So soll die Bundeswehr zur stärksten Armee Europas werden

Die Bundeswehr soll bis 2039 zur stärksten konventionellen Armee Europas werden. Wie die Bundesregierung dieses ambitionierte Ziel umzusetzen gedenkt, geht aus den neuen Grundlagendokumenten zur strategischen Ausrichtung der Bundeswehr hervor, insbesondere aus der ersten Militärstrategie und dem neuen Fähigkeitsprofil. Der folgende Beitrag wirft einen detaillierten Blick auf die erste deutsche Militärstrategie, das neue Fähigkeitsprofil der Bundeswehr, die neue Strategie der Reserve, den personellen Aufwuchsplan der Bundeswehr sowie auf die Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda.
SPz Puma | Foto: Bundeswehr/Marco Dorow

Die Bundeswehr soll bis 2039 zur stärksten konventionellen Armee Europas werden. Wie die Bundesregierung dieses ambitionierte Ziel umzusetzen gedenkt, geht aus den neuen Grundlagendokumenten zur strategischen Ausrichtung der Bundeswehr hervor, insbesondere aus der ersten Militärstrategie und dem neuen Fähigkeitsprofil. Der folgende Beitrag wirft einen detaillierten Blick auf die erste deutsche Militärstrategie, das neue Fähigkeitsprofil der Bundeswehr, die neue Strategie der Reserve, den personellen Aufwuchsplan der Bundeswehr sowie auf die Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda.

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Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung

Mit der Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung hat das Bundesministerium der Verteidigung im April 2026 erstmals eine vollständige strategische Grundlage für die Bundeswehr vorgelegt. Sie besteht aus zwei Säulen: der Militärstrategie und dem Fähigkeitsprofil der Bundeswehr. Die Militärstrategie beschreibt, wie die Bundeswehr handelt – das Fähigkeitsprofil beschreibt, womit sie handelt. Beide Dokumente bauen aufeinander auf und ergänzen sich. Grundlage beider Dokumente ist der sogenannte One-Theatre-Approach: Die Bundeswehr denkt und handelt in geostrategischen Räumen übergreifend und generiert dimensionsübergreifende strategische Effekte aus einem einzigen Kräftepool heraus.

Das der Strategie zugrunde liegende Kriegsbild beschreibt ein Bedrohungsumfeld, in dem die klassische Trennung von Heimat und Gefechtsfeld, von Kombattanten und Zivilbevölkerung, von Krieg und Frieden gezielt durch den Gegner aufgelöst wird. Staat, Wirtschaft und Gesellschaft gelten als legitime Angriffsziele. Auf die Einhaltung ethischer oder rechtlicher Grundsätze ist kein Verlass.

Kennzeichnend für das aktuelle und künftige Kriegsbild ist die parallele Nutzung hochentwickelter und primitiver Mittel – Quantencomputing und Robotik gleichzeitig mit günstig verfügbaren Massensystemen wie kommerziellen Drohnen. Entscheidend ist dabei nicht Hochtechnologie allein, sondern die Fähigkeit, beide Ebenen kombiniert und über die gesamte Kriegsdauer hinweg aufrechtzuerhalten. Innovations- und Adaptionsfähigkeit sind damit operative Erfolgsfaktoren.

Das Gefechtsfeld wird zunehmend transparent: Vernetzte Sensorik in allen Dimensionen erschwert es, der Aufklärung zu entgehen. Künstliche Intelligenz erweitert kognitive Fähigkeiten und ist notwendig, um Massen an Daten für militärische Entscheidungen beherrschbar zu machen. Informationsüberlegenheit wird erkämpft – sie entscheidet über Führungs- und Wirkungsüberlegenheit. Ergänzt wird dieses Bild durch die flächendeckende Bedrohung durch abstandsfähige Präzisionswirkmittel aller Reichweiten: Sichere Rückzugsräume existieren nicht mehr.

Für die Bundeswehr ergeben sich daraus klare Konsequenzen: Sie muss schneller adaptieren als der Gegner, Informationsüberlegenheit in allen Dimensionen erkämpfen und verteidigen, Multi-Domain Operations bündnisfähig durchführen und einen ausgewogenen Mix aus Hochtechnologie, Bestandssystemen und günstiger Massentechnologie vorhalten – um zu verhindern, dass die wenigen hochtechnologischen Waffensysteme durch kostengünstige Massensysteme des Gegners aufgerieben werden.

