Die Bundeswehr schließt eine kritische Fähigkeitslücke in der Luftverteidigung: Mit dem aus Israel stammenden Raketenabwehrsystem Arrow erhält Deutschland erstmals die Fähigkeit, ballistische Raketen außerhalb der Erdatmosphäre abzufangen. Für 3,6 Milliarden Euro werden drei Batterien beschafft, die gemeinsam mit Patriot und IRIS-T SLM einen mehrstufigen Schutzschild bilden sollen.
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Beschaffungsvorhaben
Die Bundeswehr schließt mit der Anschaffung des Arrow-Systems eine Fähigkeitslücke bei der Bekämpfung ballistischer Flugkörper in der oberen Abfangschicht. Spätestens nach den russischen Angriffen auf die Ukraine im November 2024 wurde deutlich, dass Russland nach der Aufkündigung des INF-Vertrags neue Mittelstreckenraketen wie die Oreschnikentwickelt hat, die strategisch wichtige Ziele in der Tiefe erreichen können. Deutschland liegt aufgrund seiner zentraleuropäischen Lage genau in dieser Reichweite und benötigt daher besondere Schutzmaßnahmen.
Das Arrow-System bildet die oberste Schicht des mehrstufigen deutschen Luftverteidigungssystems, zu dem unter anderem auch die bereits eingeführten Systeme Patriot und IRIS-T SLM gehören. Arrow wurde speziell zur Abwehr ballistischer Raketen größerer Reichweite entwickelt, die potenziell nukleare, chemische oder biologische Gefechtsköpfe tragen können. Mit der Einführung des Systems erhält die Bundeswehr erstmals die Fähigkeit zur weiträumigen Frühwarnung sowie zur exoatmosphärischen Bekämpfung weitreichender Raketenbedrohungen.
Die Vorbereitungen für das Projekt begannen bereits im Jahr 2018 mit dem Ziel, Bedrohungen aus allen Richtungen (360°) abwehren zu können. Der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages erteilte am 14. Juni 2023 die Genehmigung für den Einstieg in die Beschaffung. Um die angestrebte Anfangsbefähigung bis zum vierten Quartal 2025 zu erreichen, ging Israel in Vorleistung und begann frühzeitig mit Fertigung und Produktion, wodurch der Zeitplan um etwa sechs Monate beschleunigt werden konnte.
Die Vertragsverhandlungen wurden im Juli 2023 abgeschlossen, gefolgt von der Zustimmung der US-Regierung am 17. August 2023. Am 28. September 2023 wurde eine vorvertragliche Verpflichtungserklärung für Komponenten mit langen Lieferzeiten unterzeichnet. Nach der Billigung durch den Haushaltsausschuss am 18. Oktober 2023 unterzeichneten das Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr (BAAINBw) und das israelische Verteidigungsministerium am 23. November 2023 den Beschaffungsvertrag im Umfang von 3,6 Milliarden Euro.
Deutschland bestellte insgesamt drei Arrow-Batterien. Jede Batterie besteht aus vier Abschussvorrichtungen mit jeweils sechs einsatzbereiten Abfangraketen. Damit stehen pro Batterie 24 und insgesamt 72 sofort einsatzbereite Abfangraketen zur Verfügung. Die Gesamtzahl der beschafften Lenkflugkörper wird auf 150 bis 250 Stück geschätzt. Neben dem Waffensystem und den Abfangraketen umfasst der Vertrag auch Ersatzteile, Ausbildungsleistungen für das Personal, logistische Unterstützung sowie notwendige bauliche Maßnahmen in Deutschland.
Die Finanzierung des Projekts erfolgt bis einschließlich 2027 aus dem Sondervermögen Bundeswehr. Ab dem Jahr 2028 sollen die weiteren Ausgaben über den regulären Verteidigungshaushalt gedeckt werden.
Israel Aerospace Industries (IAI) fungiert als Hauptauftragnehmer. Aus der israelischen Industrie sind darüber hinaus weitere Unternehmen beteiligt, darunter Elbit Systems (Entwicklung des Kommando- und Feuerleitsystems), Tomer sowie Rafael Advanced Defense Systems. MBDA Deutschland übernimmt die Rolle des nationalen Hauptauftragnehmers von IAI in Deutschland und koordiniert sämtliche notwendigen Anpassungs-, Integrations- und Wartungsmaßnahmen sowie die Einbindung der deutschen Industrie. Künftig soll MBDA sowohl die Bundeswehr als auch IAI bei der Sicherstellung und Weiterentwicklung der Einsatzfähigkeit von Arrow 3 unterstützen.
