Loitering Munition Systeme stehen seit Kurzem ganz oben auf der Prioritätenliste der Bundeswehr. Im Februar und April 2026 wurden die ersten Verträge unterzeichnet – mit drei deutschen Unternehmen, einem milliardenschweren Rahmen und einem klaren Ziel: die Panzerbrigade 45 „Litauen“ bis Ende 2027 einsatzbereit zu machen. Der vorliegende Beitrag erläutert die Hintergründe dieser Beschaffung, stellt die bestellten Systeme vor und beleuchtet die wesentlichen Kritikpunkte am Beschaffungsvorhaben.
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Loitering Munition Systems (LMS)
Der Begriff „Loitering Munition“ lässt sich sinngemäß mit „abwartender Munition“ übersetzen – eine Bezeichnung, die diese Waffensysteme treffend charakterisiert. Ein solcher Flugkörper fliegt mit eigenem Antrieb in ein Zielgebiet, kreist dort eine gewisse Zeit in der Luft und beobachtet dabei mit bordeigenen Sensoren das Gelände. Mithilfe einer KI-gestützten Software kann das System eigenständig potenzielle Ziele erkennen – etwa einen feindlichen Kampfpanzer oder einen Gefechtsstand – und diese dem Bediener auf dem Bildschirm anzeigen. Die Entscheidung, ob der Flugkörper samt Sprengladung tatsächlich eingesetzt wird, trifft stets ein Mensch. Die Kontrolle verbleibt damit vollständig beim menschlichen Bediener. Im allgemeinen Sprachgebrauch werden diese Systeme häufig als „Kamikazedrohnen“ bezeichnet, da sie sich beim Angriff selbst zerstören.
Der entscheidende Vorteil gegenüber klassischer Artillerie liegt in der höheren Reichweite, der schnelleren Reaktionsfähigkeit und vor allem in der deutlich präziseren Wirkung. Da der Bediener aus sicherer Entfernung agiert, wird das Risiko für die eigenen Soldatinnen und Soldaten erheblich reduziert. Aktuelle Konflikte – insbesondere der Krieg in der Ukraine – haben eindrücklich belegt, dass LMS zu einer echten Schlüsselfähigkeit moderner Streitkräfte geworden sind.
Die Bundeswehr hat diese Entwicklung aufgegriffen. Im April 2025 fiel die grundsätzliche Entscheidung zur Beschaffung von Loitering Munition. Rund zehn Monate später, am 25. Februar 2026, stimmte der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages dem Abschluss von Rahmenverträgen mit zwei Herstellern zu – inklusive sogenannter Festbeauftragungsanteile. Das bedeutet: Ein fester Anteil wird sofort verbindlich bestellt, während über die Rahmenverträge bei Bedarf weitere Systeme abgerufen werden können – allerdings nur, wenn die Produkte zuvor festgelegte Qualifikationsnachweise bestanden haben. Eine automatische Pflicht zur Abnahme der optionalen Mengen besteht nicht.
Bereits am 26. Februar 2026 unterzeichnete das Beschaffungsamt BAAINBw die ersten Verträge mit den beiden Unternehmen Helsing Germany und SKD SE, bekannt unter dem Namen STARK. Helsing liefert in einem ersten Schritt 4.300 Exemplare seines Systems HX-2 für rund 270 Millionen Euro. STARK liefert 2.200 Einheiten seines Systems Virtus für einen ähnlichen Betrag. Die Systeme werden nicht einzeln, sondern als sogenannte Einsatzsets geliefert. Bei Helsing besteht ein Set aus 50 Fluggeräten, bei STARK aus 20 – jeweils ergänzt durch eine Bodenkontrollstation und ein Ersatzteilpaket. Zur Bodenkontrollstation gehören unter anderem eine Bedieneinheit, ein Laptop, Kommunikationstechnik mit Antenne sowie Batterieladegeräte. Bei Helsing ist außerdem die Startvorrichtung im Set enthalten. Der eigentliche Flugkörper besteht aus dem Fluggerät mit Sensorik und Avionik, einer Batterie sowie dem sogenannten Lethal Package – also Gefechtskopf und Zünder. Zusätzlich zu den scharfen Systemen werden Simulatoren und Übungsgefechtsköpfe mitgeliefert, damit die Ausbildung ohne den Einsatz echter Munition möglich ist.