Als größte Volkswirtschaft Europas und bedeutender Alliierter ohne eigene Nuklearkräfte übernimmt Deutschland gezielt konventionell-strategische Verantwortung. Hintergrund ist die erklärte strategische Neuorientierung der USA in Richtung Indopazifik sowie die Forderung Washingtons in der National Defense Strategy 2026 nach deutlich mehr Eigenleistung der europäischen Verbündeten.

Die strategische Priorität liegt zunächst auf der schnellstmöglichen Herstellung der organischen Einsatzbereitschaft aller vorhandenen Kräfte. Parallel dazu baut die Bundeswehr eine nationale und europäische Projektionsfähigkeit auf: Sie soll zunehmend eigenständig im gesamten Bündnisgebiet verlegen können. Diese Fähigkeit stärkt die Abschreckungs- und Verteidigungsfähigkeit, entlastet die USA und erhöht die europäische Handlungsfähigkeit. Sichtbarstes Zeichen dieser neuen Rolle ist die dauerhafte Stationierung einer deutschen Kampfbrigade in Litauen.

Darüber hinaus sollen gezielt Fähigkeiten entwickelt und ausgebaut werden, die militärstrategisch wesentlich für die Abschreckung und Verteidigung im Bündnis sind, beispielsweise die territoriale Flugkörperabwehr sowie ein dimensionsübergreifender Aufklärungs- und Wirkverbund für weitreichende Präzisionsschläge – Deep Precision Strike. Da Deutschland keine Nuklearmacht ist und es auch nicht werden will, kommt diesen konventionellen Fähigkeiten besonderes Gewicht für die Abschreckung zu.

Die Strategie legt vier militärstrategische Prioritäten fest. An erster Stelle steht die Landes- und Bündnisverteidigung: Die Bundeswehr hält einsatzbereite Kräfte für die Verteidigungspläne des SACEUR bereit, baut konventionell-strategische Fähigkeiten aus und leistet weiterhin ihren Beitrag zur nuklearen Teilhabe der NATO.

Die zweite Priorität adressiert hybride Bedrohungen. Die Bundeswehr trägt dazu bei, die Wirkung hybrider Aktivitäten – insbesondere russischer Einflussnahme – zu mitigieren, und stärkt damit zugleich die gesamtstaatliche Resilienz und Handlungsfähigkeit.

Dritte Priorität ist die Stabilisierung Europas und seiner südlichen Nachbarschaft. Im Bogen von Nordafrika über die Sahelzone bis zum Nahen und Mittleren Osten stärkt die Bundeswehr regionale Partner und hält Fähigkeitsbeiträge für das Internationale Krisenmanagement im Rahmen der Vereinten Nationen sowie der Gemeinsamen Sicherheits- und Verteidigungspolitik der EU bereit.

Die vierte Priorität betrifft den Schutz internationaler See- und Kommunikationslinien. Die Bundeswehr stellt dafür entsprechende Kräfte bereit und trägt zum Schutz verteidigungswichtiger Infrastruktur bei.

Das Fähigkeitsprofil legt verbindliche Gestaltungsprinzipien fest, nach denen die Bundeswehr aufgebaut und weiterentwickelt wird. Alle Aufträge – vom Kernauftrag Landes- und Bündnisverteidigung bis hin zu Einsätzen im Rahmen des Krisenmanagements – werden aus einem einzigen Kräftepool erfüllt: dem sogenannten Single Set of Forces. Es gibt keine separaten Kräfte für separate Aufgaben.

Innovation ist dabei kein nachgelagerter Prozess, sondern wird als operativer Erfolgsfaktor verstanden. Neue Technologien sollen konsequent bottom-up aus der Truppe heraus erschlossen, zügig in bestehende Strukturen integriert und unmittelbar für die Kriegführung nutzbar gemacht werden. Ziel ist es, militärische Effekte effektiver, schneller und mit geringerem Personalaufwand zu erzielen.

Der personelle Zielumfang beträgt mindestens 460.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2035 – aktive und nicht-aktive. Die Reserve ist dabei integraler Bestandteil der Streitkräfte und trägt unmittelbar zur Einsatzbereitschaft und Durchhaltefähigkeit bei. Alle Verbände werden vollständig ausgestattet. Darüber hinaus werden waffensystemspezifische Umlauf- und Großgerätereserven aufgebaut, um die materielle Durchhaltefähigkeit über einen längeren Zeitraum hinweg sicherzustellen.