Der damalige Inspekteur der Luftwaffe, Generalleutnant Ingo Gerhartz, übernahm am 4. Mai 2025 bei einem Besuch bei IAI erste Systemkomponenten, darunter das zentrale Kommunikationselement. Am 3. Dezember 2025 nahm die Bundeswehr am Standort Holzdorf die erste Feuereinheit in Betrieb und erreichte damit die Anfangsbefähigung (Initial Operational Capability, IOC) des Arrow-Systems.
Die Anfangsbefähigung bezeichnet den Zeitpunkt, zu dem ein neues Waffensystem über die minimal erforderlichen Fähigkeiten verfügt, um einen Teil seines vorgesehenen Auftrags erfüllen zu können. Die vollständige Einsatzfähigkeit (Full Operational Capability, FOC), bei der das System seine volle Leistungsfähigkeit erreicht und alle geplanten Funktionen zur Verfügung stehen, soll bis 2030 erreicht werden.

Der erste Standort, die sogenannte Einsatzstellung Ost, ist der Fliegerhorst Holzdorf an der Grenze zwischen Sachsen-Anhalt und Brandenburg. Dieser Luftwaffenstandort gewinnt im Zuge der Zeitenwende deutlich an Bedeutung, da hier neben dem Arrow-System auch die beschafften Schweren Transporthubschrauber vom Typ Boeing CH-47F stationiert werden sollen. Für die Unterbringung und den Betrieb des Systems ist umfangreiche neue Infrastruktur erforderlich, insbesondere für die leistungsstarken Radarsysteme und die Feuerstellung. Der Investitionsbedarf für die infrastrukturelle Ertüchtigung beider Systeme beläuft sich auf rund 550 Millionen Euro.
Für die Einsatzstellung Nord wurden Liegenschaften an den Standorten Rantzau und Husum in Schleswig-Holstein ausgewählt.
Der Auswahlprozess für die Einsatzstellung Süd in Bayern oder Baden-Württemberg ist derzeit noch nicht abgeschlossen.
Im Rahmen der weiteren Fähigkeitsentwicklung ist – in Abstimmung mit israelischen und US-amerikanischen Partnern – die Beschaffung zusätzlicher Lenkflugkörper der Arrow-Familie vorgesehen. Ziel ist es, das volle Systempotenzial auszuschöpfen und Abwehrwirkungen sowohl innerhalb als auch außerhalb der Erdatmosphäre zu ermöglichen. Konkret ist dabei die Beschaffung des Abwehrlenkflugkörpers Arrow 4 als Ergänzung zu den bereits bestellten Arrow-3-Lenkflugkörpern geplant. Ergänzend strebt die Luftwaffe den Aufbau einer nationalen, satellitengestützten Frühwarnfähigkeit an.
Darüber hinaus soll das Arrow-System künftig in die integrierte Luftverteidigung der NATO (Integrated Air and Missile Defence, IAMD) sowie in die European Sky Shield Initiative (ESSI) eingebunden werden.
Technische Daten
Das israelische Raketenabwehrsystem Arrow 3 wurde gemeinsam von Israel Aerospace Industries (IAI) und Boeing entwickelt und ist seit 2017 im Einsatz. Es wird von Israel in enger Zusammenarbeit mit den Vereinigten Staaten produziert und kontinuierlich weiterentwickelt. Das System ist grundsätzlich in der Lage, sowohl Arrow-2- als auch Arrow-3-Abfangraketen einzusetzen, wobei Deutschland ausschließlich Arrow-3-Lenkflugkörper beschafft hat.
Arrow 3 ist für das Abfangen ballistischer Raketen außerhalb der Erdatmosphäre konzipiert. Das Waffensystem besteht aus einem Gefechtsstand, leistungsfähigen Radarsensoren, Startgeräten mit mehreren Abfangraketen sowie weiterer Peripherie zur Führung, Kommunikation und Systemunterstützung.
Die deutschen Arrow-Systeme werden mit dem Radar EL/M-2080 Green Pine von IAI ausgestattet. Dieses ist in der Lage, anfliegende ballistische Flugkörper über mehrere hundert Kilometer hinweg zu erkennen, zu verfolgen und zu klassifizieren. Das Radar liefert dem Abfangflugkörper während der Flugphase sogenannte Midcourse Guidance-Daten sowie präzise Flugbahn- und Einschlagpunktvorhersagen. Tausende Sende- und Empfangsmodule sorgen für hohe Redundanz, Zuverlässigkeit und Verfügbarkeit. Das rund 60 Tonnen schwere Radarsystem ist auf einem Anhänger transportabel.

