Als Ersatz für die veralteten 120-mm-Mörsersysteme auf Basis M113 und leichter Lkw Wolf erhält die Bundeswehr bis zu 130 Panzermörser des Typs NEMO vom finnischen Hersteller Patria. Der folgende Beitrag bietet einen detaillierten Überblick über das als „Zukünftiges System des Indirekten Feuers kurze Reichweite“ bezeichnete Beschaffungsvorhaben sowie die Technik des zukünftigen Mörsersystems der Bundeswehr.
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Beschaffungsvorhaben
Im Rahmen des Beschaffungsvorhabens „Zukünftiges System des Indirekten Feuers kurze Reichweite“ erhält die Bundeswehr neue schwere Mörsersysteme vom Typ NEw MOrtar, kurz NEMO, sowie neue Feuerleitfahrzeuge. Beide Systeme werden auf Basis des finnischen Radpanzers Patria 6×6 realisiert, welcher über das multinationale Common Armoured Vehicle System (CAVS) Programm beschafft wird. Der Patria 6×6 ist darüber hinaus als „Transportpanzer Neue Generation“ als Nachfolgesystem für die veralteten TPz Fuchs vorgesehen. Der Bedarf der Bundeswehr bis nach 2035 liegt bei bis zu 4.000 Patria 6×6 in verschiedenen Varianten.
Das Mörsersystem NEMO soll die bisherigen 120-Millimeter-Mörser und ihre Trägerfahrzeuge M113 und leichter Lkw Wolf, deren Nutzungsdauer überschritten ist und deren Schutz- und Führungsfähigkeit nicht mehr den Anforderungen moderner Gefechtsfelder entspricht, ersetzen. In diesem Zuge soll eine zeitgemäße Fähigkeit des indirekten Feuers kurzer Reichweite für die unmittelbare Feuerunterstützung der infanteristischen Kräfte – konkret der Jägerbataillone und der Panzergrenadierbataillone (Rad) – aufgebaut werden. Vorgesehen ist, diese Fähigkeit in den schweren Kompanien dieser Bataillone zu konzentrieren, wo – analog zu heute – jeweils ein Mörserzug mit acht 120-Millimeter-Systemen vorhanden ist.

Fähigkeitsgewinn
Mit der Einführung des NEMO-Systems adressiert die Bundeswehr mehrere Fähigkeitslücken gleichzeitig. Zum einen wird die Mobilität der Mörserzüge deutlich erhöht, da der Patria 6×6 als geländegängiger, strategisch verlegbarer Radpanzer konzipiert ist. Zum anderen steigt der Schutz der Besatzung signifikant: Statt offener Lukenmörser mit ungeschütztem Bedienerpersonal kommt ein geschützter Turm mit ballistischem, Splitter- und ABC-Schutz zum Einsatz, der zudem die Auswirkungen des Mündungsfeuerdrucks im Innenraum mindert. Darüber hinaus wird die Vernetzung der Mörserzüge durch die Integration in das Führungs- und Waffeneinsatzsystem ADLER und in das Vorhaben „Digitalisierung landbasierter Operationen“, kurz D-LBO, erheblich verbessert. Diese Einbindung in digitale Sensor-to-Shooter-Ketten ermöglicht es, aufgeklärte Ziele schnell zu bekämpfen, meteorologische Daten einzubeziehen und Feueraufträge über taktische Datennetze in nationale wie multinationale Führungsstrukturen einzubetten. Ein weiterer Vorteil liegt in der Reaktionsgeschwindigkeit und Feuerüberlegenheit: Das NEMO-System verfügt über MRSI- und MTSI-Fähigkeiten – also die Möglichkeit, mehrere Schüsse gleichzeitig auf ein oder mehrere Ziele abzugeben – sowie der Fähigkeit „Feuern aus der Bewegung“.
Finanzierung und Zeitplan
Finanziell und industriell ist das Vorhaben breit aufgestellt. Am 29. Januar 2025 hat der Haushaltsausschuss des Bundestages rund 51 Millionen Euro für zwei Prototypen des schweren Mörserträgers und einen Prototyp des Feuerleitfahrzeugs freigegeben; diese Mittel stammen aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Zwei Tage später, am 31. Januar 2025, unterzeichnete das BAAINBw – das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr – den Entwicklungsvertrag mit Patria, der die Entwicklung, den Bau und die Qualifikation der Prototypen nach deutschen Anforderungen umfasst. Inhaltlich geht es dabei unter anderem um die Integration des Führungs- und Waffeneinsatzsystems ADLER, die Vorbereitung auf D-LBO einschließlich IT- und Funk-Infrastruktur, die Integration der deutschen Sekundärbewaffnung – MG5 und Nebelmittelwurfanlage – sowie um die Verbesserung der Nachtkampffähigkeit. Hinzu kommen Anpassungen zur Straßenzulassung nach StVZO, zur elektromagnetischen Verträglichkeit (EMV), zur Erarbeitung eines Beladungskonzeptes und zur Erstellung der erforderlichen logistischen Dokumentation. Der erste Mörserträger wurde bereits wenige Monate nach Vertragsschluss geliefert, der zweite Mörserträger und das Führungsfahrzeug sollen Mitte 2026 folgen. Der Abschluss der Qualifikation und Serienreifemachung ist für Ende 2027 geplant.
