vessels: unbemannten beziehungsweise minimal besetzten Plattformen in der Rolle schwimmender Flugkörperträger. Bis die F127 verfügbar ist, droht der Marine im Weitbereich jedoch eine Lücke ohne echte Flugabwehrfregatten.

Bleibt die jüngste und zugleich umstrittenste Fregattenklasse: die Baden-Württemberg-Klasse, Klasse F125. Ihre vier Einheiten liefen zwischen 2019 und 2022 zu und wurden für Stabilisierungsoperationen im internationalen Krisenmanagement konzipiert. Genau darin liegt die Schwierigkeit, denn für den alten wie neuen Kernauftrag der Bundeswehr – die Landes- und Bündnisverteidigung – ist ihre Bewaffnung zu schwach. So fehlt beispielsweise ein VLS vollständig, also ein Vertical Launching System beziehungsweise eine Senkrechtstartanlage, aus der Flugkörper unmittelbar aus dem Rumpf gestartet werden. Um die Schiffe dennoch bündnisverteidigungsfähig zu machen, ist eine Kampfwertsteigerung vorgesehen. Diehl Defence entwickelt derzeit eine Ausstattung mit je zwei Startgeräten für insgesamt 32 IRIS-T-SLM-Flugkörper. Das Luftverteidigungssystem hat sich im Ukraine-Krieg bereits bewährt und wurde im vergangenen Herbst erstmals erfolgreich von der Fregatte Baden-Württemberg im norwegischen Andøya eingesetzt. Ein Prototyp des Marine-Starters soll schon 2027 vorliegen. Darüber hinaus heißt es, die Klasse 125 werde als erster Kampfschiffstyp der Deutschen Marine das künftige Standard-Führungs- und Waffeneinsatzsystem CMS 330 erhalten.

Denkbar ist zudem eine Ertüchtigung für die U-Boot-Jagd, wofür die Ausgangslage vergleichsweise günstig ist. Die F125 verfügt über einen CODLAG-Antrieb: Dieselgeneratoren erzeugen dabei den Strom für die Elektrofahrmotoren – eine Lösung, die als besonders geräuscharm gilt und die eigene Sonaraufklärung nicht beeinträchtigt. Hinzu kommen zwei Hangarplätze für NH90-Bordhubschrauber, die mit Dipping-Sonar und Leichtgewichtstorpedos sowohl aufklären als auch bekämpfen können. Anspruchsvoller gestaltet sich die schiffsgebundene Sensorik. Statt aufwendiger Umbauten schlägt TKMS deshalb vor, diese Aufgabe auf ein unbemanntes Überwasserfahrzeug namens MEKO S-X zu verlagern: 52 Meter lang, 250 Tonnen Verdrängung, 22 Knoten Höchstgeschwindigkeit, ausgerüstet mit einem aktiven Schleppsonar. Zusammen mit einem solchen Drohnenboot ließe sich die F125 unter anderem zur Überwachung der GIUK-Lücke einsetzen – jener strategisch bedeutsamen Passage zwischen Grönland, Island und Großbritannien, die russische U-Boote auf dem Weg in den Atlantik durchqueren müssen. Würden beide Kampfwertsteigerungen realisiert, wären die Fregatten immerhin gegen Über- wie Unterwasserziele einsetzbar. Voraussetzung dafür ist allerdings ein erneuter Werftaufenthalt. Damit zeichnet sich ein übergreifendes Dilemma ab: Alle drei Fregattenklassen werden nahezu zeitgleich modernisiert – mit absehbar gravierenden Folgen für die Einsatzbereitschaft der Flotte.