Am 15. April 2026 stimmte der Haushaltsausschuss dem Rahmenvertrag mit dem Rüstungskonzern Rheinmetall zu – im Wert von bis zu rund 2,4 Milliarden Euro. Festbeauftragt werden zunächst 2.500 Strike-Drohnen des Typs FV-014 für knapp 300 Millionen Euro – allerdings nur, sofern die Systeme die Qualifikation bis spätestens April 2027 erfolgreich abschließen. Der Qualifikationsprozess für alle drei Anbieter soll im Sommer 2026 beginnen.
Als erstes soll die in Litauen stationierte Panzerbrigade 45 mit den neuen Waffensystemen ausgestattet werden. Diese sollen im Rahmen eines sogenannten Aufklärungs- und Wirkverbundes eingesetzt werden. Bis Ende 2027 soll der erste Aufklärungs- und Wirkverbund inklusive Loitering Munition einsatzbereit sein.
Um diesen ambitionierten Zeitplan einzuhalten, setzt die Bundeswehr auf ein neuartiges Verfahren: Produktanpassungen, erste Truppentests und Ausbildungsmaßnahmen laufen nicht mehr sequenziell, sondern parallel ab – ein in der Praxis erheblicher Zeitgewinn.
Die Entscheidung für zwei Hersteller erfolgte aus mehreren Gründen: Erstens werden damit deutsche Entwicklung und Produktion in einem militärisch relevanten Schlüsselbereich gefördert. Zweitens sichert die doppelte Beauftragung ausreichend hohe Stückzahlen für die Ausstattung der Brigade in Litauen. Drittens bringen beide Systeme unterschiedliche Fähigkeiten mit, was den taktischen Handlungsspielraum der Kommandeure erweitert. Viertens erhöht diese Diversität die Widerstandsfähigkeit gegen feindliche Gegenmaßnahmen – beispielsweise elektronische Störsysteme.
Um unkontrollierte Ausgaben zu verhindern, hat der Haushaltsausschuss klare Rahmenbedingungen gesetzt. Weitere Abrufe über die initiale Festbeauftragung hinaus dürfen nur mit ausdrücklicher parlamentarischer Zustimmung erfolgen. Der Gesamtauftragswert pro Unternehmen ist auf jeweils eine Milliarde Euro gedeckelt – alles darüber hinaus muss dem Ausschuss mit aktualisierter Begründung, Marktanalyse und Leistungsnachweis erneut vorgelegt werden. Zudem ist das Bundesverteidigungsministerium verpflichtet, regelmäßig über Liefermengen, Qualifikationsstände, Preisentwicklung und industrielle Kapazitäten zu berichten.
In den Verträgen selbst sind sogenannte Abbruchmeilensteine verankert: Werden bestimmte Qualifikationsnachweise nicht erreicht, kann die Bundeswehr einseitig vom Vertrag zurücktreten. Gleichzeitig verpflichten Innovationsklauseln die Hersteller zur kontinuierlichen Weiterentwicklung ihrer Systeme – ein Zugeständnis an die rasant fortschreitenden Innovationszyklen bei KI und autonomen Systemen.
Aufklärungs- und Wirkverbund
Der Aufklärungs- und Wirkverbund soll bis Ende 2027 einsatzbereit sein und zunächst der in Litauen stationierten Panzerbrigade 45 eine dauerhafte Aufklärungs- und Wirkungsüberlegenheit in einem operativen Raum von 100 mal 100 Kilometern sichern. Dafür bedarf es keines einzelnen Waffensystems, sondern eines intelligenten Zusammenspiels vieler verschiedener Komponenten – genau das ist der Kern des Aufklärungs- und Wirkverbundes.
Der Verbund lässt sich als digitales Nervensystem beschreiben. Aufklärungsdrohnen kreisen über ein bestimmtes Gebiet und suchen das Gelände systematisch nach Bedrohungen ab. Eine KI-gestützte Software wertet dabei kontinuierlich die eingehenden Bilddaten aus. Wird etwa ein feindliches Fahrzeug erkannt, markiert das System dessen Position automatisch in der digitalen Lagekarte – ohne Zeitverzug und ohne den Umweg über aufwendige manuelle Auswertungen. Der Bediener erhält die Information sofort und entscheidet über das weitere Vorgehen. Ein unverrückbares Prinzip bleibt dabei bestehen: Die Entscheidung zur Bekämpfung trifft stets ein Mensch. Die KI unterstützt, agiert jedoch nicht eigenständig. Die Systeme sind KI-optimiert – ausdrücklich aber nicht autonom.