Mit Blick auf die Serienbeschaffung hat der Haushaltsausschuss am 17. Dezember 2025 der Beschaffung der Serienfahrzeuge im Rahmen des Vorhabens „Zukünftiges System Indirektes Feuer kurze Reichweite“ zugestimmt. Einen Tag später, am 18. Dezember 2025, schloss das BAAINBw einen Rahmenvertrag mit Patria über bis zu 130 schwere Mörserträger und 450 Feuerleitfahrzeuge mit einem Gesamtvolumen von etwa 1,1 Milliarden Euro. Fest beauftragt sind zunächst 69 Mörserträger und 52 Feuerleitfahrzeuge im Wert von rund 300 Millionen Euro, finanziert aus dem Sondervermögen Bundeswehr und dem regulären Verteidigungshaushalt. Für den Abruf der restlichen im Rahmenvertrag vorgesehenen 61 Mörsersysteme und 398 Feuerleitfahrzeuge wären dementsprechend etwa weitere 800 Millionen Euro erforderlich. Angenommen der Gesamtbedarf der Bundeswehr entspricht den im Rahmenvertrag vorgesehenen maximalen Stückzahlen, dürfte die Truppe insgesamt 130 Mörserträger und 450 Feuerleitfahrzeuge für eine Vollausstattung in diesen Bereichen benötigen. Die Serienproduktion soll bereits ab 2027 anlaufen, parallel zum Abschluss der Qualifikation. Der eigentliche Serienzulauf von Mörsersystemen und Feuerleitfahrzeugen in die Truppe ist ab 2028 vorgesehen.

Industrielle Beteiligung
Industrieseitig fungiert Patria als Hauptauftragnehmer und Hauptsystemlieferant für die Entwicklung und Fertigung der Mörserträger und Feuerleitfahrzeuge. Auf deutscher Seite sind mit der Flensburger Fahrzeugbau Gesellschaft, Jungenthal Wehrtechnik (JWT) und Defence Service Logistics – einer KNDS-Tochter – mehrere Unternehmen eingebunden, die für den Aufbau der Produktion in Deutschland und für die langfristige logistische Betreuung verantwortlich sind. Die ESG Elektroniksystem- und Logistik-GmbH – eine HENSOLDT-Tochter – übernimmt die Integration von IT-, Führungs- und Kommunikationssystemen wie ADLER und D-LBO sowie die EMV-Absicherung. Damit entsteht eine klare Arbeitsteilung zwischen ausländischem Hauptsystemlieferanten und deutscher Industrie, die sowohl die Souveränität bei Betrieb und Instandhaltung als auch die Verfügbarkeit über die geplante Nutzungsdauer hinweg absichern soll.
Technische Daten
NEMO-Turmmörser
Im Kern handelt es sich bei NEMO um ein fernbedienbares 120-Millimeter-Turmmörsersystem für indirektes und direktes Feuer, das sowohl auf Land- als auch auf Seeplattformen integriert werden kann. Das System besteht aus der Hauptwaffe, dem Ladesystem, dem Turm, einem Feuerleitrechner und einem Munitionslager. Der Turm bringt etwa 1.900 Kilogramm auf die Waage, verfügt über einen 360-Grad-Schwenkbereich und einen Höhenrichtbereich von minus 3 bis plus 85 Grad. Gesteuert wird er über ein elektrisches Richtsystem mit manueller Notbedienung. Die Besatzung des Systems besteht aus drei Soldaten: Fahrer, Kommandant beziehungsweise Richtschütze sowie Ladeschütze beziehungsweise Munitionsschütze. An Bord stehen plattformabhängig in der Regel 50 bis 60 Schuss 120-Millimeter-Mörsermunition zur Verfügung. Das Rohr ist als 120-Millimeter-Glattrohr ausgeführt, mit einer Rohrlänge von 3.000 Millimetern. Geladen wird über ein automatisches Ladesystem mit manueller Notfallfunktion mit Hinterladerkonzept, bei dem die Munition von hinten in das Rohr eingebracht wird und eine halb- beziehungsweise vollautomatische Ladeschiene zum Einsatz kommt. Das Rückstoßsystem ist hydropneumatisch ausgelegt, also eine Kombination aus hydraulischer und gasbasierter Dämpfung, um die Rückstoßkräfte auf Fahrzeug und Besatzung zu reduzieren.

