Wehrbericht 2025: Der lange Weg zur kriegstüchtigen Bundeswehr

Wehrbericht 2025: Der lange Weg zur kriegstüchtigen Bundeswehr
Foto: PIZ Heer / Marco Dorow

Heute hat Henning Otte seinen ersten Jahresbericht als Wehrbeauftragter des Deutschen Bundestages vorgelegt – den 67. in der Geschichte dieses Amtes. Otte, der am 21. Mai 2025 vom Bundestag gewählt wurde und zuvor 20 Jahre Mitglied des Verteidigungsausschusses war, versteht seinen Bericht ausdrücklich nicht als bloßen Mängelkatalog, sondern als ehrlichen Lagebefund mit konkreten Handlungsempfehlungen. Ein zentrales Fazit zieht sich durch alle Kapitel: Deutschland ist militärisch auf dem richtigen Weg – aber das Tempo reicht noch nicht.

Sicherheitslage verändert alles

Die russische Invasion in die Ukraine hat die strategische Grundlage der Bundeswehr fundamental verschoben. Landes- und Bündnisverteidigung stehen nun im Mittelpunkt, während Deutschland gleichzeitig internationale Verpflichtungen erfüllt. Ende 2025 waren insgesamt 977 Soldatinnen und Soldaten in neun vom Bundestag mandatierten Auslandseinsätzen gebunden – von KFOR im Kosovo über UNIFIL vor dem Libanon bis hin zur Mission im Irak und Jordanien.

Ein sichtbares Symbol des gewachsenen Engagements ist die Brigade Litauen: Am 22. Mai 2025 wurde die Panzerbrigade 45 in Vilnius in Dienst gestellt. Sie soll bis 2027 mit mindestens 4.800 Soldatinnen und Soldaten sowie 200 zivilen Mitarbeitern voll einsatzbereit sein und markiert den ersten dauerhaft im Ausland stationierten Großverband in der Geschichte der Bundeswehr. Die Infrastruktur in Litauen schreitet voran – Schule und Kita für mitgezogene Familien wurden teils früher als geplant eröffnet – doch fehlende Informationen und unklare finanzielle Regelungen sorgen bei den betroffenen Soldatenfamilien weiterhin für Frust.​

Finanzen

Mit der Ausnahme der Verteidigungsausgaben von der Schuldenbremse hat der Bundestag eine historische Weiche gestellt. Im Haushaltsjahr 2025 standen rund 62,3 Milliarden Euro im regulären Verteidigungshaushalt zur Verfügung – zehn Milliarden mehr als im Vorjahr. Hinzu kamen rund 19,5 Milliarden Euro aus dem Sondervermögen Bundeswehr, das bis Ende 2025 zu rund 51,5 Milliarden Euro vertraglich gebunden war.

Otte begrüßt diese Entwicklung ausdrücklich, mahnt jedoch: Das Geld allein genügt nicht. Entscheidend sei nun, es effizient einzusetzen, Beschaffungsprozesse zu beschleunigen und die Truppe von bürokratischen Lasten zu befreien. Die pauschale Berufung auf Unterfinanzierung sei damit keine Ausrede mehr.

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Neuer Wehrdienst

Die Debatte über die Wiederbelebung der Wehrpflicht dominierte das Berichtsjahr. Das im Dezember 2025 vom Bundestag verabschiedete Wehrdienst-Modernisierungsgesetz setzt zunächst auf Freiwilligkeit: Es reaktiviert die Wehrerfassung für alle Männer der Jahrgänge ab 1. Januar 2008, verpflichtet sie zur Beantwortung eines Fragebogens und zur Musterung – einen Dienst gegen den Willen kann die Bundeswehr jedoch nicht anordnen.

Das Gesetz formuliert konkrete Zielzahlen: Von heute rund 186.000 auf 255.000 bis 270.000 aktive Soldatinnen und Soldaten bis 2035 sowie von 70.000 bis 80.000 auf mindestens 200.000 Reservistinnen und Reservisten bis 2033. Ob das Freiwilligkeitsmodell ausreicht, muss der Bundestag ab 2027 anhand halbjährlicher Berichte des Verteidigungsministeriums kritisch prüfen. Sollte es scheitern, sei die Einführung einer Bedarfswehrpflicht der logische nächste Schritt – und dieser dürfe dann keinen weiteren Aufschub dulden.

Personal

Zum Jahresende 2025 zählte die Bundeswehr 184.194 aktive Soldatinnen und Soldaten – rund 3.000 mehr als im Vorjahr und der höchste Einstellungsstand seit Aussetzung der Wehrpflicht 2011. Dennoch klafft eine riesige Lücke zum Zielkorridor von 260.000 bis Mitte der 2030er-Jahre.