Nach Freigabe durch den Bediener kommt die Loitering Munition zum Einsatz. Der Flugkörper erhält während seines Fluges in Echtzeit aktualisierte Zielkoordinaten sowie ein Bild des Zielobjekts. An Bord vergleicht die Software dieses Bild kontinuierlich mit den Aufnahmen der eigenen Sensoren. Nur bei eindeutiger Übereinstimmung – wenn der Flugkörper das richtige Ziel zweifelsfrei identifiziert hat – erfolgt der Angriff.
Die praktische Umsetzbarkeit dieses Konzepts hat die Bundeswehr Anfang Dezember 2025 im Gefechtsübungszentrum des Heeres unter realistischen Bedingungen erprobt. Ein bemerkenswertes Merkmal dieser Erprobung: Von der ersten Zielsuche bis zur Bekämpfung kamen ausschließlich unbemannte Systeme zum Einsatz. Verschiedene Hersteller waren mit ihren Produkten vertreten, und alle Systeme trafen ins Schwarze. Das Ergebnis war mehr als eine erfolgreiche Übung – es markierte einen Meilenstein, der im internationalen Vergleich seinesgleichen sucht.
Diese Erprobung hat außerdem gezeigt, dass durch den hohen Grad an Digitalisierung, Vernetzung und KI-Unterstützung die Zeit zwischen dem Erkennen eines Ziels und seiner Bekämpfung erheblich verkürzt wurde. Gleichzeitig kann die Truppe mehrere Systeme parallel steuern und einsetzen. Damit ist der Grundstein für den Einsatz echter Drohnenschwärme gelegt – ein Konzept, das in modernen Konflikten bereits eine entscheidende Rolle spielt.
Damit ein solcher Verbund funktioniert, müssen Drohnen und Loitering Munition verschiedenster Hersteller miteinander kommunizieren können – in Echtzeit, zuverlässig und flexibel. Die dafür entwickelte Lösung ist das Command & Control Unmanned Management System Bundeswehr, kurz C2-UMS Bw.
Diese Software fungiert als zentrales Verbindungselement des Verbundes. Sie vernetzt unterschiedliche unbemannte Systeme miteinander – ob Luft-, Boden- oder Seedrohnen – und ermöglicht die Integration neuer Systeme innerhalb kürzester Zeit. In einem technologisch sich rasch wandelnden Umfeld bedeutet das: Die Bundeswehr ist nicht auf ein starres System festgelegt, sondern kann jederzeit neuere und leistungsfähigere Produkte einbinden. Da die Software von der Bundeswehr selbst und nicht von der Industrie entwickelt wurde, behält der Staat die volle Kontrolle über diese kritische Schnittstelle – ein wesentlicher Aspekt für die digitale Souveränität.
Der Einsatzschwerpunkt des Verbundes liegt an der NATO-Ostflanke, in einem Szenario der Landes- und Bündnisverteidigung. Dort ist mit massiven Störungen des elektromagnetischen Spektrums zu rechnen: GPS-Signale könnten blockiert, Funkverbindungen gestört werden. Die eingesetzten Systeme müssen daher über gehärtete Kommunikations- und Navigationsmittel verfügen, die auch unter solchen Bedingungen zuverlässig funktionieren.
Zugleich muss die Loitering Munition in der Lage sein, gepanzerte Ziele – konkret: Kampfpanzer – zu bekämpfen. Die Gefechtsköpfe müssen entsprechend leistungsfähig ausgelegt sein. Der angestrebte operative Raum von 100 mal 100 Kilometern erfordert eine Einsatzreichweite von rund 100 Kilometern.
Für die Anfangsbefähigung werden im Bereich der Aufklärung voraussichtlich bereits eingeführte Systeme zum Einsatz kommen. Zwei davon sind besonders relevant: Das System HUSAR – „Hocheffizientes Unbemanntes System zur abbildenden Aufklärung mittlerer Reichweite“ – und FALKE, kurz für „ferngeführtes Aufklärungssystem, luftgestützt, kurze Entfernung“. Beide wurden für die Heeresaufklärungstruppe beschafft und bieten zumindest theoretisch die geforderte Reichweite von rund 100 Kilometern. Hinter HUSAR – industriell auch als LUNA NG/B bekannt – steht Rheinmetall. FALKE basiert auf der Aufklärungsdrohne Vector des bayerischen Unternehmens Quantum Systems. Ob beide Systeme die Reichweitenanforderungen auch unter realen Einsatzbedingungen – also etwa bei aktiver elektronischer Kriegsführung – tatsächlich erfüllen, können verlässlich nur die Bundeswehr und die jeweiligen Hersteller beurteilen.
