Kampfpanzer der Zukunft

Über 20 Millionen Euro, elf Nationen und 51 Unternehmen – das ist das Aufgebot hinter MARTE, dem Projekt für einen gemeinsamen europäischen Kampfpanzer der nächsten Generation. Unter deutscher Führung soll bis Anfang der 2030er Jahre ein souveränes Gesamtsystem entstehen, das aktuellen wie künftigen Bedrohungen gewachsen ist. Das Vorhaben steht jedoch unter doppeltem Druck: Aus demselben EU-Fördertopf wird zugleich ein konkurrierendes, französisch dominiertes Projekt finanziert, und über allem schwebt die ungeklärte Zukunft des deutsch-französischen Großvorhabens MGCS. Der folgende Beitrag ordnet ein, was hinter MARTE steckt, welche technischen Anforderungen der künftige Kampfpanzer erfüllen soll und wie belastbar das Projekt angesichts gleich mehrerer fehlender Schlüsselnationen tatsächlich ist.
MBT Vision 2032 | Foto: Sicherheit & Verteidigung / Moritz Riffel

Kaum ein Waffensystem wurde so oft totgesagt wie der Kampfpanzer, und kaum eines hat sich so beharrlich behauptet. Nun steht er erneut auf dem Prüfstand, diesmal jedoch unter Bedingungen, die sich von allen früheren Debatten grundlegend unterscheiden.

Tausende zerstörte Kampfpanzer auf beiden Seiten, zerlegt von Drohnen für wenige Hundert Euro: Die Bilder aus dem Ukraine-Krieg haben eine alte Debatte neu entfacht, nämlich die Frage, ob der Kampfpanzer endgültig obsolet ist. Die kurze Antwort lautet nein. Er muss sich jedoch den Bedingungen des modernen Gefechtsfeldes anpassen, und zwar so grundlegend wie nie zuvor in seiner über hundertjährigen Geschichte. Dieser Beitrag geht deshalb der Frage nach, wie der Kampfpanzer der Zukunft aussieht: wie er sich schützt, womit er kämpft, wie er sich bewegt, was Sensorik und Vernetzung verändern und warum er künftig kaum noch allein ins Gefecht fahren wird.

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Schutz

Am gründlichsten hat der Ukraine-Krieg die Anforderungen im Bereich Schutz verschoben. Jahrzehntelang saß die stärkste Panzerung vorne; der Leopard 2 etwa war gegen Panzerabwehrwaffen bisher vor allem frontal geschützt. Spätestens seit 2022 besteht dagegen ein 360-Grad-Bedarf, denn auf dem gläsernen Gefechtsfeld werden gezielt die Schwachstellen angegriffen: Seiten, Dach und Heck. Haupttreiber dieser Entwicklung ist die FPV-Drohne, eine ferngesteuerte Drohne, die der Pilot per Videobrille ins Ziel lenkt. Ihre Gefährlichkeit beruht nicht auf ihrer Durchschlagskraft, sondern auf ihrer Lenkbarkeit. Der verbreitete Gefechtskopf PG-7V durchschlägt rund 250 Millimeter Panzerstahl und würde die Frontpanzerung moderner Kampfpanzer nicht durchdringen. Der Pilot steuert deshalb gezielt Heck, Laufwerk oder offene Luken an, und häufig sind viele Treffer erforderlich: Beobachter nennen bis zu zehn FPV-Drohnen je Panzer, bei zwei besonders geschützten Schildkrötenpanzern waren es mehr als 60. Darüber hinaus bestehen altbekannte Bedrohungen wie Lenkflugkörper, Minen und Artillerie fort.

