Golden Hour: Sanitätsdienst überdenkt Versorgungsprinzipien

Golden Hour: Sanitätsdienst überdenkt Versorgungsprinzipien
Sanitätsdienst | Foto: Bundeswehr/Patrick Grüterich

Der Krieg in der Ukraine stellt ein jahrzehntelanges Grundprinzip der militärischen Notfallmedizin auf den Prüfstand: die sogenannte „Golden Hour“. Für den Sanitätsdienst der Bundeswehr bedeutet das, flexiblere Strategien zu entwickeln – von verlängerter Feldversorgung bis zum Drohnentransport von Blutprodukten.

Was die „Golden Hour“ bedeutet

Das Konzept der Golden Hour beschreibt einen physiologischen Zusammenhang: Nach einer schweren Verletzung laufen im menschlichen Körper biologische Prozesse ab, die ohne medizinische Intervention innerhalb bestimmter Zeitfenster zu irreversiblen Schäden führen – im schlimmsten Fall zum Tod, selbst wenn der Patient noch lebend eine Versorgungseinrichtung erreicht. Das Ziel ist daher, Verwundete so schnell wie möglich in eine geeignete Klinik zu transportieren. Seit den 1960er-Jahren hat sich dieses Prinzip aus der Hubschrauberrettung entwickelt; die NATO legte später fest, dass eine chirurgische Notfallversorgung spätestens eine Stunde nach Verwundung gewährleistet sein soll.

Der Sanitätsdienst der Bundeswehr beschäftigt sich nach eigenen Angaben seit mindestens 20 Jahren mit diesem Thema. Generalstabsarzt Dr. Johannes Backus, Kommandeur des Kommandos Gesundheitsversorgung der Bundeswehr, betont, dass das Prinzip nicht allein auf militärische Szenarien beschränkt sei: Auch zivile Großschadensereignisse – er verweist auf den Anschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz – machten solche Versorgungskonzepte erforderlich.

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Ukraine verändert die Lage

Der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine hat die Grenzen des Konzepts schonungslos offengelegt. Sanitätseinrichtungen und -fahrzeuge werden von russischen Streitkräften gezielt angegriffen, das Internationale Schutzzeichen des Roten Kreuzes ignoriert. Drohnen werden gezielt gegen medizinische Infrastruktur eingesetzt. Als Reaktion darauf haben ukrainische Kräfte schrittweise umgestellt: Sanitätsfahrzeuge werden getarnt, Behandlungseinrichtungen unterirdisch verlegt, Verwundetentransporte nur noch unter Dunkelheit durchgeführt. Auch die Fachpublikation „Truppendienst“ bestätigt, dass die klassische Golden Hour unter diesen Bedingungen faktisch nicht mehr eingehalten werden kann; frontnahe Feldversorgung von bis zu 72 Stunden sei vielerorts die Realität.

Prolonged Field Care als Antwort

Wenn die Rahmenbedingungen – Luftüberlegenheit, Kampfüberlegenheit, ausreichende Ressourcen – nicht gegeben sind, greift ein alternatives Konzept: die sogenannte Prolonged Field Care, also die verlängerte medizinische Versorgung direkt im Feld. Dabei werden qualifizierte Sanitätskräfte weiter nach vorn an die Front gebracht, um Verwundete so lange zu stabilisieren, bis ein Transport möglich wird. Das Konzept stellt erhöhte Anforderungen an das Personal, da Maßnahmen notwendig werden, die weit über klassische Notfallmedizin hinausgehen. Dr. Backus stellt klar, dass ein Krieg im Rahmen der Landes- und Bündnisverteidigung unweigerlich höhere Verlustquoten bedeuten würde als frühere Auslandseinsätze etwa in Afghanistan oder Kosovo.

Vollblut und Drohnen als neue Lösungsansätze

Eine zentrale Erkenntnis aus den Konflikten in der Ukraine und in Gaza ist die entscheidende Rolle der Blutversorgung an der Front. Um einen lebensbedrohlichen Volumenmangelschock nach hohem Blutverlust zu verhindern, rückt die Vollbluttransfusion wieder in den Fokus, da Blutprodukte unter Feldbedingungen schwer zu lagern und zu transportieren sind. Backus bezeichnet die Vollblutapplikation als potenziellen Wendepunkt in der Überlebensrate auf dem Schlachtfeld.

Seit rund zwei Jahren arbeitet der Sanitätsdienst daran, Sanitätsmaterial und Blutprodukte per Flugdrohne an die Front zu bringen – und im Gegenzug Verwundete auszufliegen. Das Konzept des Drohnentransports für medizinische Güter wird auch im zivilen Bereich erprobt: In Deutschland wurden zuletzt erste reguläre Drohnenflüge für Blutproben zwischen Kliniken in Schleswig-Holstein realisiert.

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