Interoperabilität mit Verbündeten ist dabei keine Option, sondern Grundvoraussetzung: Die Bundeswehr wird ihre neue Rolle als stärkste konventionelle Armee Europas nur gemeinsam mit ihren Alliierten ausfüllen können. Projektionsfähigkeit – die Fähigkeit, eigenständig und bündnisgemeinsam im gesamten NATO-Gebiet zu verlegen und zu operieren – wird entsprechend als eigenständiger Fähigkeitsschwerpunkt verankert.

Die konkreten Fähigkeitsziele des Profils umfassen sechs Schwerpunkte:

  • Wirkung auf Abstand und Luftverteidigung: Aufbau von Deep-Precision-Strike-Fähigkeiten sowie durchhaltefähige Luftverteidigung aller Reichweiten
  • Informationsüberlegenheit: Offensive und defensive Fähigkeiten in allen Dimensionen, KI-gestützte Entscheidungsfindung
  • Vernetzung und Digitalisierung: Cloudbasierte IT-Plattform, resiliente Kommunikationssysteme (Digital Backbone), konsequente Digitale Souveränität – Deutschland übernimmt eine Führungsrolle beim Aufbau der MDO Enabled Alliance
  • Nationale Führungsfähigkeit: Operative Planungs- und Führungsfähigkeit für Multi-Domain Operations einschließlich dimensionsübergreifender Deep Precision Strikes
  • Operationsbasis Deutschland: Sicherung des nationalen Hoheitsgebiets, Luftraums und der Daten- und Kommunikationsnetze als Operationsgrundlage
  • Nationale Krisen- und Risikovorsorge: Militärische Fähigkeiten als ressortgemeinsame hoheitliche Aufgabe, einschließlich Schutz deutscher Staatsangehöriger im Ausland

Der Aufbau der Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas vollzieht sich in drei aufeinander aufbauenden Phasen. In Phase 1 hat die sofortige Maximierung der Verteidigungsfähigkeit absolute Priorität. Verfügbare Ressourcen werden fokussiert eingesetzt, Strukturen der Friedensarmee aufgegeben und bestehende Kräfte konsequent auf Einsatzbereitschaft ausgerichtet.

Phase 2 schafft die strukturellen und fähigkeitsbezogenen Voraussetzungen, damit die Bundeswehr ihre neue Führungsrolle im Bündnis tatsächlich einnehmen kann. Die Streitkräfte wachsen dabei gezielt in das definierte Zielbild hinein – mit einem deutlichen Fähigkeitszuwachs in allen Dimensionen.

Phase 3 schließt den Aufwuchs bis 2039 ab. Durch die konsequente Nutzung innovativer Technologien sollen die Streitkräfte nicht nur quantitativ, sondern vor allem qualitativ überlegen sein – und damit die europäische Führungsrolle Deutschlands in der NATO dauerhaft untermauern. Über alle drei Phasen hinweg gilt: Der Aufwuchs ist nur realisierbar, wenn Infrastruktur, Personal und Industrie synchronisiert mitziehen und die Verbündeten als Partner eingebunden bleiben.

Strategie der Reserve

Parallel zur Militärstrategie und dem Fähigkeitsprofil hat das Bundesministerium der Verteidigung im April 2026 eine neue Strategie der Reserve vorgelegt. Sie schafft die konzeptionelle Grundlage für eine grundlegende Neuausrichtung der Reserve und bildet als Strategische Leitlinie das Bindeglied zwischen den Verteidigungspolitischen Richtlinien auf der einen und der Militärstrategie sowie dem Fähigkeitsprofil auf der anderen Seite. Aus ihr leiten sich die konkreten fachlichen Aufträge für die Reserve ab.

Das Verständnis von der Reserve hat sich mit dieser Strategie grundlegend verändert. Sie ist kein Auffangbecken für Personalengpässe mehr, sondern ein integraler Bestandteil der Streitkräfte – auf Augenhöhe mit der aktiven Truppe. Neben der klassischen Aufgabe der schnellen Verstärkung und Unterstützung aktiver Verbände wird die Reserve künftig eigenständige Aufgaben übernehmen, von Schutz- und Sicherungsaufgaben bis hin zum hochintensiven Gefecht im Schulterschluss mit Verbündeten.

Eine besondere strategische Bedeutung ergibt sich dabei aus der geografischen Lage Deutschlands. Als logistische Drehscheibe Europas sind Marschbewegungen verbündeter Streitkräfte durch deutsches Territorium im Verteidigungs- und Bündnisfall unvermeidbar. Die Reserve sichert genau diesen Operationsraum: Sie schützt kritische Infrastruktur, logistische Hubs, Verkehrswege und militärische Liegenschaften und gewährleistet damit die Durchhaltefähigkeit des Bündnisses im Ernstfall.

