Eine aktuelle repräsentative Studie des Zentrums für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr (ZMSBw) zeigt einen bemerkenswerten Wandel im sicherheitspolitischen Bewusstsein der deutschen Bevölkerung. Die im Frühjahr 2025 durchgeführte Befragung von über 2.000 Bürgern offenbart: Die Deutschen befürworten nicht nur eine ambitionierte Verteidigungspolitik, sondern sehen ihr Land zunehmend in einer militärischen Führungsrolle in Europa.
Russland als klare Bedrohung wahrgenommen
Drei Jahre nach Russlands Überfall auf die Ukraine hat sich das Sicherheitsempfinden der Deutschen nachhaltig verändert. 67 Prozent der Befragten betrachten Russland als militärische Bedrohung für Deutschland – ein Wert, der im Vergleich zum Vorjahr nochmals um zwei Prozentpunkte gestiegen ist. Bemerkenswert dabei: Diese Einschätzung teilen Menschen aller politischen Lager und Regionen, einen nennenswerten Ost-West-Unterschied gibt es nicht.
Die Spannungen zwischen dem Westen und Russland werden mittlerweile als zweitgrößte Bedrohung der persönlichen Sicherheit eingestuft – direkt nach der Inflation. Besonders die Sorge vor Angriffen auf die kritische Infrastruktur in Deutschland ist deutlich gewachsen.
Vertrauensverlust bei den USA, aber NATO bleibt wichtig
Während die Bedrohung durch Russland als real wahrgenommen wird, hat das Vertrauen in die USA als Bündnispartner massiv gelitten. Nur noch 37 Prozent sehen die USA als verlässlichen Partner – ein dramatischer Rückgang um 28 Prozentpunkte im Vergleich zu 2024. 43 Prozent betrachten die US-Außenpolitik sogar als Gefahr für den NATO-Zusammenhalt.
Trotz dieses Vertrauensverlusts hält die Mehrheit der Deutschen an der transatlantischen Bindung fest: 58 Prozent sprechen sich weiterhin für eine Einbindung der USA in die europäische Verteidigung aus. Dies zeigt eine pragmatische Haltung – das Bewusstsein für die militärische Bedeutung der USA bei gleichzeitiger Skepsis gegenüber der aktuellen US-Politik.
Massive Unterstützung für die Bundeswehr
Die veränderte Bedrohungslage spiegelt sich in einer historisch hohen Zustimmung zur Stärkung der Bundeswehr wider:
- 64 Prozent befürworten höhere Verteidigungsausgaben (+7 Prozentpunkte)
- 65 Prozent unterstützen einen personellen Aufwuchs der Streitkräfte (+7 Prozentpunkte)
- 53 Prozent halten die Wiedereinführung eines Wehrdienstes für notwendig (+6 Prozentpunkte)
Diese Zustimmungswerte sind die höchsten seit Beginn der Messungen. Selbst bei jungen Menschen zwischen 16 und 29 Jahren wächst die Akzeptanz für einen neuen Wehrdienst.
Deutschland in der Führungsrolle
Besonders bemerkenswert ist der gestiegene Zuspruch für eine deutsche Führungsrolle in der Verteidigung:
- 40 Prozent befürworten eine militärische Führungsrolle Deutschlands in der NATO (+6 Prozentpunkte)
- 44 Prozent unterstützen eine deutsche Führungsrolle in der EU-Verteidigung (+7 Prozentpunkte)
- 57 Prozent sprechen sich für eine gemeinsame europäische Armee aus (+10 Prozentpunkte)
Hohe Verteidigungsbereitschaft der Bevölkerung
Die Studie zeigt auch eine bemerkenswerte persönliche Verteidigungsbereitschaft: 54 Prozent der Männer unter 50 Jahren erklären sich bereit, Deutschland im Verteidigungsfall mit der Waffe zu verteidigen. Bei den Frauen sind es 21 Prozent. Dies entspricht in absoluten Zahlen mehr als fünf Millionen Männern und über zwei Millionen Frauen im wehrfähigen Alter.
Ukraine-Unterstützung bleibt stabil
Die militärische Unterstützung für die Ukraine findet weiterhin breite Zustimmung, insbesondere die Ausbildung ukrainischer Soldaten in Deutschland (62 Prozent). Gleichzeitig bestehen aber auch Sorgen: 41 Prozent befürchten eine Ausweitung des Krieges durch deutsche Waffenlieferungen.
Bundeswehr genießt hohes Vertrauen
Ungeachtet aller sicherheitspolitischen Herausforderungen bleibt das Vertrauen in die Bundeswehr auf hohem Niveau: 84 Prozent vertrauen den Streitkräften, 83 Prozent haben eine positive Einstellung zur Bundeswehr. Damit rangiert die Bundeswehr direkt hinter der Polizei auf Platz zwei der vertrauenswürdigsten Institutionen.
Fazit: „Zeitenwende“ in den Köpfen angekommen
Die Studienergebnisse belegen eindrucksvoll: Die von der Politik ausgerufene „Zeitenwende“ in der deutschen Sicherheitspolitik ist in der Bevölkerung längst angekommen. Die Deutschen sehen sich nicht mehr nur als „Friedensmacht“, sondern zunehmend als Land, das Verantwortung für die europäische Sicherheit übernehmen muss – und auch will.
Studienleiter Dr. Timo Graf fasst zusammen: „Die Mehrheit der Bürger ist bereit für eine aktivere deutsche Rolle in der Verteidigung. Sie fordern nicht nur eine Stärkung der Bundeswehr, sondern sind auch persönlich bereit, sich zu engagieren.“
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Die Studie zum nachlesen:
Die jährliche ZMSBw-Bevölkerungsbefragung gilt als die längste und umfangreichste Zeitreihe sicherheitspolitischer Umfragen in Deutschland. Für die aktuelle Studie wurden vom 11. April bis 17. Mai 2025 insgesamt 2.049 repräsentativ ausgewählte Bürger ab 16 Jahren befragt.