Die wichtigste Antwort auf dieses Bedrohungsumfeld sind abstandsaktive Schutzsysteme, sogenannte Hardkill-Systeme, die das anfliegende Geschoss zerstören, bevor es das Fahrzeug erreicht. Mit dem Leopard 2 A7A1 und dem israelischen Trophy-System hat die Bundeswehr diese Technik erstmals eingeführt; mit den 123 bestellten A8 gelangt sie bis 2030 in großer Stückzahl in die Truppe. Der Hersteller nennt eine Abfangquote von weit über 90 Prozent, unabhängig belegt ist dieser Wert jedoch nicht. Die Schwäche solcher Systeme liegt derzeit vor allem im begrenzten Munitionsvorrat. Trophy führt in der Regel Ladungen für vier Abfangvorgänge mit, das russische System Arena-M für zwölf; im kommenden Jahr soll dieser Wert auf 36 erhöht werden. Zugleich wird das Schutzsystem selbst zum Sensor: Trophy meldet den Abschussort an das Führungssystem und fängt inzwischen auch Drohnen ab, worauf weiter unten noch eingegangen wird. Die nächste Forderung reicht noch weiter, nämlich die Abwehr von Wuchtgeschossen, also der pfeilförmigen Hartkernmunition gegnerischer Kampfpanzer. Nach eigenen Angaben hat Elbit mit Iron Fist im September 2025 mehr als ein Dutzend 120-Millimeter-Wuchtgeschosse abgefangen. Der Pfeil wird dabei nicht zerstört, sondern ins Taumeln gebracht und so vom Fahrzeug abgelenkt.

Ergänzt werden die Hardkill-Systeme durch Softkill-Systeme, die Angriffe stören statt zerstören. Ein Beispiel ist das rein passive, unter 60 Kilogramm leichte MUSS 2.0, das Lenkflugkörper erkennt und per Laser ablenkt. Mit ODAEON entsteht zudem ein System, das gegnerische Optiken und Drohnenkameras über deren Rückstrahlung aufspürt, den sogenannten Katzenaugeneffekt; laut hartpunkt handelt es sich um eine weltweit einmalige Fähigkeit. Den größten Hebel beim passiven Schutz bietet derweil der Fahrzeugaufbau: Sitzt die Besatzung in einer Schutzkapsel in der Wanne, muss nur noch diese Zelle maximal gepanzert werden, während der unbemannte Turm mit weniger Panzerstahl auskommt. Außerdem wird die Munition strikt von der Besatzung getrennt; fehlende Munitionsbunker gelten vielen Experten als Hauptursache für die Totalverluste russischer Panzer.

Die improvisierten Käfige und Netze aus der Ukraine zeigen durchaus Wirkung. Ein ukrainischer Leopard 1A5 soll neun FPV-Treffer überstanden haben. Sie schränken jedoch Sicht und Turmbeweglichkeit ein und würden ein aktives Schutzsystem behindern. Ein US-General zieht daraus die Lehre, dass Schutz von innen heraus aufgebaut statt aufgesetzt werden muss. Zudem gilt der Grundsatz des Heeres, dass Sichtbarkeit zur Verwundbarkeit wird. Zum Schutzkonzept gehören deshalb auch multispektrale Tarnsätze und bewusst leise Technik, etwa der Silent Mode des Trophy-Systems, der das Radar erst bei Beschuss zuschaltet.

Feuerkraft

Bei der Feuerkraft zeigt sich der auffälligste Trend: Das Kaliber wächst. Die Begründung liefert das Beschaffungsamt BAAINBw. Um gegen immer besser geschützte Gegner duellfähig zu bleiben, sind eine höhere Anfangsgeschwindigkeit und ein schwereres Geschoss erforderlich, und beides lässt sich nur über ein größeres Kaliber erreichen. Deutschland setzt auf 130 Millimeter: Rheinmetall verspricht bei acht Prozent mehr Kaliber rund 50 Prozent mehr kinetische Energie, die zugehörige Munitionsfamilie lässt das BAAINBw bereits entwickeln. Frankreich geht mit seiner ASCALON-Kanone auf bis zu 140 Millimeter, Südkorea plant für den K3 ebenfalls 130 Millimeter, die USA bleiben beim M1E3 vorerst bei 120 Millimetern. Ein größeres Kaliber ist dabei nicht automatisch besser. Russland rüstete den T-14 trotz verfügbarer 152-Millimeter-Kanone bewusst mit 125 Millimetern aus, mit Rücksicht auf Gewicht und Munitionsvorrat. Genau darin liegt der Preis: Während ein Leopard 2 je nach Variante 37 bis 42 Schuss mitführt, kommen die 130-Millimeter-Entwürfe nur noch auf 20 bis 30.