Die Korvetten

Von den Fregatten zu den Korvetten: Fünf Einheiten der Braunschweig-Klasse, kurz K130, gehören zum Bestand; sie liefen zwischen 2008 und 2013 zu. Ihr Aufgabenschwerpunkt liegt im Überwasserseekrieg sowie im Maritime Strike, also der Bekämpfung von Landzielen, vorrangig in Randmeeren wie der Ostsee. Ergänzend läuft derzeit die Beschaffung eines zweiten Loses über fünf weitere Schiffe. Geplant war die Auslieferung ursprünglich ab 2022. Nach gegenwärtigem Stand sollen Emden und Köln in diesem Jahr übergeben werden, Karlsruhe und Augsburg im kommenden, die Lübeck Anfang 2028 – ein Verzug von rund vier Jahren, der maßgeblich auf Integrationsprobleme beim Führungs- und Waffeneinsatzsystem zurückgeht. Verspätung ist dabei nicht das einzige Problem: Statt der veranschlagten 1,9 Milliarden Euro liegen die Kosten inzwischen um 21 Prozent höher bei rund 2,4 Milliarden. Pro Einheit entspricht das 480 Millionen Euro und damit dem Doppelten des ersten Loses. Ein drittes Los, das die fünf älteren Korvetten ablösen sollte, wurde angesichts der technischen und finanziellen Rahmenbedingungen inzwischen verworfen. Das Strategiepapier Kurs Marine beziffert den Bedarf auf sechs bis neun Korvetten – mit zehn Einheiten ließe sich dieser also zumindest bis zum Nutzungsdauerende des ersten Loses im Jahr 2038 decken. Perspektivisch sollen Future Combat Surface Systems hinzukommen: 40 bis 60 Meter lange Überwasserplattformen, die mit reduzierter Besatzung oder vollständig autonom operieren und sowohl im Überwasserseekrieg als auch im Maritime Strike zum Einsatz kommen sollen.

U-Boot-Flotte

Unterhalb der Wasseroberfläche stellt sich die Lage folgendermaßen dar: Die U-Boot-Flotte umfasst derzeit sechs Einheiten der Klasse 212A, die in zwei Losen zwischen 2005 und 2007 sowie 2015 und 2016 zuliefen. Damit sie bis zum Ende ihrer Nutzungsdauer Mitte der 2040er-Jahre auf aktuellem Stand bleiben, hat TKMS mit dem Beschaffungsamt der Bundeswehr einen der umfangreichsten Serviceverträge der Firmengeschichte abgeschlossen: Über zehn Jahre hinweg werden die sechs Boote für mehr als 800 Millionen Euro modernisiert und betreut, im Fokus stehen Navigations- sowie Führungs- und Waffeneinsatzsystem der vier älteren Einheiten. Ab 2032 treten sechs Boote der Klasse U212CD hinzu; veranschlagt sind dafür 7,49 Milliarden Euro bei einer Auslieferung bis 2037 – ein Termin, der sich infolge der kanadischen Entscheidung für die U212CD nach hinten verschieben dürfte. Auch unter Wasser setzt die Marine künftig auf unbemannte Systeme, konkret auf das Large Unmanned Underwater Vehicle BlueWhale des israelischen Herstellers IAI, das vorrangig Aufklärungsaufgaben übernehmen soll. Die Übergabe des ersten Systems erfolgte am 25. Februar 2026.

Damit zu einem Feld, dessen Bedeutung in der Ostsee derzeit so hoch ist wie lange nicht: der Minenkriegsführung. Zehn Minenjagdboote der Frankenthal-Klasse, in Dienst gestellt zwischen 1993 und 1998, stehen dafür bereit. Für die Minenjagd nutzen sie Unterwasserdrohnen vom Typ Seefuchs, die Sprengkörper aufspüren und vernichten. Drei Boote können darüber hinaus ferngelenkte Räumboote der Klasse Seehund einsetzen, die durch die Simulation von Schall- und Magnetfeldsignaturen großer Schiffe Minen zur Detonation bringen. Zwei weitere Einheiten sind für die Aufnahme von Minentauchern eingerichtet. Der Zustand ist allerdings desolat: Die Boote gelten als hoffnungslos veraltet. Eine sonst übliche Modernisierung zur Halbzeit der Nutzungsdauer unterblieb, selbst das Bordsonar – der zentrale Sensor für die Minenjagd – wurde nie ausgetauscht. Nach eigener Einschätzung der Bundeswehr genügen die Einheiten den heutigen Anforderungen an die Seeminenabwehr nicht mehr; technische Ausfälle nehmen zu und Ersatzteile sind teilweise nicht mehr zu beschaffen.

