Die ukrainische Luftverteidigung fängt Drohnen und Marschflugkörper weiterhin zuverlässig ab, scheitert aber zunehmend an russischen ballistischen Raketen. Ursache ist ein akuter Mangel an Patriot-Abfangraketen, der sich im Sommer 2026 verschärft und für die Zivilbevölkerung tödliche Folgen hat.
Abfangraten brechen bei ballistischen Raketen ein
Der aktuelle „Monitor Luftkrieg Ukraine“ der Kyjiwer Gespräche und der Konrad-Adenauer-Stiftung zeichnet für Juni 2026 ein zwiespältiges Bild der ukrainischen Luftverteidigung. Bei Drohnen lag die durchschnittliche Abfangrate mit rund 90 Prozent weiterhin auf hohem Niveau, bei Marschflugkörpern bei etwa 79 Prozent. Gegen ballistische Raketen dagegen schwankte die Erfolgsquote stark und sank bei einzelnen Großangriffen bis auf null.
Am deutlichsten zeigte sich das bei den Angriffswellen auf die Hauptstadt Kyjiw: Während Marschflugkörper dort nahezu vollständig abgefangen wurden, fiel die Abfangrate bei ballistischen Raketen vom 15. Juni (44 Prozent) über den 2. Juli (17 Prozent) auf null Prozent in der Nacht zum 6. Juli. Die ukrainische Luftwaffe bestätigte, dass bei diesem Angriff keine von 29 abgefeuerten ballistischen Raketen abgefangen werden konnte, und sprach von einer sehr niedrigen Erfolgsquote.

Ursache: schwindende Patriot-Bestände
Als einziges wirklich wirksames System gegen schnelle ballistische Raketen gilt für die Ukraine das US-amerikanische Patriot-System, das unter anderem die hoch nachgefragten Abfangraketen der Typen PAC-2 und PAC-3 verschießt. Genau diese Munition wird knapp. Nach Angaben ukrainischer Stellen sind die Bestände auf ein kritisch niedriges Niveau gesunken.
Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow erklärte, Russland verstärke seine Angriffe mit ballistischen Raketen gezielt, weil Moskau um den Mangel an Abfangraketen wisse und ihn ausnutze. Nach ukrainischen Schätzungen produziert Russland derzeit rund 120 ballistische Raketen pro Monat – zusätzlich zu Drohnen und Marschflugkörpern.
Globaler Engpass durch den Iran-Krieg
Der Engpass ist nicht allein ein ukrainisches Problem. Der Krieg der USA und Israels gegen den Iran zu Jahresbeginn hat schätzungsweise rund ein Drittel der weltweiten Patriot-Bestände aufgezehrt; allein die Golfstaaten sollen in den vergangenen Monaten mehr als 1.100 solcher Raketen verschossen haben. Zugleich hält die Produktion mit der Nachfrage nicht Schritt: Der Hersteller Lockheed Martin fertigt nach Angaben von Präsident Wolodymyr Selenskyj etwa 600 Abfangraketen pro Jahr, also rund 60 im Monat. Da die Doktrin in der Regel zwei Abfangraketen pro anfliegender Rakete vorsieht, schrumpfen die Vorräte in einem hochintensiven Krieg rasch. Eine einzelne PAC-3-Rakete kostet je nach Schätzung rund vier bis fünf Millionen US-Dollar.
Lizenz aus Ankara – aber keine schnelle Lösung
Am Rande des NATO-Gipfels in Ankara sagte US-Präsident Donald Trump der Ukraine am 8. Juli zu, ihr eine Lizenz zur Produktion von Patriot-Abfangraketen zu erteilen – ein Zugeständnis, das Washington zuvor nur Deutschland und Japan gemacht hatte. Selenskyj kündigte zudem an, dass Lieferungen von PAC-3-Raketen aus bestehenden Beständen kurzfristig eintreffen sollten.
Die unmittelbare Wirkung dürfte jedoch begrenzt bleiben. Der Aufbau einer Produktion würde Jahre dauern; nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters sollen entsprechende Raketen eher in Deutschland oder anderen europäischen Ländern gefertigt werden, wobei eine erste PAC-2-Produktion frühestens Anfang 2027 anlaufen könnte. Parallel plant die Ukraine mit europäischen Partnern die Entwicklung eines eigenen, kostengünstigeren Abwehrsystems.
Einordnung
Der Monitor sieht keine Anzeichen dafür, dass Russland seinen Luftkrieg gegen zivile Ziele abschwächt. Der US-Thinktank CSIS argumentiert, dass sich daran erst etwas ändern werde, wenn der militärische und ökonomische Druck auf Moskau deutlich steige – etwa durch strengere Sanktionen im Ölsektor und Sekundärsanktionen gegen Banken in Drittstaaten.
Solange die Abfangraketen knapp bleiben, hat der Mangel unmittelbar tödliche Folgen. In der Nacht zum 2. Juli starben bei einem Großangriff auf Kyjiw 30 Menschen, mehr als 90 wurden verletzt. Beim Angriff in der Nacht zum 6. Juli, bei dem keine ballistische Rakete abgefangen wurde, kamen mindestens 21 Menschen ums Leben.
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