Ein Jahr nach der Übernahme des früheren Alstom-Werks in Görlitz hat sich Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer vor Ort über den Fortschritt der Umbauarbeiten informiert. Der Rüstungskonzern KNDS produziert am Standort inzwischen Komponenten für mehrere Militärfahrzeuge und will bis Jahresende 400 Beschäftigte einsetzen.
Besuch mit symbolischem Akt
Bei einem Termin in Görlitz zeigte KNDS-Deutschland-Geschäftsführer Florian Hohenwarter die 40. gefertigte Innenraumkabine für das Geschützte Transportfahrzeug 3 (GTF 3) der Bundeswehr. Anwesend waren neben Ministerpräsident Kretschmer auch Görlitz’ Oberbürgermeister Octavian Ursu sowie weitere Vertreter aus Bundes- und Kommunalpolitik. Die Kabinen werden in Görlitz gefertigt und ausgestattet, bevor sie zur Lackierung an den KNDS-Standort München weitergeleitet werden.

Hohenwarter erklärte, mehr als die Hälfte der insgesamt rund 70.000 Quadratmeter großen Werksfläche sei bereits umgestaltet worden. Neben dem GTF 3 stellt das Werk nach Unternehmensangaben bereits Wannen und Turmgehäuse für den Kampfpanzer Leopard 2 sowie Module für verschiedene Varianten des Radpanzers Boxer her. Die Fertigung von Turmgehäusen für den Schützenpanzer Puma sowie von Wannen für den Boxer befinde sich in Vorbereitung.
Kretschmer würdigte die industrielle Entwicklung des Standorts und betonte die Bedeutung moderner Industrie für Wertschöpfung, Fachkräftesicherung und die technologische Leistungsfähigkeit Sachsens. Er verwies zudem auf die Rolle, die Unternehmen wie KNDS für die Sicherheits- und Verteidigungsindustrie in Deutschland und Europa spielten.
Vom Waggonbau zur Panzerfertigung
Der Wandel des Standorts reicht bis in den Februar 2025 zurück: Am 5. Februar unterzeichneten Alstom und KNDS eine Rahmenvereinbarung zur Übernahme des Görlitzer Werks. Zu diesem Zeitpunkt bestätigten sich Medienberichte, wonach das Traditionswerk mit rund 700 Beschäftigten – bekannt für den Bau von Doppelstockwagen und Straßenbahnen – nach einem 2024 verkündeten Sparprogramm von Alstom keine Zukunft mehr im Schienenfahrzeugbau hatte. Alstom sollte sein Görlitzer Werk demnach Ende des ersten Quartals 2026 schließen und die Produktion an Standorte mit niedrigeren Kosten verlagern.
Bei der Vertragsunterzeichnung 2025, an der auch der damalige Bundeskanzler Olaf Scholz teilnahm, wurde vereinbart, dass rund 350 bis 400 der ehemals etwa 700 Alstom-Beschäftigten am Standort bei KNDS weiterarbeiten können. Für weitere Mitarbeiter wurden Angebote an anderen KNDS- oder Alstom-Standorten in Aussicht gestellt, für den Rest sollten sozialverträgliche Lösungen gefunden werden. Die Übernahme war politisch nicht unumstritten: In Görlitz gab es im Vorfeld auch öffentliche Proteste gegen die Ansiedlung eines Rüstungsunternehmens am Standort.
Einordnung
KNDS entstand 2015 aus dem Zusammenschluss der deutschen Krauss-Maffei Wegmann und der französischen Nexter Defense Systems. Nach eigenen Angaben beschäftigt der Konzern mittlerweile knapp 11.000 Mitarbeiter, erzielte 2025 einen Umsatz von 4,4 Milliarden Euro und verfügte zum Jahresende über einen Auftragsbestand von 33,1 Milliarden Euro. Zu den Kunden zählen nach Unternehmensangaben mehr als 40 Streitkräfte weltweit, darunter 24 europäische Armeen.
Görlitz selbst blickt auf eine lange Industriegeschichte im Schienenfahrzeugbau zurück: Das 1849 gegründete Werk war unter anderem für den Bau von Doppelstockwagen bekannt und fertigte in den 1990er-Jahren zeitweise auch ICE-Komponenten. Mit der jetzigen Umnutzung endet dieses Kapitel der Standortgeschichte endgültig, während gleichzeitig neue industrielle Wertschöpfung in der Region entsteht.
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