F126 vor dem Aus: Was wird aus Deutschlands größtem Marineprojekt?

Fregatte 126 - Bundestag stellt 7,8 Milliarden Euro für Alternative bereit
F126 | Foto: Bundeswehr / Koester

Das Projekt ‚Fregatte 126‘, auch Niedersachsen-Klasse genannt, ist das größte Beschaffungsvorhaben der Deutschen Marine. Es soll die U-Jagd-Fregatten der Brandenburg-Klasse ersetzen – doch das Milliardenprojekt steckt in einer tiefen Krise. Gut informierten Kreisen zufolge könnte ein Abbruch kurz bevorstehen.

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Status quo

Die Probleme beim Bau der neuen Fregatten der Niedersachsen-Klasse für die Deutsche Marine sind längst kein Geheimnis mehr. Spätestens seit Anfang 2024 häufen sich die Berichte über Schwierigkeiten bei diesem Milliardenprojekt. Im 19. Rüstungsbericht von Anfang 2024 wurde erstmals offiziell eingeräumt, dass es zwischen dem niederländischen Hauptauftragnehmer Damen Naval und den deutschen Unterauftragnehmern zu erheblichen Problemen bei den IT-Schnittstellen kommt, die zu Verzögerungen in der Fertigung führen. Damals versuchte das Verteidigungsministerium noch zu beschwichtigen und erklärte, die zeitlichen Auswirkungen auf das Gesamtprojekt seien kompensierbar. Doch diese Einschätzung sollte sich als fataler Optimismus erweisen.

Mittlerweile hat sich die Situation bei dem prestigeträchtigen Beschaffungsvorhaben dramatisch verschlechtert. Wie ein Sprecher des Verteidigungsministeriums mitteilte, hat die niederländische Damen-Werft offiziell eine verspätete Ablieferung der Schiffe angezeigt. Der Grund: massive Probleme mit den IT-Schnittstellen der firmeneigenen Konstruktions- und Fertigungssoftware. Was zunächst nach einem technischen Detail klingt, hat weitreichende Konsequenzen. Insider berichten von erheblichen Nachbesserungsarbeiten, die bei den deutschen Unterauftragnehmern notwendig wurden, weil die Konstruktionsdaten nicht korrekt übertragen werden konnten.

Der Kern des technischen Debakels liegt in der Beherrschung der französischen Dassault-Software, die für die Erstellung und Übertragung der Konstruktionszeichnungen unerlässlich ist. Diese Software bereitet Damen Naval offenbar derart große Schwierigkeiten, dass die Daten für den Bau nicht korrekt an die deutschen Werften weitergegeben werden können, die für den eigentlichen Schiffbau verantwortlich sind. Die Folge: umfangreiche und kostspielige Nacharbeiten sowohl beim Hauptauftragnehmer selbst als auch bei den deutschen Partnerwerften. Die kritische Phase des „Detailed Design“ – also jene Phase, in der die detaillierten Konstruktionspläne erstellt werden – kam dadurch praktisch zum Erliegen.

Die zeitlichen Auswirkungen sind verheerend. Die ursprünglich für 2028 geplante Auslieferung des ersten Schiffes der neuen Klasse wird sich um mindestens drei Jahre auf 2031 verzögern. Nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen und Einschätzungen von Bundestagsabgeordneten könnte die tatsächliche Verzögerung jedoch bis zu 48 Monate betragen, was eine Auslieferung erst 2032 oder später bedeuten würde. Bastian Ernst, Marine-Berichterstatter im Verteidigungsausschuss des Bundestages für die CDU/CSU-Fraktion, bestätigt diese düsteren Prognosen in unserem Podcast und spricht von gravierenden Problemen, die das gesamte Projekt infrage stellen.

Auch finanziell entwickelt sich das F126-Projekt zunehmend zu einem Fass ohne Boden. Dokumente des Deutschen Bundestages belegen, dass bereits 1,829 Milliarden Euro im Kontext des Projekts als Geldfluss nachweisbar sind. Diese beträchtliche Summe setzt sich aus tatsächlichen Ausgaben der Jahre 2020, 2021 und 2024 sowie den veranschlagten Mitteln für 2022 und 2023 zusammen. Diese Gelder dürften hauptsächlich für Vorleistungen wie Planung, Infrastrukturmaßnahmen oder Technologietransfer verwendet worden sein. Die erhebliche Diskrepanz zwischen der öffentlichen Darstellung des Projektstands und den dokumentierten Haushaltsansätzen wirft dabei ernste Fragen nach der Transparenz und der Informationspolitik des Verteidigungsministeriums auf.