Der Gesamtzielumfang der Bundeswehr von mindestens 460.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2035 lässt sich ohne eine deutlich gestärkte Reserve nicht erreichen. Auf sie wird ein erheblicher Anteil dieser Gesamtstärke entfallen. Bis 2033 soll die Reserve auf mindestens 200.000 Reservistinnen und Reservisten anwachsen – ein strukturierter Aufwuchs, der im Personellen Aufwuchsplan der Bundeswehr konkret hinterlegt ist.

Die neue Reserve soll zugleich die Brücke zwischen Bundeswehr und Zivilgesellschaft schlagen. Sie lebt vom wechselseitigen Kompetenztransfer zwischen militärischem und zivilem Bereich und trägt damit zur gesamtgesellschaftlichen Resilienz bei – ein Aspekt, der in einer Zeit hybrider Bedrohungen an Bedeutung gewinnt.

Damit dieses Modell funktioniert, müssen Reservistinnen und Reservisten verlässlich für den Dienst verfügbar sein. Das setzt voraus, dass Wirtschaft und Arbeitgeber als strategische Partner eingebunden werden. Abwesenheiten müssen planbar und gegenseitig abgestimmt sein. Das BMVg hat angekündigt, die Rahmenbedingungen gezielt zu verbessern: Bürokratische Hürden sollen abgebaut, Erreichbarkeit und Digitalisierung optimiert sowie Ausbildungsangebote ausgebaut werden. Denn eine gut ausgebildete, regelmäßig geübte und vollausgestattete Reserve ist eine Grundvoraussetzung für eine glaubwürdige Abschreckung.

Die Strategie der Reserve gibt die konzeptionellen Leitlinien vor. Den rechtlichen Rahmen soll ein eigenes Gesetz schaffen: Das Kabinett wird sich im Sommer 2026 mit dem Gesetzentwurf zur Stärkung der Reserve befassen, Bundesrat und Bundestag folgen in der zweiten Jahreshälfte. In Kraft treten soll das Gesetz Anfang 2027.

Personeller Aufwuchsplan Bundeswehr

Der Personelle Aufwuchsplan der Bundeswehr operationalisiert die Vorgaben aus dem Fähigkeitsprofil. Er legt fest, wie militärisches und ziviles Personal der Bundeswehr schrittweise auf den angestrebten Zielumfang anwachsen. Den rechtlichen Rahmen dafür hat das zum 1. Januar 2026 in Kraft getretene Wehrdienst-Modernisierungsgesetz geschaffen, das in Paragraf 91 des Soldatengesetzes konkrete quantitative und zeitliche Vorgaben für den Aufwuchs festschreibt.

Ausgangspunkt ist der aktuelle Stand von rund 186.000 aktiven Soldatinnen und Soldaten sowie rund 70.000 Reservistinnen und Reservisten. Bis Mitte der 2030er-Jahre soll die aktive Truppe auf mindestens 260.000 anwachsen – einschließlich Personal in Ausbildung sowie Soldatinnen und Soldaten, die außerhalb der Streitkräfte etwa im Ministerium oder in nachgeordneten Behörden tätig sind. Parallel dazu wächst die Reserve auf mindestens 200.000. Zusammen ergibt das den im Fähigkeitsprofil definierten Gesamtzielumfang von mindestens 460.000 Soldatinnen und Soldaten bis 2035.

Der Aufwuchs vollzieht sich in drei Phasen. Bis 2029 steht ein fokussierter Aufwuchs im Vordergrund, der die personelle Einsatzbereitschaft und Verteidigungsfähigkeit so schnell wie möglich steigert. Die aktive Truppe wächst in diesem Zeitraum schrittweise von rund 186.000 auf bis zu 205.000 Soldatinnen und Soldaten, die Reserve parallel von 70.000 auf bis zu 140.000.

In der zweiten Phase bis 2035 folgt ein breiter Fähigkeitszuwachs in allen Dimensionen – Land, Luft, See sowie Cyber und Weltraum – entlang der NATO- und nationalen Fähigkeitsziele. Die aktive Truppe erreicht dabei eine Stärke zwischen 255.000 und 270.000, die Reserve den Zielwert von mindestens 200.000. Damit sind am Ende dieser Phase die gesetzlich verankerten Personalziele zu erfüllen und der Gesamtzielumfang von 460.000 erreicht.