HX-2
Das erste der beiden bestellten Systeme ist die HX-2 des Münchner KI-Unternehmens Helsing. Vorab ist eine wichtige Einordnung erforderlich: Die HX-2 ist streng genommen keine klassische Loitering Munition, sondern eine Einweg-Kampfdrohne – auch Strike-Drohne genannt. Sie ist von Grund auf dafür konzipiert, ein Ziel einmalig und präzise zu bekämpfen, ohne danach zurückzukehren. In ihrer Logik ähnelt sie damit eher einer intelligenten Munition als einer wiederverwendbaren Drohne – auch wenn bestimmte Merkmale durchaus vergleichbar sind.
Äußerlich orientiert sich die HX-2 an typischen Lenkflugkörpern, fällt jedoch durch ihre markanten, X-förmig angeordneten Tragflächen auf – daher der Name „X-Wing“. Anstelle eines Raketenmotors verfügt sie über vier elektrische Propellerantriebe an den Spitzen der ebenfalls X-förmig angeordneten Heckleitwerke. Dieses Konzept ermöglicht längere Verweildauern im Zielgebiet, steile Anflugwinkel sowie eine Reichweite von bis zu 100 Kilometern. Das Systemgewicht beträgt 12 Kilogramm, die Maximalgeschwindigkeit liegt bei bis zu 220 km/h – wobei es sich dabei vermutlich nicht um die Reisegeschwindigkeit handelt, sondern um die Bekämpfungsgeschwindigkeit im terminalen Zielanflug. Bei der Gefechtskopfbestückung ist die HX-2 flexibel: Sie kann mit Mehrzweck-, Panzerabwehr- oder Anti-Struktur-Munition konfiguriert werden. Helsing hat das System von Anfang an konsequent für die Massenproduktion ausgelegt, um die Stückkosten deutlich unter dem Niveau herkömmlicher Systeme zu halten.
Da Helsing ein auf Künstliche Intelligenz spezialisiertes Unternehmen ist, sind die entscheidenden Leistungsmerkmale der HX-2 softwareseitig definiert. Die Plattform Altra ermöglicht es einem einzigen menschlichen Bediener, mehrere HX-2-Drohnen gleichzeitig als koordinierten Schwarm zu steuern. Darüber hinaus verfügt die Drohne sehr wahrscheinlich über eine GNSS-unabhängige Navigation – sie kann also auch ohne GPS-Signal präzise operieren und ist damit widerstandsfähig gegen elektronische Störmaßnahmen. Ergänzt wird das durch eine KI-gestützte Objekterkennung und -identifikation, die sicherstellt, dass die Drohne ihr Ziel zweifelsfrei identifiziert, bevor sie angreift. Helsing betont, diese Eigenschaften auf Basis eigener Erfahrungen aus dem Ukrainekonflikt entwickelt und erprobt zu haben.

Virtus
Im direkten Vergleich zur HX-2 handelt es sich bei der Virtus von STARK um ein deutlich größeres System. Die Virtus ist 1,8 Meter hoch und besitzt X-förmige Tragflächen mit einer Spannweite von ebenfalls 1,8 Metern. An den Spitzen der vier Flügel sitzt jeweils ein elektrisch angetriebener Propeller, ergänzt durch ein Heckleitwerk mit vier weiteren, ebenfalls X-förmig angeordneten Kurzflügeln. Das maximale Abfluggewicht liegt bei bis zu 30 Kilogramm, die modulare Nutzlast kann bis zu 5 Kilogramm betragen. Die Reisegeschwindigkeit beträgt 120 km/h, im Sturzflug auf das Ziel werden bis zu 250 km/h erreicht. Die Reichweite liegt bei über 130 Kilometern, die Flugzeit bei bis zu 90 Minuten, und die Operationshöhe wird mit 2 Kilometern angegeben. Laut STARK vergehen bis zum Einsatz weniger als 10 Minuten Vorbereitungszeit.