Besonders pikant: Von den zusätzlichen 320 Millionen Euro, die der Bund der Damen-Werft im vergangenen Jahr als Inflationsausgleich für die ersten vier Schiffe der Klasse zugebilligt hat, ist nach Aussagen von Bastian Ernst bei den deutschen Unterauftragnehmern noch nichts angekommen. Der CDU-Politiker, in dessen Wahlkreis sich mehrere Marinewerften befinden und der daher besonders nah am Geschehen ist, kritisiert diese Situation scharf. Es entsteht der Eindruck, dass die deutschen Zulieferer die Zeche für das Missmanagement des Hauptauftragnehmers zahlen müssen.

Die Verzögerungen und das damit verbundene Ausbleiben weiterer Zahlungen aus Deutschland haben Damen Naval in eine akute finanzielle Notlage gebracht. Da die Zwischenzahlungen des deutschen Auftraggebers an strikte Fristen und das Erreichen definierter Meilensteine gebunden sind – und diese Meilensteine aufgrund der technischen Probleme nicht erreicht wurden – blieben die erwarteten Geldströme aus. Die Situation war so kritisch, dass das niederländische Parlament kurzfristig zusammentreten musste, um 270 Millionen Euro als Notkredit freizugeben, um eine drohende Insolvenz der Werft abzuwenden.

Doch selbst diese Notmaßnahme hat die Zukunft von Damen Naval keineswegs gesichert. Die Probleme des Unternehmens gehen über das F126-Projekt hinaus. Berichten zufolge hat die finanzielle Schieflage auch Auswirkungen auf andere Großaufträge, etwa die geplanten U-Jagd-Fregatten für die Niederlande und Belgien. Gerüchten zufolge zieht die belgische Marine bereits in Betracht, die drei geplanten ASWF (Anti-Submarine Warfare Frigates) durch französische FDI-Fregatten (Frégate de Défense et d’Intervention) zu ersetzen, da sich auch dieses Projekt auf unbestimmte Zeit verzögert. Als wäre das nicht genug, sieht sich Damen Naval in den Niederlanden zudem mit einem Gerichtsverfahren wegen möglicher Sanktionsumgehungen konfrontiert – ein zusätzlicher Reputationsschaden, der potenzielle zukünftige Aufträge gefährdet.

Politisch hat das Projekt mittlerweile einen kritischen Kipppunkt erreicht. Während das Verteidigungsministerium offiziell noch betont, man sei „mit den zivilen und staatlichen Verantwortlichen im ständigen Austausch, um bestmöglich bei der Entwicklung von Lösungsansätzen zu unterstützen“ und davon ausgehe, dass das Projekt „wenn auch mit zeitlichen Verzögerungen“ fortgeführt werden könne, zeichnet sich hinter den Kulissen ein ganz anderes Bild ab. Angaben zu konkreten Zeitlinien oder Kostensteigerungen wollte der Ministeriumssprecher bezeichnenderweise nicht machen.

Wie Defence News aus üblicherweise gut unterrichteten Kreisen im Rahmen des 27. DWT-Marineworkshops erfahren hat, steht der Ausstieg Deutschlands aus dem F126-Programm wohl unmittelbar bevor. Der entscheidende Punkt dabei: Die Nichterfüllung der Vertragsschritte durch Damen sei so gravierend, dass ein Ausstieg aus dem Vertrag ohne Strafzahlungen seitens Deutschlands möglich wäre. Im Gegenteil – man geht sogar davon aus, dass Deutschland Strafzahlungen vom Unternehmen fordern könnte, da die vertraglichen Leistungen nicht wie vereinbart erbracht wurden.

Die rechtlichen und politischen Herausforderungen bei einem Projektabbruch sind dennoch komplex. Abhängig vom genauen Vertragswerk könnten Teile der bereits geflossenen Gelder zurückgefordert werden, insbesondere wenn Damen vertragliche Leistungen nachweislich nicht erbracht hat. Allerdings zeigen einschlägige Beispiele aus der Rüstungsindustrie, dass solche Rückforderungen langwierige internationale Rechtsstreitigkeiten nach sich ziehen können, die sich über Jahre hinziehen und deren Ausgang ungewiss ist.

