Die britische Armee bestellt 72 Radhaubitzen vom Typ RCH 155 und ersetzt damit die 2023 an die Ukraine abgegebenen AS90-Geschütze. Ein Großteil der Fertigung soll im Vereinigten Königreich erfolgen.
Die britische Armee erhält 72 Radhaubitzen vom Typ RCH 155. Einen entsprechenden Vertrag hat der Rüstungskonzern KNDS mit dem Hersteller-Joint-Venture ARTEC unterzeichnet, wie das Unternehmen am 14. Mai 2026 in München mitteilte. ARTEC ist ein Gemeinschaftsunternehmen von KNDS Deutschland und Rheinmetall Landsysteme und fungiert als Originalhersteller des BOXER-Systems, auf dessen Fahrgestell die RCH 155 basiert.
Den Beschaffungsauftrag erteilte die britische Regierung über die europäische Rüstungsagentur OCCAR (Organisation Conjointe de Coopération en matière d’Armement). Laut Angaben des britischen Verteidigungsministeriums beläuft sich das Vertragsvolumen auf knapp eine Milliarde Pfund (rund 1,17 Milliarden Euro) und umfasst neben den Fahrzeugen auch eine erste Ausbildung sowie die Unterstützung im Betrieb.

Schließung einer Fähigkeitslücke
Mit der Beschaffung schließt die britische Armee eine Lücke, die seit 2023 besteht. Damals hatte das Vereinigte Königreich seinen gesamten Bestand an Panzerhaubitzen vom Typ AS90 an die Ukraine abgegeben. Als Übergangslösung dienen derzeit 14 geleaste Archer-Systeme aus Schweden, die mit Einführung der RCH 155 außer Dienst gestellt werden sollen. Der stellvertretende Generalstabschef Generalleutnant Simon Hamilton bezeichnete den Vertrag laut Medienberichten als ersten wichtigen Schritt zur Wiederherstellung der abgegebenen Fähigkeit.
Die ersten Fahrzeuge sollen 2028 ausgeliefert werden. Ein einsatzfähiger Mindestbestand wird noch innerhalb des laufenden Jahrzehnts angestrebt. Vorausgegangen waren ein Vertrag über drei Demonstratorfahrzeuge im Wert von 52 Millionen Pfund im Dezember 2025 sowie ein Vorab-Auftrag über langlaufende Bauteile in Höhe von 53 Millionen Pfund im Frühjahr 2026.
Technische Eckdaten
Die RCH 155 kombiniert das ferngesteuerte und vollautomatische Artillerie-Geschütz-Modul (AGM) mit dem 8×8-Radpanzer BOXER. Das System ist nach Herstellerangaben das einzige Artilleriegeschütz weltweit, das auch während der Fahrt einen Feuerkampf führen kann. Bedient wird die Haubitze von zwei Soldatinnen oder Soldaten aus der gepanzerten Kabine heraus. Die Feuerrate liegt bei bis zu acht Schuss pro Minute, die Reichweite mit präzisionsgelenkter Munition bei rund 70 Kilometern. Auf der Straße erreicht das Fahrzeug Geschwindigkeiten von bis zu 100 km/h, was die Überlebensfähigkeit gegen gegnerisches Gegenfeuer erhöht – eine Anforderung, die durch Erfahrungen aus dem Krieg in der Ukraine an Bedeutung gewonnen hat.
Die RCH 155 stellt eine Weiterentwicklung auf Basis der bei der Bundeswehr eingeführten Panzerhaubitze 2000 dar und nutzt dasselbe 155-Millimeter-Geschütz im Kaliberlänge-52-Standard.
Produktion in Großbritannien
Ein erheblicher Teil der Wertschöpfung soll im Vereinigten Königreich erfolgen. Rheinmetall fertigt die Waffenanlagen – darunter Rohr, Verschluss und Rücklaufsystem – an seinem Großkaliberstandort im englischen Telford. Der für die Fertigung benötigte Stahl wird von Sheffield Forgemasters geliefert. Das Antriebsmodul des BOXER-Trägerfahrzeugs entsteht bei KNDS UK im nordenglischen Stockport. Nach Angaben der britischen Regierung sichert das Programm mindestens 500 Arbeitsplätze, davon jeweils 100 in Telford und Stockport sowie rund 300 in der weiteren Zulieferkette.
Einbettung in deutsch-britische Zusammenarbeit
Der Auftrag knüpft an den bilateralen Rahmenvertrag an, den Deutschland und das Vereinigte Königreich im Dezember 2025 mit ARTEC geschlossen hatten und in dem die Qualifizierung der RCH 155 für beide Länder vereinbart wurde. Politische Grundlage ist das im Oktober 2024 unterzeichnete sogenannte Trinity-House-Abkommen, das die rüstungsindustrielle und militärische Kooperation zwischen den beiden Nationen vertiefen soll.
KNDS-Deutschland-Chef Florian Hohenwarter bezeichnete das Vereinigte Königreich nach Unternehmensangaben als einen der wichtigsten BOXER-Kunden und betonte die Bedeutung des Produktionsstandorts für die europäische Verteidigungsfähigkeit. Der BOXER ist nach Angaben von KNDS mit über 2.000 ausgelieferten oder bestellten Systemen unter anderem in Deutschland, den Niederlanden, Litauen, Australien, Katar und der Ukraine im Einsatz.
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