Parallel verändert sich die Munition. Deutschland und Großbritannien qualifizieren gemeinsam die nächste Generation der Wuchtmunition. Rheinmetall nennt rund 20 Prozent mehr Leistung, die Serienreife hat sich allerdings von 2026 auf frühestens 2028 verschoben. Wichtiger werden zudem programmierbare Mehrzweckpatronen wie die DM11, die beim Aufschlag, verzögert oder in der Luft zünden und damit mehrere Munitionssorten ersetzen. Der Grund dafür ist, dass sich die Ziele verschieben. Ukrainische Brigaden berichteten bereits 2023, russische Kampfpanzer würden kaum noch zum Durchbruch, sondern zur direkten Feuerunterstützung eingesetzt; Panzerduelle waren kaum zu beobachten. Gleichzeitig wächst die Reichweite über die Sichtlinie hinaus. MBDA präsentierte 2025 einen Flugkörper, der aus der 120-Millimeter-Kanone verschossen wird und Ziele in ein bis fünf Kilometern Entfernung ohne Sichtlinie bekämpfen kann. Neue Entwürfe tragen zudem Werfer für Lenkflugkörper und Loitering Munition. Eingeführt ist davon jedoch noch nichts.

Die neue Kanone zieht allerdings zwei Konsequenzen nahezu zwangsläufig nach sich. Die erste ist der Ladeautomat. Eine 120-Millimeter-Patrone wiegt mehr als 20 Kilogramm, gute Ladeschützen laden laut Bundeswehr alle acht Sekunden nach. Bei noch schwererer Munition ist der Lader nach Einschätzung des früheren KNDS-Chefs Ketzel unabdingbar, und das EU-Projekt MARTE verlangt ihn ausdrücklich. Bei russischen Panzern, dem Leclerc oder dem K2 ist er ohnehin längst Standard. Die zweite Konsequenz ist die fernbediente Waffenstation. Das klassische Flugabwehr-MG wird den Anforderungen des Drohnenzeitalters laut BAAINBw nicht im Ansatz gerecht. Die neuen Entwürfe tragen deshalb Maschinenkanonen mit einem Kaliber von bis zu 30 Millimetern, deren Zerlegemunition Drohnen laut KNDS auf bis zu 1.500 Meter bekämpfen kann. Der Kommandant wird damit zum zweiten Schützen; die Hersteller sprechen vom Killer-Killer-Prinzip. Hinzu kommt die automatisierte Feuerleitung: automatische Justieranlagen für den Vernichtungstreffer mit dem ersten Schuss, KI-gestützte Zielerkennung und perspektivisch eine vollautomatisierte Feuerleitkette.

Mobilität

Das Grundproblem der Mobilität ist das Gewicht. Der Leopard 2 A8 wiegt rund 70 Tonnen und damit 15 Tonnen mehr als die Ausgangsversion. Die meisten modernen westlichen Kampfpanzer sind inzwischen so schwer, dass sie viele Brücken in Europa nicht mehr überqueren können. Mit dem Gewicht steigt auch der Treibstoffverbrauch: Ein Leopard 2 verbraucht im Gelände rund 500 Liter auf 100 Kilometer, der Abrams mit seiner Gasturbine das Doppelte. Die Gewichtsgrenze steht deshalb künftig am Anfang des Entwurfs. Für das inzwischen beendete deutsch-französische MGCS galten maximal 50 Tonnen, im EU-Projekt MARTE werden höchstens 60 Tonnen mit 15 Prozent Reserve verlangt. Ein Oberst aus dem MGCS-Projektteam brachte es auf die Formel, der Schwerpunkt liege auf Mobilität, Mobilität und Mobilität. Der größte Einzelposten ist der Turm: Ladeautomat und Besatzung in der Wanne sparen deutlich über fünf Tonnen, ein kompakteres Triebwerk kann eine Laufrolle und damit laut Hardthöhenkurier weitere rund sechs Tonnen einsparen. Ob dies am Ende ausreicht, bleibt allerdings fraglich.