Rein theoretisch stehen für den Ausstieg aus dem Vertrag mit Damen nun zwei grundlegende Optionen im Raum: eine harte Kündigung inklusive Rückzahlungen von Geldern durch Damen an Deutschland oder eine sogenannte Rückabwicklung. Bei letzterer Variante würden die bereits vorhandenen Elemente – beispielsweise Radarsysteme oder andere beschaffte Ausrüstungen – an die Bundeswehr geliefert, sodass für eine mögliche Neuauflage einer F126 zumindest einzelne Komponenten vorhanden wären. In Wolgast wurde beispielsweise bereits mit der Produktion von zwei achterlichen Schiffsektionen begonnen, die teilweise schon fertiggestellt sind.

Allerdings ist äußerst fraglich, ob diese bereits produzierten oder beschafften Elemente zum Konzept einer alternativen Lösung – etwa MEKO-Fregatten – passen würden, die als möglicher Plan B gehandelt werden. Nach aktuellem Kenntnisstand läuft es daher auf eine harte Kündigung des Vertrages mit Damen in den kommenden Wochen hinaus. Konstruktionspläne, begonnene Rumpfsektionen oder Ausrüstungen könnten zwar theoretisch für andere Programme übernommen werden, falls dies technisch machbar und sinnvoll ist, doch die Wahrscheinlichkeit dafür wird als gering eingeschätzt.

Alternativen

Aktuell stehen drei Optionen zur Auswahl: erstens die Weiterführung in der bisherigen Konstellation, zweitens die Weiterführung unter der Führung einer deutschen Werft und drittens der Abbruch des Vorhabens.

Da auf deutscher Seite kaum noch jemand daran glaubt, dass Damen noch liefern wird, gilt die erste Option praktisch als ausgeschlossen. Damit bleiben die Optionen zwei und drei. Für beide gibt es inzwischen Medienberichte, die diese stützen – offiziell entschieden ist jedoch noch nichts.

Laut WELT läuft es tatsächlich auf Option zwei hinaus, also die Weiterführung unter der Führung einer deutschen Werft. Die Federführung soll dabei NVL übernehmen – jene Werft, die derzeit von Rheinmetall übernommen wird. Zudem ist NVL in der aktuellen Konstellation bereits der größte Unterauftragnehmer und daher prädestiniert für die Übernahme des Projekts, sollte man sich für diese Lösung entscheiden. Das Verteidigungsministerium betonte auf Anfrage der WELT allerdings, dass das weitere Vorgehen im Gesamtprojekt derzeit untersucht und bewertet werde und bislang noch keine Entscheidung vorliege.

Damit kommen wir zur dritten Option: dem Abbruch des Vorhabens mit anschließendem Neustart. In diesem Fall gilt es als nahezu sicher, dass TKMS mit seinen MEKO-Fregatten zum Zug kommen würde. Die Frage ist nur: mit welcher Variante? Während Defence News aus gut informierten Quellen erfahren haben will, dass die Beschaffung von acht MEKO A-400 in einer U-Jagd-Konfiguration kurz bevorsteht, berichtet Hartpunkt, dass die MEKO A-200 favorisiert werde. Beide Varianten haben ihre Vor- und Nachteile, die ich im Folgenden kurz vorstellen möchte.

Die MEKO A-400 wurde bereits als Basis für die F127-Luftverteidigungsfregatten ausgewählt. Der modulare Aufbau der MEKO A-400 würde die Nutzung derselben Grundplattform sowohl als F127 für Luftverteidigung als auch als F126 für U-Boot-Jagd ermöglichen. Unterschiedliche Missionsmodule könnten auf derselben Schiffsplattform installiert werden, was erhebliche Synergieeffekte bei Entwicklung, Bau, Logistik und Ausbildung mit sich brächte.

Darüber hinaus berichtet Defence News, dass die zu beschaffenden Stückzahlen deutlich größer ausfallen könnten als bisher geplant. Statt sechs F127 sollen acht beschafft werden – gleiches gilt für die F126. Die Deutsche Marine würde damit über insgesamt 16 moderne MEKO-Fregatten verfügen. Die Standardisierung hätte massive Vorteile bei Wartung, Ersatzteilbevorratung und Ausbildung.

Kritisch ist jedoch der Zeitplan. Die erste F126 sollte ursprünglich 2028 ausgeliefert werden. Die Lieferung der ersten F127 ist für 2034 vorgesehen. Wenn erst in diesem Jahr die Ausschreibung für eine neue F126 startet, ist eine Lieferung vor Mitte der 2030er-Jahre kaum vorstellbar. Das bedeutet eine Verzögerung der U-Boot-Jagd-Fähigkeit um fast zehn Jahre – Zeit, die Deutschland angesichts der Bedrohung durch russische Unterseeboote im Nordatlantik eigentlich nicht hat.