Strukturelle Probleme bremsen den Aufwuchs: Langwierige Bewerbungsverfahren, fehlerhafte Personalbearbeitung und schleppende Sicherheitsüberprüfungen frustrieren Bewerber und aktive Soldaten gleichermaßen. Beim Militärischen Abschirmdienst (BAMAD) dauerte die einfache Soldateneinstellungsüberprüfung im Berichtsjahr durchschnittlich neun Wochen – drei Wochen länger als im Vorjahr. In einem besonders drastischen Einzelfall blieb ein Verfahren im BAMAD elf Monate lang völlig unbearbeitet. Ebenfalls besorgniserregend: Die Bundeswehr ist strukturell zu „kopflastig“ – fast jeder dritte Soldat ist Offizier, während gut ausgebildete Unteroffiziere und Mannschaftssoldaten fehlen.

Material

Die Kriege in der Ukraine und im Gazastreifen haben die Bedeutung unbemannter Systeme eindrücklich gezeigt. Die Bundeswehr beschaffte im Berichtsjahr neue Drohnensysteme wie Heron TP und weiterentwickelte ALADIN-Aufklärungssysteme und arbeitet zusammen mit Start-ups an einer flächendeckenden Ausstattung mit modernen Kleinstdrohnen. Das Soldaten allein 2025 einen Großteil der flexiblen Haushaltsmittel für kommerzielle Kleinstdrohnen und Zubehör verwendeten, zeigt die Dringlichkeit.

Gleichzeitig bleibt die Drohnenabwehr ein ernstes Problem: Wenige Tage vor der Inbetriebnahme des Raketenabwehrsystems Arrow 3 in Holzdorf/Schönewalde wurde der Standort durch fremde Drohnen ausgespäht – und die Bundeswehr war nicht in der Lage, diese wirksam abzuwehren. Das im Dezember 2025 eröffnete Gemeinsame Drohnenabwehrzentrum in Berlin ist ein richtiger Schritt, aber noch lange nicht ausreichend. Auch das Digitalisierungsprojekt D-LBO (Digitalisierung Landbasierter Operationen) läuft mit erheblichen Verzögerungen und gefährdet die Interoperabilität mit NATO-Partnern.

Infrastruktur

Der Investitionsbedarf für militärische Infrastruktur beläuft sich laut letztem Infrastrukturbericht des Verteidigungsministeriums auf über 67 Milliarden Euro bis in die 2040er-Jahre. Über 8.000 Bauvorhaben stehen an. Die Beispiele aus dem Bericht illustrieren das Ausmaß: In der Oberpfalz-Kaserne in Pfreimd stammen die Gebäude überwiegend aus den 1970ern; ein bereits für 2020 geplantes Unterkunftsgebäude soll nun frühestens 2029 fertig sein. In der Blücher-Kaserne in Berlin wurde ein Lastenaufzug für Röntgengeräte nach 22 Jahren Wartezeit endlich in Betrieb genommen.

Als Positivbeispiel hebt Otte das bayerische Modell hervor: Durch modulares Bauen und vereinfachte Genehmigungsverfahren entstanden Unterkunftsgebäude in eineinhalb bis zwei Jahren statt in einem Jahrzehnt. Dieses Modell habe das Potenzial einer Blaupause für alle Bundesländer.

Bürokratie

Besonders deutlich kritisiert Otte die überbordende Bürokratie, die Bundeswehr und Verteidigungsministerium durchzieht. Beorderungsverfahren für Reservisten dauern bis zu 22 Monate; für Militärkonvois auf Bundesstraßen benötigen Einheiten in vielen Fällen noch immer Einzelgenehmigungen mit einer Regelbearbeitungszeit von 15 Arbeitstagen. Die Ansprechstelle Bürokratieabbau des Ministeriums ist eine gute Idee – aber Meldungen zu bürokratischen Hemmnissen scheitern selbst an bürokratischen Hürden.

Positiv wertet Otte, dass der Verteidigungsminister Bürokratieabbau zur Chefsache erklärt und eine Entbürokratisierungsagenda 2.0 bis Ostern 2026 angekündigt hat. Entscheidend sei jedoch nicht das Niederschreiben einer Agenda, sondern das anschließende konsequente Handeln.

Fazit: Aufbruch mit Nachholbedarf

Der 67. Wehrbericht zeichnet das Bild einer Bundeswehr, die sich im Wandel befindet und ernsthaft versucht, die Lücken der vergangenen Jahrzehnte zu schließen. Die Schuldenbremsenreform, das Wehrdienst-Modernisierungsgesetz und neue Beschaffungsgesetze zeigen, dass die Politik die Zeichen der Zeit erkannt hat. Doch zwischen politischen Ankündigungen und militärischer Realität klafft noch eine erhebliche Lücke – beim Personal, bei der Infrastruktur, bei der Digitalisierung und im Umgang mit Bürokratie.

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