Seit 1995 verzahnen Deutschland und die Niederlande ihre Landstreitkräfte schrittweise. Das Deutsche Heer hat einen Überblick über den aktuellen Stand der Kooperation veröffentlicht. Er reicht von integrierten Brigaden über gemeinsame Rüstungsprojekte bis zur Führungsverantwortung des 1. Deutsch-Niederländischen Korps in Estland und Lettland.
Steuerung über die „Army Vision 2022“
Grundlage der Zusammenarbeit ist die „Army Vision 2022“. Der damalige Inspekteur des Heeres und der niederländische Befehlshaber der Landstreitkräfte, der Commandant Landstrijdkrachten, haben das Dokument 2022 unterzeichnet. Beide Seiten vereinbarten darin, gemeinsame, einsatzbereite und untereinander austauschbare Landeinheiten aufzubauen, die zu Gefechtsoperationen befähigt sind. Weitere Schwerpunkte sind die personelle und materielle Einsatzbereitschaft, der Aufwuchs von Fähigkeiten sowie die Abstimmung nationaler Beschaffungsprozesse. Das Dokument ist ausdrücklich auf Kriegstüchtigkeit ausgerichtet, im NATO-Sprachgebrauch als Warfighting bezeichnet.
Das zentrale Gremium für Abstimmung und Weiterentwicklung ist das deutsch-niederländische Griffin-Seminar, kurz Grisem. Es findet seit 2019 regelmäßig statt. Die nächste Ausgabe ist für Ende Oktober 2026 angesetzt.
Niederländische Brigaden in deutschen Divisionen
Die Verzahnung reicht bis auf Brigade- und Bataillonsebene. 2016 wurde das neu aufgestellte Panzerbataillon 414 aus Lohheide der niederländischen 43. Mechanisierten Brigade in Darp unterstellt. Beide Verbände sind in die deutsche 1. Panzerdivision eingegliedert. Seit 2022 führt mit Oberstleutnant Bas Schillemans ein niederländischer Offizier das Bataillon. 2023 folgte die Integration der niederländischen 13. Leichten Brigade in die 10. Panzerdivision. Beide Verbände bereiteten sich anschließend darauf vor, der NATO als kurzfristig verfügbare „Division 2025“ zur Verfügung zu stehen.
Korpsverantwortung an der NATO-Ostflanke
Das 1. Deutsch-Niederländische Korps ist in den regionalen Verteidigungsplänen der NATO als Warfighting Corps für die Führung von Landoperationen vorgesehen. Bei einer Zeremonie im estnisch-lettischen Grenzort Valga/Valka übernahm das in Münster stationierte Korps am 30. Juni 2026 vom Multinational Corps Northeast die taktische Führungsverantwortung für Landoperationen in Estland und Lettland; die neue Regelung gilt seit dem 1. Juli 2026. Das Hauptquartier bleibt in Münster, soll aber für Übungen, Planungs- und Führungsaufgaben häufiger in beide Länder verlegen. Nach Angaben des Heeres wird derzeit zusätzlich ein Verbindungselement mit 16 Stabsoffizieren aufgebaut.
Personalaustausch und Ausbildung
In beiden Heeren sind inzwischen Austauschoffiziere eingesetzt. Deutsche Offiziere dienen in niederländischen Brigaden und im Kommandostab der niederländischen Landstreitkräfte, niederländische Offiziere im Kommando Heer, in deutschen Divisionen und im Amt für Heeresentwicklung. Das niederländische Heer stellt zudem den Stellvertretenden Kommandeur Feldheer sowie stellvertretende Divisionskommandeure. Niederländische Offiziere nehmen am Generalstabslehrgang in Hamburg teil, deutsche Offiziere an der Stabsausbildung des Instituut Defensie Leergangen, das mit der Führungsakademie der Bundeswehr vergleichbar ist. Die Ausbildungen auf Generalstabsebene werden gegenseitig anerkannt.
Gemeinsame Beschaffung
Durch gemeinsame Rüstungsprojekte wollen beide Heere auch technisch enger zusammenwachsen. Leitlinie ist, dass ein System, das den Anforderungen eines Partners genügt, auch für den anderen geeignet ist. Als Beispiele nennt das Heer den Radschützenpanzer Schakal für die Panzergrenadiere der Mittleren Kräfte und das Luftlandefahrzeug Caracal.
Im Oktober 2025 beauftragte die europäische Rüstungsorganisation OCCAR die Artec GmbH, ein Gemeinschaftsunternehmen von Rheinmetall und KNDS Deutschland, mit der Lieferung von 222 Schakal, davon 150 für die Bundeswehr und 72 für die niederländischen Streitkräfte. Durch die Auslösung einer Vertragsoption über 69 weitere Fahrzeuge erhöhte sich die Zahl auf 185 für Deutschland und 106 für die Niederlande, zusammen also 291 Systeme. Das Fahrzeug verbindet das 8×8-Fahrmodul des Boxer mit dem unbemannten RCT-30-Turm des Schützenpanzers Puma. Die ersten Serienfahrzeuge sollen ab Ende 2027 ausgeliefert werden.
Für den Caracal schlossen beide Länder 2023 mit Rheinmetall einen mehrjährigen Rahmenvertrag über bis zu 3.058 Fahrzeuge, davon bis zu 2.054 für Deutschland und 1.004 für die Niederlande; als erste Festbestellung wurden 1.508 Fahrzeuge abgerufen. Das Fahrzeug basiert auf dem militärischen Fahrgestell der G-Klasse-Baureihe 464 von Mercedes-Benz.
Neue Fähigkeiten und weitere Vorhaben
Als Grund für die verstärkte Zusammenarbeit nennt das Heer die sicherheitspolitische Lage, insbesondere den Krieg in der Ukraine. Beide Heere sollen aus dem Stand einsatzbereit sein. Gemeinsam mit weiteren NATO-Partnern führen Deutschland und die Niederlande dazu Anwendungen der Künstlichen Intelligenz, unbemannte Systeme und Cyberfähigkeiten ein, um Entscheidungsfindung und Zielgenauigkeit zu verbessern.
Darüber hinaus sollen Übungen ausgeweitet und harmonisiert sowie Ausbildung und Beschaffung an den Fähigkeitszielen der NATO ausgerichtet werden. Die binationalen Logistiknetzwerke werden weiterentwickelt und aufeinander abgestimmt. Die Heereskommandos stimmen sich dazu mit beiden Verteidigungsministerien und den übrigen Teilstreitkräften in den Bereichen Logistik, Sanitätswesen, Rüstung und Cyberabwehr ab.