Marine erhält möglicherweise 8 F127
F127 | Foto: thyssenkrupp Marine Systems

Schneller verfügbar wäre die MEKO A-200. Das bewährte Design von TKMS ist bereits weltweit im Einsatz. Mit etwa 3.700 Tonnen Verdrängung ist die A-200 deutlich kleiner als die F126 oder F127, bietet aber das Potenzial für eine schnellere Umsetzung. TKMS hat bewiesen, dass diese Schiffe in relativ kurzer Zeit gebaut werden können.

Die MEKO A-200 ist als Mehrzweckfregatte für die U-Boot-Abwehr geeignet und kann mit Sonarsystemen und Torpedowerfern ausgestattet werden. Sie könnte eine grundlegende ASW-Fähigkeit wesentlich schneller bereitstellen. Allerdings ist die A-200 bisher nicht bei der Deutschen Marine im Einsatz. Sie kommt realistisch betrachtet nur infrage, wenn Geschwindigkeit als absolut ausschlaggebendes Kriterium gilt.

Harald Fassmer, Präsident des Verbandes für Schiffbau und Meerestechnik, schlug einen zweigleisigen Ansatz vor: Weiterführung des F126-Projekts plus Beschaffung einer Übergangslösung. Diese Option wird laut Hartpunkt in Berlin tatsächlich diskutiert.

Die Logik: Das F126-Projekt könnte unter Führung von NVL weitergeführt werden, da bereits erhebliche Investitionen geflossen sind. Unternehmen wie Thales haben bereits massiv in das Führungs- und Waffeneinsatzsystem investiert. Parallel könnte TKMS mit dem Bau von MEKO A-200-Fregatten beauftragt werden. Der Vorteil: Aufgrund des erprobten Designs und etablierter Lieferketten könnte die erste MEKO A-200 bereits im Herbst 2029 übergeben werden – fast drei Jahre früher als eine auf der MEKO-A-400 basierende F126. Zudem gilt die MEKO A-200 als vergleichsweise günstig – vier dieser Schiffe würden nur wenig mehr kosten als zwei F126 im gegenwärtigen Design. Daher der Vorschlag, anstelle von sechs F126 nur vier F126 zu beschaffen und stattdessen vier MEKO A-200 als Übergangslösung einzusetzen.

MEKO A200 | Foto: Merzoug Gharbaz / Wikimedia Commons

Allerdings gilt die parallele Beschaffung von F126 und MEKO A-200 als sehr unwahrscheinlich, da dies erheblichen Mehraufwand bei Ausbildung und Logistik bedeuten würde, was wiederum die Betriebskosten in die Höhe treiben würde. Insider gehen deshalb davon aus, dass es zu einer Entscheidung entweder für die F126 oder die MEKO A-200 kommt – wobei zunächst die F126 mit deutschem Lead fortgeführt werden soll.

Fazit

Für welche der drei genannten Optionen sich das Verteidigungsministerium letztlich entscheidet, bleibt abzuwarten. Laut Medienberichten soll eine Entscheidung in den kommenden Wochen getroffen werden. Sobald es dazu etwas Offizielles gibt, werden wir hier auf diesem Kanal selbstverständlich darüber berichten.

Wirklich ideal erscheint keine der Optionen. Am wahrscheinlichsten ist derzeit eine Weiterführung unter der Führung von NVL. Ob das jedoch eine gute Idee ist, bleibt fraglich: NVL verantwortet aktuell bereits drei Großvorhaben der Marine – das zweite Los der Korvettenklasse 130, die neuen Flottendienstboote der Klasse 424 sowie die neuen Betriebsstofftanker der Klasse 707. Alle drei Projekte sind verspätet und teurer als ursprünglich geplant. Keine guten Vorzeichen also für das Vorhaben F126.

Allerdings muss man auch festhalten, dass die Beschaffung von MEKO-Fregatten ebenfalls nicht die perfekte Lösung wäre. Die MEKO A-400 wäre zwar hinsichtlich Leistungsfähigkeit und Synergien im Betrieb zweifellos eine gute Wahl, doch die frühestmögliche Auslieferung im Jahr 2034 stellt ein erhebliches Problem dar. Die schnellste Option wäre sicherlich die Beschaffung von MEKO A-200-Fregatten – diese würden die Anforderungen der Marine jedoch nicht vollständig erfüllen.

Warten wir also ab, wie man sich in Berlin entscheidet. Eines ist jedoch klar: Die Marine muss schnellstmöglich über neue, leistungsfähige U-Jagd-Fregatten verfügen, um die alternden Schiffe der Brandenburg-Klasse endlich ersetzen zu können.

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