Beim Antrieb bleibt der Diesel gesetzt, er wird jedoch kompakter, stärker und elektrischer. Der Leopard-Motor MB 873 stammt praktisch unverändert aus dem Jahr 1978. Für den Nachfolger lässt das BAAINBw bereits ein neues Triebwerk entwickeln, nach Informationen von hartpunkt mit einem Motor von Liebherr und einem Getriebe von RENK; als Leistungsziel zeichnen sich 1.300 statt bisher 1.100 Kilowatt ab. Der eigentliche Sprung ist jedoch der Hybridantrieb, mit dem die Bundeswehr fest rechnet. Rolls-Royce und ZF entwickeln im Auftrag des BAAINBw einen Parallelhybrid für schwere Kettenfahrzeuge, bei dem Diesel und Elektromotor zusammen über 1.400 Kilowatt Systemleistung erreichen; Prototypen sollen noch vor Ende der 2020er-Jahre fahren. Der Hybridantrieb soll drei Aufgaben erfüllen: leise elektrisch anfahren oder ohne laufenden Hauptmotor beobachten, beim Sprung aus der Deckung zusätzlich anschieben und beim Bremsen Strom zurückgewinnen. Letzteres ist wichtig, da die elektrischen Verbraucher schneller wachsen als das Bordnetz. Ein reiner Elektroantrieb scheidet dagegen aus, da Batterien eine viel zu geringe Energiedichte aufweisen. Auch die USA, die Türkei und China planen hybride Antriebe, in Serie fährt bislang jedoch keiner. Beim Fahrwerk setzt sich international die hydropneumatische Federung durch, die beispielsweise die Treffgenauigkeit aus der Fahrt verbessern soll, aber als aufwendig gilt.

Sensorik

Auch in der Sensorik vollzieht sich ein grundlegender Wandel, denn die Hauptoptiken werden digital. Für den Leopard 2 A8 liefert Hensoldt ab 2027 insgesamt 301 Sätze digitaler Sichtsysteme. Digital bedeutet in diesem Fall: Der glasoptische Kanal für die Direktsicht bleibt erhalten und wird um Full-HD-Kameras ergänzt, deren Bild auf Monitoren erscheint. Erst dies ermöglicht Bildfusion, Videotracking und Vernetzung. Hinzu kommt die Rundumsicht. Vorreiter war der Schützenpanzer Puma, dessen elf Kameramodule eine 360-Grad-Sicht in Farbe und Wärmebild liefern; die Besatzung kann laut Bundeswehr „durch die Panzerung hindurchsehen“. Der A8 erhält eine fusionierte Rundumsicht, der Fahrer fährt nachts bereits heute nach Kamerabild ohne Einweiser, und im israelischen Merkava Barak wird das Bild sogar direkt in das Helmvisier des Kommandanten eingespielt. Neue Entwürfe sehen dies von Beginn an vor. Der Panther etwa zeigt die Umgebung auf Displays, ohne dass eine Luke geöffnet werden muss.