Das herausragendste Designmerkmal der Virtus ist die Fähigkeit zum senkrechten Starten und Landen. Dies hat im Einsatz erhebliche praktische Bedeutung: Die Drohne benötigt keinerlei Infrastruktur – kein Startkatapult, keine präparierte Abschussrampe. Sie kann von jedem beliebigen Standort aus eingesetzt werden. Die Landefähigkeit eröffnet zudem eine Option, die bei klassischen Einwegwaffen nicht existiert: Eine inerte, also unscharf konfigurierte Version der Virtus kann für wiederholten Übungsbetrieb genutzt werden – realitätsnah und gleichzeitig kosteneffizient.
STARK hebt einen weiteren Aspekt hervor, der im sicherheitspolitischen Kontext zunehmend an Bedeutung gewinnt: Alle in der Virtus verbauten Komponenten werden ausschließlich in Deutschland hergestellt. Die Produktion ist damit unabhängig von ausländischen Lieferketten – ein entscheidender Vorteil in einer Zeit, in der Versorgungsengpässe zu einem realen strategischen Risiko geworden sind. Da das System modular konzipiert ist, können auf Kundenwunsch auch alternative, kostenoptimierte Komponenten eingesetzt werden.
Wie die HX-2 setzt auch die Virtus auf mehrere KI-gestützte Funktionen, um auch in elektronisch hochgradig gestörten Umgebungen zuverlässig zu operieren. Dazu zählen eine GNSS-freie Navigation, KI-gestützte Objekterkennung und -verfolgung sowie eine automatische Zielanflugsteuerung im Endanflug. Ein gehärteter Datenlink soll die Verbindung auch unter feindlichen Störmaßnahmen aufrechterhalten. STARK gibt an, mit der Virtus selbst in GNSS-gestörter Umgebung eine Treffgenauigkeit von bis zu einem Meter zu erreichen.

FV-014
Der dritte Anbieter ist kein Startup, sondern ein etabliertes Schwergewicht der deutschen Rüstungsindustrie: Rheinmetall. Das Unternehmen tritt mit einem System an, das sich in einigen Punkten klar von den Lösungen von Helsing und STARK unterscheidet: dem FV-014.
Im Gegensatz zur HX-2 und zur Virtus ordnet Rheinmetall das FV-014 offiziell als klassische Loitering Munition ein – also als Waffe, die gezielt in einem Zielgebiet kreisen und auf den richtigen Moment warten kann, bevor sie angreift. Das Missionsspektrum ist breit angelegt: Das FV-014 soll zur Zielaufklärung, zur Zielverfolgung und zur präzisen Bekämpfung eingesetzt werden können – sowohl als Einzelsystem als auch im Schwarmeinsatz, bei dem mehrere Systeme gleichzeitig koordiniert angreifen und gegnerische Abwehrsysteme durch die schiere Anzahl übersättigen. Das System ist für Entfernungen von bis zu 100 Kilometern ausgelegt.
Das FV-014 verfügt über ein Startgewicht von rund 20 Kilogramm und eine Nutzlast von 6 Kilogramm. Als Gefechtskopf kommt ein sogenannter HEDP-Gefechtskopf – High-Explosive Dual Purpose – mit einem Gewicht von rund 5 Kilogramm zum Einsatz. Dieser ist sowohl gegen gepanzerte als auch gegen ungepanzerte Ziele und Infrastruktur wirksam und erreicht eine Durchschlagsleistung von über 600 Millimetern Rollenhomogenem Stahl – ausreichend, um moderne Kampfpanzer ernsthaft zu gefährden. Die Flugdauer beträgt 70 Minuten, wobei die Datenlink-Reichweite mit 60 Kilometern angegeben wird. Der Antrieb erfolgt über einen elektrischen Motor mit Propeller, der einen besonders leisen Anflug ermöglicht. Darüber hinaus verfügt das System über eine reduzierte Radar- und Infrarotsignatur, um gegnerischen Abwehrsystemen die Erfassung zu erschweren.
Gestartet wird das FV-014 aus einem Transport- und Startbehälter mit Boosterstart, was ein schnelles Ansetzen im Gefecht ermöglicht. Eine Bedienerstation mit Datenlink versorgt den Operateur in Echtzeit mit Lagebildern und ermöglicht die Zielzuweisung. Wie die beiden anderen Systeme ist auch das FV-014 robust gegen GNSS-Störungen ausgelegt.