Als Sekundärbewaffnung kann eine fernbedienbare Waffenstation integriert werden. Für die deutsche Variante sind ein MG5 als Maschinengewehr und eine Nebelmittelwurfanlage vorgesehen, sehr wahrscheinlich das ROSY-System, mit dem sich kurzfristig Nebelwände zur Eigenverschleierung verschießen lassen. Die Zeit bis zur Feuerbereitschaft liegt bei unter 25 Sekunden bis zum ersten Schuss, was die Reaktionsfähigkeit im Gefecht deutlich erhöht. Das System ist unmittelbar absetzfähig, kann also nach einem Feuerauftrag praktisch ohne Verzögerung die Stellung wechseln und ist zudem für Feuern in der Bewegung ausgelegt – im internationalen Sprachgebrauch Fire-on-the-Move. Die maximale Feuergeschwindigkeit liegt bei rund zehn Schuss pro Minute, die Dauerfeuerrate bei sechs Schuss pro Minute. Bis zu fünf Schuss können so abgegeben werden, dass sie gleichzeitig im Ziel eintreffen – diese Fähigkeit nennt sich Multiple Rounds Simultaneous Impact (MRSI). Ergänzend erlaubt die MTSI-Fähigkeit, das steht für Multiple Targets Simultaneous Impact, die nahezu gleichzeitige Bekämpfung von bis zu fünf unterschiedlichen Zielen, auch während sich das Fahrzeug in Bewegung befindet. Schussmuster wie Kreis, Rechteck oder Linie im Zielgebiet lassen sich programmieren, was taktische Anpassungen an Gelände und Zielstrukturen ermöglicht. Die Reichweite liegt munitionstypabhängig bei über zehn Kilometern.
In Bezug auf die Munition ist NEMO kompatibel mit allen gängigen 120-Millimeter-Glattrohr-Mörsermunitionstypen, einschließlich smarter beziehungsweise lenkbarer Munition. Der Hinterladerbetrieb erfolgt über eine spezielle „Stub Case“, einen Hülsenstummel, mit dem die Granaten für das automatische Ladesystem angepasst werden.
Das Schutzkonzept besteht aus einer modularen ballistischen Panzerung gegen Infanteriewaffen, Splitter und IED-Bedrohungen – also improvisierte Sprengkörper. Hinzu kommen ein ABC-Schutzsystem, also Schutz vor atomaren, biologischen und chemischen Waffen, sowie Maßnahmen, die den Mündungsfeuerdruck im Innenraum reduzieren. Die Turmkonfiguration bietet gegenüber klassischen Lukenmörsern den Vorteil des vollständig geschützten Besatzungsraums und erlaubt zudem das Richten in niedrigen Winkelgruppen und Direktfeuer zur Selbstverteidigung.
Trägerplattform Patria 6×6
Die Trägerplattform Patria 6×6 beziehungsweise CAVS 6×6 ist eine Weiterentwicklung des dreiachsigen Radpanzers Patria XA. Das Fahrzeug verfügt über eine verbesserte Einzelradaufhängung und einen 442 PS starken Scania-Motor, kombiniert mit einem 7-Gang-Automatikgetriebe von ZF. Das maximale Fahrzeuggewicht liegt bei 24 Tonnen, für die schwimmfähige Variante bei etwa 21 Tonnen. In dieser Konfiguration wird das Schutzniveau STANAG 4569 Level 2 erreicht – ein internationaler Standard, der beschreibt, gegen welche Bedrohungen ein Fahrzeug geschützt ist – wobei bei Bedarf eine Erhöhung auf Level 4 möglich ist, allerdings mit entsprechenden Einschränkungen etwa hinsichtlich Mobilität oder Schwimmfähigkeit. Die Nutzlast beträgt rund 8,5 Tonnen, was den Einbau unterschiedlicher Missionsmodule ermöglicht. Neben den Varianten „Schwerer Mörserträger“ und „Feuerleitfahrzeug“ sind bereits weitere Varianten wie „Pioniergruppe“ und „Panzeraufklärungsgruppe“ bestellt. Künftig sollen noch viele weitere hinzukommen.