Die dritte Phase bis 2039 und darüber hinaus hat den Aufbau technologisch überlegener Streitkräfte zum Ziel. Im Mittelpunkt steht dann nicht mehr primär quantitatives Wachstum, sondern die qualitative Weiterentwicklung entlang innovativer Technologien.

Parallel zum militärischen Aufwuchs muss auch der zivile Personalkörper der Bundeswehr bedarfsorientiert wachsen – überall dort, wo er den Kernauftrag der aufwachsenden Streitkräfte unmittelbar unterstützt. Der Aufwuchs wird dabei auf das verteidigungsrelevante Mindestmaß begrenzt und orientiert sich strikt am Fähigkeitsprofil. Ermöglicht wird er unter anderem durch den Neuen Wehrdienst sowie durch eine Reihe von Attraktivitätsmaßnahmen, die den Dienst in der Bundeswehr – aktiv wie im Reservestatus – für mehr Menschen attraktiv machen sollen.

Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda

Verteidigungsminister Boris Pistorius hat am 19. März 2026 die Entbürokratisierungs- und Modernisierungsagenda – kurz EMA26 – gebilligt. Mit 153 Maßnahmen und 580 konkreten Umsetzungsschritten ist sie kein Absichtspapier, sondern ein verbindliches Arbeitsprogramm, das sich bereits in der Umsetzung befindet.

Der unmittelbare Zweck der EMA26 ist klar: Kapazitäten freizusetzen, die für den Aufwuchs der Bundeswehr dringend benötigt werden. Unnötige Bürokratie bindet Personal, verlangsamt Entscheidungen und steht dem Kernauftrag im Weg. Aufgaben, die nicht unmittelbar der Landes- und Bündnisverteidigung dienen, werden daher überprüft, neu priorisiert oder abgeschafft. Interne Vorschriften werden reduziert und erhalten künftig ein automatisches Verfallsdatum: Wer eine Regelung nach ihrem Ablauf weiter benötigt, muss das aktiv begründen – andernfalls tritt sie außer Kraft. Melde- und Berichtspflichten werden auf das rechtlich und operativ erforderliche Minimum gestutzt, Verfahren vereinfacht und Beauftragten-Funktionen kritisch hinterfragt.

Ein Schwerpunkt der Agenda liegt auf der konsequenten Digitalisierung und Automatisierung von Verwaltungsabläufen. Routinevorgänge werden in digitale Workflows überführt, Papierverfahren abgelöst. Alle Beschäftigten erhalten über eine zentrale App mit einer einzigen Anmeldung Zugriff auf E-Mails, Kalender und weitere Dienste. Wichtige Dokumente und Nachweise sollen in einer digitalen Brieftasche, der sogenannten Bw-Wallet, verfügbar sein. Flankiert wird das durch einen flächendeckenden Zugang zu sicheren KI-Funktionen: Textanalyse, Dokumentenzusammenfassungen und Berichtsentwürfe sollen künftig KI-gestützt erfolgen und den Arbeitsalltag spürbar entlasten.

Neben Strukturen und Prozessen adressiert die EMA26 auch die Führungskultur. Überregulierung entsteht oft dort, wo Absicherungsdenken dominiert. Die Agenda setzt dem eine Führungsphilosophie entgegen, die auf gegenseitigem Vertrauen und einer positiven Fehlerkultur basiert. Themen wie bürokratiearmes Denken, kooperative Arbeitsmethoden und modernes Management werden in Aus- und Fortbildungen verankert. Ergänzend wird ein Vor-Ort-Führungscoaching eingeführt; für Führungskräfte ab Besoldungsebene A16 wird ein verpflichtendes 360-Grad-Feedback eingeführt. Innovationsfähigkeit und Ideenmanagement werden als eigenständige Handlungsfelder gefördert – mit dem Ziel, die Zukunftsfähigkeit der Bundeswehr strukturell abzusichern.

Fazit

Die Gesamtkonzeption der militärischen Verteidigung markiert zweifellos einen Wendepunkt in der deutschen Sicherheitspolitik. Erstmals richtet Deutschland seine Streitkräfteplanung an einer dezidiert nationalen Bedrohungsanalyse aus – nicht mehr nur passiv hinter NATO-Fähigkeitszielen verschanzt, sondern mit dem erklärten Anspruch, Europas Verteidigung aktiv zu gestalten. Der Schwenk von Beschaffungslisten hin zu echter Fähigkeitsorientierung ist dabei ebenso positiv zu bewerten wie die klare hierarchische Priorisierung der vier militärstrategischen Prioritäten – eine Festlegung, die in diesem Haus lange ausgeblieben ist. Auch das Kriegsbild verdient Anerkennung: Die Bundeswehr definiert öffentlich, was sie unter Krieg versteht – einschließlich Hybridität, Automatisierung und Entgrenzung vom klassischen Schlachtfeld. Das schafft Klarheit, nicht nur für die Öffentlichkeit, sondern vor allem für die Truppe selbst.