Vorgesehen war eigentlich ein Ersatz im Verlauf dieses Jahrzehnts. Die Planungen für ein Nachfolgesystem starteten schon 2014, entwickelten sich aber zur Farce: Zunächst kalkulierte die Marine elf neue Boote mit 2,8 Milliarden Euro, das Planungsamt kam 2017 auf 4,4 Milliarden, ein Jahr darauf kursierten 6 Milliarden – während das Verteidigungsministerium lediglich 3,5 Milliarden bereitstellen wollte. Am Ende scheiterte das Vorhaben an der Kostenexplosion. Der Generalinspekteur charakterisierte die stattdessen gewählte Variante als Minimallösung des armen Mannes: Für 1,3 Milliarden Euro werden die zehn Altboote modernisiert und sollen bis 2040 im Dienst verbleiben – gegen den ausdrücklichen Widerstand des Inspekteurs der Marine. Die Arbeiten sollen zwischen 2026 und 2030 im Rahmen planmäßiger Instandsetzungen stattfinden. Ein erster Schritt erfolgte im Oktober 2025 mit der Bestellung von zehn Sonaranlagen des Typs HMS-12M für rund 60 Millionen Euro. Langfristig sieht Kurs Marine mindestens zwölf neue Minenabwehreinheiten der Klasse MJ334 vor, ergänzt um mindestens 18 unbemannte Minenabwehrsysteme sowie sechs landgestützte Systeme. Der Vollständigkeit halber seien die beiden verbliebenen Minensuchboote der Ensdorf-Klasse genannt, Pegnitz und Siegburg. Sie fungieren mittlerweile als Ausbildungs- und Werbeboote und übernehmen bei Bedarf auch Führungsaufgaben – zuletzt bei der NATO-Unterstützungsmission in der Ägäis.

Aufklärungs- und Unterstützungseinheiten

Die signalerfassende Aufklärung leisten drei Flottendienstboote der Oste-Klasse aus den Jahren 1988 und 1989, deren Nutzungsdauer 2029 ausläuft. Ersatz sollen drei Boote der Klasse 424 bringen. Der ESUT zufolge war der Zulauf der ersten Einheit ursprünglich ab 2027 vorgesehen; inzwischen steht 2029 fest, bis 2031 sollen alle drei verfügbar sein. Auch hier wiederholt sich das bekannte Muster: Aus ursprünglich rund zwei Milliarden Euro sind 3,25 Milliarden geworden.

Die Versorgung der Flotte auf See übernehmen unter anderem drei Einsatzgruppenversorger der Berlin-Klasse, die zwischen 2001 und 2013 zuliefen. Sie befinden sich derzeit in der Modernisierung: Der Bordhubschrauber Sea Lion wird integriert, und auf den beiden älteren Schiffen entsteht ein fest verbautes Marine-Einsatz-Rettungszentrum, das die sanitätsdienstliche Versorgung an Bord erheblich ausweitet. Geprüft wird zudem, auf welchem Weg sich Radar, Führungssystem und Rohrwaffen in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts erneuern lassen.