Anpassungen für die Bundeswehr
Für die Bundeswehr werden darüber hinaus eine Reihe von Anpassungen umgesetzt. Im Bereich der Führungs- und Kommunikationssysteme umfasst dies die Integration von ADLER als Führungs- und Waffeneinsatzsystem sowie die Vorbereitung auf D-LBO mit entsprechender IT- und Funk-Infrastruktur. Bewaffnungsseitig wird ein lafettiertes MG5 auf einer Waffenstation integriert und eine Nebelmittelwurfanlage – voraussichtlich ROSY – verbaut. Zusätzlich erhält das System eine ausgeprägte Nachtkampffähigkeit durch Nachtsicht- und/oder Wärmebildsensorik, geeignete Beleuchtung und angepasste Bedienkonsolen. Für die Straßenzulassung nach StVZO sind Anpassungen an Fahrdynamik, Beleuchtung, Bremsen und Abmessungen erforderlich. Die EMV-Absicherung des Gesamtsystems stellt sicher, dass die Vielzahl elektronischer Komponenten sich nicht gegenseitig stören und gegen äußere elektromagnetische Einwirkungen geschützt sind. Ein spezifisches Beladungskonzept regelt die Verstauung von Munition, Ersatzteilen, persönlicher Ausrüstung und Zusatzgeräten, während die logistische Dokumentation für Instandhaltung, Ersatzteilkataloge und Wartungsvorschriften die Basis für den späteren Betrieb bildet.
Fazit
Im Ergebnis lässt sich festhalten, dass die Einführung des NEMO-Mörsersystems einen deutlichen Fähigkeitsgewinn für die Bundeswehr darstellt. Veraltete Mörser und Trägerfahrzeuge werden durch ein modernes, geschütztes und hochmobiles System ersetzt, das Feuerkraft, Reichweite und Reaktionsfähigkeit signifikant steigert. Die Kombination aus hoher Feuergeschwindigkeit von bis zu zehn Schuss pro Minute, Reichweiten von über zehn Kilometern, MRSI- und MTSI-Fähigkeiten sowie der Möglichkeit, aus der Bewegung heraus zu wirken, liefert der Infanterie eine sehr leistungsfähige indirekte Feuerunterstützung. Der Vollschutz der Besatzung im Turm – inklusive ABC-Schutz und modularer Panzerung – verbessert die Überlebensfähigkeit im Gefecht deutlich gegenüber offenen Lukenmörsern. Zusammen mit der engen Vernetzung über ADLER und D-LBO sowie der Nutzung der CAVS-Plattform als einheitliche Basis für verschiedene Varianten ergeben sich zudem Synergien im Bereich der Logistik und Ausbildung.
Gleichzeitig bleiben kritische Punkte. Turmmörser sind konstruktiv komplexer und damit in Beschaffung und Unterhalt teurer als klassische Lukenmörser. Hinzu kommen Zeitplanrisiken: Bereits das übergeordnete CAVS-Projekt wurde durch Reifegradanalysen, politischen Druck und Vergleiche mit Alternativplattformen wie Fuchs Evolution und Pandur Evolution verzögert. Angesichts dessen, dass die Qualifikationsphase erst Ende 2027 abgeschlossen sein soll und die Auslieferung der Serienfahrzeuge ab 2028 beginnen soll, muss die Truppe noch mindestens zwei Jahre mit ihren veralteten Mörsersystemen vorlieb nehmen. Andere Vorhaben wie der Schwere Waffenträger Infanterie oder IRIS-T SLM zeigen, dass es nicht unwahrscheinlich ist, dass dieser Zeitplan aufgrund von nicht enden wollenden Tests und Anpassungswünschen nicht eingehalten werden kann.
Ein weiterer diskussionswürdiger Aspekt betrifft die Verteilung der neuen Steilfeuerkomponente auf die Truppengattungen. Vorgesehen ist bislang die Ausstattung der Jäger- und der mit Radschützenpanzern ausgestatteten Panzergrenadierbataillone; die Panzergrenadierbataillone mit SPz Puma sowie die Panzerbataillone bleiben im aktuellen Planungsstand ohne eigene 120-Millimeter-Mörserkomponente. Dabei ließe sich argumentieren, dass gerade für mechanisierte Kräfte eine organische Steilfeuerfähigkeit sinnvoll wäre, um unmittelbare Feuerunterstützung aus der eigenen Truppengattung heraus sicherzustellen. Die dahinterstehende Intention ist, die weitreichenden Wirkmittel der Artillerie von der direkten Feuerunterstützung zu entlasten und stattdessen vermehrt für die Bekämpfung von RAM-Bedrohungen – also Raketen, Artillerie und Mörser – bereits an deren Aufkommensort einzusetzen, um Luftverteidigungssysteme vor Übersättigung zu bewahren.
Abschließend lässt sich festhalten, dass das NEMO-System einen deutlichen Fähigkeitsgewinn für die Truppe bedeutet. Bleibt zu hoffen, dass das System auch in den erforderlichen Stückzahlen und vor allem im geplanten Zeitplan zuläuft. Gerade beim letzten Punkt bestehen berechtigte Zweifel.