Elektronische Sichtmittel sind neben dem Ladeautomaten die zweite Voraussetzung für den unbemannten Turm mit Besatzung in der Wanne. Bereits sowjetische Panzer benötigten trotz Ladeautomaten einen Mann im Turm, weil die Beobachtungsmittel nicht ausreichten. Der russische T-14 ist laut ESUT unter anderem an genau dieser Digitalisierung von Aufklärung und Feuerleitung gescheitert und bis heute nicht in der Truppe angekommen. Parallel wächst die Warnsensorik. Laserwarner werden Standard, das neue MUSS erkennt mit passiven Sensorköpfen auch Mündungsfeuer und Beschuss samt Richtung, die Radarantennen des Schutzsystems werden zum Drohnensensor, und Akustiksensoren erkennen Drohnengeräusche rundum. Der Engpass bei der Drohnenabwehr liegt nämlich nicht im Treffen, sondern im Entdecken, zumal glasfasergelenkte Drohnen keine Funksignale aussenden und sich weder stören noch per Funkaufklärung aufspüren lassen.

All diese Sensoren schaffen allerdings ein neues Problem: Isoliert genutzt überfordern ihre Datenströme die Besatzung. Hensoldt spricht von kognitiver Überlastung, Offiziere des Heeres sehen den Menschen zunehmend als begrenzenden Faktor. Die Antwort darauf sind Datenfusion und KI. Software führt alle Sensordaten zu einem Lagebild zusammen und verfolgt erkannte Ziele automatisch. Das automatische Erkennen und Priorisieren steht erst am Anfang, im Merkava Barak ist es jedoch bereits im Einsatz. Die Entscheidung soll aber weiterhin beim Menschen liegen.

Führung und Kommunikation

Die womöglich tiefgreifendste Veränderung des Kampfpanzers der Zukunft ist von außen nicht sichtbar: Führung und Kommunikation. Das Herzstück ist das Battle Management System, kurz BMS. Es handelt sich um eine digitale Lagekarte, die die eigene Position und alle eigenen Kräfte anzeigt, Befehle überträgt und einen gesichteten Gegner automatisch an alle weitermeldet. Die Grenze lag bislang beim Funk: Das BMS traf laut Generalleutnant Vetter auf alte Funkgeräte mit geringen Bandbreiten, langen Übertragungszeiten und fehlender Verschlüsselung. Abhilfe schafft das Programm D-LBO, die Digitalisierung Landbasierter Operationen, das Soldaten, Fahrzeuge und Führungsebenen digital vernetzt; der A8 wird bereits ab Werk damit ausgeliefert. Ziel ist eine verkürzte Kette vom Sensor zum Schützen mit digitalen Feuerkommandos und Zieldaten in Echtzeit. Hinzu kommt ein neuer Takt: Hardware wird alle fünf bis zehn Jahre erneuert, Software veraltet dagegen binnen Wochen bis Monaten. Updates sollen daher künftig wesentlich schneller eingespielt werden können. Der Ukraine-Krieg mahnt zugleich zur Vorsicht. Ein Oberst der Bundeswehr bezeichnet die russische Dominanz im Elektronischen Kampf als erdrückend: Bis fünf Kilometer hinter der Kontaktlinie ist GPS meist gestört, und wer sendet, wird geortet. Der vernetzte Panzer benötigt deshalb beides, strikte Emissionskontrolle und Rückfallebenen. Diese reichen von der Trägheitsnavigation, die Satellitentäuschung erkennt und im A8 bereits verbaut ist, bis zur klassischen Papierkarte.