Weit dramatischer fällt die Bilanz bei den Flottentankern aus. Die beiden Betriebsstofftransporter der Rhön-Klasse stammen aus dem Jahr 1977 und sind damit knapp 50 Jahre alt. Ab 2027 sollen zwei Betriebsstoffversorger der Klasse 70 an ihre Stelle treten, veranschlagt mit 914 Millionen Euro – ursprünglich waren 568 Millionen vorgesehen. Die neuen Schiffe sind jedoch nicht nur teurer, sondern auch weniger leistungsfähig als geplant: Die Ladekapazität sinkt von vorgesehenen 15.000 auf 12.000 Kubikmeter, der Tiefgang wächst von acht auf 9,5 Meter, und statt zweier Antriebswellen bleibt nur eine. Die Marine hätte im Übrigen gerne einen dritten Betriebsstoffversorger, um durchgehend eine einsatzbereite Einheit vorhalten zu können.

Abschließend bleiben sechs Tender der Elbe-Klasse aus den Jahren 1993 und 1994. Sie bilden das logistische Rückgrat der Bootsgeschwader und versorgen diese mit Kraftstoff, Ersatzteilen, Proviant und Munition. Ab 2029 sollen modulare Unterstützungs- und Logistikschiffe ihre Rolle übernehmen – im Rahmen des Vorhabens Mittlere Unterstützungseinheit schwimmende Einheiten, kurz MUsE. Nach Vorstellung der Marine sollen die neuen Plattformen über die Tenderaufgaben hinaus zusätzlich Fähigkeiten eines Joint Support Ships mitbringen, also amphibische Operationen, Führung und Transport ermöglichen. Ein derartiges Schiff steht seit Jahrzehnten auf der Wunschliste. Ob sich damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen lassen, muss sich zeigen: Anforderungsprofile, die möglichst viele Fähigkeiten in einer einzigen Plattform bündeln sollen, münden erfahrungsgemäß in Verzögerungen und Kostenexplosionen. Der Bedarf beläuft sich auf sechs Einheiten.

Luftfahrzeuge

Von den schwimmenden zu den fliegenden Einheiten: Als Nachfolger der ausgemusterten Seefernaufklärer P-3C Orion erhält die Marine acht P-8A Poseidon, die sowohl der Aufklärung als auch der U-Boot-Jagd aus der Luft dienen. Der Inspekteur der Marine, Vizeadmiral Jan Christian Kaack, bezifferte den Bestand mit Stand April 2026 auf drei Maschinen; die vierte und fünfte sollen bis September dieses Jahres folgen, die drei Flugzeuge des zweiten Loses in den kommenden Jahren. Kaack zufolge steht zudem die Bestellung von vier weiteren P-8A unmittelbar bevor, womit die Flotte perspektivisch auf zwölf Maschinen anwachsen würde. Bemerkenswert: Die P-8A Poseidon ist das einzige große Marinevorhaben ohne nennenswerten Verzug. Ergänzend treten künftig unbemannte Systeme hinzu – der Haushaltsausschuss des Bundestages billigte die Beschaffung von vier Systemen mit insgesamt acht Drohnen des Typs MQ-9B SeaGuardian für rund 1,52 Milliarden Euro, vorgesehen für Aufklärung und Unterwasser-Seekriegsführung. Komplettiert wird die Starrflüglerflotte durch zwei Ölaufklärer vom Typ DO 228 LM, die im Auftrag des Havariekommandos die deutschen Seegebiete auf Meeresverschmutzungen hin überwachen.