Bewertung
Mit den Verträgen für die HX-2 von Helsing, die Virtus von STARK und dem am 15. April 2026 vom Haushaltsausschuss genehmigten Vertrag mit Rheinmetall für das FV-014 hat die Bundeswehr in bemerkenswerter Geschwindigkeit die Weichen für eine völlig neue Waffenkategorie gestellt. Das Ziel ist klar: Die Panzerbrigade 45 in Litauen soll spätestens Ende 2027 einsatzbereit sein – ausgestattet mit einem modernen Aufklärungs- und Wirkverbund, der den Anforderungen eines möglichen Konflikts an der NATO-Ostflanke gewachsen ist. Das ist politisch gewollt, strategisch notwendig und angesichts der Sicherheitslage in Europa dringend geboten.
Ein direkter Vergleich der beiden Beschaffungsvorhaben für Helsing und STARK drängt sich auf, da beide Vorlagen explizit auf dieselbe Fähigkeitslücke, denselben Standort in Litauen und denselben Anspruch verweisen: Das BMVg beabsichtigt, mit beiden Unternehmen „zeit- und inhaltsgleiche Verträge“ zu schließen. Die Festbeauftragungen bewegen sich bei beiden mit jeweils rund 270 Millionen Euro auf nahezu identischem Niveau – soweit das Bild der Gleichbehandlung.
Bei näherer Betrachtung der Zahlungsplanung trübt sich dieses Bild jedoch. Bei Helsing fließen die Mittel konzentriert in zwei Jahren ab: 2026 und 2027. Bei STARK hingegen verteilen sich die Zahlungen auf vier Jahre – 2026 erhält das Unternehmen lediglich 250.000 Euro, der Löwenanteil kommt erst 2027, 2028 und 2029. Das ist keine Nebensächlichkeit. Dieser Zahlungsplan lässt indirekte Rückschlüsse auf die tatsächliche Produktionsfähigkeit beider Unternehmen zum gegenwärtigen Zeitpunkt zu. Hinzu kommt, dass Helsing in einem ersten Abruf doppelt so viele Systeme liefern soll wie STARK – und das entsprechend früher. Die kommunizierte Gleichwertigkeit steht damit in einem Spannungsverhältnis zur Datenlage.
Dies wirft grundlegende Fragen auf: Basieren beide Beschaffungsvorhaben überhaupt auf derselben Fähigkeitsforderung und Leistungsbeschreibung? Sollen beide Systeme militärisch dieselbe Aufgabe erfüllen? Wenn ja, ist zu erklären, warum der Gesamtauftragswert für STARK mit rund 2,86 Milliarden Euro fast doppelt so hoch liegt wie der von Helsing mit 1,46 Milliarden Euro. Aus informierten Kreisen ist zu vernehmen, dass der höhere Preis des STARK-Systems durch eine höhere Leistungsfähigkeit gerechtfertigt sei. Sollte das zutreffen, stellt sich die Frage, ob es sich überhaupt um vergleichbare Systeme handelt.
Darüber hinaus stellt sich die praktische Frage, wie die Panzerbrigade 45 vor Ort mit diesem Beschaffungs-Dualismus umgeht. Werden beide Waffensysteme in ein gemeinsames Anwendungsformat überführt – oder erfordert jedes System eigene Strukturen, eigene Ausbildungswege und eine eigene Logistik? Vermutlich wird das System, das zuerst geliefert wird, in vielen Belangen die Standards setzen, da Gewohnheiten, Ausbildungsroutinen und operative Konzepte mit dem entstehen, was zuerst verfügbar ist.
Das parallele Vorgehen, die verkürzten Qualifikationsprozesse, die Innovationsklauseln und die Entscheidung für zwei – inzwischen sogar drei – Hersteller gleichzeitig sind zweifellos bemerkenswert. Es bleibt jedoch die Frage, ob diese Art der Beschleunigung künftig auch bei den etablierten Schwergewichten der Rüstungsindustrie Anwendung finden wird. Oder ob dieses Modell ausschließlich im Kontext der rasanten Innovationszyklen bei Drohnen- und Loitering-Munition-Systemen funktioniert – einem Bereich, in dem auf althergebrachte Beschaffungsroutinen schlicht nicht mehr vertraut werden kann.
In diesem Vorgang zeichnet sich weniger das Ergebnis eines systematischen Reformwillens in der Beschaffungskultur des BMVg ab, als vielmehr der Versuch, schneller mehr Haushaltsmittel zu bewegen – in einem System, das seit Jahren mit einem dysfunktionalen Mittelabfluss kämpft. Das Ziel, die Brigade in Litauen rechtzeitig auszustatten, ist richtig und wichtig. Die Frage, ob der Weg dorthin so durchdacht ist, wie er kommuniziert wird, bleibt offen.