Im Fire Control Center (FCC) sind sämtliche Führungs-, Steuerungs-, Verbindungs- und Aufklärungssysteme zusammengeführt. Es fungiert als zentrale Stelle für Datenauswertung, Bedrohungsanalyse, Systemoptimierung und Missionsüberwachung. Zur Bedrohungsanalyse zählen unter anderem die Bestimmung des Abschussortes, die Identifikation des gegnerischen Flugkörpers sowie die Berechnung der Flugbahn mit prognostiziertem Einschlagpunkt. Diese Daten dienen der Programmierung des Abfangflugkörpers und der Zielführung nach dem Start.
Das Launcher Control Center (LCC) ist gemeinsam mit den Startgeräten stationiert und stellt die Schnittstelle zwischen FCC und den Launchern dar. Es verfügt über ein vollautomatisiertes Gefechtsführungssystem, stellt vollständige Redundanz zum FCC her und beinhaltet zusätzliche Sicherheitsmechanismen, die unbeabsichtigte Abschüsse verhindern. Darüber hinaus erfüllt es Diagnose- und Wartungsfunktionen.
Die Startgeräte selbst sind auf Sattelanhängern beweglich. Auf ihnen werden die Abfangraketen in Abschussbehältern liegend zum Einsatzort transportiert. Vor Ort wird der Werfer aufgerichtet, und die Flugkörper werden senkrecht gestartet, was eine Abdeckung von 360 Grad ermöglicht.
Im Zentrum des Systems steht der Arrow-3-Lenkflugkörper. Er fängt anfliegende ballistische Raketen nach dem Hit-to-Kill-Prinzip durch einen Direkttreffer ab. Die Zerstörung des Ziels erfolgt nicht durch eine Explosion, sondern durch die kinetische Energie des Aufpralls – oberhalb der Kármán-Linie in Höhen von über 100 Kilometern.
Diese exoatmosphärische Zerstörung ist entscheidend, um die Gefahr durch nukleare, chemische oder biologische Gefechtsköpfe sowie durch Trümmerteile über besiedelten Gebieten zu minimieren. Zusätzlich verfügt der Gefechtskopf über einen Näherungszünder, der bei einem verfehlten Direkttreffer eine Splitterladung auslöst, um das Ziel dennoch zu neutralisieren. Die Reichweite des Arrow-3-Lenkflugkörpers wird mit bis zu 2.400 Kilometern angegeben.
Arrow 3 wurde speziell zur Abwehr ballistischer Raketen mittlerer und großer Reichweite außerhalb der Erdatmosphäre entwickelt. Eine Bekämpfung von Zielen innerhalb der Atmosphäre ist hingegen nicht vorgesehen. Grund hierfür ist, dass die empfindlichen Sensoren und die Elektronik des kinetischen Kill Vehicles der hohen thermischen und mechanischen Belastung durch atmosphärische Reibung nicht standhalten würden. Aus diesem Grund ist Arrow 3 auch ungeeignet für die Abwehr ballistischer Kurzstreckenraketen, die einen Großteil oder sogar den gesamten Flug innerhalb der Atmosphäre absolvieren.

Genau aus diesem Grund ist die Beschaffung des Arrow-4-Lenkflugkörpers geplant. Arrow 4 stellt eine Weiterentwicklung des Arrow 2 dar und ist für die endoatmosphärische Abfangschicht zwischen Patriot und Arrow 3 vorgesehen. In Kombination mit Arrow 3 wird die Luftwaffe künftig in der Lage sein, das gesamte relevante Höhenspektrum der Raketenabwehr abzudecken.
Die Reichweite von Arrow 4 soll mit etwa 1.000 bis 1.500 Kilometern etwas geringer ausfallen als bei Arrow 3, während die Abfanghöhe mit rund 30 bis 100 Kilometern angegeben wird. Als Wirkprinzip kommen je nach Einsatzprofil sowohl das Hit-to-Kill-Verfahren als auch ein konventioneller Sprengkopf zum Einsatz.
Ein wesentlicher Vorteil von Arrow 4 besteht darin, dass der Lenkflugkörper mit den bereits vorhandenen Arrow-Radaren und Abschussgeräten kompatibel ist. Dies ermöglicht eine vergleichsweise kosteneffiziente Erweiterung der bestehenden Fähigkeiten.
Einsatz im Nahost-Konflikt
Das Arrow-System wurde erstmals zum Abfangen von Mittelstreckenraketen der Huthi-Rebellen eingesetzt, als diese nach dem 7. Oktober 2023 zur Unterstützung der Hamas ballistische Raketen auf Israel abfeuerten. Die erste erfolgreiche Bekämpfung einer ballistischen Rakete mit einem Arrow-2-Lenkflugkörper erfolgte am 31. Oktober 2023. Bereits am 9. November 2023 folgte der weltweit erste erfolgreiche exoatmosphärische Abschuss einer ballistischen Rakete mit einem Arrow-3-Lenkflugkörper.