Bei den Hubschraubern versieht derzeit noch der Sea Lynx den Bordbetrieb, von dem sich 22 Maschinen im Bestand befinden. Eigentlich endet die Nutzungsdauer des Musters in diesem Jahr, doch der Betrieb wird voraussichtlich bis 2027 fortgeführt – schlicht weil der Nachfolger auf sich warten lässt. Bereits 2021 gab der Haushaltsausschuss grünes Licht für 31 NH90 MRFH Sea Tiger im Umfang von 2,7 Milliarden Euro. Die Stückzahl deckt sich exakt mit dem Bedarf: Zwei Bordhubschrauber je Fregatte ergeben bei 15 geplanten Fregatten zuzüglich einer Maschine für Testzwecke genau 31 Einheiten. Dem 18. Rüstungsbericht zufolge sind die Kosten inzwischen um sechs Prozent auf 2,85 Milliarden Euro geklettert. Die Übergabe der ersten Maschine erfolgte am 16. Dezember 2025, die letzte ist für April 2030 vorgesehen. Nach den Vorstellungen der Marine hätten die ersten Hubschrauber bereits Ende 2023 zulaufen sollen, um den Übergang vom Altsystem nahtlos zu gestalten. Ein Wermutstropfen bleibt ohnehin bestehen: Für die Fregatten der Klasse 123 ist der Sea Tiger schlichtweg zu groß. Die U-Jagd-Fregatten werden also künftig ohne Bordhubschrauber operieren müssen; als Kompensation ist die Beschaffung unbemannter Systeme im Gespräch. Hinzu kommt schließlich der Mehrzweckhubschrauber NH90 NTH Sea Lion, angeschafft als Ersatz für die ausgemusterten Sea Kings. Sein Aufgabenspektrum umfasst vor allem Such- und Rettungsmissionen sowie den Transport von Personal und Material.

Fazit

In der Summe zählt die Deutsche Marine gegenwärtig 48 seegehende Einheiten – elf Fregatten, fünf Korvetten, sechs U-Boote, zwölf Minenabwehreinheiten, drei Flottendienstboote und elf Versorgungseinheiten – dazu eine überschaubare Anzahl an Seefernaufklärern und Hubschraubern. Damit ist sie die kleinste Marine in der Geschichte der Bundesrepublik. Auf die Frage nach der Kriegstüchtigkeit lautet die ehrliche Antwort: nach derzeitigem Stand nein. Dafür gibt es mehrere Gründe.

An erster Stelle steht die Einsatzbereitschaft. Große Teile der Flotte sind veraltet und kommen um Modernisierung oder Ersatz nicht herum. In den Feldern Flugabwehr, U-Boot-Jagd und Minenkampf reicht es angesichts obsoleter Technik nur für rudimentäre Fähigkeiten. Die unumgängliche Modernisierung bedeutet zugleich, dass die betroffenen Schiffe während der Werftliegezeiten operativ ausfallen – und zwar ausgerechnet in der kritischen Phase bis 2029/30. Mit Ausnahme der Korvetten des ersten Loses, der beiden neueren U-Boote und der Einsatzgruppenversorger befinden sich praktisch sämtliche Einheiten in genau diesem Zeitraum in Modernisierung oder Ablösung und stehen damit nicht durchgängig zur Verfügung. Verteidigungsminister Pistorius zufolge fehlt der Marine gegenwärtig sogar die Fähigkeit zur seegestützten U-Boot-Jagd vollständig; verfügbar wäre sie erst wieder ab 2029 mit den neuen MEKO-Fregatten.

Auf raschen Ersatz durch Neubauten kann die Marine unterdessen nicht setzen, denn abgesehen von der P-8A Poseidon verzögert sich praktisch jedes Marinevorhaben – manche so massiv, dass sie wie im Fall der F126 komplett gestoppt wurden. Der Zulauf bis 2030 fällt entsprechend mager aus: ein bis zwei MEKO A-200 DEU, fünf Korvetten des zweiten Loses, ein bis zwei Flottendienstboote sowie zwei Betriebsstoffversorger. Unter dem Strich stehen damit höchstens zehn neue seegehende Einheiten bis 2030 – gefolgt von Ausbildung und Übung, bevor tatsächliche Einsatzbereitschaft erreicht ist.