Systemverbund, Mehrplattformkonzept und Manned-Unmanned-Teaming

Der grundlegendste Wandel besteht darin, dass der Kampfpanzer der Zukunft nicht mehr allein fährt. Die zugrunde liegende Logik zeigte sich beim MGCS: Rund 300 Forderungen und eine 50-Tonnen-Grenze ließen sich nicht in einem Fahrzeug vereinen. Die Fähigkeiten sollten daher auf mehrere Plattformen mit identischer Wanne verteilt werden, nämlich eine Kanonenplattform, eine Flugkörperplattform und eine unbemannte Kampfunterstützungsplattform. Der frühere KNDS-Chef Ketzel bringt es auf die Formel, dass nicht jede Plattform alles können muss, sich alle zusammen aber zu einem überlegenen, hochvernetzten Gefechtssystem aggregieren. Das MGCS ist beendet, die Idee besteht jedoch fort, vor allem im Manned-Unmanned-Teaming, dem Zusammenwirken bemannter und unbemannter Systeme. Rheinmetall übernahm im Juli 2026 die Mehrheit am kroatischen Robotikhersteller DOK-ING und plant ein bewaffnetes unbemanntes Begleitfahrzeug, das auch mit dem KF51 operieren soll. BAE Systems erprobt den ATLAS CCV als Flankensicherer und Lockvogel, und Südkorea entwickelt aufgrund schrumpfender Streitkräfte gleich eine ganze Familie schwerer unbemannter Kampffahrzeuge. Zugleich wird der Panzer selbst zum Drohnenträger, vom Starter für Loitering Munition auf dem KF51 bis zum Kanister mit Abfangdrohnen. Das deutsche Heer zieht bereits strukturelle Konsequenzen: Der erste Feindkontakt soll künftig unbemannt erfolgen, 2027 entsteht in der 10. Panzerdivision ein Drohnenregiment, und möglicherweise werden künftig alle Kampftruppenbataillone über eine Kompanie verfügen, die ausschließlich unbemannte Systeme einsetzt. Entschieden ist dies allerdings noch nicht. Die Ukraine zeigt Potenzial und Grenzen zugleich. Die Einsätze unbemannter Bodensysteme stiegen von rund 2.900 im November 2025 auf über 16.600 im Juni 2026. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf der Logistik, im direkten Gefecht bleiben die Fahrzeuge verwundbar. Solange zudem jedes System einen eigenen Bediener benötigt, hält es zwar Menschen aus der Gefahrenzone, schafft aber keine zusätzliche Kampfkraft. Echte Schwarmfähigkeit ist bis heute nicht Realität.

Fazit

Obsolet ist der Kampfpanzer somit nicht, er wird sich jedoch stark verändern müssen, um auf dem Gefechtsfeld der Zukunft bestehen zu können. Sein Profil zeichnet sich über alle Programme hinweg bemerkenswert einheitlich ab: eine Besatzung, die geschützt in einer Kapsel in der Wanne sitzt; ein unbemannter, flacher Turm mit Ladeautomat und größerem Kaliber; Schutzsysteme, die Drohnen und perspektivisch sogar Wuchtgeschosse abfangen; eine 360-Grad-Sensorik, deren Datenflut durch KI zu einem Lagebild verschmolzen wird; ein Hybridantrieb bei deutlich reduziertem Gewicht; und eine Vernetzung, die den Panzer zum Knoten in einem Verbund aus bemannten und unbemannten Systemen macht.

Zu einer ehrlichen Bewertung gehören allerdings drei Einordnungen. Erstens existiert vieles davon bislang nur als Demonstrator, Konzept oder Herstellerversprechen: Kein Hybridpanzer fährt in Serie, und die Abwehr von Wuchtgeschossen hat noch kein System im Einsatz nachgewiesen. Zweitens verschwinden die Zielkonflikte nicht, ob Schutz gegen Gewicht, Sensorik gegen Signatur oder Vernetzung gegen den Elektronischen Kampf. Es geht künftig weniger um das eine perfekte Fahrzeug als um die beste Balance im Verbund. Drittens, und dies ist der entscheidende Punkt, kommt es auf das Tempo an. Software veraltet in Wochen, Kampfpanzer werden in Jahrzehnten beschafft. Über die Zukunft entscheidet deshalb weniger die nächste Kanone als die Frage, wie schnell neue Technik in die Flotte gelangt. Es bleibt zu hoffen, dass die Lehren aus der Ukraine schneller in Serienfahrzeugen ankommen, als es die klassischen Beschaffungszyklen bisher erlaubt haben, denn das Gefechtsfeld wartet nicht.

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