Eine Studie des AFCEA Bonn e.V. kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland nicht Mittel oder Personal für die Krisenbewältigung fehlen, sondern die verbindliche Kopplung zwischen Behörden, Ebenen und Systemen. Im Vergleich mit fünf anderen Staaten erreicht die Bundesrepublik den niedrigsten Wert.
Der AFCEA Bonn e.V. hat am 7. Oktober 2026 die Studie „Gesamtstaatliches Sicherheitsökosystem 2030“ veröffentlicht. Sie untersucht, wie Verwaltung, Bundeswehr, Betreiber kritischer Infrastrukturen, Hilfsorganisationen und Bevölkerung in Krisen- und Verteidigungslagen zusammenwirken. Die Studienleitung lag bei Bernhard Steimel (mind digital). Grundlage sind 55 Tiefeninterviews mit 61 Gesprächspartnern aus Behörden, Kommunen, Streitkräften, Wirtschaft und Wissenschaft, geführt zwischen März und Juni 2026. Hinzu kommen eine Online-Befragung unter 72 Anbietern und Anwendern, ein Ländervergleich und die Auswertung bestehender Studien und Rechtsgrundlagen. Partner der Studie sind 13 Unternehmen, darunter Arvato Systems, Google Cloud, Airbus und secunet.
Die Lücke liegt beim gemeinsamen Lagebild
Die Studie stellt fest, dass die verfügbaren Lösungen vor allem an den beiden Enden der Handlungskette ansetzen: beim Erfassen einer Lage und beim Handeln. Auf diese Bereiche entfallen 81 Prozent der Nennungen. Für das Zusammenführen von Informationen zu einem gemeinsamen Lagebild wurden 19 von 172 erfassten Lösungen genannt, für keine davon ist ein Praxiseinsatz belegt.
Die Auswertung von acht dokumentierten Lagen ergibt ein ähnliches Bild. Fünf wurden bewältigt, darunter der Moorbrand in Meppen 2018, die zentrale Verteilung von Intensivpatienten in Berlin während der Pandemie und die Energiekrise 2022. In drei Fällen, darunter die Flut im Ahrtal 2021, riss die Kette ab. Im Ahrtal trafen Einsatzkräfte und Gerät ein, ihre Zuordnung zu Einsatzräumen stockte jedoch. Im Kreis Neuwied fehlte trotz guter Ausstattung rund 40 Stunden lang die Übersicht über die Lage im Nachbarkreis. Ausschlaggebend war laut Studie jeweils, ob vorab geklärt war, wer entscheidet und wer handelt.
Niedrigster Wert im Ländervergleich
Ein Vergleich über zehn Dimensionen sieht Deutschland mit 14 von 30 Punkten hinter den Niederlanden und Finnland (je 27), Schweden (26), Estland (25) und der Ukraine (22). Nur zwei der zehn Dimensionen betreffen Technik. Am schwächsten schneidet die Bundesrepublik bei der Durchhaltefähigkeit und der Steuerung ab. Die Autoren beziffern den Rückstand je nach Bereich auf mehr als zehn Jahre. Ein ressortübergreifendes Steuerungsmandat besteht in Finnland seit 2012, ein gesetzlich verankertes gemeinsames Lagebild in den Niederlanden seit über einem Jahrzehnt.
Die Studie nennt selbst Einschränkungen: Die Werte der Referenzländer beruhen auf einer Dokumentenanalyse, der Peer-Review des Vergleichs steht noch aus. Zudem erklärt die unmittelbarere Bedrohungswahrnehmung in Finnland, Schweden und Estland einen Teil von deren Vorsprung.
Mandate statt neuer Behörden
Nach Darstellung der Studie fehlt es nicht an Führungsstrukturen, sondern an deren Befugnissen. Von sechs Rollen im gesamtstaatlichen Gefüge seien vier besetzt. Für die verbindliche Führung und für die Verdichtung zum Lagebild fehle das Mandat. Die Autoren schlagen drei Entscheidungen vor: einen Sicherheitsrat mit Weisungsrecht gegenüber den Ressorts, einen zivilen Operationsplan als Gegenstück zum militärischen Operationsplan Deutschland sowie eine mandatierte Stelle für das Lagebild. Eine neue Behörde oder eine Grundgesetzänderung sei dafür nicht erforderlich.
Ein Teil dieser Strukturen existiert bereits. Das Bundeskabinett hat im August 2025 die Einrichtung eines Nationalen Sicherheitsrats beschlossen. Er tagt unter Vorsitz des Bundeskanzlers, wird von einer Stabsstelle im Kanzleramt unterstützt und kann abschließend entscheiden, soweit Grundgesetz oder Bundesrecht nicht entgegenstehen. Seit 2022 arbeitet zudem das Gemeinsame Kompetenzzentrum Bevölkerungsschutz von Bund und Ländern beim Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) in Bonn an einem ebenenübergreifenden Lagebild. Laut Studie erreicht es seinen Zielstand frühestens 2028, eine Anschlusspflicht der Länder ist nicht vorgesehen. Als Vorbild nennen die Befragten am häufigsten Schweden, wo die zuständige Behörde zum 1. Januar 2026 einen Leitungs- und Koordinierungsauftrag für die zivile Verteidigung erhielt, ohne dass ein neues Gesetz nötig war.
Armin Fleischmann, Generalmajor und Vorsitzender des AFCEA Bonn e.V., verweist auf den militärischen Operationsplan Deutschland. Für ihn gebe es bislang kein ziviles Gegenstück, und die Bundeswehr könne es mangels Kenntnis kommunaler Abhängigkeiten nicht erstellen.
Marktlücken und Rolle des Ehrenamts
In drei von acht Technologiebereichen weist der erfasste Markt kein Angebot aus: Ressourcensteuerung, Wiederanlauf nach Ausfällen und Zugriffsrechte. Den Engpass sieht die Studie vor allem bei Beschaffung, Integration und Skalierung. Zugleich betont sie die Rolle der Bevölkerung. 94 Prozent der aktiven Feuerwehrangehörigen sind in Freiwilligen Feuerwehren tätig, beim Technischen Hilfswerk sind es 98 Prozent. Das THW zählt nach Angaben der Bundesregierung rund 80.000 Ehrenamtliche in 668 Ortsverbänden. 47 Prozent der Befragten sehen bei der Einbindung von Bürgerinnen und Bürgern Nachholbedarf.
30 Maßnahmen mit Fristen
Aus 529 gesammelten Vorschlägen leitet die Studie 30 Maßnahmen in sechs Handlungsfeldern ab, jeweils mit zuständigem Träger, einer Frist von zwölf oder 24 Monaten und einem überprüfbaren Nachweis. Sechs davon gelten als vorrangig. Dazu zählen die Vernetzung bestehender Lagebilder mit dem Ziel, binnen 24 Monaten drei Ressorts und drei Länder anzubinden, und die behördenübergreifende Öffnung vorhandener Rahmenverträge. Binnen zwölf Monaten sollen zudem jede Klinik der höchsten Versorgungsstufe einen geübten Wiederanlaufplan haben und jedes Land eine ebenenübergreifende Übung mit politischer Beteiligung durchgeführt haben.