Die bislang größte Bewährungsprobe stellte sich am 1. Oktober 2024, als der Iran versuchte, die israelische Luftverteidigung durch einen massiven Angriff zu übersättigen. Über 180 ballistische Raketen wurden auf Israel abgefeuert. Der Großteil konnte abgefangen werden, eine geringe Anzahl erreichte jedoch Ziele in Zentral- und Südisrael. Dieses Ereignis verdeutlicht, dass auch hochentwickelte Raketenabwehrsysteme keinen hundertprozentigen Schutz gewährleisten können.
Die Abfangwahrscheinlichkeit des Arrow-Systems wird mit etwa 80 bis 90 Prozent angegeben. Durch den Einsatz von zwei Abfangraketen kann die Erfolgsquote auf über 96 Prozent gesteigert werden, mit drei Abfangflugkörpern gilt ein erfolgreicher Abfang nahezu als garantiert. Allerdings sind Abfangraketen äußerst kostenintensiv, komplex in der Herstellung und mit langen Vorlaufzeiten zwischen Bestellung und Auslieferung verbunden. Vor diesem Hintergrund ist fraglich, ob es in jedem Szenario möglich sein wird, zwei oder gar drei Abfangflugkörper auf ein einzelnes Ziel einzusetzen, um dessen Vernichtung sicherzustellen.
Fazit
Die Hauptkritik am Arrow-System konzentrierte sich zunächst auf seinen begrenzten Nutzen gegenüber unmittelbaren russischen Bedrohungen, da es primär für das Abfangen ballistischer Mittelstreckenraketen optimiert ist – Fähigkeiten, von denen zu diesem Zeitpunkt nicht bekannt war, dass sie Teil des russischen Raketenarsenals sind. Mit dem Einsatz der neuen ballistischen Rakete Oreshnik durch Russland in der Nacht vom 20. auf den 21. November 2024 bei einem Angriff auf die ukrainische Stadt Dnipro, die wahrscheinlich in das Spektrum der Mittelstreckenraketen fällt, stellte sich jedoch die Frage, ob diese Kritik weiterhin Bestand hat.
Selbst wenn Arrow 3 grundsätzlich in der Lage sein sollte, die von Oreshnik ausgehende Bedrohung abzuwehren, bleibt fraglich, ob ein solcher Einsatz sinnvoll wäre. Erstens ist die Anzahl der Oreshnik-Raketen, über die Russland verfügen dürfte, sehr begrenzt. Sie hängt unmittelbar von den Beständen der RS-26 Rubezh ab, auf deren Technologie Oreshnikbasiert, und dürfte sich vermutlich auf nicht mehr als 20 bis 30 Exemplare belaufen. Eine Neuproduktion erscheint wenig wahrscheinlich, da Oreshnik dieselben Booster-Triebwerke wie die Interkontinentalrakete RS-24 Yars verwendet, was direkte Auswirkungen auf Russlands strategische Interkontinentalfähigkeiten hätte.
Zweitens ist die militärische Wirksamkeit der Oreshnik-Sprengköpfe aufgrund der vergleichsweise geringen Zielgenauigkeit der Rakete sowie der begrenzten Nutzlast eingeschränkt. Drittens führt die MIRV-Fähigkeit der Oreshnikzu einer hohen Anzahl einzelner Gefechtsköpfe – bis zu sechs pro Rakete –, die jeweils separat bekämpft werden müssten. Dies könnte den deutschen Bestand an Arrow-3-Abfangraketen rasch aufzehren.
Insgesamt spricht daher einiges dafür, die Oreshnik-Bedrohung nicht prioritär zu behandeln und die verfügbaren Arrow-3-Abfangraketen für Ziele mit höherer militärischer Relevanz vorzuhalten. Zum gegenwärtigen Zeitpunkt verfügt Russland zudem nicht über hochwirksame ballistische Mittelstreckenraketen in nennenswerter Stückzahl. Letztlich bleibt die Beschaffung von Arrow 3 eine Ermessensentscheidung: Setzt man den Schwerpunkt auf aktuell greifbare Bedrohungen oder sichert man sich vorsorglich gegen potenzielle zukünftige Entwicklungen ab?
Deutlich sinnvoller erscheint hingegen die geplante Beschaffung der Arrow-4-Abfangflugkörper. Da Arrow 4 in der Lage sein wird, ballistische Kurzstreckenraketen abzuwehren, und Deutschland aufgrund seiner Rolle als logistische Drehscheibe der NATO ein besonders attraktives Ziel für russische Systeme dieser Kategorie darstellt, wäre Arrow 4 eine äußerst wichtige Ergänzung. Ihre Einführung würde das gesamte Beschaffungsvorhaben deutlich abrunden und dessen militärischen Nutzen erheblich steigern.