Hinzu tritt der Munitionsmangel. Dass die Bestände der Bundeswehr zu knapp bemessen sind, ist seit Langem ein offenes Geheimnis. Dennoch beschränken sich die Bestellungen seit 2022 im Wesentlichen auf 1.000 RAM Block 2B für den Nahbereichsschutz, einige Hundert ESSM Block 2 für den Mittelbereich und 48 U-Jagd-Torpedos für die P-8A Poseidon. Entwicklungsvorhaben wie der Überschall-Seezielflugkörper TYRFING, der aus U-Booten startbare Flugabwehrflugkörper IDAS oder der neue Schwergewichtstorpedo DM2A5 werden erst im kommenden Jahrzehnt Wirkung entfalten. Die Durchhaltefähigkeit der wenigen einsatzbereiten Einheiten in einem Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung ist damit mehr als fraglich. Dazu kommen strukturelle Fähigkeitslücken: Im Maritime Strike verfügt die Marine mit dem Seezielflugkörper RBS15 Mk3 und dem 127-Millimeter-Geschütz der Korvetten nur über rudimentäre Mittel; weitreichende Präzisionswaffen wie Tomahawk-Marschflugkörper fehlen vollständig. Gegen ballistische und hypersonische Bedrohungen existieren überhaupt keine Abwehrfähigkeiten – ausgerechnet in einem Bereich, in dem Russland zu den Vorreitern zählt. Abhilfe dürfte erst die F127 ab 2034 schaffen.

Verschärfend wirkt der dramatische Personalmangel. Von knapp 15.000 militärischen Dienstposten bleibt etwa jeder fünfte unbesetzt; in einzelnen Unteroffiziersbereichen liegt die Vakanzquote sogar bei bis zu 40 Prozent. Als Ursachen gelten lange Abwesenheitszeiten, fehlende Privatsphäre an Bord und die schwierige Vereinbarkeit von Familie und Dienst. Die Folge: Schiffe laufen vielfach nicht voll besetzt aus. Das Aufgabenpensum wächst dennoch weiter. Allein für die NATO stellt die Marine seit 2025 zwei Korvetten, zwei U-Boote, eine Minenabwehreinheit und einen Seefernaufklärer in der Ostsee, zwei Fregatten und einen Seefernaufklärer im Nordatlantik sowie eine Fregatte und eine Minenabwehreinheit in höchster Bereitschaftsstufe für die Allied Reaction Force. Dazu kommen Führungs- und Unterstützungseinheiten sowie vier Auslandseinsätze, deren Hauptlast die Marine trägt. Mit dem vorhandenen Schiffs- und Personalbestand ist das schlichtweg nicht darstellbar – und führt zu den eingangs geschilderten Absurditäten, dass Forschungsschiff Planet und Hochseeschlepper Rügen als Führungsschiffe der NATO-Ägäis-Mission einspringen mussten, weil schlicht nicht genügend Flaggenstöcke vorhanden sind.

Es bleibt ein ernüchterndes Gesamtbild. Vier Jahre nach Ausrufung der Zeitenwende ist die Marine nicht kriegstüchtig – und wird es in diesem Jahrzehnt aller Voraussicht nach auch nicht mehr werden. Die eingeleiteten Vorhaben weisen zwar in die richtige Richtung: MEKO A-200, F127, U212CD, neue Minenabwehreinheiten, Sea Tiger und P-8A werden die Flotte spürbar modernisieren und vergrößern. Doch ausgerechnet im sicherheitspolitisch kritischen Zeitfenster bis 2029/30 durchläuft die Marine ihre verwundbarste Phase: Die alte Flotte liegt reihenweise in den Werften, die neue ist noch nicht da, die Munitionsbestände decken teilweise kaum mehr als eine Gefechtsbeladung, und jeder fünfte Dienstposten bleibt unbesetzt. Zu hoffen bleibt, dass dieser Befund in Moskau nicht zu falschen Schlüssen führt – und dass die deutschen Entscheidungsträger die richtigen Lehren aus den Fehlern der Vergangenheit gezogen haben, damit es mit der Deutschen Marine möglichst rasch in Richtung Kriegstüchtigkeit geht.

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