Auch das Konzept des Single Set of Forces überzeugt. Es zwingt zu einer Priorisierung, die lange überfällig war: Soldaten sollen künftig ausbilden, üben und kämpfen – nicht Verwaltungsaufgaben erledigen. Zehntausende sind derzeit in administrativen Tätigkeiten gebunden; sie für den Kernauftrag freizusetzen und durch ziviles Personal zu ersetzen, ist ein strukturell richtiger Schritt. Positiv hervorzuheben ist zudem die verankerte Wirkungskontrolle: Die Strategie verpflichtet zur Überprüfung ihrer eigenen Annahmen – spätestens alle fünf Jahre. Eine evidenzbasierte Selbstkontrolle dieser Art ist in einem sicherheitspolitischen Grundlagendokument keine Selbstverständlichkeit.

Hinter dem strategischen Anspruch bleiben jedoch konkrete Lücken. Die angekündigte Verteidigungsaufstellung – das Dokument, das den Inspekteuren der Teilstreitkräfte erst die konkreten Zielstrukturen für den Aufwuchs liefert – fehlt. Sie soll nun „konsekutiv“ folgen, also zu einem unbestimmten späteren Zeitpunkt. Dabei warten die Teilstreitkräfte händeringend auf genau diese Vorgaben. Auch das Infrastrukturbeschleunigungsgesetz, das die für den Personalaufwuchs dringend benötigten Kasernen und Unterkunftskapazitäten rechtlich absichern sollte, ist nicht termingerecht vorgelegt worden.

Der öffentlich zugängliche Teil der Dokumente enthält zudem wenig Konkretes. Schlagworte wie „entgrenzter Krieg“ oder „gläsernes Gefechtsfeld“ werden seit Jahren in Expertenkreisen diskutiert – ihr Vorkommen in einem strategischen Grundlagendokument ist keine Erkenntnis. Quantifizierbare Meilensteine, wie vom Minister selbst gefordert, sucht man im öffentlichen Teil des Aufwuchsplans vergebens. Dass wesentliche Teile der Dokumente als geheim eingestuft sind, erschwert zudem jede fundierte externe Bewertung.

Strukturell bleibt die europäische Dimension unterbelichtet. Die Strategie formuliert Sicherheit „für Europa“ – aber kaum mit Europa. Harmonisierte Beschaffung, gemeinsame Fähigkeitsentwicklung mit Partnernationen, Synergien bei teuren Systemen wie strategischem Lufttransport oder weltraumgestützter Aufklärung – Fehlanzeige. Das stößt bei einigen europäischen Partnern auf Befremden. Auch die Frage nuklearer Abschreckung – angesichts einer strategischen Neuorientierung der USA eigentlich drängend – wird mit einem schmallippigen Verweis auf die Fortsetzung der nuklearen Teilhabe abgespeist. Dass schließlich die Strategie der Reserve, zumindest in ihren bekannt gewordenen Teilen, die Reservisten selbst ratlos zurücklässt und eine verbindliche Freistellungspflicht nach wie vor ungeklärt ist, untergräbt einen ihrer zentralen Pfeiler.

In Washington stößt die deutsche Strategie derweil auf ausdrücklich positive Resonanz. Elbridge Colby, Under Secretary of War, begrüßte die deutsche Militärstrategie als „klaren und glaubwürdigen Kurs Richtung NATO 3.0“ – einem Bündnis, in dem Europa und Kanada substanziell mehr Verantwortung übernehmen. Colby hob hervor, dass das US-Verteidigungsministerium bereits eng mit Deutschland zusammenarbeite, um den Übergang zu dieser neuen Bündnisarchitektur zu beschleunigen. Die Botschaft Washingtons ist dabei unmissverständlich: Wer Trumps Forderung nach mehr europäischer Eigenleistung ernst nimmt und handelt, findet einen kooperativen Partner. Deutschland tut genau das – und wird damit, zumindest aus amerikanischer Sicht, zum Musterbeispiel dafür, wie europäische NATO-Mitglieder die transatlantische Allianz zukunftsfähig halten können.

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